Niko von Glasow talkt in der Villa

Ein Hörbericht

Niko von Glasow und Eileen Moritz

Am vergangenen Freitag begrüßte die Moderatorin des Villa Talks, Eileen Moritz, den Regisseur des 2008 in die Kinos gekommenen Films „NoBody’s Perfect“ in der Villa Donnersmarck. Der in Köln und London lebende Filmschaffende promotet während seines Aufenthalts in Berlin auf der 59. Berlinale seinen Film, der zum Bundesfilmpreis vornominiert ist.

Oft sehr ernst, aber auch mit viel trockenem Humor erzählte der 1960 in Köln mit einer Conterganschädigung geborene Niko von Glasow Anekdoten aus seinem Leben und über den Entstehungsprozess seines aktuellen Films.

Die knapp 40 Gäste wurden zu Zeugen der Lebensgeschichte eines Mannes, der sich mit diesem letzten filmischen Werk seiner größten Angst stellte. Nebenbei erfuhren die an vielen Stellen emotional berührten Talkgäste einiges über den Regisseur und Produzenten, das "besondere Verhältnis von Architekt und Bauherr".

 

Transkription

Drei Porträts von Glasow nebeneinander

Musik ...

Villa Talk bei der Fürst-Donnersmarck-Stiftung. Diesmal war der Regisseur und Filmproduzent Niko von Glasow zu Gast. Und natürlich ging es um seinen aktuellen Film, der 2008 erschien. In „NoBody´s Perfect“ wird dokumentarisch geschildert, wie ein Bildband entsteht. Das Besondere dabei: für dieses Buch ziehen sich zwölf Contergan-Geschädigte aus, darunter von Glasow selbst, und lassen sich nackt fotografieren.


Ein intensiver und feinfühliger Film mit vielen Folgen, auch mit unerwarteten. Für den Film versuchte der Filmemacher mit dem Unternehmen Chemie Grünenthal Kontakt aufzunehmen. Erfolglos. Es hat Ende der 50-er Jahre das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan hergestellt. Bis heute gibt es keine Entschuldigung des Unternehmens. Aber dann klingelte plötzlich das Telefon, beschreibt Niko von Glasow:

Und dann rief mich eines Tages ein 22-jähriges Mädchen an. Und sie sagte, sie komme aus der Familie Wirtz. Sie ist nicht eine aus der Familie Wirtz, die direkt am Kapital beteiligt ist. Und sie sagte, dass sie ihr Leben lang Alpträume hatte. Fast jede Nacht träumt sie, dass einige Contergan-Menschen sie gefangen nehmen und ihr mit einer Motorsäge die Arme und die Beine absägen.

Es folgte ein Treffen mit der jungen Frau in Köln. Beide Seiten kamen sich näher, doch von Glasow fordert nach wie vor eine Entschuldigung und finanzielle Unterstützung der Geschädigten durch das Unternehmen.
Folgen hatte der Film aber auch für die Betroffenen selbst. Und zwar durchaus positive:

Durch meinen Film ist die Emanzipation der Contergan-Leute losgetreten worden. Plötzlich sind ganz viele Feste gemacht worden, Contergan-Feste, Parties. In dem Film kommt eine Party vor und viele Kinobesucher sind herausgegangen und haben gesagt: „Gute Idee, das machen wir auch“. Ganz viele Stammtische und Selbsthilfegruppen sind entstanden in vielen Städten in Deutschland.

Aber auch dem 48-jährigen Regisseur selbst brachte die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Behinderung viel. So gelang es ihm, eigene Ängste zu überwinden.


Die Moderatorin des Villa Talkes, Eileen Moritz, führte das Gespräch so, dass ein nachdenklicher, aber auch humorvoller Abend entstand. Dabei sprach sie auch heikle Themen an:

Ich habe mich gefragt, ob Sie auch selber Angst haben? In dem Film fragen Sie zum Beispiel: Hast du schon einmal an Selbstmord gedacht? Und ich frage mich, wenn ich den Film anschaue, ob Sie dem Stefan geglaubt haben, als er „Nein“ gesagt hat? - Ja - Und hatten Sie nicht Angst, so was zu fragen. Diese Frage im Raum stehen zu lassen? - Das ist nun mal mein Job, ich bin Regisseur. Ich frage noch ganz andere Sachen, wenn die Kamera nicht an ist. Fragen ist die beste Form der Regieführung, denn durch Fragen werden Emotionen ausgelöst. Ganz wichtig ist auch, warum ich frage. Ich frage ja nicht, um jemandem weh zu tun, sondern weil ich mich interessiere.

Von Glasow lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in London und Köln, seine Produktionsfirma hat Büros in beiden Städten. Filme machen wollte er schon als Sechsjähriger. Und schon bald nach dem Abitur und kurzen Zwischenstationen in Paris und Afrika ging er den direkten Weg:

Dann bin ich in München in die Bavaria-Studios gegangen und habe gefragt, wo geht es hier zum Film. Die Antwort lautete, gehen Sie mal zur Halle 7, dort wird ein Film gemacht. Und da war ein schreiender Regisseur in der Halle. Ich hab mich dann als Praktikant beworben. Als der Regisseur mich sah, schrie er: „Der da ist für die Bierkästen zuständig, sonst ist er gefeuert“. Wir waren sieben Praktikanten und drei haben bis zum Ende der Produktion durchgehalten. Ich war einer davon.

Damals zu Beginn seiner Filmausbildung wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte. Der schreiende Regisseur hieß übrigens Rainer Werner Fassbinder. Von Glasow studierte anschließend Regie, Filmgeschichte und Drehbuch in den USA und Polen. Dort drehte er 1990 seinen ersten Film. Es folgten weitere bis hin zu „NoBody´s Perfect“. Der wurde inzwischen für den Bundesfilmpreis vornominiert. Eine besondere Anerkennung für einen besonderen Film.

Musik ...

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Länge: 4 min 34
Datum: 06.02.09

Autor: Klaus Fechner, audio:link

 

Der Schluss der Veranstaltung

Niko von Glasow überreicht Eileen Moritz Blumen

Das emotionale Ende eines Abends auf der Suche nach Emotionen: Blumen wechseln hin und her

 

 

Der Podcast

Ein Kopfhörer als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund

Niko von Glasow talkt in der Villa - Autor Klaus Fechner, audio:link

 

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