Wolfgang Schrödter2

«Entscheidungen mittels Kontakt zur Basis erden»

Interview mit Wolfgang Schrödter, Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung
März 1998

 

Zur Person

Wolfgang Schrödter
Wolfgang Schrödter, in Bergisch Gladbach geboren und aufgewachsen, seit 1980 verheiratet mit seiner Frau Marjan, einer Holländerin, die vor kurzem ein Pädagogik-Studium aufgenommen hat. Sie haben drei Kinder, Alexander 10, Sarah, 8 und Thomas, 5 Jahre alt. Nach dem Abitur trat Herr Schrödter bei Siemens ein. Nach der Stammhauslehre zum Industriekaufmann arbeitete er lange Jahre bei Siemens im In- und Ausland. 1992 ging er als Kaufmännischer Leiter nach Eckardtsheim, einem Teilbereich von Bethel und von dort aus im April 1997 zur Fürst Donnersmarck-Stiftung.
 

Über welche Stationen in Ihrem Arbeitsleben kamen Sie zur Fürst Donnersmarck-Stiftung?

Wolfgang Schrödter (W.S.): Ich habe bei Siemens gelernt und 17 Jahre in diesem Unternehmen gearbeitet, hauptsächlich im Exportgeschäft. Vor sechs Jahren, 1992, stand ich vor der Frage, ob ich weiterhin in der Industrie arbeiten will und mich mit den dort wichtigen Themen auseinandersetzen möchte, oder ob ich nicht doch in meinem konkreten Berufsleben meinen inhaltlichen und weltanschaulichen Überzeugungen mehr Ausdruck verleihen kann. Da lag der Impuls, mich im sozialen Bereich nach einer Arbeit umzusehen. Ich hatte meinen Zivildienst schon in einer Werkstatt für Behinderte geleistet. Ich stamme auch aus einem christlichen Elternhaus und hatte immer den diakonischen Bereich mit im Blick. Ich war der Überzeugung, und das hat sich auch klar bestätigt, daß die Fähigkeiten und Möglichkeiten, über die ich verfüge, in diesem Berufsfeld gut zur Geltung kommen.

Was können Sie konkret aus dieser Zeit fruchtbar für Ihre jetzige Tätigkeit einsetzen?

W.S.: Zum einen, denke ich, ist es entscheidend, in einer Geschäftsführerfunktion eine gute kaufmännische Grundlage zu besitzen, über gute Fachkenntnisse zu verfügen. Das habe ich sicher bei Siemens mitbekommen. In der Industrie arbeitete ich sehr viel an Organisations- und Entwicklungsthemen, war auch immer mit folgenden Fragen konfrontiert: Wie können wir die Verfahren verbessern? Welche Entwicklungsschritte sind als nächstes an der Reihe? Das sind wichtige Fragen, damit wir die Wertschöpfung effektiver gestalten können. Und da sehe ich Anknüpfungspunkte zu Fragen, die im sozialen Bereich gerade in Zeiten knapper Kassen von wesentlicher Bedeutung sind. Auch die Frage, wie die Organisation sich insgesamt den veränderten Umweltbedingungen anpassen kann, hat mich -auf unterschiedlichem Verantwortungsniveau - beschäftigt. Gerade während meiner Auslandstätigkeit, als ich für die Gesamtorganisation in einem Lande, eine Landesgesellschaft, zuständig war, stellte die Entwicklung der gesamten Organisation, d.h. langfristige Ziele und Planungen auch im Verhältnis zum Markt, einen Arbeitsschwerpunkt dar.
Das ist der Teil, den ich aus meiner industriellen Erfahrung mitbringe. Zum anderen sind da noch meine Erfahrungen aus Bethel, wo ich in einem großen Unternehmen die Möglichkeit hatte, an verschiedenen Punkten zu erleben, wie soziale Unternehmen arbeiten und sich entwickeln. Ich glaube, daß ich da eine ganz erhebliche Erfahrung beim Umbau einer großen Anstalt hin zu modernen Betreuungsformen gemacht habe. Dabei wuchs die Erkenntnis, daß neue Wege zu gehen gar nicht so einfach ist, wenn man einen großen, historisch gewachsenen Bereich adäquat umgestalten will.

Über welche Erfahrungen mit behinderten Menschen verfügten Sie, bevor Sie zur Fürst Donnersmarck-Stiftung kamen?

W.S.: Erstens leistete ich 1979/80 meinen Zivildienst in einer Werkstatt für Behinderte, zwar im Verwaltungsbereich, aber doch relativ nah in Kontakt mit den Werstattmitarbeitern. Auch in meinem privaten Bereich kenne ich Menschen, die auch mit Einschränkungen leben. Und drittens bin ich in Bethel in die Breite der sozialen Arbeit eingestiegen, die dort sehr weit gefächert ist, vom Bereich wie "Soziale Hilfen", "Psychiatrie" bis zum Bereich "Geistig und psychisch Behinderte", zudem haben wir in Eckhardtsheim in unmittelbarer Nachbarschaft zum Heim gewohnt.

Inwieweit war der Stiftungszweck bei Ihnen als Kaufmann ein Anreiz, sich bei der Stiftung zu bewerben?

W.S.: Für mich war klar, daß der Schritt in die Diakonie und die Arbeit für Menschen mit Einschränkungen richtig und gut war. Dieser Schritt in meinem Leben hat das, was ich mir vorgestellt habe, erfüllt, die Tatsache, für behinderte Menschen zu kämpfen, etwas für sie tun zu können, finde ich sehr befriedigend. Insofern war es die logische Weiterentwicklung aus dieser Betheler Erfahrung heraus, sich für eine solche Aufgabe zu bewerben.

Sie sind jetzt zehn Monate bei uns in der Stiftung. Wie sehen Sie am Anfang Ihrer Tätigkeit bei uns die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

W.S.: Natürlicherweise ist es erst einmal ein umfassendes Kennenlernen von Menschen, also ein erhebliches Umschauen und Wahrnehmen, auch ein Verstehen von Unternehmensstruktur, von Unternehmensgeschichte, von Entwicklungslinien. Es ist eine Zeit des Verstehens von Mitarbeitern, des Entwickelns von Gespür für unsere Arbeit und die Menschen in der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Ich denke, das ist die wichtigste Arbeit gewesen, die ich insgesamt bisher gemacht habe. Daneben haben wir auch schon eine Reihe von Schritten vollzogen, sogar auf ganz operativer Ebene, wo wir z.B. das Budgetierungssystem eingeführt haben. Ferner haben wir uns unsere Organisation angeschaut und über ihre weitere Entwicklung nachgedacht. Ein weiterer Schwerpunkt ist für mich, daß wir uns gut kennenlernen, daß wir einfach miteinander eine Basis schaffen, auf der wir Beziehungen entwickeln und gut miteinander arbeiten können.

Fanden Sie die Zeit der Einarbeitung zusammen mit Herrn Reichel angemessen für die Übernahme der Geschäfte?

W.S.: Es war eine schöne Zeit, es war sehr interessant. Aus meiner Sicht ist es schon ein hohes Gut, wenn man es sich erlauben kann, ein halbes Jahr zwei, also den kommenden und den gehenden Geschäftsführer zu beschäftigen. Das ist sicher nicht die Regel, aber ich habe es als sehr positiv empfunden. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Herrn Reichel habe ich eine Menge gelernt und eine Vorstellung über sein Grundverständnis gewonnen, wie er die Stiftung leitete. Davon habe ich mir vieles zu eigen gemacht.

Ein Wechsel an der Spitze eines Unternehmens bedeutet stets Veränderung im gesamten Unternehmen. Was wünschen Sie sich von Ihren Mitarbeitern auf diesem Weg der Veränderung?

W.S.: Ich wünsche mir, aber ich sehe es auch konkret: die Bereitschaft, Veränderungen mitzumachen, die Bereitschaft, zu überprüfen, was wir heute machen, zu überlegen, wo es hingehen kann und die Bereitschaft, auch Veränderungsschritte einzuleiten und mitzutragen, eine "lernende Organisation" zu sein.
Manchmal möchte ich auch Fragezeichen hinter Dingen, Abläufen, Gewohnheiten sehen, die lange so gelaufen sind und dennoch auf den Prüfstand gehören, aber auch Ausrufezeichen an Stellen setzen, bei denen wir sicher sind, daß es so weitergehen kann!

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Kontinuität und Wandel, also Bewahrung des Guten und Veränderung zum Besseren?

W.S.: Zwei Dinge sind heutzutage in der Situation, in der wir uns befinden, entscheidend: Zum einen erleben wir eine erhebliche Veränderung unserer Umwelt, eine Veränderung, die - glaube ich - stärker ist, als wir bereit sind zu glauben, die Arbeitslosenzahlen sind vielleicht nur ein Indiz dafür. Sicher finden sich auch noch viele andere Parameter wie die Entwicklung der telekommunikation und der Datenverarbeitung, die Frage, wie sich unsere Gesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft entwickelt und der Zustand der öffentlichen Haushalte. Gerade letzterer bedeutet auch für unsere konkrete Arbeit für behinderte Menschen ein enormes Veränderungspotential. Ich bin der Meinung, daß wir in unserer Organisation gut daran tun, gewisse Entwicklungen zu antizipieren, nicht im Sinne von vorauseilendem Gehorsam und schon gar nicht im Sinne vom Abbau von Ressourcen, aber im Sinne von Flexibel-machen. Wir müssen eine Art Organisationsgymnastik betreiben, um für Anforderungen fit zu sein, die an uns gestellt werden. In der Tat erkennen wir ja schon eine ganze Reihe von Entwicklungslinien, sei es im BSHG-Bereich oder sei es auch in unserem Gästebereich, die kommenden Anforderungen, die kommenden Formationen. Darauf sollten wir uns vorbereiten.

Was können die behinderten Menschen in unseren Einrichtungen von den Veränderungen erwarten?

W.S.: Wir verändern uns so, damit wir unsere Arbeit adäquat machen können. D.h. ich wünsche mir, daß die Menschen mit Einschränkungen bei allen Veränderungen konkret spüren, daß sie im Mittelpunkt unser Arbeit stehen und Veränderungen nicht zu ihren Lasten stattfinden.
Man muß natürlich schon schauen, wo kommen welche Ressourcen an und wer ist wofür verantwortlich. Die Aufgabe der leitenden Mitarbeiter liegt darin, Entwicklungschritte zu gestalten, und nicht so stark in der Einbindung in den Betreuungsprozeß. Natürlich ist das auch schön und wichtig, aber da gibt es Grenzen. Wir haben nur unser limitiertes Zeitbudget und im Sinne der Prioritäten, die wir setzen, darf es nicht zu Ungleichgewichten kommen. Es muß das eine wie das andere berücksichtigt werden. Auch ich würde mir manchmal wünschen, mehr Kontakt mit den Menschen zu haben, die unsere Angebote wahrnehmen.
Veränderung ist ein schwieriges Metier. Manche haben Angst, wenn sich etwas verändert. Diesen Menschen möchte ich entgegenhalten: Vielleicht geht uns ja auch etwas verloren, wenn wir nichts tun. Es ist ja ein Irrtum anzunehmen, daß dadurch, daß wir uns nicht bewegen, die Zukunft sicherer wird. Die rechtzeitige Aktion, die wir einleiten, sichert letztendlich die zukünftigen Möglichkeiten. Es wird sicher zu einem Ausgleich kommen müssen, aber es ist ebenso sicher auch an der einen oder andern Stelle spürbar, daß es jetzt, zu dieser Zeit andere Prioritäten gibt. Veränderungen bekommen wir nicht umsonst. Dahinter steht harte Arbeit.

Stehen Sie wie Ihr Vorgänger auch für Gespräche mit Behinderten zur Verfügung?

W.S.: Gerne sogar! Man kann mich anrufen, aber ich finde den direkten Kontakt hilfreicher. Wenn wir einen Termin vereinbaren - und vielleicht dauert es ein bißchen, bis wir einen finden - werde ich gerne kommen. Ich habe noch keinen Termin abgelehnt. Ich freue mich über jeden Anruf. Mittels eines guten Kontakts zur Basis lassen sich Entscheidungen erden.

Was wird aus dem WIR-Magazin, wenn die Stiftung ins Internet geht?

W.S.: Ich denke, daß die Öffentlichkeitsarbeit, die Außen- und Innendarstellung der Stiftung, ein ganz wichtiger Punkt ist. Ich bin der Meinung, daß wir in diesem Bereich z.B. mit dem Internetauftritt, aber auch in anderen Punkten neue Akzente setzen sollen und wollen. Zum einen brauchen wir ein Instrument, mit dem Leitung und Mitarbeiter kommunizieren, und ein Instrument, in dem wir noch konkreter über unsere Arbeit nach außen berichten. Die WIR ist aus meiner Sicht eine Zeitung, die versucht, mehrere Aspekte zusammenzubringen. Wir haben eine Arbeitsgruppe für Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung insgesamt eingerichtet und dort werden wir in Ruhe über die nächsten Schritte sprechen. Eins ist sicher, wir werden die WIR weiter führen und die Zielgruppen noch etwas differenzierter ansprechen.

Welche mittelfristigen und langfristigen Ziele haben Sie für sich und für die Stiftung, die Sie jetzt führen?

W.S.: Ich möchte zuerst von der Stiftung sprechen. Für die Stiftung sind mir vom Kuratorium Zielsetzungen aufgegeben worden, zum einen die Organisation mit dem Blick auf die Herausforderungen, die kommen, und auf die Projekte, die wir angegangen haben, neu zu gestalten. Vor allem Rheinsberg stellt für uns alle eine Herausforderung in der nächsten Zeit dar. Die Realisation dieses großen Neubauprojektes in Rheinsberg zum Guten für die Menschen, die dort Urlaub machen wollen, steht sicher im Mittelpunkt. Von der Organisationsseite her sollte dieses Projekt ein von allen getragener und akzeptierter Schritt sein. Denn meiner Meinung nach setzt das Projekt Rheinsberg einen wichtigen Akzent für die weitere Entwicklung der Stiftung. Man kann es auch von einem strategischen Gesichtspunkt betrachten. Wir haben drei strategische Bereiche: den Bereich Fortbildung / Therapie / Freizeit, den Bereich Gäste / Reisen, in dem wir z.Zt. die Kapazität verdoppeln, sowie den Bereich Rehabilitation / Eingliederungshilfe, der im Bereich des Betreuten Wohnens auch wächst.
Über das Jahr 2000/2001 hinaus, wenn Rheinsberg ans Netz geht, kann ich jetzt einfach nicht schauen. Wir alle miteinander, die Gremien des Kuratoriums und der Verwaltungsausschuß, der Kreis der Leitenden und auch die Mitarbeiter brauchen Visionen für die langfristige Entwicklung der Stiftung.

Und für Sie selbst?

W.S.: Ich fühle mich schon ganz gut zuhause in Berlin. Ich bin auch schon ein halbes Jahr länger hier als meine Familie: Es ist wichtig, daß sich die Familie anfängt heimisch zu fühlen und eine gewisse Bodenständigkeit entwickelt. Ich erwarte, daß wir in den nächsten Jahren hier verwurzeln, zumal wir in der Vergangenheit an mehreren Orten zuhause waren. Denn meine Aufgabe ist keine vorübergehende, die Leitung einer Stiftung von solchem Umfang braucht eine Kontinuität. Die hatte sie ja auch in der Vergangenheit. Und der Aufgabe stelle ich mich.
Ich möchte noch hinzufügen, daß ich sehr gerne hier bin, daß ich sehr froh bin den Schritt gegangen zu sein. Ich spürte schon am Anfang, und jetzt zeigt es sich auch in der Arbeit: Hier ist eine große Bereitschaft der Menschen mitzumachen, sich auf das Neue oder auf den Neuen einzulassen. Ich habe sehr positive Erwartungen an das, was wir alle miteinander realisieren können, und glaube, daß die Stiftung und die Menschen hier ein sehr großes Potential sind, mit dem wir wirklich Dinge gestalten können, die dem Satzungszweck entsprechen, die aber auch in der Gesellschaft wegweisend sind. Wir können in der Gesellschaft Signale setzen, wenn wir sagen: Es geht nicht nur um Gewinnmaximierung und Sozialabbau, sondern es gibt auch Bereiche in unserer Gesellschaft, die sich für Menschen einsetzen und die dafür kämpfen, daß auch die, die sowieso schon benachteiligt sind, Chancen bekommen. Das macht mir viel Freude.

Zum Schluß etwas anderes: Wir sprachen vor allem über die Stiftung und Sie, aber wie hat sich denn Ihre Familie eingelebt?

W.S.: Wir wohnen in Stahnsdorf, in Brandenburg. Die Familie hat an und für sich sehr gut Fuß gefaßt. Die beiden Großen haben sich in der Schule gut eingelebt. Mit dem Kindergarten ist das nicht so einfach. Der ist doch nicht vergleichbar mit dem Kindergarten, den der kleine Sohnemann vorher besucht hat. Für meine Frau ist der Wechsel nicht einfach. Denn sie ist wieder sehr stark ans Haus gebunden, dadurch daß die Kinder vor allem in der Anfangszeit relativ intensive Begleitung brauchen. Sie hat sich hier an der FU-Berlin eingeschrieben, um ihr Studium, das sie in Bielefeld wieder aufgenommen hatte, weiterzuführen. Bei ihr ist z. Z. auch noch offen, in welche Richtung sie sich beruflich orientieren wird.

Vielen Dank für das Gespräch!