Italien, Inklusion und Stützlehrer

11. Oktober 2010

von Julienne Vautrin

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn es ein Thema gibt, dass in der letzten Zeit viel im Netz beackert wird, dann ist es die schulische Inklusion. Dies ist auch völlig logisch. Denn wo, wenn es um Inklusion im Sinn der UN-Behindertenrechtskonvention geht, kann man als Kind besser lernen, dass Anderssein Teil der Normalität ist? Durch schulische Sozialisation bekommt jedes Kind sein erstes Bild der Gesellschaft außerhalb der eigenen Familie.

Laut einer Information der Berliner Landespressestelle vom 28. September nahmen 42 % dieser Schüler im Schuljahr 2009/2010 am gemeinsamen Unterricht in Grund- und weiterführenden Schulen teil. „Damit belegt Berlin im Ländervergleich einen der drei vordersten Plätze und liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von rund 19 %.“ Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus?

Ausnahmeweise will ich heute nicht über Frankreich schreiben. Zum Thema Inklusion schaut man oft auf die fünf nordische Länder. Wir gehen heute aber nach Südeuropa, nach Italien. Ausgangspunkt meines Interesses ist ein Artikel vom Corriere della Sera „Allarme sostegno, le storie e le proteste „Mancano 65Mila insegnati“ (Alarm Unterstützung, die Geschichten und die Protesten „Es fehlen 65.000 Lehrer“).

Die Beschulung von behinderten Kindern in die Regelschule ist in Italien seit 1977 gesetzlich verankert. So wurden vor 30 Jahren viele Sonderschulen abgeschafft, nach dem Motto: Die Aufgabe der Schule ist es, den Bedürfnissen aller Kinder nachzukommen. Die Rahmenbedingungen für das inklusive Bildungssystem werden ausführlich am Beispiel Südtirol im Beitrag von Rosa Anna Ferdigg in der Zeitschrift für Inklusion N° 2 (2010) dargestellt.

Ich schildere Ihnen grob, wie es konkret funktioniert. Auf Anfrage der Eltern oder der Lehrer stellt das Diagnosezentrum der Kommune eine Diagnose fest. Die Eltern entscheiden, ob sie der Schule den Bescheid vorlegen möchten oder nicht. Die Schule beantragt die Hilfe. Stützlehrer („insegnante di sostegno“) werden pauschal zur Verfügung gestellt, und dann wird im Team ein individuelles Förderprogramm erarbeitet. Die Klasse, in der in der Regel ein oder zwei Kinder mit BES (Bisogni Educativi Speciali, also besonderen Erziehungsbedürfnissen), jedoch max. 4 eingeschult sind, besteht aus max. 20 Schülern. Das Modell funktioniert seit über drei Jahrzehnten gut, es war ein pädagogischer und politischer Durchbruch.

Wo hakt es aber? Trotz der erreichten Ziele kann man nicht behaupten, dass die Inklusion unter Dach und Fach ist. Vor allem in Zeiten von Haushaltskürzungen. Ist das Modell, auf das Italien so stolz ist, durch die aktuelle Politik in Gefahr? Der Artikel berichtet über den Mangel an Stützlehrern. So werden viele Fälle erwähnt, bei denen das Kind keinen Stützlehrer zur Verfügung hat oder mit zu wenigen Stunden, weil der Lehrer sich zwischen mehreren Kindern mit Förderungsbedarf teilen muss. Um die hohen Kosten der Inklusion zu reduzieren, versucht man zu Zeit weniger Personal einzustellen und die Klassenfrequenz auf 25-30 Schüler zu erhöhen. Die Eltern mobilisieren, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Eine Mutter fasst die Lage gut zusammen: „Wir haben den Eindruck, dass man die schwierige Lage nicht sehen möchte. Dagegen ist das vor 40 Jahren angenommene Integrationsmodell ein erfolgreiches Modell. Es ist kein Zufall, dass Deutschland und Österreich uns kopieren.”

Das war´s für den kurzen Blick nach Italien. Apropos, in Frankreich gibt es eine Verbesserung seit dem Gesetz über Chancengleichheit von 2005: 64,9% der Schüler mit einer Behinderung werden individuell an Grundschule inkludiert und 35,1% werden in Förderklassen in Regelschulen unterrichtet.

Möchten Sie weiter mit dem Thema zu beschäftigen, kann ich die Bibliographie zum Thema Schulische Integration in Ländern oder Regionen außerhalb der Schweiz von Silvia Brunner vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik empfehlen.

Herzliche Grüße aus der Villa Donnersmarck

Julienne Vautrin


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