Hörbericht Jour Fixe

Transkription zum Mitlesen: Jour Fixe "Sport als Inklusionsmotor"

Jour Fixe zum Thema Gold und Behindertensport

Sean Bussenius im Gespräch mit Kirsten Bruhn

 

 von Klaus Fechner (www.reichweiten.net)

 

 „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ – so lautet der Titel des beeindruckenden Dokumentarfilmes, der beim Jour Fixe in der Villa Donnersmarck am 7. Mai 2014 gezeigt wurde. Der Film beleuchtet in bewegenden Bildern das Leben und Training von drei Sportlern, auf ihrem Weg zu den Paralympics 2012 in London.
Eine von ihnen die ist deutsche Schwimmerin und Goldmedaillengewinnerin Kirsten Bruhn. Nach einem Motorradunfall lebt die Athletin mit einer Querschnittslähmung. In der anschließenden Diskussion, die fragte, wie Sport Trainings- und Lebenswelten inklusiv zusammenbringen kann, schilderte Kirsten Bruhn ihren Weg zum Spitzensport:

Zunächst habe ich den Sport, den ich nach dem Unfall gemacht habe, nicht mit der Aussicht auf Wettkampfniveau gemacht. Ich habe das aus Rehabilitations- und Mobilitätsgründen gemacht. So dass ich meine physischen Rahmenbedingungen optimieren wollte. Was die Strukturen angeht, da haben wir überhaupt nicht auf Behindertensport, Sport mit Behinderten, Behindertensportverein oder Rehabilitationssport – wie auch immer diese Institutionen heißen, geachtet. Wir haben es einfach gemacht. Und ich bin dann wie gewohnt mit meinem Vater zwei-, dreimal die Woche in die Schwimmhalle gefahren.

 
Eine Frau sitzt vor einem Fenster und redet

Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper

 

 Erst mit der Zeit fand sie den Mut, an Wettkämpfen mit anderen Menschen mit Behinderung teilzunehmen. Hilfreich war, dass sie bereits vor dem Unfall Leistungssport betrieben hatte. Beim Sport für Menschen mit Behinderung gehe es aber nicht vorrangig um Höchstleistung. Darauf wies Gudrun Doll-Tepper hin, sie ist Professorin an der FU Berlin und Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes:

Es hat gar nicht mit höchstem Niveau oder Spitzensport zu tun. Es geht auf jeder Ebene. „Ich kann etwas und ich traue mir etwas zu“. Und dazu braucht man manchmal den Antrieb aus sich selbst, aber was wir im Sport vermitteln wollen ist, dass wir jemanden um uns herum haben. Also Trainer, Übungsleiter, Eltern, Freunde, die uns diesen Mut machen. Die sagen: „Hey, versuch es“.

 
Ein Mann sitzt vor einer Wand und redet

Stefan Schenk

 

 Oft sind die Erfahrungen beim Rehasport die Auslöser für weitergehendes Interesse am Sport und für den Wunsch, einem Sportverein beizutreten. Der Vizepräsident des Berliner Behindertensportverbandes, Stefan Schenk, betont, es sei egal, ob das mit großen Zielen geschehe, oder einfach nur als Breitensportler:

Der Begriff der Inklusion ist ja sehr eng verbunden mit dem Begriff der Teilhabe. Es ist wichtig, aus dem Krankenbett herauszukommen und wieder ein Stück sich selbst zu erleben und ein Stück in die Gesellschaft zurückzukommen. Ob das nun in einem inklusiven Sportangebot ist, also wo Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport machen, oder in einem exklusiven Sportangebot, wo zum Beispiel Menschen mit einer Herzerkrankung unter sich sind und sagen, nur wir machen hier Rehasport, das sei mal dahingestellt. Das sind alles inklusive Angebote, weil sie alle zu Teilhabe führen.

 
Jour Fixe zum Thema Gold und Behindertensport: Ein Mann sitzt vor einer Holzwand

Carsten Wolff

 

Bei der Suche nach dem passenden Angebot hilft übrigens die Informationsstelle für den Sport behinderter Menschen, zu finden im Internet. Dort gibt es auch eine deutschlandweite Vereinssuche. Die Vereine haben allerdings mit einigen Problemen zu kämpfen. Oft seien die Hallen nicht behindertengerecht ausgestattet. Es fehle an barrierefreien Umkleidekabinen, Toiletten und Duschen – beschreibt Carsten Wolf die Lage. Er ist Übungsleiter beim BS Steglitz, einem Berliner Behinderten-Sportverein. Und:

Wir haben das Problem, die Zeiten so zu kriegen, dass wir das an der Basis leisten können. Wenn ich den Kinderbereich nehme, dann kriege ich Hallenzeiten angeboten abends ab 18 oder 19 Uhr. Das ist schwierig mit Kindern und Jugendlichen. Da liegen unsere Probleme, dass wir zu wenig Hallen haben, die in Ordnung sind. Ich kann für Steglitz-Zehlendorf sprechen, da sind momentan neun Hallen wegen Baumängeln dicht. Die Vereine, die dort sind, werden natürlich auf andere Hallen verteilt, also bleibt kaum noch was für den Behindertenbereich.

Außerdem, so Wolf, gebe es in vielen Vereinen Unsicherheit, wie man Menschen mit Behinderung in das Training einbeziehen könne. Oft seien auch die Übungsleiter nicht entsprechend ausgebildet.
 

 
Ein Mann im blauen Pullover spricht in ein Mikrofon

Bernd Holm

 

 Auf politischer Ebene gibt es bereits Initiativen, die Teilhabe unterstützen. Das erläuterte Bernd Holm von der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport:

Nun haben wir mit diesem Haushaltsjahr das erste Mal Mittel für ein Programm bekommen, das ist sicherlich gemessen an dem, was man erreichen müsste, noch wenig. Wir haben 200.000,- Euro für das Jahr. Und wir haben schon jede Menge Anträge und wir haben Inklusionsprojekte für Gehörlose und Hörende, für Blinde und Sehende, für Rollstuhlfahrer, für auf dem Eis Sporttreibende. Das ist schon ein ganz schönes Spektrum. Und Teilhabe heißt für uns nicht nur Inklusion. Vom Parlament haben wir die Vorgabe, wir sollen Mädchensport fördern, Senioren, Gesundheitssport, Integration und Inklusion. Das sind viele Themen für doch wenig Geld, aber es geht voran.

 
Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und redet

Kirsten Bruhn

 

 Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten viel beim Thema Sport mit Behinderung getan hat. Auch durch das große Interesse an den Paralympics sei er zu einer starken Akzeptanz gekommen. Klar wurde aber auch, dass noch viel geschehen muss, um mit inklusiven Sportangeboten möglichst viele Menschen zu bewegen. Das wünscht sich auch Kirsten Bruhn:

Um noch einmal auf den Titel des Films zu kommen „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ – wünsche ich mir, dass jeder von uns das Gold in sich entdeckt und das entsprechend fördert und trainiert. Wir wollen Freude haben am Leben und jeden Tag neu genießen. Da gehört es dazu, dass wir Spaß haben und das haben wir nur, wenn wir die Dinge tun, die wir können und gerne machen.

 
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