Hörbericht Pressekonferenz im P.A.N. Zentrum

Post-Akute Neurorehabilitation braucht starke Mitstreiter

Drei Männer stehen an drei Rednerpulten
 

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Autor: Klaus Fechner (www.reichweiten.net)

Das P.A.N. Zentrum in Berlin-Frohnau leistet erfolgreiche Arbeit bei der Rehabilitation von Menschen mit erworbenen Schädigungen des Gehirns und des Nervensystems. Diese Einrichtung der Fürst Donnersmarck-Stiftung ist eine der modernsten bundesweit, sie sorgt dafür, dass Betroffenen eine Brücke in ein neues Leben gebaut wird. Eine langfristige Finanzierung der Therapien in der Einrichtung durch die Sozialhilfe ist seitens des Rechnungshofes nicht gesichert. Daher lud der Senator für Gesundheit und Soziales am 11. Juli 2016 zu einer Pressekonferenz vor Ort. 

 
Pressekonferenz im P.A.N Zentrum zwei Männer stehen nebeneinander und lächeln sich an

Mario Czaja (links) mit dem Rehabilitanden Malte Bockhorst

 

Nach einem Autounfall vor fünf Jahren lag Malte Bockhorst lange im Koma, seit 2013 lebt er im P.A.N. Zentrum. Der Student ist ein gutes Beispiel für die Arbeit der Einrichtung:

Ich hatte ein schweres Problem mit dem Gleichgewicht. Musste damals noch einen hohen Untergehwagen nehmen, also wo ich aufrecht stand. Jetzt habe ich diesen leichten Rollator. Beim Sprechen habe ich auch immer noch manchmal Probleme, das hat sich aber schon gebessert. Und meine Auffassung ist sehr viel besser geworden. Da ich hier in Berlin die Chance habe, an die Humboldt-Universität zu gehen. Ich besuche jedes Semester eine Vorlesung. Da ich ein eingeschriebener Student bin, darf ich an den Klausuren teilnehmen und habe schon Mathe und Arbeitsrecht bestanden.

 
Pressekonferenz im P.A.N Zentrum ein Mann spricht in ein Mikrofon

Prof. Dr. Stephan Bamborschke, ärztlicher Leiter des P.A.N. Zentrums

 

66 Rehabilitanden leben im P.A.N. Zentrum in Wohngruppen und erhalten eine individuell zugeschnittene Therapie, in der Wohnen mit Therapie eng verzahnt ist, wie Prof. Stephan Bamborschke, der Ärztliche Leiter, beschreibt:

Die Menschen, die zu uns kommen, die können gar nicht zuhause wohnen, weil sie so schwer betroffen sind. Sie müssen in ein Pflegeheim. Und das ist ja auch stationär. Es geht natürlich darum, das Stationäre los zu werden. Deshalb das Wohnen in Wohnverbünden mit Menschen, die ähnliche Probleme und eine ähnliche Altersgruppe haben. Der Alltag geht nun mal 24 Stunden. Das Ganze verzahnt mit den Spezialtherapien, Ergotherapie, Physiotherapie, Neuropsychologie – das ist das, was weiterhilft.

 
Pressekonferenz im P.A.N Zentrum sein Mann steht vor einer Beamerleinwand und redet

Gesundheitssenator Mario Czaja

 

Bis zu 70 Prozent der Rehabilitanden können nach rund zwei Jahren in eine betreute Wohnform ziehen, was einen riesigen Gewinn an Lebensqualität bedeutet. Und es wird vermieden, dass sie lebenslang als Pflegefälle leben müssen. Doch die langfristige Finanzierung des Hauses ist ungewiss. Mario Czaja, Berlins Senator für Gesundheit und Soziales, erklärt die Hintergründe:

Wir haben unterschiedliche Kostenanteile. Wir haben die Beteiligungen der Krankenkassen und wir haben das, was die Eingliederungshilfe unsererseits erbringt. Und wir haben die Kritik des Rechnungshofes für unsere Leistungen. Diese Kritik des Rechnungshofes und die Landesfinanzierung dürfen wir, so wie sie jetzt vorgesehen ist, nicht auf Dauer fortführen. Wir brauchen eine noch breitere Beteiligung der Krankenkassen an diesem Versorgungsmodell, damit nach dem 30. April 2017 die Arbeit, so wie sie derzeit hier geführt wird, auch finanziert weitergehen kann.

Die AOK Nordost ist eine der wenigen Krankenkassen, die sich mit finanziellen Mitteln an den Therapien beteiligt. Dies geschieht jeweils über eine Einzelfallentscheidung bei jedem Betroffenen. Eine Rechnung, die für alle Beteiligte aufgeht, denn die Investitionen in Rehabilitation sind zwar hoch – aber deutlich geringer als die Kosten für jahrzehntelange Pflege. Deshalb appelliert der Gesundheitssenator:

Wir können den anderen Krankenkassen nur deutlich machen, dass es sich lohnt in eine solche Einrichtung zu investieren. Darin zu investieren, dass Patienten hier betreut werden, weil sie dann als Kostenträger nicht dauerhafte Belastungen, beispielsweise in der Pflegeversicherung, haben. Und Reha-Leistung vor Pflege hier gelebt wird. Und dass es für die Patienten und Patientinnen, die meistens noch sehr jung sind, ein Mehr an Lebensqualität bringt. Und sie die Chance haben, auch wieder in den Arbeitsalltag zurück zu kommen.

 
Mann spricht stehend am Pult in ein Mikrophon

Frank Michalak, AOK Nordost, plädiert für eine engmaschige Vernetzung der an Rehabilitation Beteiligten

 

Doch bisher gab es keine Regelung, keinen gültigen Versorgungsvertrag, bei dem alle Kassen mitziehen. Deshalb sucht der Vorsitzende des Vorstandes der AOK Nordost, Frank Michalak, das Gespräch:

Es wäre der bessere Weg, wenn wir gemeinsam an die weitere Umsetzung gehen könnten. Deswegen möchten wir unsere Mitstreiter noch einmal einladen, dieses Konzept vorstellen und dann gemeinsam nach Lösungen suchen, wie wir hier über ein Vertragsgestaltung zur Umsetzung kommen können.

Es gilt zwar die gesetzliche Regelung „Rehabilitation geht vor Pflege“, doch Michalak wünscht sich, gerade mit Blick auf das P.A.N. Zentrum, vom Gesetzgeber noch deutlichere Vorgaben:

Leider ist es so, dass ein solcher Ansatz, so wertvoll und zielführend er ist, nicht allgemeine Unterstützung erfährt. Das findet sich auch zum Teil in den gesetzlichen Regelungen nicht unbedingt wieder. Es wäre aber wünschenswert, dass sich solche Versorgungsangebote in der gesetzlichen Rahmenfindung dann auch einen Platz schaffen würden und sowohl für die Donnersmarck-Stiftung als auch für die Krankenkassen und andere Beteiligte wäre das natürlich viel einfacher.

 
Pressekonferenz im P.A.N Zentrum vier Männer stehen in einem Halbkreis und unterhalten sich

V.l.n.r.: Claus Bodenstein (Leiter des UEvB), Gesundheitssenator Mario Czaja, Prof. Dr. Stephan Bamborschke (ärztl. Leiter P.A.N. Zentrum, Frank Michalak (Vorsitzender des Vorstands AOK Nordost)

 

Sowohl Senator Czaja als auch AOK Nordost-Vorstandsvorsitzender Michalak setzen sich für eine zukunftsfeste Finanzierung der Einrichtung ein. Denn nur so kann im Sinne der Patientinnen und Patienten die wichtige und erfolgreiche Arbeit für Menschen wie Malte Bockhorst langfristig fortgesetzt werden. Außerdem eröffnet sich dem Gesundheitssystem ein Einsparpotenzial, da lebenslange, teure Pflegefälle vermieden werden.

 
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