Hörbericht Jour fixe Neue Arbeit

Podcast der Diskussionsrunde in der Villa Donnersmarck

Dkiuskussionsrunde in der Villa Donnersmarck, vier Personen sitzend an Tischen, die das Podium formen, links daneben eine weitere Person am Stehttisch, im Vordergrund Personen aus dem Publikum

"Neue Arbeit – neue Chancen?" Unter dieser Überschrift diskutierte einen Expertenrunde am 15.11.2017 in der Villa Donnersmarck, was die Veränderungen am Arbeitsmarkt durch Digitalisierung und Fachkräftemangel für Menschen mit Behinderung bedeuten könnten.

Hören Sie Eindrücke von der Diskussionsrunde im Podcast.

Autor: Klaus Fechner reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Die Arbeitswelt verändert sich im Zuge der Digitalisierung rasend schnell. Belegschaften in Unternehmen werden internationaler, vielfältiger und gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Welche Folgen hat diese Entwicklung für Menschen mit Behinderung? Bieten sich vielleicht Chancen für den Weg in den ersten Arbeitsmarkt? Diese Fragen wurden am 15. November 2017 beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck diskutiert. Auf Einladung der Fürst Donnersmarck-Stiftung trafen sich Menschen mit und ohne Behinderung  mit ganz unterschiedlichen Perspektiven.
Stefanie Trzecinski ist Gründerin der Firma Kopf, Hand + Fuss und hat das Projekt TUECHTIG ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um einen Coworking-Space in Berlin. Davon gibt es zwar mehr als 100 in Berlin, dieser ist aber besonders, wie sie erklärt:

 
Stefanie Trzecinski, Kopf, Hand und Fuss gGmbH sitzend auf dem Podium

"Man mietet sich einen Arbeitsplatz für tageweise oder monatsweise. Unser Coworking Space, den wir in Berlin-Wedding eröffnet haben, ist ein Ort, wo Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten. Das ist in Deutschland und in Europa neu. Was machen wir anders? Zum einen versuchen wir, die Infrastruktur barrierefrei zu halten, genau so wie das Mobiliar soweit wie es geht. Wir entwickeln auch spezielle Möbel zusammen mit unseren Experten. Und wir stellen Assistenzleistungen zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden."

Die Arbeitsplätze teilen sich Selbstständige aus verschiedenen Bereichen. Dieses spezielle Angebot wird auch von Menschen mit Behinderung genutzt. Und es entstehen im Austausch gemeinsame Projekte. Einer der Nutzer der gemeinschaftlichen Büroräume ist Sven Kocar. Der freiberufliche Fotograf war einige Jahre als Mediengestalter im ersten Arbeitsmarkt aktiv, hat sich dann aber für die Tätigkeit als Selbstständiger entschieden. Außerdem macht er zurzeit eine Ausbildung als Berater für Inklusion. Er beschreibt, was sich dahinter verbirgt:

 
Sven Kocar, Fotograf und angehender Berater für Inklusion beim Jour fixe, im Profil

"Die Idee ist, dass Unternehmen zu uns kommen können, die inklusiv werden wollen. Wir klären dann die Bedürfnisse und erstellen ein Konzept."

Kocar berät also Unternehmen beim Aufbau von inklusiven Strukturen. Zur Ausbildung gehören zum Beispiel das Erlernen von Beratungskompetenz, das Erstellen von Konzepten und Kenntnisse der rechtlichen Bedingungen.
Einen ganz anderen Berufsweg hat Annton Beate Schmidt eingeschlagen. Sie arbeitete erst als Cutterin beim Fernsehen und lebt seit 15 Jahren als selbstständige Malerin und Illustratorin. Damit befindet sie sich in einem schwierigen Umfeld:

 
Annton Beate Schmidt, Malerin und Illustratorin, beim Jour fixe, sprechend im Halbprofil

"Der Kunstmarkt ist ein exklusiver Haufen, der sich gerne abgrenzt. Und der noch immer Diskussionen darüber führt, ob Inklusivität die Kunst herab werten würde. Ob es die Ausbildung ist, ob es Kulturstätten sind. Also manchmal ist es auch die mobile Barriere. Ob es Galerien sind oder ob es die Auffassung ist – Inklusion wird dort nicht gedacht."

Das macht das sowieso schon schwierige Auskommen als Künstlerin für einen Menschen mit Behinderung noch schwieriger. Von der Entwicklung zu immer stärkerer Digitalisierung hat sie allerdings profitiert. Durch die Möglichkeit des Online-Handels kann sie weltweit ihre Werke anbieten und verkaufen.
Ein ganz anderer Bereich der Arbeitswelt sind die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Über 200.000 Menschen sind dort, im sogenannten geschützten Arbeitsmarkt, in ganz Deutschland beschäftigt. Es gibt Projekte, mit denen die Eingewöhnung in den ersten Arbeitsmarkt gefördert wird. Micha Schaub ist Geschäftsführer der Nordbahn gGmbH, einer Werkstatt für behinderte Menschen in Schönfließ in Brandenburg. Aus seiner Sicht ist gerade die Vermittlung in den regulären Arbeitsmarkt das Problem:

 
Micha Schaub, Geschäftsführer Nordbahn gGmbH, beim Jour fixe, im Porträt

"Das Entscheidende ist zu schauen, wie kann man Vermittlung erreichen? Man muss selber überlegen, wohin will man im Leben? Ich verstehe unsere Arbeit bei der Nordbahn so, dass wir die Menschen dazu befähigen und zu unterstützen. Wir versuchen die Angebote so zu gestalten, dass man weiter kommt im Leben. Das gelingt uns manchmal und manchmal auch nicht. Aus unterschiedlichen Gründen. Und da zielt ja das Bundesteilhabegesetz auch hin, dass das möglich wird. Und wenn das Budget für Arbeit wirklich da ist und es ist einfacher zu greifen, dann ist das eine sehr gute Möglichkeit, neue Weg zu gehen und auszuprobieren."

Das Budget für Arbeit wird am 1. Januar 2018 in Kraft treten. Es soll bei der Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt mit finanziellen Unterstützungen für den Arbeitgeber und mit personeller Hilfe am Arbeitsplatz helfen. Für Stefanie Trzecinski von Kopf, Hand und Fuss ist das Budget für Arbeit eine sinnvolle Maßnahme. Allerdings ist noch mehr notwendig. Sie sieht als Ziel für jeden:

"Selbst zu entscheiden, was er gerne machen möchte. Bei uns ist gerade eine junge Dame, die auf keinen Fall in die Werkstatt möchte. Das ist ihre Entscheidung. Und sie guckt nun, dass sie das Geld, das sie für die Werkstatt bekommen würde als Persönliches Budget erhält. Es gibt eben nicht das eine, was für alle passt. Man muss eine Vielfalt anbieten. Dass man diese Vielfalt kennt und wenn man seine Wahl getroffen hat, dann dort die besten Bedingungen hat. Das muss das Ziel sein. Das kann eben Coworking, Werkstatt oder ein Angestelltenberuf im ersten Arbeitsmarkt sein. Eine Vielfalt, das ist das Wichtige."

Malerin Annton Beate Schmidt plädiert dafür, einfach anzufangen. Daher fordert sie eine Kultur des Miteinanders. So kann Inklusion bei der Arbeit am besten gelingen:

"Ich kenne es aus meiner eigenen Erfahrung. Ich treffe Menschen, in welchem Kontext auch immer. Dann sind vielleicht ein oder zwei Stunden bestimmte Sachen unsicher oder schwierig. Vielleicht haben wir uns dann öfter getroffen. Aber in der Regel ist das nach 20 Minuten gegessen. Ich glaube, wir dürfen nicht so viel darüber nachdenken, ist das möglich oder verwässert das das Arbeitsklima? Ich möchte einfach als Mensch mit Behinderung genau so anerkannt werden und genau so gefördert werden wie ein Mensch ohne Behinderung auch."

Der Fotograf Sven Kocar unterstützt diesen Gedanken und ergänzt, dass es darum gehe, unnötige Barrieren abzubauen.  

"Es braucht ein Miteinander, um die Barrieren im Kopf abzubauen, was die größten Barrieren überhaupt sind."

Für Micha Schaub von der Nordbahn gGmbH ist unabhängig vom digitalen Wandel die bestehende Bürokratie ein großes Problem. So zum Beispiel bei der Bearbeitung von Anträgen für Fördermaßnahmen. Dadurch werden viele Entwicklungen aufgehalten und es entsteht Stillstand. Daher hat er einen radikalen Vorschlag, wenn er einen Wunsch frei hätte:

"Ich bin davon überzeugt, dass es eine unglaubliche Dynamik auslösen würde und viele Probleme lösen würde. Wir haben über Antragsverfahren gesprochen und über rechtliche Regelungen. Es ist ja so, dass der zuständige Kostenträger innerhalb von sechs Wochen über Anträge entscheiden soll, was er oft nicht macht. Mein Gedanke war: Wir machen es so: Der Antrag wird eingereicht und wenn nicht innerhalb von zwei Wochen entschieden ist, dann ist er angenommen. Wenn man sich das vorstellt, das wär doch was."

Der Abend in der Villa Donnersmarck hat unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Berufswegen gezeigt. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass sich mit den Veränderungen im Arbeitsalltag auch Chancen und Möglichkeiten ergeben können. Sie alle versuchen die Digitalisierung für ihre Arbeit zu nutzen.

 

 

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