Selbstbestimmung im Alter

Hörbericht vom Friedrichshainer Kolloquium

Von links nach recht: Swantje Köbsell, Alice-Salomon-Hochschule, Katrin Falk, Institut für Gerontologische Forschung, Berlin, Dr. Katrin Grüber Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft, dikustierend an einem Tisch, auf dem zwei Mikrofone stehen

Am 13.06.2017 beleuchtete das "Friedrichshainer Kolloquium" in der Villa Donnersmarck im Rahmen des Jahresthemas "Alter und Behinderung" die Bedingungen für Selbstbestimmung im späteren Leben. Dabei standen besonders Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Menschen im Fokus, die mit einer Behinderung alt werden.

Erfahren Sie mehr in unserem Podcast.

Autor: Klaus Fechner reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Alt werden und eine Behinderung erwerben ist eine Sache. Alt werden mit Behinderung eine andere. Und wie sieht es mit der Möglichkeit zur Selbstbestimmung im Alter aus? Um diesen Themenbereich ging es beim Friedrichshainer Kolloquium am 13. Juni 2017 in der Villa Donnersmarck in Berlin-Zehlendorf. In dieser Veranstaltungsreihe des Instituts Mensch Ethik und Wissenschaft in Kooperation mit der Fürst-Donnersmarck-Stiftung sprechen jeweils zwei Experten, die unterschiedliche Sichtweisen auf das gleiche Thema vorstellen. Dr. Katrin Grüber ist die Leiterin des Instituts. Sie beschreibt den Hintergrund des Themas:

Das Besondere ist, dass die Situation von Menschen im Alter diskutiert wird. Und die Situation von Menschen mit Behinderung diskutiert wird. Wir wollen beide Perspektiven zusammenbringen. Das gibt es zu selten. Wir sehen wichtige Verbindungen, die wollen wir zeigen. Es gibt auch Unterschiede, auch darüber wird diskutiert. Wir glauben, dass das Thema wegen des demografischen Wandels an Bedeutung zunimmt. Menschen werden älter und damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Behinderung erwerben.
 

 
Swantje Köbsell, Alice-Salomon-Hochschule, beim Vortrag, im Rollstuhl neben einer Leinwand sitzend, auf der "Alt werden mit Behinderung" zu lesen ist

Um die Bedingungen für Selbstbestimmung im Alter zu verdeutlichen, stellte Swantje Köbsell von der Alice Salomon Hochschule die Ergebnisse einer Befragung vor, die sie zusammen mit dem ABiD, dem Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland,durchgeführt hat. Dabei wurden fast 60 Menschen in den neuen Bundesländern, die mit einer Beeinträchtigung älter werden, zu ihrem Alltag befragt. Ein Bereich, in dem viele Probleme und Defizite geschildert wurden, ist der Wohnraum:

Tatsache ist, dass viele der befragten Menschen in Verhältnissen leben, die nicht ihrer Beeinträchtigung angemessen sind. Auf jeden Fall konnten wir feststellen, dass die aktuelle Wohnsituation vieler Befragten wirklich problematisch ist. Mit großen Einschränkungen im Alltag. Zum Teil mit noch zusätzlichen gesundheitlichen Problemen. Bei vielen war klar, sie müssten besser gestern als heute umziehen. Aber sie konnten nicht, weil es entweder gar nichts Barrierefreies gab oder nicht in dem Rahmen, den die Menschen zahlen konnten, zu haben war.

Eine umfassende Selbstbestimmung ist in diesem Bereich also nur schwer zu verwirklichen. Die Situation auf dem Land wurde dabei als noch schwieriger beschriebenals in den Städten. Auch durch die umgebende Infrastruktur mit nicht barrierefreien Ämtern und Restaurants oder kaputten Aufzügen beim ÖPNV entstehen viele Schwierigkeiten für ältere Menschen mit Behinderung. Auch eine freie Wahl des Arztes, ein wesentlicher Punkt für Selbstbestimmung, ist oftmals nicht möglich:

So dass tatsächlich vonden Befragten Situationen geschildert worden, so dass man sagen kann, die Grundversorgung ist gefährdet. Der allgemeine Ärztemangel, dann noch verschärft durch fehlende Barrierefreiheit in Kombination mit einer schlechten Infrastruktur beim ÖPNV - also man muss länger fahren, um überhaupt einen Arzt erreichen zu können - ob der dann auch gut ist, ist eine ganz andere Frage – aber auch dann kann es sein, dass er keine geeigneten Untersuchungsgeräte hat oder dass das Personal nicht weiß, was es anfangen soll. Und es wurden auch tatsächlich Diskriminierungserfahrungen geschildert wie "Rollstuhlfahrer behandeln wir nicht", also dass sie wirklich als Patient abgewiesen wurde.

 
Katrin Falk, Institut für Gerontologische Forschung, Berlin, beim Vortrag

Viele Menschen mit Behinderung schaffen sich im Laufe der Jahre ein privates Unterstützungsnetzwerk. Dann helfen Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn oder die persönliche Assistenz. Doch je älter jemand wird, desto kleiner wird dieses Netzwerk, denn Angehörige oder Freunde können sterben oder wegziehen. Um so wichtiger sind die Rahmenbedingungen, die in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Wie diese sich auf Selbstbestimmung im Alter auswirken, hat Katrin Falk vom Institut für Gerontologische Forschung in Berlin untersucht. Natürlich geht es dabei auch um Geld:

Zentral bei den materiellen Bedingungen sind die finanziellen Ressourcen, die nicht nur auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene – wieviel Geld steckt in welchem Etat, was wird insgesamt für die Teilhabe ausgegeben, sondern eben auch auf der individuellen Ebene zentral sind. Wir haben eine "Teilkasko-Pflegeversicherung", die nicht den Bedarf voll abdeckt. Und was man sich selbst beschaffen kann an Leistungen, das hängt zu einem guten Teil von den eigenen finanziellen Mitteln ab. Wenn es mit der Mobilitätshilfe nicht funktioniert, dann ist es hilfreich für die, die ein Taxi nutzen können - sofern es entsprechend ausgestattete Taxis gibt – das Taxi bezahlen zu können.

Selbstbestimmung für den, der es sich leisten kann. Für Katrin Falk ein Beispiel, wie die vorgegebenen Rahmenbedingungen soziale Ungleichheit nicht verringern. Ein weiterer Aspekt der Untersuchung sind die rechtlichen Vorgaben, die für Menschen mit Behinderung eine Rolle spielen. Auch hier wird Selbstbestimmung schwer gemacht:

Gerade was Anspruchsgründe angeht ist das ein Thema, was auch alte Menschen mit Beeinträchtigungen betrifft. Die Frage, wie sie ihre persönliche Lebenssituation einpassen in das, was das Gesetz vorgibt, damit man Leistungen bekommen darf. Genau diese Fragen vom Kampf mit den Behörden und kriegt man eine Rehamaßnahme, muss man Widerspruch einlegen, wer hilft dabei, was macht man, wenn Amtsschreiben kommen und kann man die überhaupt verstehen – das ist ein ganz großes Thema. Zumindest in den sozial benachteiligten Quartieren, in denen wir unterwegs waren, für alte Menschen mit Beeinträchtigung.

Das Friedrichshainer Kolloquium machte deutlich, dass komplette Selbstbestimmung im Alter nur schwer möglich ist. Sowohl die individuellen Voraussetzungen als auch diegesellschaftlichen Gegebenheiten bilden einen Rahmen, der in den meisten Fällen die Möglichkeiten der freien Entscheidung begrenzt. Das gilt natürlich für alle Menschen. Doch für Menschen mit Behinderung sind die Einschränkungen des Alters noch problematischer, weil die finanziellen Ressourcen fehlen.


Das nächste Friedrichshainer Kolloquium findet am 26. September statt. Dann geht es um das Thema "Blicke auf Körper von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung".

 

 

Hörbericht

Podcast in Netzqualität

 

Podcast in Radioqualität

 

Mehr Hören

Ein Kopfhörer als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund

 Weitere Podcasts finden sich in der

 

Info

Mehr zum "Friedrichshainer Kolloquium 2017"