Hörbericht Talkrunde Jörg und Marianne Buggenhagen

Inklusion ist keine Einbahnstraße

Jour Fixe: Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_an einem Tisch sitzend Marianne Buggenhagen neben S. Bussenius neben Jörg Buggenhagen

Am 19. April 2017 waren Ausnahmeathletin Marianne Buggenhagen und Ehemann Jörg Gäste beim Jour Fixe in der Villa Donnersmarck. Von Eheleben im Hochleistungssport sowie den positiven Impulsen des Sports für eine inklusive Gesellschaft erzählten die siebenmalige Paralympionikin und ihr Manager einem interessierten Publikum. 

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Autor: Klaus Fechner reichweiten.net

 

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Jour Fixe Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_Portraitansicht von Marianne Buggenhagen

Marianne Buggenhagen ist die erfolgreichste Leichtathletin Deutschlands. Neun Goldmedaillen, drei silberne und zwei Bronzemedaillen bei den Paralympics – dazu etliche Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. 2016 beendete sie ihre sportliche Karriere, doch nach wie vor engagiert sich die 63-Jährige für soziale Projekte. Im Rahmen der Berliner Stiftungswoche waren sie und ihr Ehemann Jörg Buggenhagen am 19. April 2017 zu Gast beim Jour Fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Bei der gut besuchten Talk-Runde in der Villa Donnersmarck drehte sich alles um die sportliche Laufbahn und um die Aktivitäten des Ehepaares zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung.

Marianne Buggenhagen erinnert sich an ihre Anfänge als Rollstuhlfahrerin im Rahmen des Rehabilitationssports, das war 1977. Und an die positive Wirkung, die der Sport auf sie ausübte, auch bei ihrem Beruf als Krankenschwester:

Da habe ich schon nach kürzester Zeit gemerkt, dass mir der Sport gut getan hat. Also, ich habe gelernt, wie man sich die Hose im Rollstuhl anzieht. Ich habe gelernt, dass mir das Umsetzen viel leichter gefallen ist. Auch bei meiner Arbeit. Ich habe ja damals mit Rehabilitanden gearbeitet. Das ganze Leben fiel mir leichter. Und dann hat man das ausgebaut, weil man mehr wollte. Nicht unbedingt im Sport, aber ich wollte am Leben teilnehmen. Es war ja doch nicht alles so einfach und der Sport hat dazu beigetragen, dass es etwas mir etwas leichter fiel.

 

 
Jour Fixe Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_Portraitansicht von Jörg Buggenhagen

Schnell stellten sich in der DDR Erfolge als Leichtathletin ein. Der Schritt zum Leistungssport erfolgte 1989 mit täglichem Training, mit der Spezialisierung auf die Wurfdisziplinen und einer Arbeitsteilung mit ihrem Ehemann. Jörg Buggenhagen, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, wurde zu ihren "Alltags-Manager":

"Wir haben damals gesagt: Ich bin Hausmann, Manager und manchmal auch netter Ehemann. Die ganze Organisation. Also, wenn es jetzt auf Reisen geht oder um Termine. Die ganzen Veranstaltungen. Das habe ich alles geplant und Marianne musste dann immer nur beim Frühstück fragen, was fällt an heute? Das konnte ich ihr dann alles sagen. Und jetzt machen wir alles mehr gemeinsam und können auch jeden Urlaub jetzt gemeinsam machen."

 

 
Jour Fixe Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_im Gespräch sind Jörg Buggenhagen, Prof. Gudrun Doll-Tepper und Marianne Buggenhagen zu sehen

Ehepaar Buggenhagen im Gespräch mit Kuratoriumsmitglied der Fürst Donnersmarck-Stiftung, Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper (Mitte)

Seit dem letzten Wettkampf bei den Paralympics in Rio bleibt den Buggenhagens also mehr gemeinsame Zeit. Zeit, die sie auch für ihr soziales Engagement nutzen. So tragen zwei Förderschulen den Namen der Sportlerin und sie ist zum Beispiel Schirmherrin des Netzwerkes behinderter Frauen Berlin. Wichtig ist ihnen, den gesellschaftlichen Wert des Sports zu betonen:

Ich denke, gerade im Sport ist die Integration und Inklusion mit am leichtesten durchzuführen. Auch in der Kunst. Wo man einfach alle Menschen, egal wie sie sind und was sie sind, binden kann. Und im Sport spielen natürlich noch andere Faktoren eine Rolle: Durchhaltevermögen, Fairness, auch die Achtung vor anderen Menschen und der Leistung des anderen. Oder es gibt so viel Sportarten, die man gemeinsam durchführen kann. Das finde ich sehr wichtig."

Eine Botschaft liegt ihnen besonders am Herzen. Menschen mit Behinderung sollten sich offensiver in der Öffentlichkeit zeigen. Noch immer gebe es bei vielen Menschen eine Vorstellung.

Generell kann man nicht sagen, dass Rollstuhlfahrer oder Behinderte nichts leisten können. Aber es kommt in der Gesellschaft nicht richtig an. Oder wenn wir auftreten: Oh Gott, das geht ja alles. Also, die Präsenz in der Öffentlichkeit fehlt. Und deswegen sagt Marianne: Wir sollen rausgehen und sagen 'Hallo, hier sind wir und wir können was.' Dann ist es normaler, dass die Behinderten mit in der Gesellschaft sind. Sich nicht rausnehmen, sondern reingehen.

 

 
Jour Fixe Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_Ansicht vom Publikum aus, im Vordergrund links eine Leinwand und rechts die Talkgäste mit dem Moderator

Ein aktives aufeinander Zugehen ermöglicht eine realistische Sichtweise auf Menschen mit Behinderung. Für Jörg Buggenhagen ist Inklusion zudem keine Einbahnstraße. Er beschreibt an einem Beispiel, wie es auch gehen kann:

Dass also die Behinderten nicht in die Regelschulen kommen, sondern dass Schüler ohne Beeinträchtigung in eine Schule gehen, wo Behinderte schon sind. Das beste Beispiel ist in Darlingerode in der Marianne-Buggenhagen-Schule. Da unten im Harz gibt es einen großen Einzugsbereich. Da kommen jetzt schon Eltern mit Kindern, die keine Behinderung haben, sondern zu dick sind und gemobbt werden. Das Positive ist, dass die Integration und Inklusion auch in die andere Richtung geht.

Die sportliche Karriere brachte Marianne Buggenhagen viel Anerkennung. So etwa 1994 die Wahl zur Sportlerin des Jahres und siebenmal das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik. Im Sport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, was Integration und Inklusion angeht, einiges getan – so der Rückblick von Marianne Buggenhagen auf ihre lange sportliche Laufbahn. Beispielsweise habe der Stellenwert und die Aufmerksamkeit für die Paralympics extrem zugenommen. Trotzdem wünscht sie sich noch weitere Fortschritte:

 

 
Jour Fixe Ehepaar Jörg und Marianne Buggenhagen_eine Frau aus dem Publikum schaut sich das Foto auf ihrem Smartphone an, das sie von Marianne Buggenhagen geknipst hat.

Ich habe ja immer einen ganz großen Traum: Warum müssen wir den Behindertensport überhaupt haben? Warum können wir Leichtathleten nicht dem Leichtathletik-Verband angehören und auch die Trainer nutzen? Wir trainieren genau so wie andere. Es gibt ja schon einige Sportarten, wo das stattfindet. Zum Beispiel sind die Handbiker im Radfahrerverband. Warum kann das nicht bei allen Sportarten sein? Natürlich werden wir den Behindertensport immer haben, so bei der Rehabilitation. Es sind ja verschiedene Bereiche. Aber gerade im Leistungsbereich, wenn wir das schaffen würden, dass wir gleich sind. Wir nutzen ja schon die Olympiastützpunkte, wir nutzen ja schon die Trainingsmöglichkeiten. Warum können wir nicht auch die Trainer nutzen? Das wäre ideal, aber ich denke, da sind wir noch eine ganze Ecke von weg.

Ihre Leben als Leistungssportlerin hat sie beendet. Aber der Einsatz für die Belange von Menschen mit Behinderung geht auch in Zukunft weiter. 

 

 

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