Gendergerechte Inklusion

Zwei Frauen im Rollstuhl stehen am Mercedes-Benz-Platz. Im Bildvordergrund hat die Frau ein blaues T-Shirt an und hebt die Hände
 

Hörbericht zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung

Heute am 3. Dezember 2020 ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Das ist ein guter Zeitpunkt, um über die Frage nachzudenken, wie gendergerecht die Inklusion ist. Denn der Artikel 6 der UN-Behindertenrechtskonvention garantiert Frauen mit Behinderung einen besonderen Schutz vor möglichen Formen der Mehrfachdiskriminierung als Frau und behinderte Person (Intersektionalität). In Deutschland wurde dieses Thema erstmals 1985 öffentlich diskutiert. In diesem Jahr veröffentlichten Carola Ewinkel und Gisela Hermes das Buch „Geschlecht: Behindert, besonderes Merkmal Frau“ und setzten damit einen viel zitierten Meilenstein in der Geschichte der deutschen Selbsthilfebewegung.

35 Jahre später ist es Zeit für eine Zwischenbilanz: Für die Fürst Donnersmarck-Stiftung und die Landeszentrale für politische Bildung Berlin hat deswegen Klaus Fechner (reichweiten.net) mit Dr. Sigrid Arnade gesprochen. Sie setzt sich seit Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderung und insbesondere behinderter Frauen ein. Hören Sie hier seinen Beitrag zum Thema "Gendergerechte Inklusion".

Transkription zum Mitlesen

Die UN-Behindertenrechtskonvention bietet in Artikel 6 einen besonderen Schutz vor der Mehrfachdiskriminierung als Frau und als behinderte Person. Doch ist dieser Schutz im Alltag vorhanden? Welche besonderen Diskriminierungserfahrungen haben Frauen mit Behinderung? Und vor allem: Welche Schritte müssen noch gegangen werden bis zu einer wirklich gendergerechten Inklusion?

Diesen Fragen wollte die Berliner Landeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit der Fürst Donnersmarck-Stiftung zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember 2020 mit einer Podiumsdiskussion nachgehen. Infolge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist diese Veranstaltung ausgefallen.

 
Dr. Sigrid Arnade trägt ein lilanes Oberteil. Sie blickt nach rechts unten, auf der Nase hat sie eine Brille. Im Vordergrund steht ihr Namensschild.
 

Um dieses wichtige Thema in der Diskussion zu halten, hat die Fürst Donnersmarck-Stiftung Dr. Sigrid Arnade um ein Interview zum Thema gendergerechte Inklusion und Mehrfachdiskriminierung gebeten. Dr. Arnade ist Sprecherin für die Bereiche Gender und Diversity der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben. Aus ihrer Sicht sind vor allem drei Bereiche besonders bedeutsam.

Das ist schon einmal Ausbildung und Erwerbstätigkeit. Behinderte Frauen bilden immer noch das Schlusslicht auf dem Arbeitsmarkt und sie sind einkommensmäßig benachteiligt. Das ist aber auch das Thema Gewalt. Behinderte Frauen sind sehr stark von Gewalt betroffen – zwei bis drei Mal häufiger als nicht behinderte Frauen. Und es ist das Thema Assistenz und Pflege. Die meisten pflegebedürftigen Menschen sind weiblich und auch in Altenheimen und Pflegeinrichtungen sind ungefähr 80 % der Bewohner weiblich. Wenn wir von Gewalt in der Pflege sprechen, dann geht das meistens um Gewalt in Einrichtungen und da sind die betroffenen Frauen.

In den vergangenen Jahren hat sich einiges zum Besseren entwickelt, so Arnade. In vielen Gesetzen wird nun die weibliche Perspektive mitgedacht. Ein wichtiger Schritt war dafür in Deutschland das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009. Bei den Verhandlungen zur Umsetzung der Konvention war sie als Vertreterin des Deutschen Behindertenrates dabei:

Die Behindertenrechtskonvention hat viel ausgelöst, vor allem bei den Betroffenen selbst. Sie ist ein starkes Empowerment-Instrument. Und die Menschen sind aus der Situation der Bittstellerinnen und Bittsteller herausgekommen. Sie sind jetzt Trägerinnen und Träger von unveräußerlichen Rechten, von Menschenrechten. Sie können hingehen und sagen: Hier, ihr habt das ratifiziert. Das ist mein Recht, nun macht mal.

So konnten viele Verbesserungen der Situation behinderter Mädchen und Frauen durchgesetzt werden. Als praktisches Beispiel nennt sie das Thema sexualisierte Gewalt. In diesem Zusammenhang wurde erreicht,

dass zum Beispiel die Busfahrer, die behinderte Kinder zur Sonderschule bringen oder behinderte Menschen in Werkstätten fahren oder in Einrichtungen bringen, dass die ein besonderes Führungszeugnis brauchen. Weil es bekannt war, dass oft Übergriffe von den Fahrern dieser Beförderungsmöglichkeiten gemacht worden sind.

Ein weiteres wichtiges Feld, auf dem Frauen mit Behinderung Benachteiligungen erfahren, ist das Thema Gesundheit. Auch dazu beschreibt sie ein Beispiel, das viele betroffene Frauen kennen:

Ein großes Problem ist, dass die Frauenarztpraxen oft nicht zugänglich sind. Oder die wenigsten sind es. Und die Untersuchungsstühle sind nicht höhenverstellbar. Das ist alles ein großes Problem. Und dass sich die wenigsten Gynäkologen und Gynäkologinnen auskennen mit Schwangerschaft bei behinderten Frauen. Das ist natürlich ein sehr diverses Thema, weil Behinderung nicht gleich Behinderung ist und es gibt sehr viele Ursachen von Behinderung. Wie verläuft dann die Schwangerschaft? Was ist bei der Geburt zu beachten? Was ist nach der Geburt zu beachten? Da kennen sich sehr wenige aus.

Ein anderer Schwerpunkt möglicher Mehrfachdiskriminierung sind Assistenz und Pflege. Hier sei das Recht auf gleichgeschlechtliche Pflege von besonderer Bedeutung. So sollten sich Frauen, die beispielsweise in einem Pflegeheim vom Pflegepersonal gewaschen werden, für eine weibliche Pflegekraft entscheiden können, wenn sie es wünschen. Besonders wichtig sei diese Wahlmöglichkeit für Vergewaltigungsopfer. Doch noch immer gebe es dieses Recht nicht, obwohl es seit Jahren gefordert wird.

Außerdem fordert Sigrid Arnade Änderungen im Gewaltschutzgesetz, dem sogenannten Wegweis-Gesetz. Darin enthalten: Wenn ein Mann gewalttätig ist, dann hat die betroffene Frau das Recht, dem Mann zu verbieten, sich der gemeinsamen Wohnung oder der Schule der Kinder zu nähern. Doch das Problem dabei:

Dieses Gesetz funktioniert für viele behinderte Frauen nicht. Wenn zum Beispiel der Partner, der gewalttätig ist gleichzeitig der Assistent der Frau ist. Das bedeutet, wenn er weggewiesen wird, steht die Frau ohne Assistenz da. Wenn er bleibt, ist sie weiter der Gewalt ausgesetzt. Da müssten Krankenkassen und Sozialbehörden aktiv werden, um dafür zu sorgen, dass der Täter weggewiesen wird und gleichzeitig die Assistenz der betroffenen Frau sichergestellt wird. Und das übergangslos, ohne dass sie in ein Loch fällt.

Neben den konkreten Vorschlägen zur Verringerung des Risikos einer Mehrfachdiskriminierung von behinderten Frauen, hat sie auch eine generelle Forderung an den Gesetzgeber:

Was ganz, ganz wichtig ist, dass wir es in Deutschland endlich schaffen, den ganzen privaten Sektor zur Barrierefreiheit zu verpflichten. Es ist immer noch so, unsere Behindertengleichstellungsgesetze zielen alle nur auf die staatlichen Stellen. Die staatlichen Stellen und Behörden sind zur Barrierefreiheit verpflichtet. Das hilft aber nichts. Das Leben spielt sich nicht in irgendwelchen Bundesbehörden ab, sondern Zuhause, in der Nachbarschaft, im Kiez und sonst wo. Da ist die Barrierefreiheit nicht verpflichtend. Das ist ein riesiges Problem.

Für Sigrid Arnade sieht am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung die Bilanz im Hinblick auf eine gendergerechte Inklusion der vergangenen Jahrzehnte durchwachsen aus. Vieles hat sich durch verschiedene Gleichstellungsgesetze und die UN-Behindertenrechtskonvention zum Besseren verändert. Trotzdem bleiben noch offene Baustellen: Besonders in den Bereichen Ausbildung, Beruf, Gewaltprävention sowie Assistenz und Pflege.

 
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