Wohn(t)räume praxisnah oder Daheim statt Heim

Vom ersten Lebenstag und durch das ganze Leben wohnen wir

Jour fixe in Villa Donnersmarck

Wohnen bedeutet, einen eigenen Lebensraum zu haben, einen Ort zum Zurückziehen, Erholen und Entspannen, zum Leben der persönlichen Beziehungen. „Wohnen müssen wir alle. Vom ersten Tag nach unserer Geburt bis zum Ende unseres Lebens befinden wir uns in einem Wohnkontext“, so Annemarie Kühnen-Hurlin bei der Begrüßung der Gäste. Wohnen betrifft also alle. „Wenn allerdings die Entscheidung über die eigene Wohnform und den Wohnort nicht selbst getroffen werden kann, wird das Thema politisch“, leitete die Jour fixe - Moderatorin Eileen Moritz den Diskussionsabend ein.

Menschen mit Behinderung und auch Ältere hatten und haben noch immer nicht die gleichen Möglichkeiten, ihre Wohnträume zu verwirklichen. Und um diesen Personenkreis drehte sich die Debatte am Abend des 18. Juni in der Villa Donnersmarck, bei der Podiumsgäste verschiedener Institutionen mit dem Publikum ins Gespräch kamen.
 
Porträt Silvia Schmidt
 
Die Podiumsdiskussion wurde durch Silvia Schmidt, MdB, Behindertenpolitische Sprecherin der Fraktion der SPD und Mitbegründerin der Initiative DAHEIM STATT HEIM, eröffnet. Sie thematisierte die Fortschritte, die seit Inkrafttreten des SGB IX und der Einführung des Persönlichen Budgets gemacht wurden. Aber, - und damit traf sie den Kern der Diskussion – viele Forderungen werden noch nicht umgesetzt. Gerade Menschen mit kommunikativen Einschränkungen und hohem Unterstützungsbedarf können ihr Wunsch- und Wahlrecht, das Recht umzuziehen, noch nicht immer wahrnehmen.

Wie Wohnformen der Zukunft aussehen könnten, stellten Bärbel Combüchen (Fürst Donnersmarck-Stiftung) und Carsten Krüger (Lebenswege) vor. Das aktuellste Projekt der Fürst Donnersmarck-Stiftung, die Neue Mälzerei, besteht in der Realisierung zweier WG`s mit je sieben Appartements, die auch für Menschen mit einem hohen Betreuungsbedarf geeignet sein werden; eine Lösung für Menschen, die von den eigenen vier Wänden mit WG-Anschluss träumen, eine Möglichkeit des Wohnens in eigenen vier Wänden mit gesicherter Assistenz. Bärbel Combüchen dazu: „Wir machen dies Angebot und die Menschen mit Behinderung können diese neue Wohnform gemäß Wunsch- und Wahlrecht annehmen.“ Wenn man so will Abstimmung per Räder.

Carsten Krüger stellte Baupläne des Wohnprojektes Lebenswege für einige barrierefreie Wohnungen in Berlin-Wilmersdorf vor, die nicht nur pragmatischen Richtlinien, sondern auch Wohlfühlkriterien folgen. Gleichzeitig berichtete er von den Schwierigkeiten einer durch Arbeitszeitregelungen beschränkten Organisation von Dienstplänen für Mitarbeiter.

Als Expertin in eigener Sache war Britta Steffens, Qualitätsmanagement der Ambulanten Dienste e.V., die seit ihrem achten Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen ist, gekommen. Sie erzählte die Geschichte ihrer drei Lebens- und Wohnformen: vom Leben mit ihren Eltern und vielen Türschwellen, den Umzug in ein Heim ohne Barrieren und schließlich - mit Unterstützung der Mitarbeiter des Heimes - der Umzug in die eigene, immer erträumte, Kreuzberger Wohnung.
 
Mann im Rollstuhl mit Mikrofon
 
In der Diskussion stellte sich schnell heraus, dass die Forderungen der Podiumsgäste und Zuhörer in vielen Punkten übereinstimmten. Selbstständiges Wohnen in den eigenen vier Wänden und ambulant betreutes Wohnen sind die Lebensformen der Zukunft. Klar ausgesprochen wurde, dass Träger von Heimen natürlich nach wie vor interessiert daran sind, ihre Plätze zu besetzen. Die Ambulantisierung wird jedoch weiter fortschreiten. Denn Wohnen soll in den eigenen vier Wänden stattfinden.
 
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