Pragmatischer Entscheider

Langfassung des Interviews mit Christian Kägel

Ein Mann mit Button "I love Vielfalt" lächelt in die Kamera
 

Gespräch aus dem Februar 2018

 

Sebastian Weinert: Sehr geehrter Herr Kägel, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Würden Sie zu Beginn kurz Ihren Werdegang schildern?

Christian Kägel: Sehr gerne. Nach meinem Abitur im Jahr 1994 und anschließendem Wehrdienst begann ich eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der Debeka in Halberstadt, um – geprägt von meinem Elternhaus – eine fundierte Grundlage für meinen weiteren Lebensweg zu legen. Nach der dreijährigen Ausbildung entschied ich mich, noch ein Studium anzuschließen. Ich arbeitete also noch ein paar Monate und begann im Oktober mein Studium an der Universität in Magdeburg.

Das war für mich eine sehr spannende Zeit, auch weil ich relativ früh den Kontakt mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen suchte. Ich bin natürlich Betriebswirt, habe mich aber beispielsweise auch intensiv mit Geisteswissenschaftlern ausgetauscht. Außerdem begann ich, mich für den interkulturellen Austausch „ikus“, wo wir ausländischen Studierenden eine zusätzliche Unterstützung boten, sowie in der Studierendenvertretung und dem „Market-Team e.V.“ zu engagieren. Letzteres ist eine studentische Initiative, die Projekte von Studierenden für Studierende durchführte – Veranstaltungen, Thementage und vieles mehr. Ich war dort auch im Vorstand aktiv.

Sebastian Weinert: Wie ging es nach dem Studium weiter?

Christian Kägel: Ich habe schon während des Studiums angefangen, in einer Inhabergeführten Werbeagentur zu arbeiten. Ich brachte dort mein betriebswirtschaftliches Know-How ein, beispielsweise im Hinblick auf das Controlling, die Preisfindung und vieles mehr. Schon während des Studiums koordinierte ich Projekte für internationale Werbemaßnahmen, Großflächenwerbung oder ein großes Bauprojekt. Parallel dazu machte ich meine letzten Scheine, schrieb die Diplomarbeit und absolvierte das mündliche Examen. Das lief jetzt nicht so reibungslos wie es klingt, sondern war mit viel Arbeit verbunden.

Seit 2004 arbeitete ich also praktisch Vollzeit für die Agentur. Ich hatte dort wirklich spannende Projekte und habe die Arbeit dort sehr gerne gemacht. Es kam dann aber der Punkt, an dem ich mich fragte, ob ich dieser Arbeit dauerhaft nachgehen möchte. Schließlich bewarb ich mich auf die Stelle als Referent des Vorstandsvorsitzenden und Theologischen Vorstandes der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg.

Sebastian Weinert: Wie sahen Ihre Aufgaben dort aus?

Christian Kägel: Das waren intensive Lehrjahre. Ich sage immer, dass ich dort auch die Aufgabe eines „Feuerwehrmannes“ hatte und immer mit zusätzlichen Aufgaben betraut wurde, die für den Vorsitzenden gerade akut waren.

Beispielsweise wurde ich gleich im ersten Jahr mit der Koordination der Ausgliederung eines Klinikums mit etwa 500 Mitarbeitern beauftragt. Im gleichen Jahr wurde mein Sohn Niklas geboren. Um bei der Geburt dabei zu sein, nahm ich mir Urlaub. Gerade in dieser Zeit wurde dann seitens Stiftungsaufsicht die Ausgliederung umgesetzt. Neben der Geburt meines Sohnes begleitete ich in diesem Jahr also auch die „Geburt“ im übertragenden Sinn einer neuen Organisationseinheit.

Eine zweite große Herausforderung ergab sich während einer etwa einjährigen Vakanz auf der Position des Kaufmännischen Vorstandes. Hier konnte ich den Vorsitzenden gemeinsam mit der Verwaltungsleiterin beim Schließen dieser Lücke unterstützen. Des Weiteren wurde ich früh mit der Vermögensverwaltung der zugehörigen Diakonissenanstalt beauftragt und war damit auch für die Diakonissen im Ruhestand erster Ansprechpartner.

Man sieht also, meine Aufgaben waren ein reiches Spektrum und reichten von der kaufmännischen Begleitung eines Klinikums, Controlling und Wirtschaftsplanung über Qualitätsmanagement, Arbeits- und Brandschutz sowie Satzungsänderungen bis hin zur Verwaltung der zugehörigen Diakonissenanstalt.

Sebastian Weinert: Wie lange blieben Sie denn in Magdeburg?

Christian Kägel: Insgesamt fünf Jahre.

Sebastian Weinert: Danach ging es nach Dresden?

Christian Kägel: Genau. Dort übernahm ich die Stelle „Leitung Verwaltung, Organisation und Personal“ des Diakonischen Amtes Sachsen. Hier profitierte ich sehr von meiner Rolle als Allrounder in Magdeburg, weil wieder viele direkte und indirekte Aufgaben aus dieser Zeit auf mich zukamen. Als Verwaltungsleiter war ich verantwortlich für Personal, Organisation und IT. Außerdem leitete ich das Finanz- und Rechnungswesen: Jahresabschlüsse, Wirtschaftsplanung, Liegenschaften – alles was dazu gehört.

Ich hatte also ähnliche Aufgaben wie bei den Pfeifferschen Stiftungen, aber nun mit größerer und direkter Verantwortung insbesondere Personalführung. Auf die Lehrjahre folgte die Meisterprüfung. Ein für mich neues Aufgabengebiet war beispielsweise die Begleitung der Ambulanten Dienste im Diakonischen Werk Sachsen bei den Entgeltverhandlungen. Hier erzielten wir auch wirklich gute Ergebnisse.

Sebastian Weinert: Wie kamen Sie schließlich zur Fürst Donnersmarck-Stiftung?

Christian Kägel: Die Arbeit beim Diakonischen Werk Sachsen war spannend und hat mir viel Freude gemacht. Allerdings fehlte mir ein bisschen die unmittelbare Verantwortung für das operative Geschäft. Auf Verbandsebene muss man immer Kompromisse zwischen Mitgliedern und Liga-Ebene eingehen, immer unterschiedliche Interessen der verschiedenen Verbände zusammenführen und hat weniger direkten Gestaltungsspielraum. Als Kaufmännischer Leiter, bin ich nun deutlich näher an unserer eigentlichen sozialen Arbeit als auf Verbandsebene, auch wenn ich nicht unmittelbar am Betreuungsprozess beteiligt bin. Zumindest mittelbar sozial-tätig zu sein war mir aber immer wichtig. Deswegen bin ich auch damals von der Werbeagentur zu den Pfeifferschen Stiftungen gegangen.

Sebastian Weinert: Gerade bei der Umsetzung und Steuerung neuer Projekte sind Sie jetzt natürlich viel direkter beteiligt als auf Verbandsebene, auf der man eher politisch agiert.

Christian Kägel: Das war es, das mich an der Stelle bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung besonders reizt. Wir sind eine sehr komplexe Organisation, die immer wieder als Vorreiter agiert – von ihrer Gründung mitten im Ersten Weltkrieg bis hin zu den aktuellen Projekten wie dem P.A.N. Zentrum, den WmI´s oder auch dem Peer-Counselling in der Villa Donnersmarck, das wir zwar schon lange betreiben, nun aber im Kontext der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) eine neue Bedeutung erhalten wird.

Das ist eine Breite an Themenfeldern, die mich beeindruckte. Die Stiftung öffnet neue Wege und schließt Lücken in der Versorgungsstruktur. Hier habe ich auch das Gefühl, mich selbst noch weiterentwickeln zu können.

Sebastian Weinert: Die Stiftung etabliert mit ihren Projekten neue Rahmenbedingungen, Organisations- und Finanzierungsmodelle, die Modellcharakter haben.

Christian Kägel: Das ist es, was ich meine. Wir schaffen Angebote, die in die Gesellschaft hinein wirken und einen gesellschaftlichen Wandel vorantreiben. Ich hoffe, dass dies auch allen Kolleginnen und Kollegen bewusst ist, die täglich im P.A.N. Zentrum, im Ambulanten Dienst oder dem Ambulant Betreuten Wohnen sowie der Villa Donnersmarck und unseren Hotels arbeiten. Wir leisten hier nicht nur einen Beitrag für eine gute Betreuung der Klienten, sondern auch einen gesellschaftlichen Beitrag – dies gilt mittelbar natürlich auch für die Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung und Hausverwaltung.

Sebastian Weinert: Gleichzeitig fördern wir die Selbstständigkeit und Teilhabe der Klienten soweit es eben geht – im besten Fall so weit, dass sie wieder völlig selbstständig leben können.

Christian Kägel: Das ist ein Bild der modernen Behindertenhilfe, das ich sehr gut finde. Die Gesellschaft hat sich inzwischen von der Fürsorge hin zur Anwaltschaft, zur Begleitung der Klienten weiterentwickelt. Wir fragen, wir unterstützen. Das ist unsere Aufgabe.

Sebastian Weinert: Wann hatten Sie denn das erste Mal Kontakt mit Menschen mit Behinderung?

Christian Kägel: Das war in meiner Ausbildungszeit. Im Rahmen einer ökumenischen Gemeinschaft organisierten wir Projekttage in einer Einrichtung der Lebenshilfe in Straßfurt. Das war eine schöne Erfahrung, bei der ich viel über den Umgang mit Menschen mit Mehrfachbehinderung lernte.

Sebastian Weinert: Kommen wir nochmal zurück zu Ihren ersten Monaten bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Ich habe den Eindruck, Sie sind inzwischen bei uns angekommen.

Christian Kägel: Ja, auf jeden Fall. Ich bin gerne hier.

Sebastian Weinert: Würden Sie sich für uns nochmal an Ihre ersten Monate zurückerinnern?

Christian Kägel: Es gab ja keinen direkten Übergang von Frau Stommel auf mich, sondern eine etwa zweimonatige Übergangsperiode. Das war für mich eine gute Erfahrung, insbesondere da es in der Anfangszeit noch jemanden gab, der mir einen ersten Eindruck von der Organisationskultur der Stiftung vermitteln konnte.

Gleichzeitig hat mich Frau Stommel, die diese Stiftung ja über Jahrzehnte hinweg mitprägte, von Anfang an intensiv in ihre Leitungstätigkeit einbezogen. Das hat Klarheit geschaffen und eine sehr produktive Dynamik entwickelt.

 
Christian Kägel und Elke Stommel lächeln in die Kamera
 

Sebastian Weinert: Wenn wir jetzt nochmal gemeinsam nach vorne schauen: Was sind Ihre nächsten Ziele in der Fürst Donnersmarck-Stiftung?

Christian Kägel: Das wesentliche Ziel ist, aus meiner Sicht, mit dem Geschäftsführer die inhaltliche Fortführung der bisherigen Arbeit weiter auszugestalten: Die Verselbstständigung unserer Klienten zu fördern, auf gesellschaftlich-politischer Ebene unsere Themen voranzubringen, aber natürlich auch strukturelle oder strategische Fragen anzugehen.

Auf meiner kaufmännischen Ebene geht es mir zunächst darum, unsere Verwaltungsprozesse weiter zu optimieren. Ich möchte zusammen mit Frau Hanisch und Herrn Rubert unser Controlling weiterentwickeln, die Personal- und Lohnbuchhaltung mit Herrn Zimmer weiterbringen und  mit Herrn Gerlach unsere IT-Infrastruktur auf die Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung vorbereiten und vieles mehr.

Dabei möchte ich den Baum aber nicht ausreißen, um herauszufinden, ob seine Wurzeln noch gesund sind. Mir ist wichtig zu verstehen. Aber ich beobachte auch stetig und stelle kritische Fragen. Das ist meine Philosophie.

Ich verstehe es als meine Aufgabe, immer wieder den Finger auf kritische Punkte zu legen und damit zu einer Weiterentwicklung der Organisation beizutragen – und zwar immer vor dem Hintergrund meines christlichen Weltbildes. Mich beschäftigt die Frage, wohin wir uns als Menschen, als Stiftung und als Gesellschaft bewegen.

Sebastian Weinert: Wie prägt denn Ihr christliches Weltbild Ihre Arbeit?

Christian Kägel: Im Umgang miteinander. Ich bin hart in der Sache, aber dem Menschen wertschätzend gegenüber. Wir können intensiv miteinander diskutieren. Aber am Ende finden wir einen Weg zu einem Konsens oder Beschluss und können uns auch weiterhin wertschätzen. Gerade weil wir miteinander diskutieren können, kann ich mein Gegenüber als wertvolle Person mit eigener Meinung anerkennen.

Sebastian Weinert: Erkenntnis entsteht nicht aus Konsens.

Christian Kägel: Ganz genau.

Sebastian Weinert: Kommen wir zum Abschluss: Wie entspannen Sie privat sich nach der Arbeit?

Christian Kägel: Das ist ganz unterschiedlich. Ich lese gerne, habe eine kleine Bibliothek von belletristischen Werken über Fachliteratur bis hin zu Klassikern wie Platons Dialoge.

Vor allem genieße ich aber die Zeit mit meinem Sohn. Wir spielen gemeinsam Fußball, fahren Fahrrad, bewegen uns. Das ist mir und uns als Familie sehr wichtig.

Sebastian Weinert: Sehr geehrter Herr Kägel, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre Arbeit viel Fortune!

 
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