Podcast Jour fixe Über Lebenswege

Transkription - der Text zum Mitlesen: Jour Fixe: Über Lebenswege

Silja Korn beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck

Was habe ich davon, wenn immer die Nichtbehinderten es tun. Ich möchte auch dabei sein. Natürlich bin ich in keiner Partei drin. Aber trotzdem möchte ich mit meinem Wirken, mit dem was ich mache, in die Öffentlichkeit gehen, als Erzieherin, Künstlerin, Mutter und so weiter, möchte ich dazu beitragen, dass die Gesellschaft offener wird.

Das sagt Silja Korn. Sie ist Berlins erste staatlich anerkannte blinde Erzieherin. Beim Jour Fixe der Fürst Donnersmarck Stiftung am 4. Dezember 2013 – nur einen Tag nach dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung - beschreibt sie ihren Lebensweg. Genau so wie der nach einem Unfall querschnittsgelähmte und darum im Rollstuhl sitzende Reisejournalist Dominik Peter. Beide üben mit Blick auf ihre Behinderungen eher ungewöhnliche Berufe aus. Dominik Peter war schon vor seinem Unfall Reisejournalist:

 
Dominik Peter beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck

Eine Medaille hat immer zwei Seiten. Man sagt damit, dass es eine gute und eine schlechte Seite gibt. Bei mir gibt es zwei Seiten und keine ist die schlechte Seite. Mein Leben vorher war als Fußgänger und mein Leben nach dem Unfall ist ein Rollstuhlfahrer. Und wenn ich zurückblicke, es sind jetzt 15 Jahre, dann bin ich total froh, dass ich beide Seiten erlebe. Weil es gibt mir ganz viele Facetten eines Lebens mit, die ich vorher nie so erlebt hätte.

Allerdings hat er nach seinem Unfall einige Jahre benötigt, um diese positive Einstellung zu erlangen. Doch dann knüpfte er an alte Kontakte an und nahm seine Tätigkeit wieder auf. Dabei traf er auf Bedenken in verschiedenen Redaktionen, ob er denn die Reisestrapazen bewältigen könne. Aber er traf auch auf Unterstützung.

Als ich dann auf die Zeitungen zugegangen bin und gesagt habe, ich nehme meinen Beruf wieder auf. Dass es sehr viel an einzelnen Menschen hängt, auf die man trifft, die keine Berührungsängste haben, die sagen: okay, das probieren wir. Ob es klappt, werden wir sehen. Das war bei mir auch so. Ich hatte zwei Zeitungen, die haben sich darauf eingelassen. Haben gesagt, mach mal und fahr da mal hin. Die Kunden habe ich heute noch.

Südafrika, Thailand, Vietnam, USA – Dominik Peter kommt viel rum. Dabei begleiten ihn moderne Hilfsmittel wie zum Beispiel ein faltbarer Duschrollstuhl. Der Journalist braucht aber auch mehr Zeit als seine Kollegen, weil er auf seinen Reisen Erholungstage einplanen muss und daher länger vor Ort ist. Dadurch lernt er allerdings die Länder besser kennen, kann länger mit den Menschen reden und seine Reportagen werden intensiver. 
Viel reden muss auch Silja Korn bei ihrer Arbeit. Als Erzieherin hat sie täglich mit Kindern zu tun. Ein Berufswunsch, den sie schon als junges Mädchen hatte. Prägend waren ihre eigenen Erfahrungen in einer Blindenschule. Diese musste sie besuchen, nachdem sie als Kind einen Unfall hatte und ihre Sehkraft verlor. Nach einem Praktikum in einem Kindergarten konnte sie die Ausbildung zur Erzieherin beginnen:

Mein Glück war, dass ich eine Lehrerin an der Erzieherfachschule hatte, die sich für das Thema Integration interessierte. Sie hat alles dafür getan, dass ich diese Ausbildung beenden konnte. Da gab es auch Lehrer, die es nicht wollten, die es auch nicht unterstützt haben. Das hieß ja für sie, wenn sie im Unterricht etwas an die Tafel schreiben, dann müssen sie es laut mitsprechen. Und sie mussten mit planen, was ich in Punktschrift benötige. Diese Mehrarbeit wollten sie nicht.

Nach der Ausbildung spezialisierte sie sich auf das Thema Sprache. Jetzt arbeitet sie besonders mit Kindern, die eine Sprachförderung benötigen. Unterstützt wird sie von einer Arbeits-Assistenz, die ihr zum Beispiel bei der Vorbereitung hilft, bei der Auswahl von Büchern oder Spielen:

Sie mischt sich nicht in meine pädagogischen Sachen ein. Da hält sie sich zurück. Sie sagt mir vielleicht im Nachhinein, wenn ein Kind Faxen macht und ich das nicht mitbekomme. Sie hat mitbekommen, dass ich sehr viel selber mache. Das ist eine ganz tolle Sache, diese Arbeits-Assistenz. Das ist sehr wichtig und sollte man versuchen, zu bekommen.

In ihrer Freizeit malt sie, hat mit ihren Bildern auch Ausstellungen. Für Silja Korn ist ganz wichtig, dass jeder – egal, ob mit oder ohne Behinderung – versucht, seinen Berufswunsch zu erfüllen. Auch wenn von Behörden oder Verwaltungen Bedenken kommen. Das sieht auch Dominik Peter so, der zusätzlich zu seinem Beruf als Reisejournalist auch Vorsitzender des Berliner Behinderten-Verbandes ist:

Es gibt bestimmte Fähigkeiten, die einerseits mit einer Behinderung zusammenhängen, andererseits aber auch mit der Persönlichkeit. Und heutzutage, muss ich sagen, sehe ich keinen Grund mehr, wenn jemand meint, zu diesem Beruf berufen zu sein, dass er es dann – mit einer Arbeitsassistenz, die wir ja beide auch haben – sowas nicht erreichen kann. Er muss es dann wirklich nur wollen.

 
Gesprächsrunde beim Jour fixe Über Lebenswege mit Dominik Peter (links), Sean Bussenius und Silja Korn

Erzieherin Silja Korn und Reisejournalist Dominik Peter. Sie sind ihren Weg gegangen – nicht trotz, sondern mit ihrer Behinderung.

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Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net

 

 

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