BEIM KIEZFEST MITTENDRIN

Im Berliner Bezirk Pankow hat die Fürst Donnersmarck-Stiftung 2010 das Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI) eröffnet. 16 Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf, die rund um die Uhr betreut werden, leben in ihren eigenen Appartements in der sogenannten "Alten Mälzerei".

Durch sozialräumliches Arbeiten ein inklusives und möglichst nachhaltiges Projekt öffentlich zu präsentieren, war Ziel unserer Überlegungen zur Teilnahme am 6. Kiezfest in der benachbarten Florastraße. Wir wollten im Kiez sichtbar werden und mit Nachbarn in Kontakt kommen. Dabei waren die Klienten aktiv an der Planung und Umsetzung beteiligt.

Es sollte nicht darum gehen mit erhobenem Zeigefinger auf Schwierigkeiten und mangelnde Barrierefreiheit hinzuweisen. Denn es war und ist uns wichtig, den Kontakt von Anfang an positiv zu gestalten, auf Möglichkeiten und Ressourcen für Menschen mit Behinderung im Kiez hinzuweisen und diese zu erweitern.

 

Aktive Beteiligung der Klienten

5 Männer und Frauen sitzen diskutierend an einem Tisch

Klienten und Mitarbeiter des WmI bildeten eine Arbeitsgruppe (AG) Sozialraum. Gemeinsam entwickelten sie erste Ideen zur Teilnahme am Kiezfest. Dafür hatten sich die Klienten mehrheitlich ausgesprochen. Dieses Fest wird seit sechs Jahren von Anwohnern und Geschäftsleuten initiiert.

Als Vorbereitung wurde eine Übersicht aller Orte, welche sich auf der Florastraße befinden, erstellt. Zudem wurden alle anderen Klienten und Mitarbeitenden des WmI sowie die Mitarbeitenden des Ambulanten Pflegedienstes (welche im Rahmen der zusätzlichen Betreuungsleistungen nach §45b SGB Xl mit vielen Klienten im Sozialraum unterwegs sind) mit einbezogen. Außerdem besuchten drei Klienten aus der AG das Kiezfest 2013 und gaben ihre Eindrücke und Anregungen anschließend an die Arbeitsgruppe weiter.

Die Arbeitsgruppe traf sich einmal monatlich in der Wohngemeinschaft oder in verschiedenen Restaurants im Kiez. Im Rahmen der regelmäßigen Treffen wurde unter anderem vereinbart, welche Klienten welche Orte besuchen und anschließend bewerten, mit dem Ziel bis zum Frühjahr 2014 die Geschäfte und Restaurants in der Florastraße kennenzulernen, deren Barrierefreiheit einzuschätzen und in Kontakt zu kommen.

Da die räumliche Barrierefreiheit in Pankow aufgrund der alten Häuser, in denen viele Geschäfte und Restaurants eingemietet sind, begrenzt ist und nur bedingt (z.B. durch Rampen) erweitert werden kann, wollten wir den Fokus auch auf die Haltung und Offenheit der Menschen im Kiez legen.

Ziel war es, dem Inklusionskonzept folgend, wie jeder andere Besucher auch, am Kiezfest teilzunehmen, in Kontakt zu kommen und eine gute gemeinsame Zeit zu haben. Keinesfalls wollten wir als separate Gruppe auffallen.

 

Brücken bauen

Wir wollten eine Brücke zu den Geschäftsleuten und Nachbarn im Kiez bauen und den Menschen zeigen, dass wir aktiv in unserem Wohnumfeld unterwegs sind, dass wir Orte erprobt haben und unsere Erfahrungen teilen möchten.Unser Anliegen war es, uns auch bei den allgemeinen Vorbereitungen des Kiezfestes aktiv einzubringen.

Im April erfolgte ein erstes gemeinsames Vorbereitungstreffen der mitwirkenden Geschäftsleute und Privatpersonen. An diesem Treffen nahmen eine Mitarbeiterin und ein Klient der Wohngemeinschaft teil. Bereits im Vorfeld war großes Engagement spürbar, um die Teilnahme des Klienten realisieren zu können. Da der Veranstaltungsraum nicht barrierefrei war, wurde von den Geschäftsleuten eine Rampe organisiert.

Es wurde vereinbart, dass der Klient und die Mitarbeiterin der Wohngemeinschaft an einer Unterarbeitsgruppe mitwirken. Da die Räumlichkeiten der teilnehmenden Geschäftsleute nicht barrierefrei waren, wurden diese zu den Treffen der Unterarbeitsgruppe in die Wohngemeinschaft eingeladen. Die Treffen gestalteten sich sehr positiv und ermöglichten uns eine aktive Beteiligung und die Übernahme einzelner Aufgaben, aber auch eine gute Möglichkeit, mit den Geschäftsleuten in Kontakt zu kommen.

Dazugehören und wohlfühlen

Im Rahmen der AG Sozialraum wurden sehr engagiert Ideen zur Gestaltung und zum Motto des Aktionstags besprochen und weiterentwickelt. Die Aussage der Klienten, die transportiert werden sollte, war: “Wir sind dabei und fühlen uns in Pankow sehr wohl!”

Unsere Ideen stellten wir regelmäßig den Leitenden und der Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit vor und diskutierten diese. Es waren viele Abstimmungen erforderlich, um die Interessen der Klienten und Mitarbeitenden des WmI mit denen des Trägers zusammenzubringen.

Zusätzlich hatten wir innerhalb der AG Sozialraum einen Stand geplant, an dem sich die Stiftung (insbesondere das WmI) zum Kiezfest Florastraße vorstellte. Dort sollte die Sozialraumkarte auf einem Whiteboard präsentiert und Erfahrungen ausgetauscht werden. Die Karten zu den einzelnen getesteten Orten wurden zur Ansicht ebenfalls bereitgestellt. Zusätzlich wurde ein Plakat zur Vorstellung des Projekts erstellt.

Als “Eyecatcher” wurden großformatige Plakate gestaltet, die Portraits von Klienten zeigten. Unter den Portraits standen Zitate der Einzelnen, die verdeutlichten, warum sie gerne in Pankow leben und sich hier wohlfühlen.

Mitmachaktionen gegen Hemmschwellen

In der AG haben wir über weitere, attraktive Angebote nachgedacht, die den Besuchern Spaß machen und Interesse wecken sollten, aber auch auf die behinderungsbedingten Einschränkungen und Schwierigkeiten von Menschen mit erworbener Hirnschädigung hinweisen und diese im Ansatz erfahrbar machen:

  • Rollstuhlparcours

    Der Rollstuhl-/Geschicklichkeitsparcours war in 5 Stationen unterteilt. Der Fokus lag hier sowohl auf dem Umgang mit dem Rollstuhl als auch in der Ausführung alltäglicher Tätigkeiten mit einem Arm / einer Hand.

    Bei vielen Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung treten in der Folge Lähmungserscheinungen auf. Häufig ist eine Körperseite betroffen (Hemiparese). Menschen mit erworbener Hirnschädigung können daher nur eine Körperhälfte nutzen – dies sollte simuliert werden. Um die Teilnehmer nicht zu überfordern bzw. zu gefährden, durften sie beide Hände zum Fahren mit dem Rollstuhl benutzen.

    An den einzelnen Stationen gab es Hinweisschilder zur Vorgehensweise. Der Parcours wurde so gestaltet, dass die Vorbereitungszeit gering und die Nutzung für die Besucher abwechslungsreich und interessant war.

    Der Rollstuhlparcours wurde besonders von Kindern und Jugendlichen intensiv genutzt. Teilweise absolvierten ihn auch Erwachsene. Die Kinder schienen zunächst sehr begeistert. Auf Nachfrage sagte ein Mädchen: „Für immer möchte ich aber auch nicht im Rollstuhl sitzen.“

  • „Heißer Draht“

    Nach Rücksprache mit den Delphin Werkstätten (WfbM) bestand die Möglichkeit einen “Heißen Draht” auszuleihen. Dieser wurde extra für unseren Aktionstag umgebaut, da vor Ort kein Stromanschluss vorhanden war. Auch dieses Angebot wurde von den Besuchern des Kiezfestes gut genutzt!

  • „Grabbelkisten“

    Zusätzlich fertigten die Mitarbeitenden gemeinsam mit den Klienten zwei „Grabbelkisten“, um unterschiedliche Tastspiele anzubieten:

    1. Tastschachtel (6 Gegenstände): gefüllt mit Schredderpapier und verschiedenen Gegenständen, die ertastet und erraten werden mussten z.B. Tannenzapfen, Matchboxauto, Baumrinde etc.
    2. „Paare finden“: je zwei gleiche Gegenstände, z.B. Muscheln, Wäscheklammern, Walnüsse, Löffel, Massagebälle

Auch dieses Angebot nahmen die Besucher gut an. Besonders die Kiste, die in Form der “Alten Mälzerei” gestaltet war, zog viele Blicke auf sich.

Unser Stand war während des gesamten Festes gut besucht, viele Menschen interessierten sich für unser Projekt und nutzten die Aktionen, bei denen es auch Preise zu gewinnen gab. Der Stand wurde jeweils für eine Stunde von einem Mitarbeiter und einem Klienten betreut, beide unterstützten die Besucher bei den Mitmachaktionen, standen aber auch für Fragen und Gespräche zur Verfügung.

„Es war ein schöner Tag und ich finde das WmI hat sich auf dem Kiezfest perfekt präsentiert, ein voller Erfolg, denke ich. Aber dass es erfolgreich werden musste, sah man schon daran mit welcher Freude der Stand aufgebaut wurde. Jeder war mit Elan dabei."
(Zitat eines Klienten)

Resümee

Die Klienten, die Mitarbeitenden der Arbeitsgruppe, aber auch die Kollegen trugen mit ihrem Engagement zum Gelingen des Aktionstages bei. Die Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe gestaltete sich demokratisch, sehr produktiv und äußerst positiv. Wir alle profitierten von diesen Erfahrungen, indem wir gemeinsam an einem Ziel arbeiteten und die Ressourcen der Einzelnen dabei nutzen konnten. Dennoch ist ein solches Projekt mit Menschen mit schweren Behinderungen aufgrund der Komplexität nur in Begleitung von Mitarbeitenden möglich. Insbesondere finanzielle und personelle Begrenzungen, aber auch die Vereinbarung der verschiedenen Interessen, stellten uns während des gesamten Prozesses immer wieder vor Herausforderungen. Insgesamt hat sich die Arbeit aber gelohnt!

Saskia Balke, Sozialarbeiterin

 
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