In der Hotellerie sind die Menschen wichtig

Langfassung des Interviews

Ein Mann steht lächelnd auf einer Wiese vor einem Hotelgebäude

Stefan von Schlotheim, Geschäftsführer der FDS Hotel gGmbH

Stefan von Schlotheim ist seit dem 1. Mai 2018 der neue Geschäftsführer der FDS Hotel gGmbH. Damit löste er die bisherige Geschäftsführerin Elke Stommel, die in den Ruhestand gegangen ist, ab.

 

 

Ursula Rebenstorf: Herr von Schlotheim, Sie haben zuletzt bei Kempinski gearbeitet und Sie sind Österreicher. Was möchten Sie über Ihren Werdegang erzählen?

 

Stefan von Schlotheim: Ich bin deutsch-österreichischer Doppelstaatsbürger. In Österreich bin ich aufgewachsen und in die Schule gegangen. Als Jugendlicher war ich bei einer sehr großen Freiwilligen Feuerwehr mit 15 Fahrzeugen und 130 Mann sehr sozial engagiert. Ich habe dann nach meiner Matura- oder Abitur wie es in Deutschland heißt- meinen Militärdienst im Militärspital gemacht und dort eine Ausbildung als Rettungssanitäter begonnen. Später, während meiner beruflichen Tätigkeit, die ich nur in Deutschland hatte, habe ich ehrenamtlich bei den Maltesern im Rettungsdienst und im Katastrophenschutz weitergearbeitet. Meine soziale Kompetenz ist ganz wesentlich von diesen Erfahrungen geprägt. Meine berufliche Karriere habe ich im Hotel Adlon in Berlin angefangen. Mit Kempinski bin ich immer wieder weitergezogen: Nach München, Bulgarien, Dresden und dann wieder zurück nach Berlin in das Kempinski am Ku'damm. Dort war ich immer in der Verwaltung mit dem Schwerpunkt Vertrieb tätig und dafür zuständig, dass die jeweiligen Hotels mit dem richtigen Preis und Kostenstruktur voll werden.

 

Ursula Rebenstorf: Nebenberuflich und ehrenamtlich Rettungssanitäter und hauptberuflich Hotel - Sales Manager - Wie verbinden Sie beide Welten?  

 

Stefan von Schlotheim: In die Welt der Luxushotellerie kommen wahnsinnig reiche Gäste. Gerade in Bulgarien ist mir das aufgefallen. Parallel dazu kenne ich die Welt der Hilfsbedürftigen. Da wollte ich irgendwas zurückgeben. Klar, Rettungssanitäter ist auch spannend, gerade im jugendlichen Alter kann man sich beteiligen, sieht etwas, kommt viel rum. Aber es gibt auch gewisse Risiken und Gefahren für einen selbst und man erfährt und erlebt sehr drastische Schicksalsschläge. Beruf und Ehrenamt habe ich immer getrennt. Daher konnte ich dementsprechend in jede der beiden Rollen hineinschlüpfen.

 

Ursula Rebenstorf: Ihre Ausbildung hat im Hotel Adlon begonnen?

 

Stefan von Schlotheim: Stimmt nicht ganz, in Österreich habe ich eine Hotelfachschule besucht und meine erste Festanstellung war im Adlon.

 

Ursula Rebenstorf: Adlon und Kempinski sind namhafte Hotels. Gab es auch mal z.B. den Landgasthof als Praktikum während der Ausbildung oder gelang Ihnen gleich der große Sprung?

 

Stefan von Schlotheim: In Frankreich habe ich in der Küche und im Service in einem ehemaligen Priesterseminar gearbeitet, das ältere Menschen auf Rundreisen zu Gast hatte. Das habe ich als Sommerpraktikum in den Rhône-Alpen gemacht. Dann hatte ich Glück - das gehört auch zum Leben dazu - gleich in relativ namhafte Hotels zu kommen. In Bulgarien war es ebenso kein Landgasthof, sondern ein Ski-Ressort-Hotel, welches zu den Leading Hotels of the World gehörte.

 

Ursula Rebenstorf: Sprechen Sie bulgarisch und wie lange waren Sie in Bulgarien?

 

Stefan von Schlotheim: Ein paar Wörter, die zum Einkaufen reichen. Ich war ein gutes Jahr dort. Die Dienstsprache unter den Mitarbeitern war Englisch.

 

Ursula Rebenstorf: Im Kempinski haben Sie in der Verwaltung und im Vertrieb gearbeitet. Was konkret haben Sie da gemacht?

 

Stefan von Schlotheim: Alle Aktivitäten, die im Vertrieb notwendig sind, über Marketing, PR, Öffentlichkeitsarbeit, Printmedien, Messe besuchen, aber auch Klinken putzen, um dementsprechend neue Geschäftskunden, aber auch Reiseveranstalter zu akquirieren. Neben Teamführung war das meine Hauptaufgabe. Meine Abteilung ist gewachsen und zu guter letzt waren dann sechs Mitarbeiter in diesem Team, die diese Aktivtäten gesteuert haben. In meinem Haus in Dresden konnte ich auch noch einen sogenannten Sidestep machen. Mein Hoteldirektor hat mir gesagt, um auch mal Hoteldirektor werden zu können, sollte ich neben den bereits erworbenen Kompetenzen die Teamführung des Frontoffices (Empfang, Concierge, Wagenmeister) kennenlernen. Über ein Jahr lang habe ich dort auch die Frontoffice-Abteilung geleitet, um wirklich auch noch mal am Gast zu sein und andere Strukturen zu erfahren. Dieser Abteilung ist sehr personalintensiv. Es gibt wahnsinnig starke Reglements, von Prozessen über Sprachregelungen, vom Check-in (Anreise) bis zum Check-out (Abreise). Diese Prozesse sind etwas Besonderes, wo man jeden Einzelnen schulen und in gewisser Art und Weise die Mitarbeiter heranziehen musste, um die hohen Standards und Kriterien des Hauses einzuhalten.

 

Ursula Rebenstorf: Sind die Auflagen in einem namhaften Hotel strenger als in anderen Hotels?

 

Stefan von Schlotheim: Wenn Hotels zur 'Leading Hotels of the World' gehören, sind da auch gewisse Kriterien, die eingehalten werden müssen. Zum Beispiel, das sogenannte Rooming, wenn man den Hotelgast eincheckt und auf das Zimmer begleitet: Wenn der Gast das wünscht, erklärt das Personal alles, vom Fernseher bis zur Minibar. Das ist in den FDS Hotels auch vorhanden, aber etwas anders.

 

Ursula Rebenstorf: Für einen Hoteldirektor sind Sie noch ziemlich jung. Wie alt sind Sie?

 

Stefan von Schlotheim: Ich bin 35 Jahre alt.

 

Ursula Rebenstorf: Sie haben sehr viele Stationen, Arbeitsbereiche und auch diverse Führungsaufgaben passiert. Ist das normal für eine Hotelkarriere oder liegt das Ihnen einfach?

 

Stefan von Schlotheim: Wenn man sich dahinterklemmt und sich engagiert kann man relativ schnell Karriere machen. Das ist eine Besonderheit der Hotellerie. Es gibt auch einen Richtwert, dass, wenn man ein gewisses Alter erreicht, aber nicht eine gewisse Position innehat, man auch nicht mehr weiterkommt. Leider. Es kommt auf diese Dynamik an. Man muss sehr schnell sein, einen hohen Ehrgeiz haben, nicht stehenbleiben und innovativ sein. Einen Spruch, den es in der Hotellerie definitiv nicht gibt oder der nicht akzeptiert werden kann, ist 'das haben wir schon immer so gemacht‘. Gerade den Gästen muss man immer etwas Neues bieten. Aus diesem Grund sind auch in der Hotellerie Wechsel notwendig. Jeder bringt etwas anderes ein, es werden immer wieder neue Kompromisse geschaffen und neue Ideen kommen auch in die Hotels oder in die Unternehmensstruktur rein.

 

Ursula Rebenstorf: Wie kamen Sie zur Fürst Donnersmarck-Stiftung? Haben wir Sie gefunden oder Sie uns?

 

Stefan von Schlotheim: Man hat mich gefunden. Das war ein interessanter Prozess. Ein Headhunter hat mich angesprochen und zwar eigentlich zwei Monate zu früh. Ich wollte mich nach dem Master, den ich Ende Januar abgegeben habe, umschauen und neue Herausforderungen annehmen. Der Headhunter kam mir zuvor. Die Gespräche waren äußerst positiv. Das Angebot fand ich auch durch mein soziales Engagement toll, denn nach der Spitzenhotellerie wollte ich in der Hotellerie bleiben, aber eher etwas Branchenverwandtes finden. Jetzt bin ich weiterhin in der Hotellerie, aber doch mit einem anderen Aspekt. Das fand ich eine spannende und schöne Herausforderung, die ich annehme und der ich mich auch gerne stelle. Den Umgang mit Menschen mit Behinderung oder Behinderungen nehme ich an und habe auch dafür ein gewisses Verständnis. Die Hotelprodukte der FDS Hotel gGmbH sind sensationell. Wenn man die mit der Qualität von anderen 5-Sterne-Häusern vergleicht, ist gerade Rheinsberg mit den Kunstobjekten beachtlich.

 

Ursula Rebenstorf: Zählen Sie doch bitte drei bis fünf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen 5-Sterne-Hotels und den FDS Hotels auf.

 

Stefan von Schlotheim: Z. B. beim Reservierungsprozess ist erkennbar, dass normalerweise die Hotelbuchungen sehr online-affin oder durch das Internet erfolgen. In den beiden FDS Hotels erfolgt das sehr stark über das Telefon. In Zukunft könnte das auch etwas anders sein. In beiden Varianten werden die Bedürfnisse der Gäste abgefragt, d.h. in unseren Hotels wird gefragt, ob das Bad oder die Toilette links oder rechts anfahrend sein muss. In der 5-Sterne-Hotellerie wird gefragt, ob das Zimmer mit Blick nach vorne, nach hinten, oder was auch immer sein muss. Das ist gleich, nur die Bedürfnisse sind unterschiedlich. Beim Check-in ist gleich, dass die Gäste auf das Zimmer begleitet werden können. Das ist auch abhängig davon, was der Gast wünscht. Auch in der Spitzenhotellerie, kann ein Gast sagen: ‘Nein, ich möchte meine Ruhe habe. Ich kenne mich aus‘. Oder er sagt: ‘Ja, ich bin neu, ich möchte‘. Dann wird er begleitet. In den FDS Hotels ist es abhängig von der Bedürftigkeit oder von dem Bedarf an Hilfestellung. Reist der Gast alleine oder ist er mit einer Betreuung da? Am Empfang ist auffallend, dass es in der Spitzenhotellerie einen Concierge gibt, der Empfehlungen ausspricht, wenn man nachfragt. Und hier in den Hotels, das finde ich auch sehr schön, gibt es Listen, wo sich der Gast eintragen kann und schon ein fertiges Programm vorfindet. Der größte Unterschied sind die barrierefreien Bäder. Das ist für nicht behinderte Gäste auch positiv, denn sie erhalten wirklich ein großzügiges Badezimmer, wo sie sich frei bewegen können, mehr Raum haben oder mehr Haken vorhanden sind, als in regulären Hotels.

Wenn ich mir gerade Rheinsberg anschaue, kann das bis auf die verstellbaren Betten auch ein normales Hotel sein. Aber auch da kann die elektronische Steuerung entfernt werden und dem Gast fällt gar nicht auf, dass er auf einem Pflegebett nächtigt. Die Küche, wenn wir auch noch den Servicebereich vergleichen, ist äquivalent: Auch in den FDS Hotels gehen die Köche auf Diäten bzw. auf Allergiker ein. Diäten sind im regulären Hotel nicht so der Fall, aber Gluten- und Laktoseunverträglichkeit kommen überall vor – worauf auch eingegangen wird.

 

Ursula Rebenstorf: Wie sieht Barrierefreiheit in den Hotels wie im Kempinski am Ku’damm aus?

 

Stefan von Schlotheim:: Das Haus hat keine barrierefreien Zimmer, weil es ein historischer Bau von 1956 ist. Aber im Adlon oder im Taschenbergpalais in Dresden gibt es ein bis zwei behindertengerechte Zimmer. Die kann man mit denen in Rheinsberg und in Bad Bevensen vergleichen, werden aber selten gebucht.  

 

Ursula Rebenstorf: Hatten Sie in den Hotels, in denen Sie bisher gearbeitet hatten, Kontakt mit Gästen mit Behinderung gehabt?  

 

Stefan von Schlotheim: Ja, mit Gästen mit Geh-, mit altersbedingten und auch geistigen Behinderungen. In München zum Beispiel hatten wir auch Gäste, die ein dreiviertel Jahr im Hotel blieben und das je nach Budget als Altersresidenz oder als Alterssitz genutzt hatten. Es gab auch sehr viele arabische Gäste, die den Gesundheitstourismus mit den entsprechenden Kliniken in München genutzt haben. Da habe ich kulturelle Unterschiede feststellen können, denn diese Gäste saßen wegen Kniebeschwerden im Rollstuhl, obwohl sie eigentlich noch gehen konnten.

 

Ursula Rebenstorf: Die FDS-Hotels sind sowohl im Service als auch mit dem Know How der Mitarbeiterschaft auf Gäste mit Behinderung ausgerichtet. Wie war das zum Beispiel für die Mitarbeiterschaft bei Kempinski, wenn Sie Menschen mit Behinderung zu Gast hatten?

 

Stefan von Schlotheim: Das ist ein großer Unterschied. Die Mitarbeiter in Bad Bevensen und in Rheinsberg sind noch mal anders geschult. Sie gehen anders mit Gästen mit Behinderung um. Ich glaube, die Mitarbeiter brauchen auch eine andere psychische Reinigung für sich selbst. Die Betreuung einer Reisegruppe mit Wachkoma-Patienten bedeutet natürlich eine andere Belastung als gegenüber Gästen, die aufgrund eines Motorradunfalls im Rollstuhl sitzen. Ich glaube, das ist etwas anderes. In der Hotellerie geht man generell mit Menschen um, d. h. man braucht die Kompetenz der Empathie, um den Gästen sozusagen die Wünsche von den Lippen abzulesen. Jeder Mitarbeiter muss für sich entscheiden, was ihm persönlich wichtig ist: Liegt einem die Luxus-Hotellerie oder möchte ich den Luxus haben in einem Haus zu arbeiten, in dem der Standard nicht einheitlich festgelegt ist und der Mitarbeitende kreativ und individuell mit Gästen umgehen darf.

 

Was in den 5-Sterne-Häusern oder generell in der Hotellerie fehlt, ist die Möglichkeit des Check-in's für Gäste mit Behinderung. Also das heißt, es kann kein Rollstuhlfahrer an einen geeigneten Tresen ranfahren. Auf der anderen Seite gibt es Kinder-Check-in's in der 5-Sterne-Hotellerie. Für die gibt es ein Podest, wo sie rauf gehen können, um über den Empfangstresen zu gucken. Andersrum hat man nicht gedacht.

 

Ursula Rebenstorf: Kannten Sie denn vor den See- und Heidehotel barrierefreie Hotels?

 

Stefan von Schlotheim: Ja, die kannte ich aufgrund der Krankheit meiner Mutter, mit der ich einen Rehabilitationsurlaub in Österreich gemacht habe. Oder durch mein Praktikum in Frankreich - Dort war man auch speziell ausgestattet und ausgerichtet.

 

Ursula Rebenstorf: Herr von Schlotheim, Sie sind kurz nach der Fusion der beiden Häuser zur FDS-Hotel gGmbH als Geschäftsführer an Bord gekommen. Eines liegt in Nordbrandenburg eines in Niedersachsen. Wie können Sie den weiteren Prozess steuern?

 

Stefan von Schlotheim: Die Häuser haben untereinander schon sehr stark zusammengearbeitet, sind aber auch individuell. Die Synergien der beiden Häuser zu nützen ist ein wichtiger Aspekt für mich. Darunter fallen unter anderem gemeinsame Messeauftritte, einheitliche Personalprogramme und Personalaustauschschulungen. Die Hotels müssen mit einem einheitlichen Erscheinungsbild auch zusammengeführt werden, gleichzeitig gilt es die Individualität der Häuser zu wahren. Das Schöne ist, beide Hotels sind auf ihrem Gebiet Spezialisten. Das heißt, wo der eine gut ist, sollte man sich anschauen und vielleicht beim anderen implementieren und vice versa. Beide Hotels möchte ich auch nicht untereinander als Konkurrenz sehen, sondern als ein starkes Miteinander mit einem guten Erfahrungsaustausch. Und gerade in Bad Bevensen sind wir konkret in der Phase, das Hotel zu aktualisieren und vor allem zu modernisieren. Das ist ein wichtiger Aspekt. Konkrete Pläne gibt es jetzt noch nicht.

 

Ursula Rebenstorf: Als neuer Geschäftsführer möchte man ja auch Impulse setzen. Können Sie bereits welche nennen?

 

Stefan von Schlotheim: Das ist noch sehr früh. Ein paar Sachen kann ich aber schon nennen: Im Moment bin ich damit beschäftigt, an beiden Standorten zu analysieren. Ein Fokus gilt dem Vertrieb. Wir haben in beiden Häusern mit fast 60 % eine sehr gute und für ein Landhotel übliche Belegung mit einem soliden Marketing erreicht, aber nicht wirklich mit einem Außer-Haus-Vertrieb. Im Sales und Marketing und Business-Development kann ich meine Kompetenzen einbringen und bei der Qualität der einzelnen Häuser einen Akzent setzen.  Ein dritter Punkt ist die Zusammenführung der Einheitlichkeit beider Hotels: Gemeinschaftliches auftreten, Prozesse optimieren und auch Systeme zusammenführen. Zu guter letzt darf man natürlich den Menschen nicht außer Blick lassen. Nicht nur den Menschen, der Gast ist, sondern auch der Mensch, der der Mitarbeiter ist. Von Schulungen angefangen über dementsprechende Qualifikationen, Mitarbeiter-Benefits, die sie dann innerhalb der Company wahrnehmen können, sind Aspekte.

 

Ursula Rebenstorf: Der Rollstuhlsport ist im Seehotel ein sehr starkes Standbein von Anfang an gewesen. Wie kann man das ausbauen?

 

Stefan von Schlotheim: Die Sportgruppen, die in den Wintermonaten kommen, sind ein sehr gutes Marktsegment, gerade für die Nebensaison-Monate. Das bauen wir auf jeden Fall aus. Ich finde diese Dynamik äußerst spannend und muss mir ein Turnier einfach mal anschauen. Auch spannend und positiv ist, wie innovativ beide Häuser mit sportlichen Aktivitäten umgehen und wie Mitarbeiter auch Produkte oder Hilfsmittel mit entwickeln. Das fängt mit dem Rollstuhl an, der für die Sauna geeignet ist, bis hin zur der „Ballaufheb-Funktion“. Gerade die Seehalle kann man für den Sport, aber auch für Veranstaltungen, gut nützen. Ein zweiter Punkt, wo ich stärker hinmöchte, ist die Inklusion. Gäste ohne Behinderung sollten beide Hotels nutzen können. Derzeit nutzen drei bis vier Prozent diese Möglichkeit. Es gibt Potenzial, nach oben zu wachsen.

 

Ursula Rebenstorf: Es gab bisher Beschränkungen und Auflagen aufgrund der gemeinnützigen Rechtsform. Hat sich da etwas geändert oder wie darf das Zahlenverhältnis zwischen Gästen mit und ohne Behinderung künftig sein?

 

Stefan von Schlotheim: 30 Prozent reguläre Gäste dürfen es sein. Dementsprechend bei 70 Prozent der Gäste muss eine Hilfsbedürftigkeit vorliegen. Ob Hilfsbedürftigkeit aufgrund einer Behinderung besteht oder aufgrund des Alters, spielt dann keine Rolle mehr.

 

Ursula Rebenstorf: Wie möchten Sie eine steigende Auslastung auch mit Gästen ohne Behinderung erreichen und wie schätzen Sie den Reisemarkt für Gäste ohne Behinderung für barrierefreie Hotels ein?

 

Stefan von Schlotheim: Ich glaube, man muss versuchen, Inklusion in den Hotels zu steuern. Es kann ein Konfliktpotenzial für Gäste ohne Behinderung geben, wenn sie neben Gruppen mit schwerstbehinderten Gästen Urlaub machen. Beide Hotels sollten ihre Gästestruktur etwas verjüngen, dann ist dieses Konfliktpotenzial nicht so gegeben. Junge Leute mit Behinderungen sind viel dynamischer, wollen etwas erleben, sind aktiver und bewegen sich, machen Sport. Um dieses Gästepotential weiter zu erhöhen, müssen wir definitiv über die Onlinebuchungsportale gehen. Da gibt es auch noch einige Anbieter, die bisher nicht genutzt werden. Wir müssen uns dann auch auf Gästebewertungen, die in den Portalen eingestellt werden, Gedanken machen, da diese unmittelbar zur Kaufentscheidung beitragen und unterschiedlich interpretiert werden können. Ein negative Gästebewertung kann für jemanden anderen positiv sein. Wenn jemand z.B. liest, es hätte sich jemand beschwert, dass Kinder in den Pool springen, kann das für den einen negativ sein. Und für die Mutter klingt das vielleicht positiv, und sagt: ‘Hoppla, im Seehotel sind Kinder erlaubt, da fahre ich hin‘. Es ist immer eine Art der Betrachtungsweise auch bei den Menschen mit Behinderung. Der eine könnte sagen: ‘Ist ja toll, dort ist es barrierefrei, da möchte ich nach meiner Knieoperation hinfahren‘.

Gerade im Seehotel habe ich stapelweise die Rücksendungen von Gästebefragungen gesehen. Es wird sich darum gekümmert. Die Frage ist, wie man mit Onlinebewertungen umgehen wird. Es muss wirklich auf jede Onlinebewertungen geantwortet werden. Und wenn Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen sollten, kann man auch bei den Onlinebewertungsportalen beantragen, dass dieses Statement runtergenommen wird.

 

Ursula Rebenstorf: Eine barrierefreie Servicekette ist das A und O für die FDS Hotels aber mittlerweile auch für Urlaubsregionen, die intensiver um Gäste mit Behinderung werben. Die FDS-Hotels sind da sehr weit vorne. Kommen von anderen Regionen Anfragen?

 

Stefan von Schlotheim: Andere Regionen fragen aufgrund dieser barrierefreien Servicekette an und schauen sich unsere Häuser auch an. Auch wir optimieren, adaptieren und passen unsere Räumlichkeiten permanent an. Wenn wir feststellen, wir brauchen nicht mehr unsere öffentlich zugänglichen Waschräume, weil das Pflegepersonal nicht die Zeit hat, ihre Klienten in diesen Waschraum zu pflegen, ist eine andere Nutzung sinnvoll. Ich glaube auch, dass wir, abgesehen von einer Kegelbahn, mehr sportliche Aktivitäten anbieten sollten, wenn wir die Gästestruktur etwas verjüngen - es gibt Möglichkeiten, Ruderern einen Wasserzugang anzubieten. Auch im Heidehotel überlegen wir, was ist genau die Attraktion für dieses Haus, was ist der Anreiz zu kommen, was kann man dort machen und was müssen wir erst definieren und rausfinden. Wir überlegen eine Gästebefragung zu machen oder Studenten, die in ihrer Bachelorarbeit oder Masterarbeit über Kriterien des barrierefreien Tourismus schreiben, diesen Auftrag zu geben. Statistiken über das Reiseverhalten und die Aufenthaltsdauer haben wir bereits. Damit können wir die Zielgruppen ein wenig definieren.

 

Ursula Rebenstorf: Oft haben wir gehört, dass Gäste mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis gerne und auch mehrfach in die FDS Hotels kommen, der Aktivurlauber eher wegen der Region und weniger wegen der Barrierefreiheit. Kann man diesen Trend durchbrechen?

 

Stefan von Schlotheim: Wir sollten versuchen, diesen Trend zu durchbrechen. Wenn man sich auf eine Zielgruppe fokussiert, birgt das ein gewisses Risiko. Deshalb müssen wir uns breit aufstellen und für den Aktivurlaub muss es dementsprechend auch mehr Aktivitäten geben. Beide Häuser bieten das auch an, ob Wassersportaktivitäten, oder Kremserfahrten und Spaziergänge durch die Heide. Die Regionen bieten auch Möglichkeiten für junge Familien. Es gibt viele Familien mit Zwillingen oder Drillingen, für die ein barrierefreies Haus vielleicht auch eine angenehme Option ist, weil man mit den Kinderwagen ebenerdig reinfahren kann und auch die Lifte breit genug sind.

 

 

Ursula Rebenstorf: Reisende mit Behinderung haben oft ein Mobilitätsproblem. Für die Gäste der FDS-Hotels ist das anders. Seit Jahren fährt der Bus nach Bad Bevensen von der Blissestraße aus und ein Shuttle-Service mit verschiedenen Optionen für die Gäste des Seehotels gibt es auch. Wie beurteilen Sie die Zukunft dieser Transfers?

 

Stefan von Schlotheim: Der Bustransfer ist eine Dienstleistung, die auch andere Hotels anbieten. Schaut man sich die Hotellerie oder Skifahr-Hotels in Österreich an, die bieten auch einen Transfer vom Bahnhof in die Hotels an, weil man sonst einfach eine Dreiviertelstunde mehr mit dem vielen Gepäck und Equipment braucht. Das trifft auch auf Sporthotels zu. In der Städtehotellerie ist das natürlich nicht der Fall. Unser Transferangebot finde ich sehr positiv und diese arbeiten mittlerweile kostendeckend.

 

Ursula Rebenstorf: Wie wird es nach der Fusion gelingen, dass die Stiftung mit der FDS Hotel gGmbH weiterhin gut zusammenarbeitet?

 

Stefan von Schlotheim: Einmal habe ich mein Büro hier (am Dalandweg) und in Rheinsberg ebenso. In Bad Bevensen bin ich auch regelmäßig. Darüber hinaus sehe ich mich auch als Multiplikator vor Ort, einmal innerhalb der Stiftung, dass ich die Sachen in die Hotels raustrage, aber auch von den Hotels in die Stiftung rein. Ich möchte es auch so beibehalten, dass die Hoteldirektoren bei der Donnersmarck-Konferenz weiterhin anwesend sind, um auch diesen Kontakt und den Erfahrungsaustausch zu der Stiftung zu haben. Das zieht sich durch vom Reisebüro über alle anderen Einrichtungen. So können wir Synergien und die Kompetenzen der einzelnen Einrichtungen nutzen. Aber Hotels sind Hotels und keine Pflegeeinrichtung. Das ist meine Abgrenzung. Ich möchte nicht, dass ein Hotel eine Pflegeeinrichtung ist. Dafür haben die Mitarbeiter auch nicht die Kompetenzen. Hotels sollen schon nach außen als ein Hotel erkennbar sein. Damit erreicht man natürlich auch Inklusion. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt.

 

Ursula Rebenstorf: Herr von Schlotheim, herzlichen Dank für die Antworten und gutes Gelingen für die neue Aufgabe.