Hüterin des Stiftungsvermögens

Langfassung des Interviews mit Elke Stommel

Eine Frau steht neben zwei Männern

Wir treffen uns am 14. November 2017 zum Interview in ihrem Arbeitszimmer. Seit dem Umzug der Verwaltung von der Hagenstaße in den Dalandweg verbrachte Elke Stommel große Teile ihres Arbeitslebens in diesem Raum – oft war sie diejenige, die nach einem langen Tag die Tür im Obergeschoss des Gebäudes verriegelte. Jetzt, nach über 30 Jahren Einsatz für die Fürst Donnersmarck-Stiftung, geht sie in den Ruhestand. Grund genug, noch einmal zurückzuschauen.

Sebastian Weinert: Können Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck von der Fürst Donnersmarck-Stiftung erinnern, als Sie 1986 mit ihr in Berührung kamen?

Elke Stommel: Ja, natürlich. Ich hatte mich auf eine ganz andere Stelle beworben. Eigentlich wollte ich in der Hausverwaltung als Hausverwalterin anfangen. Als ich dann in die Hagenstraße kam, sagte man mir, ich sei für eine Stelle als Assistentin des Geschäftsführers vorgesehen. Da musste ich doch kurz schlucken.

Ich wurde dann durch den Sitzungssaal, der stark verraucht war, in das kleine Büro von Ekkehard Reichel geführt. Dort fand dann das Bewerbungsgespräch statt. Das war alles sehr ungewöhnlich. Wenn wir dann später beispielsweise Dienstgespräche zur Mittagszeit hatten, klopfte es dreimal gegen die Wand und wir mussten das Gespräch unterbrechen. Sonst wurde das Essen kalt. Herr Reichel, der ja in der Hagenstraße wohnte, ging in die Mittagspause.

Sebastian Weinert: Sie begannen Ihre Karriere in der FDST 1986 als Assistentin des damaligen Geschäftsführers Ekkehard Reichel. Als Hauptabteilungsleiterin für Finanzen und Personal, als Stellvertreterin des Geschäftsführers und natürlich als Geschäftsführerin der FDS Hotel gGmbH gestalteten Sie in den nachfolgenden Jahren die Entwicklung der Organisation maßgeblich mit. Wie würden Sie diesen Prozess beschreiben?

Elke Stommel: Als eine Professionalisierung. Meine erste Aufgabe war die Finanzbuchhaltung zu organisieren und eine Vermögensverwaltung zu strukturieren, die auch in Niedrigzinsphasen besteht. In dieser Zeit habe ich von Herrn Reichel viel über die Gemeinnützigkeit und die Abgabenordnung gelernt.

Mit Herrn Schrödter setzte dann die Budgetierung ein, die ich für einen wesentlichen Schritt erachte. Das Budget ist ein Geländer, an dem man sich orientieren kann. Es ist ein Instrument der Transparenz, aber auch des Vertrauens. Denn die Bereichsleitungen können innerhalb ihres Budgets eigenständig handeln.

Zuletzt konnte ich als Geschäftsführerin der FDS Hotel gGmbH zeigen, was ich zusammen mit den Mitarbeitern vor Ort und den Hoteldirektoren leisten kann. Gemeinsam haben wir die Zukunftsfähigkeit der Hotels gesichert – in der Umbenennung kommt das ja zum Ausdruck.

Das Hotel in Rheinsberg und die Budgetierung hingen übrigens unmittelbar zusammen. Damals hatten wir es mit einem Bauvolumen zu tun, das die Stiftung schon lange nicht mehr durchgeführt hatte. Von daher musste einfach eine Organisationsentwicklung stattfinden, um das Projekt erfolgreich gestalten zu können. Gleichzeitig musste eine Akzeptanz für das Projekt geschaffen werden. In allen Bereichen gab es die große Sorge, dass sie mit dem Bau von HausRheinsberg nicht mehr in ihrem Bereich genügend Spielraum bekommen. 

 
Zwei Frauen stehen nebeneinander

Sebastian Weinert: Ein geordnetes Zahlenwerk sollte diese Sorgen nehmen?

Elke Stommel: Ja, genau. Das HausRheinsberg war ein Leuchtturm für die damalige Zeit und ist es auch heute noch: Es ist ein wesentlicher Beitrag für Inklusion. Ich finde, das wichtigste ist, dass wir uns Projekten widmen, die direkt Menschen mit Behinderung zugutekommen, ihnen dadurch auch sehr nahe sind und auf Augenhöhe mit ihnen agieren. Deshalb ist die Vielfältigkeit, die die Fürst Donnersmarck-Stiftung auszeichnet, aus meiner Sicht immens wichtig.

Sebastian Weinert: Das glaube ich auch. Es hat in der Stiftung ganz häufig eine große Rolle gespielt, dass wir Menschen mit Behinderung aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen, z. B. in Rheinsberg oder Bad Bevensen als Kunden. 

Elke Stommel: Das ist es! Kundencharakter heißt, wir müssen uns den Kunden nähern, auf ihre Wünsche eingehen und auch ihre Kritik vertragen. Dieses Prinzip "wir wissen, was für euch gut ist" kann man dabei nicht fortführen. Das lässt sich leicht an den Belegungs- und an den Gästezahlen ablesen.

Sebastian Weinert: Was bedeutete der Wechsel an der Spitze der Geschäftsführung zur Wolfgang Schrödter für Sie persönlich?

Elke Stommel: Durch das Vertrauen von Herrn Schrödter konnte ich nochmals eine enorme persönliche und fachliche Entwicklung nehmen. Er räumte den Frauen in der Stiftung viel größere Spielräume ein als zuvor. Wir konnten Verantwortung übernehmen und unsere Meinungen wurden gehört. In dieser Zeit gab es eine ganze Reihe starker Frauen in der Stiftung wie Monika Markowitz, Jutta Moltrecht, Frieda Mory oder eben mich, die sich teilweise regelmäßig in einer Frauenrunde trafen.

Natürlich gab es auch unter uns Frauen heftige Diskussionen. Nur Frau sein, reicht nicht aus und wir haben auch nicht immer alle die gleichen Ziele gehabt. Aber ich denke, wir hatten einen anderen Führungsstil. Und wenn ich mir die aktuelle Situation ansehe, finde ich das bedauerlich. Ich bin nie jemand gewesen, der für die Frauenquote ist. Denn ich denke, es kommt immer auf die Qualifikation, Fachlichkeit und Persönlichkeit an. Aber ich würde mir wünschen, dass wir im Leitungskreis wieder mehr Frauen haben.

 
Gruppenbild mit sechs Damen und einem Herrn im Hintergrund

Sebastian Weinert: Weil diese einen anderen Stil einbringen?

Elke Stommel: Genau. Aber wir erleben gerade ohnehin Veränderungen. Jeder hat seinen persönlichen Führungsstil und der wird sich mit neuen Persönlichkeiten auch ändern. Das ist auch notwendig. Veränderung ist notwendig. Denn die Herausforderungen, die jetzt auf die Stiftung zukommen, sind noch mal gewaltig.

Sebastian Weinert: Die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Wolfgang Schrödter zeichnete sich durch ein besonderes Maß an gegenseitigem Vertrauen aus, obwohl sie sehr unterschiedlich ausgeprägte Stärken haben. Was ist Ihr Geheimnis?

Elke Stommel: Das Wesentliche ist, dass wir trotz unserer Unterschiede über unsere Standpunkte immer diskutieren konnten. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Als Geschäftsführer hätte er ja auch einfach die Richtung vorgeben können. Er hat aber diese Diskussionen zugelassen und ausgehalten. Diese Offenheit und dieses gemeinsame Ringen um die besten Lösungen war eine ganz große Stärke von uns. Es war hoffentlich auch für die Bereichsleitungen ermutigend, zu sehen, dass man für seine Überzeugungen kämpfen kann.

Sebastian Weinert: Wenn Sie über all die Jahre noch mal hinwegblicken. Was sind denn Ihre größten Höhepunkte in dieser Zeit?

Elke Stommel: Aus meiner Sicht war es ein wichtiger Schritt, als wir damals das Wohnen mit Intensivbetreuung entwickelt haben. Für diese Umsetzung musste ich auch durch die Einrichtungen ziehen und dafür werben. Am Anfang stieß das im Fürst Donnersmarck-Haus nicht auf Begeisterung. Wenn wir neue Projekte umsetzen, sitzen wir immer wieder zwischen allen Stühlen – beispielsweise auch im Bereich der Finanzierung. Man muss immer wieder nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchen, Entgeltverhandlungen führen und die Leute für die Inhalte begeistern. Man muss Vor- und Nachteile abwägen. Das ist bei Finanzen immer so. So war das auch beim P.A.N. Zentrum – ein weiterer Meilenstein. Hier haben wir damals mit Prof. Bamborschke und den Architekten beispielhafte Einrichtungen in Süddeutschland und der Schweiz angesehen. Dieses riesige Projekt zu begleiten – etwa im Baucontrolling – das war schon eine große Herausforderung.

In jüngster Zeit ist es mir wichtig, dass wir mit der AVR wieder einen Tarif in der Stiftung bekommen haben. Das hat mich sehr beruhigt. Und es ist auch der Situation angemessen. Denn Arbeitskräfte sind angesichts der Marktsituation gar nicht mehr anders zu gewinnen. Wir müssen aber auch schauen, was man zusätzlich alles tun kann, um Arbeitskräfte zu gewinnen und zu binden. Das Gesundheitsmanagement, das Frau Heyn einführt, ist hier ein wichtiger Aspekt.

 
Eine Frau steht neben einem Mann und hält eine Urkunde hoch

Sebastian Weinert: Sie haben sich über 30 Jahre für die Fürst Donnersmarck-Stiftung eingesetzt. Was hat Sie über diesen langen Zeitraum motiviert?

Elke Stommel: Motiviert hat mich, dass ich meine Fachlichkeit, mein betriebswirtschaftliches Wissen, aber auch die Wirtschaftspädagogik, die ich studiert habe, immer mit den Zielen der Stiftung und mit den Inhalten vereinbaren konnte. Da bin ich im vollen Einklang. Zweitens waren es die Menschen und die vielfältigen Projekte. Diese Unterschiedlichkeit ist etwas, das mich immer wieder begeisterte und motivierte. 

Sebastian Weinert: Ich würde Ihnen gerne ein paar Stichworte nennen, auf die Sie spontan reagieren können. Wir fangen mit den Jahres- und Prüfberichten an.

Elke Stommel: Diese spiegeln das Ergebnis der gesamten Stiftung wider. Die Arbeit der Menschen wird in den Jahresberichten in Zahlen ausgedrückt. Das macht immer sehr viel Arbeit. Aber ich finde, es lohnt sich und dient der Transparenz. Wir hatten ja in meinen über 30 Jahren zahlreiche Prüfungen. Aber es gab während meiner Zeit nie große Beanstandungen.

Sebastian Weinert: Gemeinnützigkeit. Sie sind hier die Hüterin der Gemeinnützigkeit. 

Elke Stommel: So hat mich mal Wolfgang Schrödter genannt. Ich achte darauf.

Sebastian Weinert: In dem Sinne sind Sie die Nachfolgerin von Ekkehard Reichel. In einem Interview mit uns sagte er Herrn Golka und mir, er habe immer die Abgabeordnung unter dem Arm gehabt.

Elke Stommel: Das war das erste, was ich von ihm gelernt und in den Jahren erweitert haben. Unsere Prüfer achten auch streng darauf. Im Vorfeld ist es wichtig, Hinweise zu geben, obwohl ich mir wünschen würde, dass Inklusion Thema der Gemeinnützigkeit werden wird. 

 
Eine Frau kniet neben einer Rollstuhlfahrerin

Sebastian Weinert: Die Verwaltung im Dalandweg.

Elke Stommel: Ich bin schon seit 1991 im Dalandweg und war auch die ganze Zeit über in meinem Zimmer – auch wenn wir zwischendurch umgebaut haben. Besonders bemerkenswert finde ich, dass wir hier alle zusammen ein tolles Team sind. Diese Teamfähigkeit ist aus meiner Sicht ein hohes Gut. Ich würde mir wünschen, dass dies der Verwaltung auch erhalten bleibt.

„Das Leben ist Veränderung.“

Sebastian Weinert: Mit Ihnen, Thomas Golka und Michael Schmidt gehen drei Personen in den Ruhestand, die die Fürst Donnersmarck-Stiftung lange Zeit prägten.

Elke Stommel: Aber es kommen neue hinzu, die die Organisation dann auch wieder anders prägen werden. Ich denke, wir haben mit Herrn Kägel, Herrn Wittram-Regenhardt und Ihnen wirklich qualifizierte Nachfolger gefunden. Das lässt mich ruhig gehen. Fachlich und personell ist alles gut vorbereitet. Das Leben ist Veränderung.

Vermissen werde ich – und da ist auch das weinende Auge dabei –, mit Frau Wichmann und anderen jungen Leuten zusammen zu sein. Das ist unheimlich schön. Es ist schon ein immenser Einschnitt, man hat doch viel Bindung.

Sebastian Weinert: Das letzte Stichwort lautet Geschäftsführerin der FDS Hotel gGmbH. 

Elke Stommel: Es war eine Herausforderung, nicht im Hintergrund zu stehen, sondern im Vordergrund Akzente zu setzen. Da finde ich, konnte ich zeigen, was ich leisten kann – natürlich immer gemeinsam mit den Mitarbeitern vor Ort. Das ist ja ganz wichtig. Ohne die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die Unterstützung der Hoteldirektoren wäre es nicht gegangen. Das war ein harter Weg. Aber jetzt haben wir eine völlig neue Mitarbeiterstruktur, jetzt haben wir die Gästebefragung, die noch ausstand, durchgeführt und beide Hotels wurden mit „Sehr gut“ bewertet und wir haben die Zukunftsfähigkeit beider Häuser sichergestellt. Ich sagte es schon: In der Namensänderung kommt das zum Ausdruck.

Sebastian Weinert: Wenn wir nach vorne schauen: Was sind denn Ihrer Sicht die wichtigsten Zukunftsaufgaben der Stiftung?

Elke Stommel: Wie sich die Zukunft gestaltet, wissen wir ja alle nicht. Ich glaube, wir müssen uns mit der Digitalisierung auch in der Pflege beschäftigen. Wir müssen uns mit der Mitarbeitersituation beschäftigen. Und wir müssen uns unsere Vielseitigkeit erhalten.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich die FDST ihre Vielfältigkeit erhält und sich für Projekte einsetzt, die Menschen mit Behinderung direkt zugutekommen. Ich wünsche mir, dass die Stiftung weiterhin täglich versucht, Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das ist unsere Basis, auf dem alles andere aufbaut. Das war es auch immer, was mich bei meiner Arbeit motivierte – selbst wenn ich in der Verwaltung nicht immer direkt im Vordergrund stand.

Sebastian Weinert: Liebe Frau Stommel, vielen Dank für das Gespräch!