Podcast vom Jour fixe Nachbarschaft inklusive

Teilhabe beginnt am besten im Bezirk

Totale von Podium beim Jour fixe, das im Halbkreis mit Sesseln und Sofa aufgebaut ist
 

Der letzte Jour Fixe 2012 in der Villa Donnersmarck am 28.11.2012 endete  mit einem klaren Votum: Inklusion kann Spaß machen, wenn engagierte Menschen mit und ohne Behinderung gute Ideen in ihrem Kiez umsetzen. Das bewiesen eindrucksvoll Vertreterinnen  zweier Projekte aus Tempelhof-Schöneberg und aus Pankow. Die UFA-Fabrik am Teltow-Kanal mit inklusiven Freizeitkursen sowie das Stadtteilzentrum Pankow mit einem "Kiezatlas", basierend auf dem Expertenwissen von Menschen mit Lernschwierigkeiten wurden  einem bunt gemischten Publikum vorgestellt. Lesen und hören Sie einen Bericht von einem eindrucksvollem Abend und testen Sie Ihr Wissen in einfacher Sprache.

Hörbericht von Klaus Fechner:

 

Transkription

Das Wort Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch von der Gesellschaft so akzeptiert wird, wie er ist und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben. Und wo kann das besser gelingen als in der Nachbarschaft, im Kiez? Am 28. November präsentierte der Jour Fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung gute Beispiele für funktionierendes Miteinander in Berliner Bezirken.

Dazu gehört der „Runde Tisch Inklusion jetzt“ in Tempelhof-Schöneberg. Dieser runde Tisch versteht sich als Netzwerk von Akteuren aus dem Bezirk. Die Teilnehmer kommen aus ganz verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel Schulen, Sportvereinen, Jugendhilfe oder aus Betrieben. Das Besondere dabei: Eine Zielgruppe sind Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Beeinträchtigungen. Franziska Schneider, die Beauftragte für Menschen mit Behinderungen in Tempelhof-Schöneberg:

Eine wichtige Aufgabe des Runden Tisches ist es ja auch, die unterschiedlichen Fachangebote oder Fachkompetenzen aus nichtbehinderten Feldern zusammenzubringen mit der Betroffenenkompetenz der Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen oder auch deren Familienangehörigen. Ich glaube, wir haben schon ganz viel gelernt. So haben wir zum Beispiel noch die erste Einladung zur ersten großen öffentlichen Veranstaltung nicht in leichter Sprache verfasst, weil wir gar nicht darauf gekommen sind, wenn wir Menschen mit Lernschwierigkeiten und geistigen Beeinträchtigungen ansprechen möchten, dann müssen wir uns auch mit unserer Sprache verändern.

Die Teilnehmer treffen sich alle sechs Wochen und besprechen Themen wie Arbeit oder Wohnen. Die Ergebnisse werden dann an die Verwaltung weitergereicht. Jedoch nehmen bisher nur wenige Menschen mit Lernschwierigkeiten daran teil. Diese allerdings sehr aktiv.

Im gleichen Bezirk befindet sich die ufa-Fabrik, ein internationales Kulturzentrum. Es beinhaltet auch ein Nachbarschaftszentrum, in dem viele Kurse zu vielfältigen Themen angeboten werden.  Dann kam es zu der Überlegung, ob diese Kurse auch wirklich für alle offen sind. So schildert Renate Wilkening von der ufa-Fabrik die Entstehung des Projektes „Tempelhof inklusiv“. Dazu wurden drei Kurse ausgewählt, die speziell Menschen mit Lernschwierigkeiten ansprechen sollten: Aikido, Yoga und Free Dance.

Von statten ging es so, dass wir natürlich nicht einfach gesagt haben, jetzt kommt alle in die Kurse, sondern dass wir die Kursleiterinnen vorbereitet haben. Weil es natürlich wichtig ist, zu wissen, wenn ich offen bin für alle Menschen und wenn ich Menschen mit Lernschwierigkeiten in meinem Kurs habe, was bedeutet das und worauf muss ich dann Rücksicht nehmen. Also haben wir zu Anfang Gespräche und Schulungen mit den Kursleiterinnen gemacht.
Aus Sicht von Renate Wilkening ist die Schulung ein wesentlicher Faktor, der zum Gelingen beiträgt. Außerdem wurden speziell reduzierte Kursgebühren festgelegt, um finanzielle Barrieren zu überwinden. 17 Menschen mit Lernbehinderungen haben bisher an diesen Kursen teilgenommen. Jetzt wird überlegt, auch andere Kurse in dieser Form anzubieten.

Ein weiteres gelungenes Beispiel für inklusives Miteinander ist der Kiezatlas „Pankower Lieblingsorte“. Koordiniert wurde das Projekt von der Sozialpädagogin und Kulturmanagerin Barbara Wacker. Sie beschreibt die Idee und die ersten Schritte ausgehend vom Pankower Stadtteilzentrum:

Das Stadtteilzentrum war offen zu sagen, wir wollen uns öffnen. Hier wohnen viele Menschen mit einer Lernbehinderung, aber die sind gar nicht da. So ist der erste Schritt gewesen, dass die Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen angeschrieben wurden. Wir haben in den Wohngruppen herumgefragt, wer Lust hätte, an einem Projekt teilzunehmen. da wir eine Gruppe waren, die zusammen arbeiten wollten, haben wir eine Aufgabe gestellt. Und zwar sollte jeder, der kommt, drei Lieblingsorte in Pankow mitbringen.

Die Orte, an denen sich die Pankower gerne aufhalten, die ihnen wichtig sind. Mitgemacht hat auch Doris Grund. Einer ihrer Lieblingsorte:

Der Blaue Stern. Das ist ein Kino. Da kann man Filme sehen, 3 D. Das ist der Blaue Stern.
Nachdem die Orte gesammelt waren, wurden Gruppen eingeteilt und die Teilnehmer sind losgezogen, diese Orte genauer unter die Lupe zu nehmen. Das war vor zwei Jahren mitten im Winter. Mit dabei war auch Andrea Kuhn:

Wir hatten uns aufgeteilt und haben die Orte angeschaut, wo wir hin wollten. Aber es war Winter und so kalt, dass wir die Rollstuhlfahre nicht mitnehmen konnten. Aber wir haben noch einmal Fotos nachgemacht und da hatten wir einige Rollstuhlfahrer dabei. Und wir waren bei dem einen Café, wo wir noch Nachsprache hatten, und wir waren auch bei den Gehörlosen, wo Leute hingehen können, die nicht richtig sprechen können.

Die Orte wurden besichtigt, fotografiert und es wurden Fragebögen ausgefüllt. Sind die Eingänge rollstuhlgerecht? Wie ist die Beschriftung? Wie sind die Eintrittspreise? Heraus kam ein Buch mit Fotos und Infos auf rund 50 Seiten, verfasst in leichter Sprache. Ein Wegweiser für alle, die den Bezirk erkunden wollen.

Gut, dass es diese Projekte gibt, meinte Renate Wilkening von der ufa-Fabrik, doch das reiche nicht. Es seien nur Impulse, gefordert sei jetzt die Politik:

Zu tun ist noch ganz viel. Und ich denke und ich erwarte auch von den Politikern sowohl in den Bezirken als auch auf der Senatsebene, dass die nicht nur schöne Sonntagsreden halten und sagen, jetzt machen wir mal ein schickes, tolles Inklusions-Projekt. Das muss erstens in alle Bezirke. Und in den Bezirken, wo es jetzt angefangen hat, da müssen auch die Möglichkeiten geschaffen werden, dass die Arbeit weitergehen kann.

Der Jour Fixe in der Villa Donnersmarck zeigte gelungene Projekte für ein echtes Miteinander. Der Abend sorgte für Anregung bei den Zuhörern und wirkte vielleicht auch als Anstoß für weitere inklusive Projekte.

Beitrag: Jour Fixe Nachbarschaft inklusive
Länge: 06 min 25

Datum: 28.11.2012

Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net

 
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