Der weite Bogen von der Wissenschaft zur Praxis – ein Musterbeispiel

Gespräch mit Prof. Karl Wegscheider, Vorsitzender des WmI-Beirates und Mitherausgeber von „Die Rehabilitation“ beim Supplementband zum WmI

Vor ein paar Tagen erschien das Supplement von „Die Rehabilitation“ mit den Ergebnissen zur Begleitforschung Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI). Sie als Mit-Herausgeber haben maßgeblichen Anteil am Erscheinen des Heftes. Was genau sind die Aufgaben eines Herausgebers im wissenschaftlichen Umfeld?

Prof. Wegscheider:
Ein Herausgeber muss zum einen die Kontakte mit den Autoren pflegen und muss mit ihnen besprechen, wie das, was sie abgeben, genau aussieht. Da ist zunächst die formale Seite, die Richtlinien der Verlage sind zu beachten, um den Artikeln ein annähernd einheitliches Erscheinungsbild zu geben. Das betrifft z. B. aber auch die Frage, wie lang ein Abstract, d.h. die Kurzzusammenfassung am Anfang ist und wieviel Inhalt schon dort zu finden ist.

Wir haben als Herausgeber die Möglichkeit, die Artikel nebeneinander zu lesen, diese Möglichkeit hat der einzelne Autor nicht. Wir sehen teilweise große Unterschiede in der Art der Darstellung und versuchen den Text mit dem Auge des zukünftigen Lesers zu lesen. Viel Uneinheitlichkeit, Doppelung und thematische Überschneidung muss beseitigt werden. Andererseits kann, wenn ein und dieselbe Sache verschieden dargestellt wird, sogar ein interessanter Kontrast für den Leser entstehen. Dann ist es aber wichtig, dass die Autoren aufeinander Bezug nehmen, was der Herausgeber organisieren muss.

Zudem haben alle Autoren einen persönlichen Stil. Der eine schreibt lieber in der indirekten Form und der andere mehr in der direkten. Lebendiger ist immer die direkte. Wenn man alles im Passiv macht und sagt: „Dann wurde beschlossen“ ist es unanschaulicher, als wenn im Text steht: „Wir haben beschlossen“ oder - noch mutiger – „Ich habe beschlossen“, was manchmal nur ehrlich ist.

Hier war ich beeindruckt davon, mit welcher Geduld und Toleranz mein Mit-Herausgeber Herr Schliehe als „alter Fuchs“ in Sachen Herausgabe auch mit unseren Differenzen umgegangen ist und behutsam seine Routine in die gemeinsamen Diskussionen eingebracht hat, ohne meinen jugendlichen Überschwang völlig zu unterdrücken. Insgesamt habe ich nicht vorausgesehen, wieviel Arbeit die Herausgebertätigkeit bedeutet.

Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Inhalte des Heftes?

Prof. Wegscheider:
Wir wollten dem Leser eine möglichst anschauliche Vorstellung von dem geben, was in diesem Projekt passiert ist, ohne dem Leser gleich jede Wertung vorzugeben.
Ursprünglich wollten wir den wissenschaftlichen Artikel ganz in den Mittelpunkt stellen und hatten sogar die Vorstellung, dass der Bericht über die wissenschaftliche Begleitforschung allein ausreicht.

Als der Bericht jedoch vor uns lag, hatten beide Herausgeber, Herr Dr. Schliehe und ich, das Gefühl, dass ist jetzt für den Leser, der noch nicht mit dem Projekt vertraut ist, doch zu schwierig, sich das Projekt wirklich vorzustellen und besonders die Bewohner des Hauses mit ihrem hohen Grad an Behinderung. Es sind eben nicht die vielleicht erwarteten fit für ihre Belange kämpfenden Behinderten, die auf den Marktplatz lautstark ihre Rechte einfordern, sondern es sind Menschen, die um ihre eigene tägliche Teilhabe kämpfen müssen.

Deshalb haben wir in Ergänzung des wissenschaftlichen Artikels, der weiterhin das Schwergewicht bildet, noch zusätzliche Artikel erbeten. Und diese Texte, die z.B. typische Bewohner beschreiben und Selbstdarstellung der Bewohner mit Originalzitaten wiedergeben, fanden wir so eindrucksvoll, das sie jetzt insgesamt den wissenschaftliche Artikel einbetten. Das ist für eine wissenschaftliche Zeitschrift noch weitgehend unüblich, weil diese Autoren überwiegend keine Wissenschaftler sind, und normalerweise reden eben genau nur Wissenschaftler in diesen Publikationen. Herr Schliehe und ich kamen sehr schnell zu der Überzeugung, dass es dieser Nummer gut tut, auch wenn dieses Mal jeweils kein „stadtbekannter Wissenschaftshero“ vorne steht, sondern zumeist einer, der gar keine Wissenschaft macht - und dennoch passt es in eine wissenschaftliche Zeitschrift.

 
Vier Hefte mit der Zeitschrift "Die Rehabilitation" liegen auf einem Tisch

Das Heft kann bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung bestellt werden

 

An diesem Heft haben Wissenschaftler und Praktiker, Mitarbeiter der Stiftung, in dem Fall gearbeitet. Wie beurteilen Sie diese Zusammenarbeit?

Prof. Wegscheider:
Diese Zusammenarbeit ist für mich eine der Besonderheiten dieses ganzen Projektes. Am Anfang haben manche Beteiligte die Begleitforschung wohl eher wie eine Pflichtaufgabe betrachtet. Und viele Personen, die an dem Projekt arbeiteten, hatten kein Verhältnis zur Wissenschaft. Erst im Laufe des Projektes bildete sich die Erkenntnis, dass dieser Beirat nicht nur ein wissenschaftlicher Beirat war, sondern es wurde klar, dass er eine ganz wesentliche Funktion als Marktplatz einnahm. Man konnte sich gegenseitig kennenlernen und verschiedene Ideen überhaupt erst mal austauschen. Auch ich selbst habe auf diesem Forum ganz viel über die Motivationslage und die Überlegungen gelernt, die hinter pädagogischem Handeln, hinter pflegerischem Handeln, hinter dem Handeln der Stiftung, hinter dem Handeln der Wissenschaftler - das war mir nun am wenigstens fremd - und auch hinter dem Handeln der Verwaltung stehen. Es war der Ort, um am konkreten Projekt ohne allzu viel Aggressivität zu diskutieren und die verschiedenen Standpunkte auszutauschen. Man konnte immer mehr Verständnis für die Position der anderen entwickeln.

Das war ein sehr, sehr wichtiges Ergebnis und hat letztendlich dazu geführt, dass es nachher ohne große Konflikte möglich war, dass diese verschiedenen Standpunkte, repräsentiert durch verschiedene Autoren, im Heft zum Tragen kamen. Und alle Autoren haben sich die Eingriffe der Herausgeber gefallen lassen, ohne dass sie das Gefühl hatten, sie würden von der Wissenschaft „vergewaltigt“.

Damit ist eigentlich meine nächste Frage, welche Rolle der Beirat für das Projekt spielt, schon mehr oder weniger mit erledigt oder?

Prof. Wegscheider:
In der Tat, damit ist die Rolle des Beirats schon weitgehend geschildert, aber der Beirat schlägt sich ja auch im Heft nieder. Denn der Beirat hat aus seinen Erfahrungen heraus auch Empfehlungen für Akteure formuliert, die in Zukunft ähnlich gelagerte Projekte vorhaben. Diese Empfehlungen sind eine wichtige Sache, die man öfter machen sollte. Moderne englischsprachige Zeitschriften publizieren häufig Kästen, die die Quintessenz für die Praxis beschreiben, wohlwissend, dass wir heute alle mit jeder Menge Publikationen zugedeckt werden, bei denen man Mühe hat zu erkennen, welches Ziel sie verfolgen und welche konkreten Folgerungen aus den Ergebnissen zu ziehen sind. Nach meiner Einschätzung zeichnet sich das Heft genau hier besonders aus. Und diese Empfehlungen hätte es ohne die Existenz eines solchen Beirates überhaupt nicht gegeben.

Inwieweit hat der Fachtag zur Begleitforschung, in der Villa 2012, noch mal Einfluss auf die Veröffentlichung und auf den Prozess gehabt?

Prof. Wegscheider:
Der Fachtag hat in mehrerer Hinsicht auf den Prozess Einfluss genommen: Zunächst wurde eine ganze Reihe von Materialen und Darstellungen für den Fachtag aufbereitet. Zusätzlich ist durch die starke Betroffenen-Beteiligung in der Vorbereitung und auch am Fachtag selbst diese Perspektive noch mal sehr deutlich geworden. Auch mögliche Verständnisschwierigkeiten und Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Projekt wurden am Fachtag deutlich sichtbar. Und das hat uns als Herausgeber geholfen, einige Aspekte noch mal ausführlicher zu bearbeiten, die notwendigerweise besser dargestellt werden mussten, um diesen Missverständnissen vorzubeugen.

Zum Schluss eine globale Einschätzung: Worin liegt die besondere Qualität dieser Veröffentlichung?

Prof. Wegscheider:
Diese Veröffentlichung spannt methodisch einen weiten Bogen von der Wissenschaft zur Praxis. Für mich ist dies ein Musterbeispiel dafür, wie es prinzipiell sein sollte, unabhängig davon, dass es die eine oder andere kleinere Schwäche gibt. Es finden sich noch viel zu wenige Projekte mit Begleitforschung, die in dieser Form publiziert werden.

Der zweite Qualitätsaspekt ist dieses besondere Projekt selbst: Schwerbehinderte Menschen aus dem stationären Bereich herauszulösen und in ein stärker selbstbestimmtes Leben in die Community, in den ganz normalen Sozialraum zu bringen. Seit den 70er Jahren gibt es Ansätze dazu. Im Bereich der neurologischen Rehabilitation finden sich noch nicht sehr viele Bemühungen, in diese Richtung zu gehen. Daher ist das WmI aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Musterprojekt. Und wenn wir heutzutage soviel von Inklusion und Betroffenenbeteiligung reden, dann besteht immer die Gefahr, die wenig fitten Betroffenen zu vergessen. Denn diese Klientengruppe kann nicht einfach an allen Sachen teilnehmen, sondern sie braucht Wegmarken, Hilfestellungen dahin. Das ist ein weniger dankbares Gebiet, auf dem man nicht so schnell Erfolge vorweisen kann. Es ist mühsame Arbeit und hier ist sie gelungen. Diese Tatsache muss stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt werden.

Vielen Dank.

Das Interview führte Thomas Golka.

Berlin, den 17.03.2014

 
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