Hörbericht Jour Fixe andere Länder gleiche Behinderung

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Zwei Männer sitzen in Sesseln neben Mikrofonen in Villa Donnersmarck

li.: Matthias von Kummer, re.: Sean Bussenius, Villa Donnersmarck

von Klaus Fechner - (www.reichweiten.net)


Der 3. Dezember ist seit Jahrzehnten der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Grund genug für die Fürst Donnersmarck-Stiftung mit ihrem Jour Fixe genau an diesem Tag einen Blick in andere Länder zuwerfen. Unter dem Titel „Andere Länder – Gleiche Behinderung?“ berichteten mehrere Gäste in der Villa Donnersmarck ihre Erfahrungen im Umgang mit Behinderung in anderen Kulturen.
Den Auftakt der „Reise rund um den Globus“ machte Matthias von Kummer. Er ist Generalkonsul außer Dienst und war insgesamt rund 10 Jahre lang in Brasilien tätig. Dort gebe es einen Verfassungsauftrag des Staates sich um Menschen mit Behinderung zu kümmern. Auch werde eine Mindestrente gezahlt. Im Alltag machen sich aber doch Riesenmängel in der Versorgung bemerkbar, so von Kummer. Es würde aber auch viel geschehen. So zum Beispiel in der 20-Millionen-Metropole Sao Paulo:

Die Zugänge für Behinderte zu verbessern, hat die Stadt in bewundernswerter Weise in den letzten Jahren geschafft. Es ist im letzten Jahr ein Programm aufgelegt worden von 400 Millionen Dollar, um Barrierefreiheit noch stärker sicher zu stellen. Die Stadt ist bei der Größe im Zentrumsbereich, der rund 11 Millionen betrifft, sehr stark von Hochhäusern bestimmt. Das heißt, sie brauchen Zugänge zu den Fahrstühlen. Und das wird meistens mit Rampen gelöst. Ich finde, zum Teil großzügiger als bei uns. Und die Aufmerksamkeit gegenüber Behinderten ist in Brasilien sehr groß. Denn die Brasilianer sind auch ein sehr kommunikatives Volk.

 
Mann spricht in Mikrofon in Villa Donnersmarck

Generalkonsul a.D. Matthias von Kummer

Aus der Bevölkerung heraus gibt es eine große Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen mit Behinderung. Dadurch könnten auch Mängel der staatlichen Versorgung ausgeglichen werden.
Große Unterschiede in der Versorgung gibt es zwischen den Städten und den ländlichen Regionen. Und in den Favelas, den Armenvierteln der Städte, sei der Anteil der Menschen mit Behinderung besonders hoch. Zu einem Leben mit Behinderung hat von Kummer einen ganz persönlichen Bezug. Er ist Adoptivvater eines behinderten Sohnes, der in Brasilien geboren wurde:

Ich habe einen adoptierten Sohn, den wir mit sechs Wochen adoptiert haben in Brasilien. Die Mutter hat in einer Favela gelebt, in einem Elendsviertel. Durch Drogen gab es pränatale Schädigungen. Das hat man rückwirkend festgestellt. Der Junge ist dann an eine staatliche Einrichtung abgegeben worden. Das war eine Art Säuglingsheim, wo diese Kinder hinkommen, die zur Adoption freigegeben wurden. Wir vermuten, er hätte das gar nicht überlebt. Er war total verhungert. Er war krank, auch physisch krank. Er hätte das wahrscheinlich nicht überlebt.

 
Frau sitzt neben Mikrofon in Villa Donnersmarck

Ulrike Urner

Einblicke in den russischen Alltag lieferte Ulrike Urner. Sie ist Beauftragte für Menschen mit Behinderung des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf. Im Rahmen eines Austauschprojektes besuchte sie die russische Großstadt Wolgograd. Sie war überrascht über die weitgehende Integration behinderter Kinder in den Alltag, zum Beispiel in Kindergärten:

Von der Struktur her war es so, dass die Kinder miteinander den Tag verbracht haben, die ist vergleichbar mit unseren hier in den Kitas. Und dass die Kinder mit besonderem Förderbedarf dann einzeln gefördert wurden, in speziellen Zeiten. Also, jedes Kind bekam für das was es brauchte, eine halbe Stunde, eine Stunde, mit ein bis zwei Sonderpädagoginnen. Und die waren hochqualifiziert und es war ein Personalschlüssel, von dem wir hier träumen können. Der war wirklich extrem hoch.

So gut die Förderung für Kleinkinder funktioniert, so wenig Erwachsene mit Behinderung begegneten ihr im Alltag, in einer Stadt, die nicht auf Barrierefreiheit ausgerichtet ist. Auf ihre Nachfragen erhielt sie meist ausweichende Antworten:

Es ist so, dass Menschen mit Behinderungen in der russischen Gesellschaft nicht mehr groß auftauchen. Da konnte man gar nicht groß was zu sagen. Das wussten viele nicht. Es gab nur eine Frau, die sagte, so weit sie wisse, sieht man zu, dass die Kinder ab dem 5., 6. Lebensjahr die Möglichkeit zur internationalen Adoption bekommen. So bald die Menschen älter werden, wird es schwierig in der russischen Gesellschaft. Es gibt mehr und mehr Aufbrüche zu sehen, Menschen sind unterschiedlich und sie gehören dazu.

Besonders die Paralympics 2014 im russischen Sotschi geben Hoffnung, dass die Akzeptanz von Behinderung in der Gesellschaft und im Alltag steigen werde.
  

 
Mann im Rollstuhl spricht in ein Mikrofon

Roland-Tim Heienbrok

Roland-Tim Heienbrok ist Fotograf und Visual Artist. Gelebt hat er in vielen Ländern, die meiste Zeit davon in Spanien. Als Rollstuhlfahrer gefällt ihm dort besonders der lockere, natürliche Umgang der Menschen mit seiner Behinderung. Anders als in Deutschland gebe es weniger Berührungsängste. Und der Staat sorge teilweise für die notwendige Infrastruktur. Aber:

Die Versorgung ist eine völlig andere Geschichte als hier. Also, selbst wenn die Infrastruktur da ist, die genutzt werden könnte, dann scheitert es daran, dass die Leute keinen funktionierenden oder richtig angepassten Rollstuhl haben, mit dem sie diese Infrastruktur nutzen könnten. Das wird von Staatsseite getragen und das ist wirklich ein ziemlich desolater Zustand. Es gibt zum Beispiel nur zwei Querschnitts-Reha-Zentren in Spanien. Da müssen dann alle hin und man hat eine Wartezeit von teilweise sieben Jahren, um dort eine Reha zu machen.

Besonders gute Erfahrungen hat er in Israel gemacht, wo die Städte sehr gut auf Rollstuhlfahrer eingerichtet seien. Aus seiner Sicht bieten auch die USA sehr gute Strukturen für Menschen mit Behinderungen:

Die Infrastruktur und die Umsetzung ist ein Hammer verglichen mit Deutschland. Es ist alles total unkompliziert. Ich kann also selber in einen Zug rein und selber raus. Jedes Restaurant hat eine behindertengerechte Toilette. Die meisten Bürgersteige sind abgeflacht und es gibt überall behindertengerechte Parkplätze. Da kann man in Deutschland nur von träumen. Allerdings haben sie kein funktionierendes Gesundheitssystem und Krankenkassen. Da denke ich, ist das Gesundheitssystem in Deutschland doch sehr viel genießenswerter.

Als größten Unterschied bemerkte Heienbrok auf seinen Reisen, dass in Deutschland viele Menschen mit Unsicherheit und Distanz auf seine Behinderung reagieren. In anderen Ländern werde er viel normaler behandelt. Und genau das wünscht er sich für seinen Alltag hier in Deutschland. Die gesamte Runde formulierte dann noch einen Wunsch, den Ulrike Urnern, mit Blick auf ihre Erfahrungen in Wolgograd, formulierte:

Ich habe gesagt, dass mich das so beeindruckt hat, dass von allen Seiten kam: Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Das würde ich mir wünschen, dass das hier – obwohl wir das alle sagen – dass der Mensch noch mehr im Mittelpunkt gerät in all seiner Unterschiedlichkeit und Buntheit.


 

 

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