Dankbarkeit und Wehmut

Interview von Geschäftsführer Wolfgang Schrödter mit seinem Referenten für ÖA Thomas Golka

Geschäftsführer Wolfgang Schrödter und Thomas Golka im Gespräch

Berlin, September 2017

Fast zwanzig Jahre war er es, der die Fragen stellte. Dieses Mal wurde der Rollentausch geprobt. Geschäftsführer Wolfgang Schrödter bat seinen Referenten für Öffentlichkeitsarbeit Thomas Golka zum Gespräch. Es entstand ein entspannter und facettenreicher Dialog über eine gemeinsame Reise mit vielen Höhepunkten und schönen Erinnerungen.

Wolfgang Schrödter (WS): Lieber Herr Golka. Nach über 30 Jahren Fürst Donnersmarck-Stiftung und fast 20 Jahren als Referent für Öffentlichkeitsarbeit mit redaktioneller Verantwortung für das WIR-Magazin und den DonnersTag, unsere Mitarbeiterzeitung: Was geht Ihnen mit Blick auf Ihren Abschied und den Ruhestand ab Oktober 2017 durch den Kopf?

Thomas Golka (TAG): Erstens fühle ich mich ein Stück weit entlastet. Ich merke jetzt erst, wie viel Verantwortung sich auf meinen Schultern befand. Jetzt, da ich merke, dass ich diese Verantwortung in gute Hände weitergeben kann, spüre ich diese Entlastung. Das ist eine schöne Sache.

Mit Demut denke ich zweitens daran zurück, dass es in den ganzen Jahren bei beiden Printprodukten zu keinen größeren Katastrophen kam. Wir hatten natürlich immer mal kleinere Sachen wie die Geschichte mit der verwendeten Straßenkarte, für die wir im Nachhinein bezahlen mussten. Das ärgert mich heute noch manchmal. Aber im Großen und Ganzen gab es eigentlich keine größere Katastrophe. Das ist toll.

WS: Das zeigt die Qualität der Arbeit.

TAG: Dann empfinde ich ein Stück weit Zufriedenheit. Ich finde, wir haben zum Beispiel mit Ihrer Unterstützung in der WIR Sexualität und Sexualbegleitung zu einem Thema gemacht, als noch nicht jeder darüber berichtete. Das war wirklich ein super Heft, in dem wir echte Menschen portraitierten und nicht auf Symbolfotos zurückgriffen. Das fand ich damals schon toll und das finde ich heute immer noch toll.

Der DonnersTag hat aus meiner Sicht seinen Ritterschlag bekommen, als er von der Gewerkschaft kopiert wurde – also sozusagen Produktpiraterie mit ihm betrieben wurde. Dass sich jemand die Mühe macht, für eine Ausgabe unsere Zeitung nachzubauen, habe ich als Erfolg für den DonnersTag verbucht. So etwas macht man doch nur, um damit ein Stück weit reüssieren zu können.

›Die Akzeptanz von Vielfalt ist ein Hebel gegen den Populismus‹

 

WS: Aufgrund der Glaubwürdigkeit auch!

TAG: Ja, und weil die Zeitung, entgegen der Vermutung vieler, aus meiner Sicht eben doch eine Wirkung hat und gelesen wird. Wenn wir jetzt in die jüngere Vergangenheit zurückblicken, hat mich persönlich sehr bewegt, dass wir uns nochmal in das Thema „Vielfalt“ eingebracht haben. Das ist für mich einfach ein tolles Gefühl, weil ich denke, dass die Akzeptanz von Vielfalt ein Hebel gegen den Populismus in der Gesellschaft ist. Hinter dem Thema können sich viele Leute versammeln, die ja zum Teil sehr unterschiedlich sind, ohne dass es bedeutungsleer wird. Dass wir solche Themen bewegt haben, ist eine Sache, die mich froh stimmt. Insofern empfinde ich jetzt viel Dankbarkeit, aber natürlich auch ein bisschen Wehmut.

WS: Sie sind ja für mich hier in der Stiftung ein „Special One“. Wir beide haben immer eine besonders vertrauensvolle Beziehung gepflegt. Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar, gerade weil es sicher nicht immer ganz so einfach war, so sehr in der Nähe der Geschäftsführung zu stehen.

TAG: Eigentlich war es schon recht einfach. Natürlich haben wir immer mal wieder auch Auseinandersetzungen gehabt. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir auf einer ähnlichen Wellenlänge schwingen. Dadurch werden die Auseinandersetzungen nicht so schwierig. Man kann sich die Meinung sagen, respektiert aber auch die Meinung des Gegenübers. Die kurzen Wege, Ihre offene Tür, an die man immer klopfen konnte und Ihr offenes Ohr habe ich immer sehr geschätzt. Es war übrigens immer meine Art, an Ihren Rahmen zu klopfen, wenn ich etwas von Ihnen wollte. Das wissen Sie wahrscheinlich gar nicht.

›Man schlägt den Sack und meint den Esel‹

 

Manchmal gab es natürlich Schläge auf den Sack, wo eigentlich der Esel gemeint war. Aber das ist wahrscheinlich der Preis, den man bezahlen muss, wenn man in meiner Position arbeitet. Das ist halt so. Dafür konnte ich manchmal, glaube ich zumindest, für andere Leute Kohlen aus dem Feuer holen, die sich das vielleicht auf dem direkten Weg nicht getraut hätten.

Im Großen und Ganzen war es eben doch eine einfache oder zumindest einfachere Zusammenarbeit, weil sie auf einer ähnlichen Wertebasis beruhte. Wir sind beide schon emotional in dem Sinne, dass wir uns von etwas anrühren lassen. Aber wir haben eben auch eine rationale Ader. Das hilft in der Auseinandersetzung, finde ich. Man nimmt sich immer mal wieder zurück und fragt sich, ob man nicht gerade dabei ist, sich zu verlaufen.

WS: Mir war diese Form der vertrauensvollen Zusammenarbeit ganz besonders wichtig – die Offenheit miteinander, unangenehme Dinge anzusprechen. Auch diese Rolle als Botschafter war für mich immer sehr wichtig. Vielleicht ist es ja typisch für einen guten Referenten für Öffentlichkeitsarbeit, immer auch Hermesbote zu sein. Wir haben jedenfalls während unserer Zusammenarbeit eine Menge erlebt an großartigen Highlights, aber auch an schwierigen Situationen. Dabei war auf Sie immer Verlass. Welche dieser Ereignisse sind für Sie rückblickend denn besonders wichtig oder nahe?

TAG: Da gibt es mehrere. Als erstes fällt mir da unser Projekt „Forschen und Beforscht werden“ ein, weil das so eine stetige Entwicklung gewesen ist. Die Idee dazu hatte ich mal in einer Marketingsitzung, um auf diese Weise Betten in Rheinsberg zu belegen. Dann hat mich aber die Idee, die ganz spontan war, so begeistert, dass wir sie immer intensiver verfolgten und schließlich mit der DVfR zusammenarbeiteten. Heute ist das Thema Teilhabe an Forschung extrem präsent.

WS: Teilhabeforschung wird ja jetzt auch im Forschungssymposium eine Rolle spielen.

TAG: Genau. Das Thema ist im Symposium und wird jetzt auch in der Ausschreibung des nächsten Forschungspreises berücksichtigt. Das ist natürlich sehr befriedigend. Wenn ich gefragt werde, was ich in meiner Arbeit erreicht habe, kann ich zum Beispiel sagen, dass ich mal eine kleine Idee hatte, die sich einfach enorm weiterentwickelt hat. Das ist jetzt natürlich keine 1 zu 1 Umsetzung, aber diese kleine Idee trägt jetzt seit fast zehn Jahren Früchte. Das ist doch toll! Das ist also eine Sache, an die ich sehr gerne zurückdenke.

Woran ich mich auch immer gerne erinnere, sind die vielen Interviews mit den Kollegen. Denn in jedem Kollegen und jeder Kollegin steckt eine spannende Geschichte. Da ist es egal, ob man jetzt mit einer Reinigungskraft, einem pädagogischen Mitarbeiter oder einer Person aus dem Führungskreis der Stiftung spricht.

WS: Aus meiner Sicht war es gerade Ihr Interesse an den Menschen und Ihr Blick für das Spannende am Menschen, das Ihre Arbeit so sehr prägte.

TAG: Ja? Dieses Kompliment nehme ich gerne an, wenn Sie das sagen. Es gab natürlich auch schwierige Situationen, aber eigentlich habe ich immer gerne mit den Menschen zusammengearbeitet.

WS: Unsere unterschiedlichen Ausbildungen als Historiker und als Kaufmann, aber auch unsere unterschiedlichen Organisationserfahrungen haben uns immer wieder aus sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die Dinge sehen lassen. Unsere humanistische Erziehung, unsere christliche Grundüberzeugung und unsere schlesische Herkunft waren dabei jedoch verbindende Elemente und Erfahrungen. Wie haben Sie unseren Dialog miteinander erlebt?

TAG: Ich versuche es zunächst mal mit Adjektiven: Offen, klar, fair, rational und manchmal intellektuell scharf...

WS: …auch als emotional?

TAG: Auch emotional und humorvoll...

WS: Autobiographisch?

›Es ging oft um die persönliche Vorstellung von der Welt‹

 

TAG: Ja, das auch. Zwei Dinge fallen mir dazu spontan ein: Einmal unterhielten wir uns darüber, dass Sie sagten, „natürlich ist das in der Wirtschaft so!“ Ich entgegnete: „Das ist nicht natürlich, weil die Wirtschaft von Menschen gemacht wird und dadurch sozial, aber eben nicht natürlich ist.“ Das ist für mich ein schönes Beispiel davon, dass es uns wirklich um persönliche Vorstellungen von der Welt ging. Wir hatten uns darüber richtig ernsthaft auseinandergesetzt. Das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Die andere Sache war ganz am Anfang unserer Zusammenarbeit. Da unterhielten wir uns über die Odyssee und begannen, die ersten Zeilen aus der Odyssee gemeinsam zu zitieren. Das war ein Moment, bei dem man bemerkte, dass wir eine gemeinsame Ebene haben.

WS: Dass da eine geteilte Grundlinie ist?

TAG: Genau. Es gibt eben eine gemeinsame Ebene. Dazu gehörte, glaube ich auch, unser Arbeitsethos. Die Bereitschaft, die Dinge anzupacken und nicht wegzuschieben. Aber auch, dass man die Menschen respektvoll behandelt und nicht beiseite schubst. Das empfinde ich jedenfalls als ähnlich und das machte die Arbeit trotz unterschiedlicher Blickwinkel immer fruchtbar.

WS: Das stimmt. Es ist auch mein Gefühl, dass wir in unserer Zusammenarbeit immer auch produktiv zur Wertschöpfung beigetragen haben – jeder von seiner Seite aus. Dass jeder neue Gedanken einbrachte oder auch die Gedanken des anderen weiterführte oder kritisierte. Das war immer das Anregende an der Auseinandersetzung oder an der Diskussion mit Ihnen. Es ging immer ein Stück weiter. Oft hat man ja in Diskussionen das Gefühl, dass man stehenbleibt und sich im Grunde immer wieder dasselbe zuruft. Zurzeit sieht man das ja gut an der politischen Diskussion. Es geht nicht weiter, sondern die Diskussion bleibt in einem Kreislauf stecken. Diese produktive Art des Denkens war für mich persönlich immer wichtig bei unserem Dialog.

Sie haben darüber hinaus die Stiftung und die Geschäftsführung in der Öffentlichkeit häufig souverän vertreten und mich damit sehr entlastet. Ich wusste, wenn Herr Golka den Termin wahrnimmt, ist die Stiftung hervorragend vertreten.

TAG: Netter Satz!

WS: Das hat Ihnen viele Topkontakte beschert und sicherlich auch viel Freude gemacht, wie ich weiß. Aber es war sicher nicht immer nur einfach. 

TAG: Nein, es war nicht immer nur einfach. Aber zunächst mal zu den tollen Dingen. Einmal als Vertreter für die Bundesrepublik Deutschland bei „Rehabilitation International“ mitzustimmen, das war schon ein Highlight!

WS: Das glaube ich! War das in Kanada?

TAG: Nein. Das war in Tunesien….

WS: …auf Djerba.

›Es passiert nicht jeden Tag, dass man im Auftrag der Bundesrepublik die Hand hebt‹

 

TAG: Djerba, genau. Es passiert einem ja nicht jeden Tag, dass man im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland seine Hand hebt und auch in dieser UNO-Reihenfolge sitzt – A wie Australien ganz vorne und die USA ganz hinten. Wir saßen in der zweiten Reihe hinter den Chinesen. Das war schon eine tolle Sache. Wenn wir jetzt über die schwierigen Dinge sprechen… Dieses Trouble-Shooting war manchmal nicht ganz einfach.

Aber es gab eben auch Dinge, die sich im Nachhinein ins Positive gewendet haben. Ich war beispielsweise einmal zusammen mit Frau Fritz bei einem Gast, der sich extrem beschwert hatte, und wir wussten wirklich nicht, wie wir ihn wieder einfangen sollen. Wir haben uns dann drei Mal eineinhalb Stunden lang zusammengesetzt, uns mit ihm unterhalten, seine Position aufgenommen und versucht, Lösungen zu finden. Bei unserem letzten Treffen hatte er uns dann zu Kaffee und Kuchen ins Liebermann-Haus eingeladen!

WS: Toll!

TAG: Aber die ersten beiden Male bin ich da mit großem Herzklopfen hingegangen.

WS: Das glaube ich.

TAG: Eine andere Sache, die ich nie vergessen werde, betraf unsere interne Kommunikation. Als ich für den Innenumbau im Fürst Donnersmarck-Haus werben sollte, kam ich in Frohnau an und man sprach den ganzen Tag kein Wort mit mir. Denn die Mitarbeiter wollten nicht, dass das Haus umgebaut wird…

WS: Das war ganz am Anfang, als wir das Foyer umgebaut hatten, richtig? Das war sicher so eine Situation, wo Sie getroffen wurden, aber eigentlich jemand anderes gemeint war.

TAG: Offensichtlich. Aber das war schwer auszuhalten. Mit Kollegen zusammenzustehen, die alle miteinander und den Wettbewerbsteilnehmern sprachen. Nur mit mir sprach keiner. Das war bitter.

WS: Das glaube ich. Ich habe an Ihnen immer Ihren besonderen Draht zu den Menschen mit Behinderung bewundert. Welchen Einfluss hatte dies aus Ihrer Sicht auf die Wahrnehmung Ihrer Aufgaben?

TAG: Ich hatte ja das Glück, dass ich noch sehr jung war, als ich mit Menschen mit Behinderung in Kontakt kam. Sie waren ja auch Zivildienstleistender, also eben sehr jung.

WS: Ich hatte auch zuvor schon Erfahrungen gesammelt. Ich hatte einen behinderten Freund, mit dem ich groß geworden bin. Das war für meinen Umgang mit Menschen mit Behinderung sehr bedeutsam.

TAG: Man entwickelt einfach ein Gefühl dafür, wie man mit Menschen mit Behinderung umgehen kann, ohne zu versuchen, sie zu betreuen. Natürlich ist eine professionelle Betreuung wichtig und richtig. Mir hat das aber, glaube ich, ein höheres Maß an Offenheit gegeben. Man fragte sich einfach: Was braucht der jetzt? Was macht der? Was kann er? Es ist nicht ganz so defizitorientiert, sondern mehr auf die Stärken des Einzelnen fokussiert. Meine Mutter konnte ja auch nicht richtig gehen, lebte also mit einer Behinderung. Deswegen musste ich mich mit dem Thema auseinandersetzen und das führte zu einer gewissen….

WS: …Normalisierung.

›Hinter allen Arbeiten steht das Ziel, dass es Menschen mit Behinderung besser gehen soll‹

 

TAG: Ja, Normalisierung, Augenhöhe. Man entwickelt einfach eine Art der Augenhöhe, die natürlich nicht heißt, dass man nicht trotzdem für den Betreffenden da ist. Ich habe immer gespürt, dass es gleichzeitig eine sinnstiftende Idee hinter allem gibt, die Stiftungssatzung, selbst wenn ich nur Adressen im WIR-Verteiler korrigierte. Hinter allen Arbeiten steht das Ziel, dass es einem oder mehreren Menschen mit Behinderung besser gehen soll. Und das macht die Arbeit schöner, erfüllter, besser.

WS: Ich denke, dass Ihr besonderer Kontakt zu den Menschen Ihnen eine hohe Akzeptanz einbrachte, die für die Wahrnehmung Ihrer Aufgaben entscheidend war. Sie ließen andere Ihre Kompetenz im Umgang miteinander einfach spüren.

TAG: Mir hat das vor allem im Umgang mit den Leuten von Kobinet geholfen, die ja eher organisationsskeptisch eingestellt sind. Bei denen war ich immer akzeptiert, weil ich mich offenbar vom durchschnittlichen Vertreter einer Organisation oder eines Trägers unterschied. Ich war ja beispielsweise in der AG BBI, wo sich die Selbsthilfe in Berlin organisierte, der einzige Vertreter eines Trägers. Ich war damit also beides: Vertreter der Stiftung und der AG sehr nahe. Das heißt natürlich nicht, dass ich und alle anderen auch wussten, dass es einen Unterschied zwischen Selbsthilfe und einem Träger gibt. Ich glaube aber grundsätzlich, dass die Interessengegensätze zwischen dem Kostenträger und dem Leistungserbringer unter Umständen viel größer sind als die Gegensätze zwischen dem Dienstleistungsempfänger und uns als Dienstleistungsgeber. Da sind die Unterschiede oft viel kleiner, als man denkt.

WS: Ich glaube, das, was Sie beschreiben, dieses Wissen um die Institution und der gleichzeitige Schritt auf die Menschen zu, eine Ihrer großen Stärken war und immer noch ist. Das war auch eine wichtige Grundlage für Ihre erfolgreiche Arbeit. Sie sind immer wieder auf die andere Seite gewechselt und haben gesagt, jetzt sortieren wir das hier noch einmal neu und schauen genau nach, welche Ziele die Institution denn wirklich verfolgt.

TAG: Ja, genau. Was schreibt sie sich auf die Fahnen und wie kann sie das umsetzen, was sie will. Aber immer vor dem Wissen, dass sie eine Institution ist und bleibt.

WS: Und das geht häufig im operativen Geschäft unter. Dass die im Satzungszweck festgelegten, übergeordneten Ziele einer Organisation hinter den unmittelbaren Aufgaben und Zwängen zurücktreten.

Die Partnerschaft mit unserer Partnereinrichtung in Repty und die sehr guten Beziehungen dorthin sind eine weitere bleibende Errungenschaft insbesondere Ihrer Arbeit. Was hat Sie denn dabei so außerordentlich motiviert?

TAG: Wir hatten ja schon 1990 die Idee, nach Polen zu gehen. Wir wussten, seit wir an der ersten Ausgabe unserer Stiftungsgeschichte schrieben, dass dort eigentlich unsere Wurzeln liegen bzw. das Vermögen dort generiert wurde, das wir jetzt für einen guten Zweck einsetzen. Als dann diese Chance kam, nach Polen zu gehen, war das für mich natürlich toll. Die kam zwar etwa 16 Jahre später, aber wir haben sie beim Schopfe gepackt. Und ich habe das sehr gerne getan.

›In Polen gab es eine Verquickung von Organisationsleben und Privatleben‹

 

Das hatte auch damit etwas zu tun, dass ich ungefähr zur gleichen Zeit selbst wissen wollte, wo ich herkam. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt schon tot. Sie kamen ja ursprünglich aus Schlesien und wollten nicht mehr zurück. Ich wollte aber meine Wurzeln kennenlernen und habe auch meine restliche schlesische Verwandtschaft, die dort noch lebt, besucht. Es war also fast so etwas wie eine Verquickung von Organisationsleben und Privatleben, dass eben in beidem zur gleichen Zeit die Wurzeln in Polen wiederentdeckt wurden. Meine Familie hatte natürlich nichts mit dem oberschlesischen Kohlebergbau zu tun, das waren ganz andere Leute. Aber sie kamen eben aus derselben Region. Mein Vater und mein Großvater erzählten beispielsweise immer Geschichten von bestimmten Orten, die dann plötzlich für mich Realität wurden, als ich direkt vor Ort war. Das hat uns noch mal ganz besonders verbunden.

WS: Das ist ja eine weitere Verbindung zwischen uns. Ich bin ja auch nach Polen gefahren und habe nach den Wurzeln meiner Familie gesucht und sie gefunden. Ich entsinne mich noch ganz besonders, wie wir beide im ehemaligen Hauptsitz der Donnersmarckschen Verwaltung in Zabrze standen.

TAG: Das stimmt.

WS: Wir haben dann dort eine Spezialführung bekommen inklusive der Give aways vom Zabrze-Bürgeramt. Das war schon eindrucksvoll. Mich hat aber auch die Art und Weise beeindruckt, wie Sie als Historiker tatsächlich bis auf den Grund gehen.

TAG: Na, ja. Wenn man die Leute nicht fragt, erhält man keine Artworten, das stimmt. Deswegen frage ich.

WS: Das war ein sehr belebendes Erlebnis für mich persönlich.

TAG: Das war ja auch so, als ich das erste Mal für die Stiftung dorthin kam. Ich hatte zwar verschiedene Papiere in der Hand. Die waren aber alle auf Deutsch. Der, den ich treffen sollte, Dr. Oleszczyk, war im Urlaub und ich war zunächst auch noch in der falschen Einrichtung. Denn am Ende der Straße gibt es ja noch ein anderes Krankenhaus, wo ich zuerst in der Notaufnahme war. Die hatten gar nicht verstanden, was ich da wollte…

WS: …so gesund, wie Sie waren...

TAG: Die fragten sich wohl nur, was der Typ hier wollte. Und ich fragte dann auf Deutsch und Englisch, ob das hier jetzt das Rehabilitationszentrum sei. War es aber nicht. Schließlich kam aber eine herzensgute Krankenschwester, die mich an den richtigen Ort geleitet hat.

Dort war es eben auch so. Ich bin dort reingegangen und habe die Leute gefragt. Und irgendwie hat es eben funktioniert. Ich glaube sowieso, dass man es gar nicht hoch genug einschätzen kann, dass Menschen mitteilungsbedürftig sind. Man möchte von sich selbst erzählen. Wenn man auf andere zugeht, ein offenes Ohr hat, sich dafür wirklich interessiert, kommt man auch in Kontakt.

WS: Ja, das war sehr eindrucksvoll. Ich denke, die Partnerschaft mit Repty ist – neben vielen anderen – eine bleibende und wichtige Errungenschaft der letzten Jahre und ich bin sehr daran interessiert, sie zukünftig weiterzuführen.
Wenn ich nun aber in die Zukunft sehe, verliere ich in den nächsten drei Monaten mit Ihnen, Frau Stommel und Herrn Schmidt drei meiner wichtigsten Mitarbeiter. Sie können sich gut vorstellen, dass das für mich persönlich, aber auch die gesamte Organisation nicht ganz einfach ist. Aber Sie gehen, so habe ich das Gefühl, auch nicht unbedingt mit fliegenden Fahnen.

›Zurück bleiben Zufriedenheit für die Vergangenheit, Hoffnung für die Zukunft und Dankbarkeit für die tollen Jahre‹

 

TAG: Mit fliegenden Fahnen zu gehen, würde ja bedeuten, dass ich flüchte. Nein, ich flüchte nicht. Aber ich gehe mit meiner Fahne und ich gehe mit Stolz. Zurück bleiben Zufriedenheit für die Vergangenheit, Hoffnung für die
Zukunft und Dankbarkeit für die tollen Jahre.

WS: Dazu haben Sie nach einem erfüllten Berufsleben auch allen Grund, Herr Golka.

TAG: Natürlich tut es jetzt auch irgendwie weh – der Verlust von Gestaltungsmöglichkeiten, die ich hier hatte, wenn es auch manchmal lange dauerte. Aber natürlich auch die Vielfalt der Aufgaben. Gerade habe ich mich zum Beispiel mit dem Wassereinbruch in unserem Keller befasst, einen anderen Tag beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen des BTHG auf die Stiftung oder mit der Zukunft der Teilhabeforschung. Das ist einfach unglaublich…

WS: …oder mit Marketing und Videokonferenzen...

TAG: Genau. Das ist ein unglaublich breites Beschäftigungsfeld und oftmals eine ziemlich offene Situation, die von mir gefüllt werden muss. Das hatte für mich immer ein bisschen was vom Anfang meiner Tätigkeit als Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Ich erinnere mich noch gut daran, dass das Seminar „Orientierung in der Verunsicherung“ bei Professor Weigand mein erstes Pflichtseminar war. Das war für mich damals eine völlig neue Welt, aber in eine solche neue Welt werde ich jetzt im Ruhestand eben auch gehen. Da muss und werde ich mir auch eine neue Orientierung suchen.

WS: …in der Verunsicherung...

TAG: In der Verunsicherung, die auf mich zukommt. Zurück bleibt Zufriedenheit, Hoffnung und Dankbarkeit für die tollen Jahre. Das kann ja nicht jeder von sich behaupten, dass er sich kurz vor seinem Ruhestand voller Dankbarkeit an seinen Job erinnert. Und mein Handy bleibt für Sie, für die Stiftung und für die Kolleginnen und Kollegen, die ich natürlich vermissen werde, immer angeschaltet.

Vor ein paar Tagen fragte mich meine Frau, mit wie vielen Menschen ich pro Tag in Kontakt bin. Da musste ich erstmal grob rechnen. Ich schätze aber, dass es über E-Mail, Twitter, Telefon und natürlich persönlich zwischen 30 und 40 Personen pro Tag sind!

›Das Handy bleibt an! Für Sie, die Stiftung und die Kollegen‹

 

WS: Das ist schon eine ganze Menge.

TAG: Das ist es. Aber das fällt nun einfach weg. Das wird natürlich eine Umstellung.

WS: Das glaube ich.

TAG: Aber das Handy bleibt an! Für Sie, die Stiftung und die Kollegen!

WS: Das ist ja der Trost, den man hat. Sie sind nicht aus der Welt. Wir sind nicht aus der Welt. Wir werden uns sicher an vielen Stellen begegnen und von unseren neuen Erfahrungen berichten. Sowohl wir in der Institution als auch Sie außerhalb der Institution. Ich wünsche Ihnen eine gute Orientierung in der Verunsicherung!

TAG: Danke.

WS: Aber diese Verunsicherung muss man erst mal zulassen, damit man sich anschließend gut orientiert. Denn ich glaube, man kann sie auch abwehren. Ich würde aber für das Zulassen plädieren.

TAG: Das muss man wahrscheinlich.

WS: Manche reproduzieren ja ihren Arbeitsalltag in den Ruhestand.

TAG: Das soll es aber nicht werden.

WS: Ich möchte Ihnen sehr herzlich danken für die Zusammenarbeit in all den Jahren. Es war für mich großartig, Sie an meiner Seite zu haben. Dieser Schlag über die Generationen, für den Sie ja auch stehen, von Herrn Reichel zur neuen Geschäftsführung und zu mir war mir immer sehr wichtig. Ihr Blick in die Vergangenheit der Stiftung, das haben wir überhaupt noch gar nicht erwähnt, Ihre Archivarbeit, die Vorbereitung und Durchführung des 100-jährigen Jubiläums. Das haben Sie großartig gemacht und das werden auch bleibende Pflöcke bleiben, die Sie hier in der Stiftung eingeschlagen haben und die Sie hinterlassen. Haben Sie einen letzten oder ersten Rat an uns oder Ihren Nachfolger?

TAG: Einen letzten Rat? Nein. Ich glaube nicht, dass ich so etwas Fertiges aus der Tüte zaubern kann. Es macht mich sehr zufrieden, zu sehen, dass wir das WIR-Magazin bei Frau Rebenstorf in den besten Händen haben.

WS: In den besten Händen…

TAG: Als ich jetzt mal krank war, habe ich überrascht und zufrieden gesehen, wie viel wie gut gelaufen ist, ohne dass ich dabei war. Offensichtlich haben wir gute Leute hier. An deren Auswahl war ich ja auch mit beteiligt und habe sie vielleicht ein Stück weit geprägt. Frau Rebenstorf, Herrn Bussenius, Frau Hofinger kenne ich ja schon ganz lange, als sie fast noch Berufseinsteiger waren, bei Herrn Weinert war das ja ganz bestimmt so. Aber auch mit anderen Kollegen habe ich viel Zeit verbracht. Und ich sehe einfach, dass die Arbeit bei ihnen in guten Händen ist. Das ist, glaube ich, das A und O. Ich brauche ihnen keine Ratschläge im Sinne eines Kochbuchs geben. Denke über die Dinge nach, halte dich an deine Werte und nutze deinen Kopf und dein Herz. Darum geht es. Aber einen Kochbuchratschlag würde ich nicht geben wollen.

WS: Wir müssen uns alle immer wieder neu erfinden und immer wieder von vorne durchdeklinieren, was uns wichtig ist. Aber eines wird bleiben: Sie werden als großes Vorbild uns vor Augen stehen, wie man Öffentlichkeitsarbeit macht und wie man den Menschen begegnet. Herzlichen Dank, Herr Golka!