Neuroreha politisch sichtbar machen

Das Präsidium der DGNR

Foto: DGNR

 
 

PD Dr. med. Christian Dohle, M. Phil. ist neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation

Am 09.12.2022 wurde PD Dr. med. Christian Dohle, Leitender Arzt des P.A.N. Zentrums für Post-Akute Neurorehabilitation der Fürst Donnersmarck-Stiftung Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR)ernannt. Die DGNR ist die Fachgesellschaft für Ärztinnen, Ärzte und wissenschaftlich Tätige im Bereich der Neurorehabilitation. Ihr Ziel ist die Weiterentwicklung der neurologischen Rehabilitation und eine bessere Versorgung von Patientinnen und Patienten mit neurologischen Einschränkungen. Wir haben mit PD Dr. med. Christian Dohle ein kurzes Interview zu seinem neuen Amt geführt.

Wie wird man Präsident der DGNR und für welchen Zeitraum wird man bestimmt?

PD Dr. med. Christian Dohle: Der Präsident der DGNR wird auf der Mitgliederversammlung gewählt. In der DGNR haben wir ein rollierendes System im 3-Jahres-Rhythmus: Ich wurde 2019 als Vize-Präsident gewählt, um in diesem Jahr das Präsidentenamt zu übernehmen. In diesem Jahr wurde beispielsweise Frau Prof. Dr. Anna Gorsler (Beelitz-Heilstätten) zur Vize-Präsidentin gewählt, die 2025 dann meine Nachfolgerin wird.

Nach den drei Jahren Präsidentschaft schließen sich nochmal drei Jahre Vorstandstätigkeit als „Past-Präsident“ an. Diese Rolle hat nun mein Vorgänger, Prof. Dr. Thomas Platz aus Greifswald. Dieses System stellt sicher, dass in dem dreiköpfigen „geschäftsführenden Präsidium“ immer zwei erfahrene Personen vertreten sind und neue Mitglieder im Vorstand nicht auf sich alleine gestellt sind.

Welche Aufgaben hat der Präsident der DGNR?

PD Dr. med. Christian Dohle: Die DGNR ist die wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft der Neurorehabilitation in Deutschland. Wir vertreten damit einerseits die Fachdisziplin der Neurorehabilitation, andererseits aber auch mehrere hundert Einrichtungen mit ca. 25.000 Behandlungsplätzen von der ambulanten Rehabilitation bis hin zur Intensivmedizin für Menschen mit invasiver Beatmung. Dieses System der Neurorehabilitation in Deutschland, das auf dem mehrstufigen „neurologischen Phasenmodell“ beruht, ist weltweit einzigartig und ermöglicht eine hohe Behandlungsqualität zum Nutzen der Betroffenen.

Der ursprüngliche Impuls für die Gründung der DGNR war vor diesem Hintergrund vor allem der Wunsch, als Fachgesellschaft die Versorgungsqualität inhaltlich weiter voranzutreiben – zum Beispiel durch die Durchführung von Studien, die Erstellung von Leitlinien oder die Organisation von hochwertigen Fortbildungsveranstaltungen wie unseren Jahreskongress. Zuletzt haben wir beispielsweise in diesem Zusammenhang ein Zertifizierungsverfahren für Einrichtungen zur Beatmungsentwöhnung in der Neurorehabilitation definiert und etabliert.

In den letzten Jahren nehmen aber politischen Aufgaben einen immer breiteren Raum ein. Bei (fast) jeder Gesetzesinitiative im Bereich der Rehabilitation oder Medizin müssen wir prüfen, ob diese Auswirkungen auf unsere Arbeit haben kann. Denn das kann sich im Zweifel direkt in der Versorgungsqualität niederschlagen.

Die Zahl und auch das Tempo von gesetzlichen Veränderungen hat in den letzten Jahren jedoch enorm zugenommen. Als Präsident muss ich zusammen mit den anderen neun Mitgliedern des Präsidiums diese Aktivitäten koordinieren und sicherstellen, dass die Belange der Neurorehabilitation in den Gesetzesvorhaben Berücksichtigung finden. Das gelingt dann in der Regel durch eine aktive Gremienarbeit.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, sich ehrenamtlich für die DGNR zu engagieren?

PD Dr. med. Christian Dohle: Ich halte die Neurorehabilitation für einen außerordentlich wichtigen und qualitativ herausragenden Bestandteil des deutschen Gesundheitssystems. Schon immer war es mir ein Anliegen, dieses Feld auch inhaltlich weiterzuentwickeln. In meiner vorherigen, langjährigen Stelle habe ich mich aber auch zunehmend darüber geärgert, wie sehr politische Veränderungen meine klinische und wissenschaftliche Arbeit beeinflussten. Deswegen habe ich für mich den Entschluss gefasst, Veränderungen nicht nur hinzunehmen. Vielmehr möchte ich versuchen, sie mitzugestalten. Das ist häufig mühsam und kann manchmal auch frustrierend sein. Aber es gibt auch immer wieder Erfolge, die einen stolz machen, weil sie die Behandlungsqualität der Betroffenen in Deutschland verbessern.

Ein konkretes Beispiel: Als DGNR konnten wir in den letzten Jahren erreichen, dass die fachliche Einschätzung von Neurologinnen und Neurologen mit mehrjähriger Erfahrung in der Neurorehabilitation in der Außerklinischen Intensivpflege – das heißt bei beatmeten oder tracheotomierten Patientinnen und Patienten – den gleichen Stellenwert hat wie die der Lungenärzte. Das ist deswegen so wichtig, da viele dieser Betroffenen auch neurologische Einschränkungen haben und deswegen die Expertise unserer Disziplin von besonderer Bedeutung ist. Drastisch ausgedrückt: Ohne die Anerkennung der neurologischen Expertise wäre es vermutlich schwierig geworden, Einrichtungen wie den Fachbereich für Rehabilitative Außerklinische Intensivpflege des Ambulanten Dienstes der Fürst Donnersmarck-Stiftung weiter auf diesem hohen Niveau und mit dieser Erfolgsquote zu betreiben. Das Angebot der Stiftung kannte ich zu Beginn dieses Prozesses übrigens noch gar nicht. Es ist aber ein Beispiel für die immer wieder erstaunlichen Wechselwirkungen zwischen der Verbandsarbeit und dem „Tagesgeschäft“.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Aufgaben der DGNR in der Zukunft?

PD Dr. med. Christian Dohle: Wie fast alle anderen Fachverbände auch lebt die DGNR weiterhin im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Wissenschaftlich haben wir uns in den letzten Jahren ein hohes Niveau erarbeitet und z. B. sehr hochwertige Leitlinien formuliert. Wir müssen dieses Niveau aber halten – im Falle der Leitlinien bedeutet das beispielsweise eine kontinuierliche Aktualisierung. Vor allem müssen wir aber noch stärker darüber nachdenken, wie wir dieses Wissen in den Alltag der neurologischen Rehabilitation transportieren und dort dann auch konsequent umsetzen können (Dissemination). Zu diesem Thema verfolge ich auch eigene Projekte, zum Beispiel zur „ReMoS“-Leitlinie.

Andererseits ist das gesamte Gesundheitssystem aktuell in einer schwierigen Lage. Wie wir in Berlin beispielsweise auf den Kinderstationen oder im Rettungsdienst eindrücklich sehen, sind in vielen Bereichen die Belastungsgrenzen des Systems erreicht. Dabei wären eigentlich genügend finanzielle und personelle Ressourcen für eine gute Versorgung vorhanden. Durch die extreme Segmentation und die Bürokratisierung des Gesundheitssystems werden diese Ressourcen aber nicht optimal eingesetzt.

Nun wird relativ hektisch versucht, in dieser akuten Notsituation das System umzubauen. Dabei versucht (verständlicherweise) jeder Bereich, für sich das Beste herauszuholen. Unsere Hauptaufgabe als DGNR wird es sein, die Belange der Neurorehabilitation in all ihren Facetten präsent zu halten. Durch meine nun eineinhalb Jahre lange Tätigkeit in der Stiftung habe ich darüber hinaus noch einmal einen besseren Blick auf die Perspektive der Betroffenen und die Möglichkeiten der Langzeitrehabilitation erhalten, die ich in diesen Prozess einfließen lasse. 

Sie sind im Rahmen der Jahrestagung der DGNR/DGNKN gewählt worden. Wie war Ihr Eindruck von dem Kongress nach zweijähriger Corona-Pause und welche Themen haben Sie besonders interessiert?

PD Dr. med. Christian Dohle: Wir waren alle froh, uns nach der Corona-Zeit endlich auch wieder einmal persönlich zu sehen und uns auszutauschen. Gerade die häufig auch zufälligen Begegnungen kann das Telefon oder die Video-Konferenz einfach nicht ersetzen.

Inhaltlich habe ich einige Anregungen mitgebracht, die im P.A.N. Zentrum eingesetzt werden könnten. Das betrifft gerade die Bereiche der Motivation, des Eigentrainings und besonderer technischer Lösungen. Hier werden wir in den nächsten Monaten auch noch Gäste nach Frohnau einladen, um diese Themen den Mitarbeitenden vorzustellen. Besonders gefreut hat mich natürlich, dass diese auch ein großes Interesse an unserem Haus mit unserem besonderen Konzept haben.

Lieber Herr Dohle, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihren neuen Aufgaben als Präsident der DGNR!
 

 
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