Autonomie – Risiko – Verantwortung

Professionalität zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Vortrag von Professor Dr. Wolfgang Weigand anlässlich der Stiftungstagung der Fürst Donnersmarck-Stiftung am 27.11.2012

Die Praxis

Der Rollstuhlfahrer im Betreuten Wohnen verlässt seine Wohnung, um Geschäfte zu erledigen und durch die Stadt zu spazieren. Er machte das in der Vergangenheit immer auf der gleichen Route, die er gut und ohne Schwierigkeiten bewältigte. Dann wählte er ohne Absprache eine neue Route und hat sich verfahren; er kam nicht mehr aus eigener Kraft zurück, musste ausfindig gemacht und nach Hause gebracht werden. Das Ganze war nicht ungefährlich und er war deswegen auch etwas verwirrt. Die nächste Ausfahrt findet mit der Absprache statt, auf der alten Route zu bleiben, was nicht geschieht. Er kommt strahlend zurück und erzählt, wo er überall gewesen ist, aber nicht so, wie es verabredet war. Nun will er also wieder auf Tour gehen und die Betreuerin ist in Konflikt, ihn ziehen zu lassen oder restriktiv zu werden.

Wir machen einen ersten analytischen Schritt und behaupten, dass es in dieser Szene um „Autonomie, Risiko, Verantwortung“ geht:

  • Der Klient zeigt seine Autonomie und begibt sich selbständig auf den von ihm ausgesuchten Weg. Er probiert sich aus mit wechselndem Erfolg. Das Risiko, das er eingeht, ist ihm wahrscheinlich nur bedingt bewusst; dass er für sein Tun die Verantwortung hat, muss offen bleiben, da wir nicht wissen, ob er dazu in der Lage ist, diese Verantwortung zu übernehmen.
  • Die Betreuerin ist ambivalent; sie kann die Gefahr einschätzen, den Klienten alleine aus dem Haus zu lassen, versteht aber auch seinen Wunsch, sich auszuprobieren und seine Selbständigkeit zu vergrößern. Geht sie das Risiko ein, die Autonomie des Klienten zu unterstützen und übernimmt dafür Verantwortung oder lehnt sie die Verantwortung ab, verbietet also dem Klienten den Ausgang und kommt damit möglicherweise mit ihrer Chefin oder den Angehörigen in Konflikt?
  • Die Einrichtung und ihre Repräsentanten, in der diese Szene stattfindet, hat für den Klienten die Verantwortung für sein Wohlergehen übernommen, in ihren Leitlinien proklamiert sie die größtmögliche Autonomie des Klienten bei gleichzeitiger Sicherung seines Wohls und geht damit Risiken ein, die sie im konkreten Fall selten oder gar nicht erlebt, sondern nur vermittelt über ihre Mitarbeiter oder über den Erfolgs-, bzw. Mißerfolgsbericht, wenn etwas passiert.

Fazit:
Autonomie
→ wird vom Träger proklamiert und gefordert
→ vom Klienten einfach beansprucht
→ vom Mitarbeiter unterstützt und gefürchtet

Risiko

→ geht der Träger ein und versucht es (durch Regeln) gering zu halten
→ wird vom Klienten nur bedingt als solches eingeschätzt
→ wird vom Mitarbeiter ausgehalten oder unterbunden

Verantwortung

→ wird vom Träger an die Führungsebenen und Mitarbeiter delegiert
→ wird vom Klienten am wenigsten wahrgenommen und an den Mitarbeiter delegiert
→ wird vom Mitarbeiter übernommen

Wir haben also drei Spannungsfelder gleichzeitig zu betrachten:

1.Die Spannung in dieser Situation zwischen

 

Grafik: Autonomie, Risiko, Verantwortung

 

2. Der Intra-Rollenkonflikt der Beteiligten

 

Grafik: Träger, MItarbeiter, Klient

Tabelle, die den Zusammenhang zwischen Prozess und Beteiligten zeigt

 

2.1. Der Träger setzt das Ziel von größtmöglicher Autonomie und geht damit ein Risiko ein, weil er gleichzeitig die Unversehrtheit des Klienten garantiert; dafür hat er die Verantwortung, die er aber an seine Mitarbeiter abgeben muss.

2.2. Der Klient versucht und genießt seine Unabhängigkeit/Autonomie, kann das Risiko nur bedingt oder gar nicht einschätzen und überlässt die Verantwortung zunächst dem Mitarbeiter und dann auch dem Träger.

2.3. Der Mitarbeiter unterstützt den Klienten in seinem Autonomiestreben, er sieht das Risiko und ist ambivalent, ob er dafür die professionelle Verantwortung übernehmen kann.

3. Der Inter-Rollenkonflikt zwischen den Beteiligten

Die Rollen geraten in Spannung und möglicherweise in Konflikt, in dem die Gefahr besteht, dass einer der drei Parteien für sich einseitig die Dominanz fordert:

Klient: Es geht um mich und mein Wohl; dafür bezahle ich.

Mitarbeiter: Wir sind am nächsten an der problematischen Situation und sind für ihre professionelle Steuerung verantwortlich.

Träger: Als Träger der Einrichtung sind wir juristisch, aber auch inhaltlich verantwortlich und stehen für Image und Reputation der Einrichtung.

 

Grafik: Der Inter-Rollenkonflikt zwischen den Beteiligten

 

4. Es liegen Spaltungsprozesse in der Luft; es verbünden sich

  • Träger und Mitarbeiter: Klient wird fremdbestimmt
  • Mitarbeiter und Klient: Nischenkultur, ohne Kontrolle des Trägers
  • Klient und Träger: Mitarbeiter gerät zwischen die Fronten

Diesen drei Dilemmata kann nur dadurch ausgewichen werden, dass eine Triangulierung zwischen den drei Beteiligten zustande kommt. Ohne inneren Rollenwechsel und gleichberechtigten Diskurs ist der Konflikt nicht lösbar. Dies geschieht beispielsweise in einer Fallkonferenz. Bevor wir jedoch in die Praxis der Problembearbeitung und Konfliktlösung gehen, sollten wir nochmals darüber reflektieren, was wir eigentlich mit den drei Begriffen verbinden.

5. Autonomie (Selbständigkeit, Eigengesetzlichkeit, Selbstgesetzgebung)

Die reale Möglichkeit der Autonomie hängt nach Kant von der Überwindung der Abhängigkeit und Fremdbestimmung ab, indem man den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen und sich damit von allen abhängigen Verhältnissen zu emanzipieren. Er meint also, dass man Autonomie erlangt, wenn man lange und intensiv genug seinen Verstand benutzt. Der Umkehrschluss hieße dann, diejenigen, die sie sich als autonom bezeichnen, haben nachgedacht und sind klug, die anderen eben nicht, sind dumm und bleiben abhängig.

Dass Kant mit diesem Autonomie-Konzept Widerspruch ernten muss, verwundert nicht, er hat aber andererseits erkannt, dass Autonomie nicht allein abhängig ist z.B. von der Hautfarbe, der sozialen Schicht, der Körpergröße und der Befindlichkeit des Leibes, z.B. unseren Behinderungen, sondern eben auch eine geistige und rationale Größe darstellt.
Abhängigkeit und Fremdbestimmung, diese Selbstverständlichkeiten menschlicher Natur sind in der modernen, noch mehr der postmodernen Gesellschaft nicht sehr gefragt. Autonomie ist zum Leitwort der Vielen geworden. „Ich bin ich“ und meines Glückes Schmied, für mich selbstverantwortlich und für mein Glück. Autonomie, autonom sein ist das, was man sich wünscht: unabhängig sein und wählen können, was man will, gehen können, wohin man will, sich einlassen können, auf den oder die man will, sich zurückziehen, sich abgrenzen, herausfordern, Kompromisse eingehen, Fortschritte machen, über allem schweben, unser Vergessen und unsere Erinnern nach Belieben steuern, kurz: sich erlauben, was man will.

Eine solche Freiheit schwebt uns manchmal im Wunsch und im Traum vor, wirklich wünschenswert ist sie nicht. Wir würden Grenzen nicht mehr kennen lernen, unsere Unfähigkeit nicht mehr erleben, unsere Abhängigkeiten ignorieren, unsere Zugehörigkeiten relativieren, unsere Sehnsucht nicht mehr spüren, unsere Beziehungen vernachlässigen, unsere Angst überspringen, unsere Schwächen nicht mehr sehen, unser Scheitern nicht mehr eingestehen, unsere Hoffnungen verkümmern lassen, den Tod verdrängen. Unser Menschsein wäre aufgehoben, die Spannungen unserer Existenz aufgelöst und wir befänden uns in einem Reich der Freiheit, nicht mehr der Notwendigkeit, damit aber auch nicht mehr in dieser Welt, sondern in einem Irgendwo, in einer Seinsweise, die eher dem Göttlichen ähnelt, also eine Grenzüberschreitung, die zu wollen, aus dem Größenwahn entsteht. Dagegen ist der Mensch zwar Schöpfer seines Lebens, aber eines menschlichen Lebens, das er nach seinem Willen und Bedürfnis gestalten kann, für dessen Krankheiten und Behinderungen er Linderung, Heilung und Trost findet, dessen Ende aber nicht zu umgehen ist und ihn unter Umständen ratlos macht.

Das ist die Realität, mit der uns unser Klientel, die Behinderten, eindrücklich sinnfällig und spürbar konfrontieren. Ich spreche absichtlich über die „Behinderten“, bewusst nicht über „Menschen mit Behinderung“, oder gar in Verniedlichung von den „Menschen mit Handicap“, „denn Menschen mit Behinderung“ sind wir alle: körperliche Einschränkungen, psychische Konflikte, soziale Deprivationen, seelische Leiden relativieren unsere Autonomie, unser Können und unsere Wünsche; die Einschränkungen und Behinderungen mögen äußerlich betrachtet nicht so umfangreich und expressiv sein, das Leiden an ihnen nicht so groß, die Exklusion in gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht so kränkend, wir können sie besser verstecken, verschleiern und kompensieren; der Behinderte macht seine Defizite sichtbar, zeigt sein Leid direkt, erzeugt Distanz, wirkt vielleicht abschreckend, manchmal sogar abstoßend. Aber das ist seine und in gradueller Differenzierung unsere Wirklichkeit.

Wo bleibt nun die Autonomie? Hat sich der Begriff als unbrauchbar erwiesen, um der Wirklichkeit eines behinderten Lebens vor allem in seiner Zukunftsperspektive gerecht zu werden? Ich denke: nein, aber wir rücken ihn zurecht und versuchen das, was Autonomie meint, in realistischer Weise mit dem behinderten Leben in Verbindung zu bringen. Ich möchte das mit der Frage versuchen und beantworten: Wie kann jemand autonom bleiben, wenn seine Autonomie durch eine Behinderung konfrontiert wird? Wie kann eine Person als autonom gelten, wenn sie einen Lebensentwurf annehmen muss, den sie nicht freiwillig gewählt hat. Kann trotzdem gesagt werden, die Person ist autonom, obwohl dieser Lebensentwurf fremdbestimmt ist?

Hier müssen wir den Begriff der Autonomie mit dem der Identität der Person in Verbindung bringen. Der Behinderte verliert durch die Behinderung einen spezifischen Teil seiner Selbstverwirklichung und wird die Realität seiner Behinderung in seine veränderte Identität einbringen. Die zeigt sich am besten bei angeborener Behinderung; da gerade durch diese spezifische Behinderung, die einen Teil seiner Person ausmacht, seine Identität zum Ausdruck gebracht wird.

Wenn Autonomie unter anderem in der Fähigkeit besteht,

  • sich nach Werten und Einstellungen zu verhalten, die man für wesentlich hält,
  • wenn weiter die daraus folgende Authentizität zwischen Sein und Sollen gelebt wird,
  • man sich also selbst treu bleibt und nicht fremd bestimmen lässt,
  • wenn sich diese individuelle Autonomie über die Zeit und unterschiedliche Lebensphasen erhalten kann
  • und in die interpersonellen Beziehungen einer Community eingebracht wird
  • und damit sogar Teil einer kollektiven Autonomie wird
  • und zu einem guten Leben beiträgt,

dann müssen wir feststellen, dass es für die Autonomie des Behinderten nicht ausschließlich relevant ist, welche Funktionen und Fähigkeiten durch seine Behinderung eingeschränkt sind, sondern ob er vielmehr die Möglichkeit hat, das Potential seiner individuellen und kollektiven Autonomie im eben beschrieben Sinn zum Ausdruck zu bringen.

6. Risiko

Wenn eine Gesellschaft sich „Risikogesellschaft“ nennt – nach dem gleichnamige Buch von Ulrich Beck – dann ist umso mehr zu fragen, was es mit dem Risikobegriff auf sich hat.
Martin Heidegger, der Existentialphilosoph, macht den Entwurf eines Lebens in selbstbejahtem Risiko zur existentiellen Bedingung des menschlichen Daseins in Freiheit. Für ihn ist also Freiheit ohne Risiko nicht zu haben: die individuelle, persönliche in Selbstverantwortung getroffene Entscheidung zum Risiko.
Nun könnte man dementsprechend sagen, dass das ganze Leben ein Risiko ist und das wird auch in vielen Liedern und Texten so gesagt; aber dafür wäre der Schicksalsbegriff der bessere, da es beim Risiko lediglich „um die Beschreibung eines Ereignisses mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen geht“.

Aber der Risikobegriff hat eben die beiden Deutungsperspektiven (die Heideggersche und die klassisch philosophische), die ich anhand der Etymologie des Wortes zeigen möchte:

Im Griechischen heißt rizikon die Klippe, also derjenige, der ein Risiko eingeht, kommt an die Klippe, an die Grenze – das Weitergehen kann gefährlich sein: ich kann umdrehen oder mich eben risikoreich mit welchen Methoden auch immer über die Klippe hinausbewegen; das Gefahrenmoment wird hier besonders deutlich.

Im Arabischen heißt risq der von Gott oder einem Geschick abhängige Lebensunterhalt; also das Leben beruht auf dem Risiko, etwas (von oben) zu bekommen oder nicht.

Die moralische Frage, die sich stellt, heißt: Wie viel Risiko darf jemand eingehen, um einen gewünschten Erfolg zu haben, wenn die möglichen negativen Nebenwirkungen in ihrem Ausmaß bekannt sind?

Heute könnte die Antwort so lauten:

Wir müssen uns auf Nichtalltägliches und Fremdes einlassen, Grenzsituationen ins Auge sehen, die eigene Unvollkommenheit akzeptieren – das ist die philosophische Kunst des Irrens. Dann werden wir das Leben nicht mehr als Bündel von Risikofaktoren empfinden, sondern als spannendes Abenteuer (Rebekka Reinhard, Odysseus oder die Kunst des Irrens) –
„No risk, no fun!“

Vielleicht gefällt diese Lebenseinstellung dem Einen oder Anderen sehr gut, dem Älteren vielleicht weniger als dem Jüngeren, da der Ältere schon genug Irrtum erlebt hat, aber was natürlich nicht übersehen werden darf, sind die Folgen des Irrtums, also die negativen Nebenwirkungen des Risikos für die sozialen Anderen und die Umwelt.
Ich bewundere die Ehefrauen von Extrem-Bergsteigern und Motorrad-Rennfahrern, die ihren Partnern dieses Risiko um Leben und Tod zugestehen.
Zwischen dem „Irrtum vom geregelten Leben“ und dem Versinken in Unsicherheit, Angst und Rigidität einerseits und dem verantwortungslosen Aufs-Spiel-Setzen seines eigenen Lebens andererseits liegt eben
das ethisch verantwortbare Risiko-Handeln, das

  • das Risiko kennt,
  • seinen Umfang (einmalig, mehrmalig, nur für die Gegenwart oder auch für die Zukunft) zu beschreiben hat und
  • die Wahrscheinlichkeit des Eintritts negativer Folgen unter zu definierenden Bedingungen einschätzen muss
  • und schließlich zu bedenken hat, wer die Leidtragenden eines Risikos mit negativem Ausgang sind
  •  und damit zwischen den Vorteilen eines gelingenden Risikos und den Nachteilen, bzw. dann Vorteilen, des Status-quo abzuwägen hat.

Es ist übrigens eine Paradoxie, davon zu reden, ein „Risiko beherrschen“ zu können. Wenn man das Risiko beherrscht, ist es kein Risiko mehr. Diese Rede vom beherrschten Risiko gehört zu vielen der modernen Sprachspiele, die die Wirklichkeit verschleiern und in unserem Fall Sicherheit vorgaukeln, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Geschichte der atomaren Energienutzung ist dafür ein beredtes Beispiel. Auch das Wort vom „Risikomanagement“ soll Sicherheit einflößen: Wir sind dabei alles zu tun, damit nichts passiert und ihr könnt alle in Ruhe weiterschlafen. Beim Wort Risikosteigerung fällt mir die Finanzwirtschaft ein, die auf die Frage, wer ist verantwortlich, ruft: Niemand.

Natürlich gehe ich ständig in meinem Leben, Risiken ein, weil

  1. ich mir meiner nicht sicher sein kann, also das viel zitierte menschliche Versagen, das ich selbst verursache und
  2. ich immer wieder trotz größter Vorsicht, den Fehlern anderer ausgeliefert bin; deswegen gibt es für 1. und 2. Versicherungen, deren Zuwachsraten zeigen, wie häufig mein Versagen oder das der Anderen vorkommt, aber auch wie groß unsere Angst vor Verletzlichkeit ist
  3. ich mich in der Risikoeinschätzung verschätze, also irre (z.B. beim Überholen im Straßenverkehr)
  4. die Sache selbst risikoreich ist und ohne Risiko nicht erworben werden kann: ... steigen auf einen hohen Berg, schwimmen in unbekannten Gewässern, benutzen gefährliche Verkehrsmittel und - für uns besonders relevant - wir gehen Beziehungen ein, bekanntermaßen eine höchst risikoreiche Angelegenheit...


„Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, dass man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegen zu lassen.“
(Niklas Luhmann)

Das ist übrigens u.a. der Grund, warum uns das Spielen so begeistert; es ist dort möglich, Risiken einzugehen, bei denen der Reiz zwischen Gelingen und Misslingen voll ausgekostet wird und gleichzeitig die Folgen für das Misslingen in der Regel nicht tragisch sind. Aber sie zeigen sehr gut, was die psychodynamische Polarität ist, in der wir uns befinden, wenn wir mit Risiken konfrontiert sind: Es ist das

► Oszillieren zwischen Angst und Faszination,
► zwischen Frustration und Befriedigung,
► zwischen Lust und Unlust oder wie Michael Balint es genannt hat: Angstlust.

Was gebraucht wird, wenn die Triebkräfte so mächtig werden, ist eine starke Steuerungsinstanz, die in der Lage ist, die Balance zu halten und Ausgleich zu schaffen, damit es weitergeht  und wir nicht untergehen.
(aus: Dombrowsky, Risiko als Ideologem der Moderne, in: Ökologisches Wirtschaften, 4/2005)

Das Risiko ist deswegen nicht nur ein Ding, dem man mit dem Schraubenschlüssel zu Leibe rücken und es bis zur Wirkungslosigkeit an die Wand schrauben kann, um es handhabbar und beherrschbar zu machen.

Also mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen und auf Mathematik beruhende Kalküls, mit medizinischen oder juristischen Absicherungen allein wird man die Risiko-Unsicherheit nicht in den Griff bekommen. Dazu lohnt ein Blick in die Geschichte der Morallehre; im philosophischen Probabilismus von 1570 mussten wohl erwogene Begründungen für ein beabsichtigtes Handeln, insbesondere für Wagnisse gefunden werden. Wagnisse ohne probable Begründungen waren Abweichungen von Gottes Geboten. „Hamartia“ als Abweichung vom Richtigen und Guten, aber auch von Gott, wurde zur Bezeichnung nicht probabler Wagnisse.

Das religiös konstituierte Verfahren diente der Wagnismoderation. Bei Unsicherheit über den Ausgang einer Handlung durften die Handlungsfolgen nicht unüberstehbar sein. Wagnisse, denen die Schutzbefohlenen und ihr Vermögen zum Opfer fallen würden, waren zu Recht inakzeptabel und erschienen als Todsünde. Von daher zielte die Abwägung von Wagnissen darauf ab, das Maß gegenseitiger und gemeinsamer Belastbarkeit vorab zu ermessen und zugleich den Eventualfall in Form eines gegenseitigen Beistandspaktes zu verfriedlichen: Wir wagen, aber wir wagen wohlerwogen. Dabei erschöpfte sich das vor Gott verantwortliche Abwägen nicht in moralischem Beistand, sondern erfolgte in materieller Versicherung, in dem Vorkehrungen gegenüber schädlichen Handlungsfolgen vereinbart wurden. Das Verfahren selbst war streng konsensual; erst wenn alle potenziell Betroffenen in das Wagnis einwilligten, konnte es eingegangen werden.

Nur wenn beim Eingehen von Wagnissen oder Risiken eine Art sozialer Kontrakt zustande kommt, durch den die Folgen von beidem gemeinsam getragen werden, bleibt der soziale Frieden zwischen denen, die Risiken eingehen und denen, die dadurch zu Schaden kommen könnten, gewahrt. Ohne ein solches Risiko umhegendes Sozial-Kalkül bleiben Risiko-Kalküle nichts anderes als Wahrscheinlichkeitsangaben über die Bereitschaft, Dritte mit zu riskieren. Erst ein Risiko-Kalkül als kollektives Sozial-Kalkül über die probablen Gründe wahrte Moralität und sicherte den sozialen Frieden zwischen den beteiligten Parteien. Dies ginge weit über die gegenwärtige Risiko-Semantik hinaus, weil dann erst Scheitern nicht mehr nur Verteilung von Schaden samt Anreiz zu Haftungsausschlüssen wäre, sondern solidarische Handhabung von Nachteilen bei gleichzeitiger kollektiv glaubwürdiger Absicherung. Dies stellt zugleich eine Motivation zur Risikofreude dar, weil die Riskierenden auf einer neuen moralischen Grundlage riskieren könnten.

Wir kommen zum dritten, für unsere Thematik wohl entscheidenden Begriff der

7. Verantwortung

(Im Folgenden beziehe ich mich - durch die Seitenzahlen gekennzeichnet - vor allem auf Hans Jonas, Das Prinzip der Verantwortung)

7.1. Die differenzierte Zuschreibung von Verantwortung

„Er hat die Verantwortung, sie übernimmt die Verantwortung; die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Niemand hält sich für verantwortlich; die Verantwortlichkeit haben Systeme übernommen; deswegen lautet die Antwort auf die Frage, wer für die Finanzkrise verantwortlich sei: Alle oder niemand oder keiner weiß es. Die Verantwortung ist nicht mehr verifizierbar; sie wird ins System abgeschoben. Andererseits sind wir froh, wenn die Suche nach dem Schuldigen uns fündig werden lässt; dann kann das System, das Schuldige produziert, exkulpiert werden. „Haltet den Dieb“ und wenn er erhängt ist, kommt der nächste. Da war ja die List des Odysseus schon beeindruckender, als er sich bevor er in die Höhle der Zyklopen ging, den Namen „Nemo“, also „Niemand“, gegeben hat. Er konnte dann, nachdem er den Zyklopen geblendet hatte, auf dessen Frage: Wer hat mich geblendet“ wahrheitsgemäß antworten: Niemand.

Genug; ich will klarmachen, dass wir uns mit dem Begriff der Verantwortung als ethische Kategorie erst noch anfreunden müssen. Lange beschränkten sich die ethischen Prinzipien auf die guten Werte. Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit usw. Verantwortung war darunter nicht zu finden; erst als wir aufgrund des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts „mehr tun können als wir tun dürfen“ – Georg Picht warnte schon Ende der 1950er Jahre davor, dass wir nicht alles tun dürfen, was wir können; heute ist dieser Satz hochaktuell, wenn Sie die Diskussionen um die Gentechnik betrachten – wurde die Verantwortung eine ethische, und blieb nicht nur eine juristische Kategorie. Wer politisch verantwortlich ist, ist noch lange nicht ethisch verantwortlich und wer ethisch verantwortlich ist, muss nicht unbedingt juristisch belangt werden. Der Minister übernimmt die politische Verantwortung für das Handeln eines Mitarbeiters, ist aber selbst nicht persönlich verantwortlich, während derjenige, der Behinderten mit Ignoranz und Unfreundlichkeit begegnet, noch lange nicht juristisch für etwas verantwortlich gemacht werden kann, was ethisch unverantwortlich ist.

Daraus können wir einen ersten Schluss ziehen, dass wir alle Kategorien (politische, juristische, ethische, ökonomische...Verantwortung) getrennt voneinander auf den konkreten Fall anwenden müssen, die eine Kategorie die andere nicht ersetzen kann und Widersprüche zwischen den Kategorien, die häufig als Wertkonflikte auftauchen, des Diskurses und der differenzierten Bewertung bedürfen. Also die ethischen Anstrengungen sind unabdingbar und dürfen auch nicht durch moralische Imperative ersetzt werden. Konkret: die moralischen Schuldzuschreibungen hindern uns eher, eine differenzierte ethische, politische, juristische Betrachtung der Sache vorzunehmen.

In Supervisionen habe ich das oft erfahren, wie kompliziert sich ein Sachverhalt darstellt, wenn man in die „Tiefe geht“ –ein Lieblingsausdruck Ihres Geschäftsführers - der sich bei der ersten Betrachtung mit einer schnellen Schuldzuschreibung noch erledigen ließ.

7.2. Das sittliche Prinzip braucht das Gefühl; erst dann entsteht das so allerorts gewünschte Verantwortungsgefühl
Ethik hat eine objektive und eine subjektive Seite, deren eine es mit der Vernunft, die andere mit dem Gefühl zu tun hat. Wir sind empfänglich für den Ruf der Pflicht durch ein antwortendes Gefühl. Der Sinn des normativen Prinzips schließt ein, dass die, an die es sich richtet, dafür empfänglich sind. Menschen sind deshalb schon moralische Wesen, weil sie diese Affizierbarkeit besitzen. Die Kluft zwischen abstrakter Sanktion und konkreter Motivation muss vom Bogen des Gefühls überspannt werden, das allein den Willen bewegen kann.
Das Gefühl muss zur Vernunft hinzukommen, damit das objektiv Gute eine Gewalt über unseren Willen gewinnt. Bestimmungsarten des affektiven Elementes in der Ethik sind beispielsweise die „jüdischer Gottesfurcht“, der „platonische Eros“, „christliche Liebe“, Kants „Ehrfurcht“ oder Nietzsches „Willenslust“ (165). Eine solche Gefühlsantwort braucht das sittliche Prinzip, sonst gibt es kein Verantwortungsgefühl.
Das Gesetz als solches kann weder Ursache noch Gegenstand der Ehrfurcht sein; aber das Sein kann wohl Ehrfurcht erzeugen, indem es mit der Affizierung unseres Gefühls dem sonst kraftlosen Sittengesetz zu Hilfe kommt. Erst das Gefühl der Verantwortung bindet das Subjekt an das Objekt. (170)

7.3. Die Bedingung von Verantwortung ist kausale Macht, also Macht, die etwas verursachen kann und durch die Sache verursacht wird.
Umfang und Art der Macht bestimmen Umfang und Art der Verantwortung (Können bestimmt das Sollen, nicht Kant: Du kannst, denn du sollst).
Der Täter wird für seine Tat verantwortlich gehalten, wenn er die aktive Ursache gewesen ist. Darüber hinaus sind wir aber verantwortlich für das Objekt, das auf mein Handeln Anspruch erhebt. Verantwortung für die Wohlfahrt Anderer überprüft nicht nur gegebene Handlungskataloge auf ihre moralische Zuverlässigkeit hin, sondern verpflichtet zu Taten, die aus der Verantwortlichkeit für den Anderen entstehen und für keinen anderen Zweck vorgesehen sind. „Das Abhängige in seinem Eigenrecht wird zum Gebietenden, das Mächtige in seiner Ursächlichkeit zum Verpflichtenden", schreibt Hans Jonas. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter können Sie diese Verantwortlichkeit, die vom Objekt ausgeht, nämlich von dem, der unter die Räuber gefallen war, also Hilfe brauchte, auch wenn er kein Volksgenosse ist, wieder finden. Für den ihm Anvertrauten wird der mächtige Helfer objektiv verantwortlich und durch seine emotionale Parteinahme affektiv engagiert. Das bedürftige Objekt und die Macht des professionellen Helfer vereinigen sich im bejahenden Verantwortungsgefühl des Verantwortlichen. Tritt Liebe hinzu, so wird die Verantwortung geadelt von der Hingabe der Person, die um den Abhängigen und Geliebten zu zittern lernt. Das meint Verantwortung und Verantwortungsgefühl mehr als die formal leere Verantwortlichkeit.
„Das Gefühl macht dann das Herz für die Pflicht empfänglich, die von sich aus nicht danach fragt, und beseelt die übernommene Verantwortung mit ihrem Impuls.“
Es ist schwer, wenn auch nicht unmöglich, Verantwortung zu tragen für etwas, das man nicht liebt, sodass es nahe liegend ist, man eher die Liebe dazu entwickelt als nur die Pflicht zu tun ohne Zuwendung. Sie all wissen, wie schwer das ist, seine Pflichten dem Klienten gegenüber zu erfüllen, den man nicht mag (194).
So wie umgekehrt: Wenn ich den Klienten mag, ist es manchmal schwer, bei seinen professionellen Pflichten zu bleiben.

7.4. Nur wer Verantwortung hat, kann verantwortlich handeln
Das Wohlergehen und das Schicksal anderer sind durch bestimmte Umstände oder durch Vereinbarung (z.B. eines Arbeitsverhältnisses) in meine Verantwortung gekommen, d.h. meine Kontrolle darüber schließt zugleich meine Verpflichtung dafür ein. Die Ausübung der Macht ohne die Beobachtung der Pflicht ist dann unverantwortlich, ein Bruch des Treueverhältnisses, der Verantwortung.

Der Kapitän ist Meister des Schiffs und seiner Insassen und trägt Verantwortung dafür; der Millionär unter den Passagieren, der auch Hauptaktionär der Schifffahrtsgesellschaft ist und den Kapitän anstellen und entlassen kann, hat im Ganzen größere Macht, aber nicht innerhalb der Situation. Der Kapitän würde unverantwortlich handeln, wenn er dem Gewaltigen gehorchend gegen sein besseres Urteil handeln würde, zum Beispiel unerlaubterweise eine verkürzte Fahrt-Route zu nehmen, obwohl er im anderen Verhältnis eben ihm verantwortlich ist und von ihm für seine gehorsame Unverantwortlichkeit von ihm belohnt, für seine ungehorsame
Verantwortlichkeit bestraft werden kann. Im gegenwärtigen Verhältnis ist er der Überlegene und kann darum die Verantwortung haben. (176)


Soziologisch formuliert treffen hier unterschiedliche Systeme aufeinander, die zur Lösung des Problems / der Aufgabe alle benötigt werden, die sich aber gegenseitig ausschließen können, jedenfalls zu Konflikten führen, wenn nicht für ihre Koordination gesorgt ist, also:

►Das Organisationssystem mit seiner hierarchischen Über- und Unterordnung
►Das professionelle System, das auf der besten Expertise beruht
►Das Beziehungssystem, das die soziale Qualität des Handelns fördern oder behindern kann

Es muss in einem verantworteten Verfahren geklärt sein, wie die Koordination und Integration der drei Subsysteme als Gesamtsystem funktionieren. Dabei sind mehrere Wege denkbar, z.B. der Organisationsleiter ist verantwortlich für die Einberufung der Fallkonferenz, die Einhaltung institutioneller Rahmenbedingungen und für das Zustandekommen eines Ergebnisses. Der Professionelle/die Professionellen sind verantwortlich für die Expertise. Der Beziehungsarbeiter ist verantwortlich für die soziale Qualität der Maßnahme.

7.5. Scheitern
Das Scheitern ist dennoch möglich. Es ist nicht auszuschließen; es ist menschlich; es muss gelernt und bewältigt werden. Deshalb ist Scheitern nicht in erster Linie Objekt moralischer Be- und Verurteilungen, sondern Anlass zur Selbst-Reflexion, um Ursachen und Zusammenhänge des Scheitern zu verstehen und mit dem Ergebnis der Reflexion, Veränderungen zu ermöglichen, die das Scheitern erschweren. Die Angst, zu scheitern, ist häufig der Grund zu scheitern.

8. Die andere Seite der Inklusion

Die positive und gewünschte Zielsetzung der Inklusion ist dringend notwendig und kann nicht wirklich in Frage gestellt werden; sie ist deshalb mit größtem Engagement zu verfolgen.
Einer zur Vorsicht mahnenden Betrachtung bedarf aber dieser Paradigmenwechsel der letzten Jahrzehnte von der Sonderwelt zum Sozialraum an der Stelle, wo ohne Absicht und unbewusst, sich mit diesem Konzept Vorstellungen verbinden und ins Bewusstsein einschleichen, die nicht unproblematisch sind und darüber hinaus der guten Absicht, die sich mit dem Inklusionskonzept verbinden, entgegenwirken.

Der Behinderte

  1. repräsentiert die Gebrochenheit und Begrenztheit der menschlichen Natur und verweist damit auf die Relativität und Entfremdung des menschlichen Lebens.
  2. zeigt die technischen, agogischen und emanzipatorischen Möglichkeiten, zu denen die Rehabilitationsarbeit fähig ist und führt gleichzeitig unsere Bemühungen zu Aufhebung der Behinderung an ihre Grenzen und
  3. stellt die Sinnfrage auf dem Hintergrund des beschädigten Körpers und Lebens.


Diese Realität gilt und darf nicht relativiert werden, ja im Gegenteil: Sie fördert gerade den Inklusionsgedanken, weil damit gesellschaftlich abgewehrte Realität mitten in der Gesellschaft ankommt und natürlich mit dem entsprechenden Widerstand zu rechnen hat.
Somit haben die Formen der expressiven Behinderung auch immer einen Aufforderungscharakter für das Individuum und die Gesellschaft, sich ihrer Begrenztheit, Brüchigkeit, Verwundbarkeit und ihrer Relativität bewusst zu werden und bewusst zu bleiben. Sowohl der heilende Umgang wie die kompensatorischen Hilfen, aber auch die Unfähigkeit, Behinderung aufzuheben und sie restlos zu includieren, verkörpern unser Mensch-Sein, unsere Menschlichkeit, aber auch unsere Unmenschlichkeit.
Ein solches Bewusstsein ist die Grundlage professionellen Handelns, das hier seine Schnittstelle von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung findet: die Ehrfurcht vor dem Geschöpf und der Würde des Menschen fordern den Professionellen dazu heraus, sich seines Verstandes zu bedienen, sich seiner Gefühle bewusst zu werden und seiner Leidenschaft Raum zu geben, um das Geschaffene zu erhalten und das Deformierte zu heilen, zu pflegen und zu entwickeln - und gleichzeitig anzuerkennen, dass wir niemals autonom werden, sondern unsere Abhängigkeit als Geschaffene akzeptieren müssen, dass unsere professionelle Leistung Stückwerk bleibt, eigene und fremde Behinderung nicht aufheben wird und wir die Demut aufbringensollten, wie Sisyphos den Stein immer wieder nach oben zu rollen.

9. Schlussfolgerungen / Fazit

Zu den Voraussetzungen verantwortlichen Handelns in professionellen Institutionen gehört:

  1. Die Institution hat die Pflicht, soweit die Nebenfolgen vorauszusehen, wie es unter Zuhilfenahme aller an einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung stehender Mittel möglich ist. Sie muss diesen Bereich der Nebenfolgen differenziert für alle beteiligten Personen beschreiben, die diese Nebenfolgen zu erwarten haben.
  2. Sie hat die Aufgabe die unerwünschten Nebenfolgen zu neutralisieren, zu kontrollieren, in keinem Fall unkontrolliert zu produzieren.
  3. Zu wissen, dass das Wissbare und Sichtbare immer mehr ist, als das aktuell Gewusste und Gesehene ist eine Bedingung dafür, dass professionelle Arbeit stattfinden und diese sich entwickeln kann. Darin bestehen die Tragik und das Glück des Professionellen.
  4. Risiken müssen kalkulierbar bleiben. Deswegen trägt der Professionelle, der sich für eine bestimmte Handlung oder ihre Unterlassung entscheidet, die Begründungspflicht. Nachdenklichkeit ist vonnöten, ob die oft angeführten Sachzwänge unter den gegebenen Voraussetzungen wirklich zu akzeptieren sind und welche. Der Beweis der Notwendigkeit einer veränderten professionellen Intervention kann erst als erbracht gelten, wenn kein Sachverständiger mehr grundsätzlich widerspricht.
  5. Um die Spannungen zwischen gewünschter Autonomie, nicht zu verhinderndem Risiko und zu übernehmender Verantwortung auszugleichen, bedarf es des gleichberechtigten Diskurses zwischen Professionellen, Klient und Organisation. Diesen Diskurs zu garantieren liegt in der Verantwortung der Organisation; ihn mit optimaler Qualität zu führen, liegt an der Haltung und Kompetenz der Professionellen; für den Klienten oder für seine Vertreter bleibt die Verantwortung, an diesem Diskurs, so gut wie möglich teilzunehmen. Ich unterstelle übrigens, dass die Klienten vielleicht mehr unbewusst als bewusst in ihrer Verantwortlichkeit für sich selbst durch die Professionellen eingeschränkt werden.
  6. Dass es immer aufwärts geht und der Fortschritt zu einem besseren Leben führt, ist unhaltbar. Es gibt Fortschritte, die sind Verbesserungen und andere sind Verschlechterungen. Eine Beurteilung der Fortschritte im Plural ist nötig. Es klingt grausig, wenn wir künftig einem Behinderten sagen würden: Es ist uns leider missglückt, dich frühzeitig daran zu hindern, in diese Welt zu kommen. Nun müssen wir halt für Dich sorgen.
  7. Das kritische Bewusstsein muss erhalten bleiben, dass wir nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Überforderung zur Gleichgültigkeit neigen, wenn es darum geht, ein Leben zu respektieren, das vollkommen auf uns angewiesen ist und kaum Möglichkeiten hat, sich zu wehren.
  8. Nach so viel Zuschreibung von Verantwortung, gilt nach Thomas von Aquin auch, dass wir einen begrenzten Bereich pflichtgemäßer Verantwortung haben; darüber hinaus haben wir nicht zu verantworten, dass die Welt so ist, wie sie ist. Wo eindeutig richtiges Handeln nicht möglich ist, bleibt die Unterlassung des Handelns immer als Ausweg.
  9. Ein Mensch kann weder für das Leben noch für den Tod eines anderen Menschen Rechenschaft ablegen, denn das übersteigt, was wir verantworten können.
  10. Schließlich bleibt uns Christen die Chance, Glaube und Vernunft zusammen zu bringen, damit wir zwischen dem Machbaren einerseits und dem Unvereinbaren und Unverfügbaren andererseits immer wieder unterscheiden können.

10. „Ungeheuer ist viel, und nichts ungeheurer als der Mensch“

(aus: Sophokles Antigone, Chorlied)
Ich möchte dem neuen Paradigma der Inklusion in der Behindertenarbeit einen letzten Gedanken von Hans Jonas zur Verfügung stellen und in die professionelle Reflexion einbeziehen.
„Die schlichte und weder erhebende noch niederdrückende, aber allerdings in ehrfürchtige Pflicht nehmende Wahrheit ist, dass der eigentliche Mensch seit je da war – in seinen Höhen und seinen Tiefen, in seiner Größe und seiner Erbärmlichkeit, in seinem Glück und seiner Qual, seiner Rechtfertigung und seiner Schuld, kurz in aller seiner Zweideutigkeit. Diese aufheben zu wollen, würde den Menschen seiner Freiheit berauben, denn sie beruht auch darauf, das Böse tun und schuldig werden zu können. 
Der Mensch wird also aufgrund seiner Einmaligkeit immer neu sein und verschieden sein von dem, der war, aber niemals eigentlicher. Wir erfahren das Heilige und das Ungeheuer des Menschen, aber zu meinen, man könnte das eine haben ohne das andere ist ein Trugschluss, eine Illusion säkularisierter Natur- und Glücksvorstellungen, die vom naivsten religiösen Wissen um Sünde und Versuchung beschämt wird, aber auch vom einfachsten weltlichen um Trägheit und Willkür des Herzens. Der wirklich eindeutig gewordene utopische Mensch, kann nur der schmählich zum Wohlverhalten und Wohlbefinden konditionierte, bis ins Innerste auf Regelrechtheit abgerichtete Homunculus sozialtechnischer Futurologie sein. Das haben wir von der Zukunft zu fürchten. Zu hoffen ist, dass auch in Zukunft jede Zufriedenheit ihre Unzufriedenheit, jedes Haben sein Begehren, jede Ruhe ihre Unruhe, jede Freiheit ihre Versuchung – ja jedes Glück sein Unglück gebiert. Das drückt die Eigentlichkeit des Menschen aus. (382)“

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Prof. Dr. Wolfgang Weigand
zur Person


Verwendete Literatur:

  • Betzler, Monika; Rödl, Sebastian; Schmid, Hans-Bernhard, Autonomes Leben, unveröffenlichtes Manuskript
  • Dombrowsky, Wolf (2005), Risiko als Ideologem der Moderne, in: Ökologisches Wirtschaften 4, S. 27 -29
  • Hansson, Sven Ove (2011), Risiko, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy
  • Jonas, Hans (1979), Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/M, Suhrkamp
  • Reinhard, Rebbeka (2010), Odysseus oder die Kunst des Irrens, München, Ludwig- Verlag
  • Renn, Ortwin; Klinke, Andreas (2007), Von Prometheus zur Nanotechnologie, der gesellschaftliche Umgang mit Risiken und Bedrohungen, in: Dealing with Fear, Symposium II, Exhibition/52-Hour-Lab
  • Tichy, Gunther (2003), Die Risikogesellschaft - ein vernachlässigtes Konzept in der europäischen Stagnationsdiskussion, in: manu:script (ITA-03-02)
 
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