Die Sicht der Öffentlichkeitsarbeit

Sozialraumorientierung fordert die Öffentlichkeitsarbeit heraus

Systematisch im Sinne des Unternehmens zu kommunizieren, auf persönlichen und medialen Kanälen in Dialog mit relevanten Zielgruppen zu treten, das sind die Kernaufgaben der Öffentlichkeitsarbeit. Ziel ist es, die positive Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit her- und sicherzustellen, das Image zu pflegen und das Management dabei zu unterstützen, sich in der Öffentlichkeit zu positionieren und die Organisation weiterzuentwickeln.

Sozialraumorientierung als Konzept fordert die Öffentlichkeitsarbeit heraus. Die Arbeit der Stiftung wird durch die Aktivitäten der Klienten und Betreuenden in der Öffentlichkeit sichtbarer. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept im Rahmen einer Fortbildung erweitert das Verständnis für die mit der praktischen Umsetzung verbundenen Schwierigkeiten und Ambivalenzen. Der Austausch mit den Kolleg/innen, die unmittelbaren Klienten-Kontakt haben und auch mit den Klienten selbst, hilft dabei, den Blick auf die reale Lebenswelt von Menschen mit Behinderung zu schärfen und deren Bedürfnisse besser zu verstehen.

Authentisches Bild

Zentral ist das Anliegen, der Öffentlichkeit ein authentisches Bild der Rehabilitationsarbeit zu vermitteln. Dabei lässt sich die Tatsache nutzen, dass jede einzelne Einheit des Bereiches - z.B. eine Wohngemeinschaft - keine einsame, von der Umwelt losgelöste Insel ist, sondern Kontakt mit Nachbarn, lokalen Dienstleistern oder Behörden hat. Selbst ein von den Mitarbeitern des Betreuten Einzelwohnens betreuter Klient, der in seiner eigenen Wohnung lebt, ist grundsätzlich sozialräumlich eingebunden.

Auch wenn es ihm vielleicht nicht oder nur schwer möglich ist, von sich aus mit seiner Umwelt Kontakt aufzunehmen, wird er als Individuum wahrgenommen. Wie er als Einzelperson oder die Bewohner einer WG wahrgenommen werden, wirkt sich zwangsläufig wieder auf das öffentliche Bild der Stiftung aus. Gleiches gilt für Betreuer und Mitarbeitende, die ebenfalls als Repräsentanten der Organisation fungieren.

Neue Aufgaben und Zielsetzungen

Durch die sozialräumliche Arbeit des Bereiches eröffnen sich neue Aufgaben bzw. Zielsetzungen für die Öffentlichkeitsarbeit:

  • Das Aufspüren von Gelegenheiten zum inklusiven Engagement im sozialen Umfeld der Klienten (Bsp.: Kiez-Fest, Bürger-Beteiligung, Ehrenamt),
  • die Unterstützung von Mitarbeitenden und Klienten bei Aktivitäten,
  • die Sensibilisierung der Mitarbeitenden dafür, durch öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung einen Beitrag zur Inklusion zu leisten.

 

Beispiele sozialraumorientierter Öffentlichkeitsarbeit


1. Unterstützung in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bei Projekten

Beispiel: Ausstellung von Bildern einer Klientin aus dem Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI)
Eine Klientin des WmI fertigt seit ihrer Erkrankung eigenwillige, farbintensive Bilder an. Sie produziert zahlreiche davon, die sie teils verschenkt, teils archiviert. Die sie betreuenden Kollegen organisierten in Absprache mit ihr eine Ausstellung in einem nahegelegenen Kiez-Café. In Folge zeigte die Villa Donnersmarck Interesse und fragte an, ob die Werke auch in diesem Bereich ausgestellt werden könnten. Dies erfolgte rund ein halbes Jahr später. Ich unterstützte in Sachen Mittelfindung, Werbung, Durchführung der Vernissage und Pressearbeit.

Eine Vernissage ist aufwändig zu organisieren, jedoch gleichzeitig eine hervorragende Möglichkeit, die Anliegen der Öffentlichkeitsarbeit im Kiez zu unterstützen:

  • Die Klientin präsentiert sich mit ihren Fähigkeiten und wird nicht an ihren Defiziten gemessen.
  • Der Kontakt zwischen Kiez-Café und WmI wird gestärkt, was nachhaltig positiv für alle Klienten ist (man kennt sich, auch ungewöhnliche Verhaltensweisen werden akzeptiert).
  • Wir als Stiftung zeigen, dass wir den Klienten Raum geben, sich zu verwirklichen.
  • Vertreter des Bezirksamtes (Behindertenbeauftragte, Fachbereich Eingliederungshilfe) werden auf uns aufmerksam, zeigen sich unterstützend und haben Interesse daran, die Bilder der Klientin bei eigenen Veranstaltungen zu präsentieren.
  • Eine Journalistin der Berliner Morgenpost reagierte auf meine Presseaussendung zur Vernissage. Sie verfasste ein Porträt der Klientin. Es gelang quasi nebenbei Aufmerksamkeit für das Thema Hirnschädigung und die Stiftungsarbeit zu erzeugen.

Beispiel: Teilnahme am Flora-Kiezfest in Pankow
Seit rund 6 Jahren findet im Flora-Kiez Pankow von Geschäftsleuten initiiert ein Straßenfest statt. In diesem Kiez befindet sich das WmI Pankow. Mieter und Mitarbeiter entwickelten gemeinsam die Idee, an dem Fest aktiv mitzuwirken.
Saskia Balke, Projektverantwortliche des Projektes Sozialraumkarte, war verantwortlich für die Organisation der Teilnahme.

Zusammen mit Mietern des WmI und Kollegen bereitete sie über mehrere Monate diesen öffentlichen Auftritt vor und baute dazu Kontakte zu den Hauptorganisatoren, Geschäftsleuten und anderen Personen aus dem Kiez auf.
Ich fungierte als Unterstützerin. Dabei bewegte ich mich im Spannungsfeld zwischen Erwartungen und Vorstellungen der Stiftung und den Möglichkeiten und Wünschen des WmI-Teams bzw. der Klienten. Im Vorbereitungsprozess entstanden Reibungspunkte: Die Klienten, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben, waren motiviert, selbstbestimmt ihre Ideen umsetzen. Diese waren aber nicht zwangsläufig mit den Stiftungswünschen konform.

Zur Veranschaulichung: Die Stiftung unterstützt die Teilnahme im Rahmen ihrer Aktion „Mittendrin so wie ich bin“ durch Finanz- und Sachmittel. Das Team des WmI hatte die Idee, ein eigenes Motto zu entwickeln und zu verwenden. Die Sinnhaftigkeit dieses Tuns wurde im offenen Dialog hinterfragt. Es galt dabei, Engagement und Motivation aller Beteiligten weiter zu erhalten und befriedigende Kompromisse zu finden.

Dies ist gut gelungen. Intensive Abstimmungsprozesse bewirkten, dass die Gestaltung des Auftrittes für alle Beteiligten als ein gemeinsames Werk empfunden wurde.

2. Aufspüren von Projektmöglichkeiten

Lebendiger Adventskalender Sprengelkiez, Markt der Ideen (Wohnverbund/BEW Nordufer), lebendiger Adventskalender Pankow (WmI)
Im Rahmen der Aktion „Offener Adventskalender“ öffnen Privatleute und Unternehmer/innen ihre Türen für die Nachbarn und schaffen damit eine Möglichkeit des „niedrigschwelligen, unkomplizierten“ Kennenlernens im Kiez. Nach meiner Kontaktaufnahme mit den Veranstaltern des Weddinger Adventskalenders luden Klienten und Mitarbeiter des Stützpunktbüros Nordufer ihre Nachbarn zu Kaffee und Keksen ein - frei nach dem Motto – „Nachbarn treffen Nachbarn“.
Die Veranstaltung wurde u.a. auf der Seite des Quartiersmanagements angekündigt.
Die Resonanz war beim ersten Mal noch nicht besonders groß, andere Veranstalter sind etablierter. Es schien auch Berührungsängste den Klienten gegenüber zu geben. Nur durch mehrmalige Begegnungen lassen sich die Barrieren (im Kopf) abbauen.

Das äußerst aktive Kiez-Management schafft Räume dafür, die es zu nutzen gilt. Eine Gelegenheit bietet sich beim „Markt der Ideen“, einem für alle im Kiez angesiedelten Organisationen und Nachbarn offenes Netzwerk-Treffen.
Mitarbeiter und Klienten des Wohnens mit Intensivbetreuung Pankow nahmen 2014 erstmalig am hiesigen „Lebendigen Adventskalender“ teil.

Resümee
Aus meiner Sicht ist es selbstverständlich notwendig, den Sozialraum bei jeder öffentlichkeitswirksamen Aktion im Blick zu behalten. Ich sehe meine Aufgabe darin, Gelegenheiten aufzuspüren, Kontakt- und Vernetzungsmöglichkeiten zu schaffen, fachlich vorzubereiten und zu unterstützen und dabei Klienten und Kollegen vertrauensvoll „ihr Ding in ihrem Kiez“ machen zu lassen.

Helga Hofinger
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit