Kompetenz im Sozialraum - Bestandsaufnahme

Im September 2014 trafen sich Kirsten Bielefeld, Bereichsleiterin des Ambulant Betreuten Wohnens der Fürst Donnersmarck-Stiftung (ABW),Doris Brandt, Prof Dr. Wolfgang Weigand und Stefan Reinders, zu einem Austausch über Stand und Herausforderungen einer nachhaltigen Implementierung des Sozialraumkonzeptes. Die Gesprächsteilnehmer haben die Weiterbildung „Kompetenz im Sozialraum“ für Mitarbeitende des Ambulant Betreuten Wohnens entwickelt und durchgeführt.

 
4 Menschen sitzen rund um einen Tisch, eine Frau spricht, 2 Männer und eine Frau sehen sie an und hören zu
 

STEFAN REINDERS: Das Ambulant Betreute Wohnen der Fürst Donnersmarck-Stiftung hat 2009 einen Prozess der Sozialraumorientierung begonnen. Sie haben diesen Prozess als Bereichsleiterin gesteuert und begleitet: Was war im Nachhinein aus Ihrer Sicht entscheidend dafür, dass die neue Struktur umgesetzt und das Sozialraumkonzept implementiert werden konnte?

KIRSTEN BIELEFELD: Entscheidend war aus meiner Sicht die breite Beteiligung der Mitarbeitenden in diesem Prozess. Wir haben uns bemüht, die Organisationsentwicklung im Rahmen der allgemeinen Struktur und Abläufe durchzuführen. Dabei haben wir auf die vorhandenen Kompetenzen der Mitarbeitenden zurückgegriffen. Das heißt, die Mitarbeitenden haben in ihren üblichen Teamsitzungen, neben den anderen wichtigen Themen auch über Strukturveränderung und Sozialraum geredet. Wir haben darauf viel Wert gelegt und sind einen Prozess mit großer Beteiligung angegangen, der auf diesem Weg seine Zeit gebraucht hat.

Weiterhin war die Einführung des Wohnens mit Intensivbetreuung (WmI) für das ABW wesentlich. Mit dem WmI wurden stationäre Wohnheimplätze aufgelöst. Für die dort bisher Wohnenden wurde ein ambulantes Appartementwohnen in Gemeinschaft entwickelt, in dem eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung möglich ist.

STEFAN REINDERS: Heißt das, es gibt jetzt keinen stationären Bereich im klassischen Sinne mehr?

KIRSTEN BIELEFELD: Den stationären Bereich gibt es nach wie vor, er ist jedoch deutlich kleiner geworden.

DORIS BRANDT: Der stationäre Bereich ist weiterhin für einige Menschen notwendig. Es war ja nicht so, dass alle Klienten, die stationär viele Jahre im Fürst Donnersmarck-Haus gelebt haben, den Wunsch äußerten, ambulant betreut zu werden. Es gab auch Verunsicherung und Ängste, weil es kein Vorbild für dieses Vorgehen gab. Der Ausbau der ambulanten Wohn- und Betreuungsmöglichkeiten wurde über einen längeren Zeitraum immer wieder mit den Klienten und Angehörigen besprochen. Auch das brauchte Zeit und wurde sehr eng durch uns begleitet. Am Ende blieb eine Gruppe mit 24 Bewohnern im Wohnbereich. Ganz wichtig war für viele Klienten, dass sie beide Optionen hatten und wählen konnten, wir ziehen mit ins WmI und wagen diesen Schritt oder wir bleiben hier.

STEFAN REINDERS: Welche strukturellen Änderungen begleiteten den Prozess des ABW hin zur sozialräumlichen Orientierung?

KIRSTEN BIELEFELD: Strukturell haben wir die bisherigen Abteilungen Betreutes Einzelwohnen, Wohngemeinschaften und Wohnen mit Intensivbetreuung drei Regionen zugeordnet. welche bezogen auf Größe, Angebote, und Zahl der Mitarbeitenden annähernd ähnlich aufgestellt sind. Mit dieser Regionalisierung haben wir die erste strukturelle Grundlage für sozialräumliches Arbeiten gelegt. Und damit begann die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Sozialraumorientierung - ein sehr eigener Prozess der immer noch nicht abgeschlossen ist.

DORIS BRANDT: Das funktioniert ja nicht einfach so, dass man plötzlich eine ganz neue Richtung geht und dann alle etwas ganz anderes machen. Es geht vielmehr darum, ein neues Konzept und neue Erkenntnisse aufzugreifen und sich die Frage zu stellen, welche praktischen Schritte daraus folgen, wie konzeptionelle Überlegungen in die Alltagspraxis umgesetzt werden können? Ich habe damals die Arbeitsgruppe Sozialraum geleitet und wir haben eine Fülle von Fragen bearbeitet. Uns wurde dabei klar, wie wenig wir noch wussten.

WOLFGANG WEIGAND: Ich erinnere mich an einen Vortrag, den Wolfgang Roos-Pfeiffer gehalten hat. Da weiß ich noch, als der aufhörte und die Frage kam, was meint ihr denn dazu, sagten die Mitarbeiter/innen, das machen wir doch schon immer. Das war für mich auch ein Hinweis, dass das Konzept noch nicht verstanden war und es auch eine Abwehr gab, sich wieder auf irgendwelche Neuerungen und Veränderungen einzulassen. Sie fühlten es auch als Infragestellung ihrer Kompetenz: Das können wir doch, das machen wir doch schon immer!

DORIS BRANDT: Und dann haben wir damit begonnen, eine Weiterbildung zu konzipieren, um den Mitarbeiter/innen eine Möglichkeit zu eröffnen, sich inhaltlich genauer mit dem Sozialraumkonzept zu beschäftigen.

WOLFGANG WEIGAND: Das war der Punkt, ab dem es erst richtig um den Sozialraum ging. In der ganzen Phase der Strukturklärung war das Stichwort Sozialraum immer im Hintergrund. Auf der Bühne kamen ab und zu mal Zitate und Überschriften, aber erst mit der Weiterbildung ging es darum, Kompetenzen zu erweitern. Erst ab diesem Zeitpunkt war „Sozialraum“ nicht mehr nur ein Schlagwort.

KIRSTEN BIELEFELD: Auch weil sich mit der Zusammenlegung der Arbeitsbereiche in den Regionen die Mitarbeiter/innen der drei Arbeitsbereiche intensiver für die jeweils andere Betreuungsarbeit zu interessieren begannen und viele praktische Fragen auftauchten. Und es wurde sichtbar, dass es einen Ort braucht, für die fachliche Auseinandersetzung mit dem, was Sozialraumorientierung praktisch heißen kann, einen Raum, in dem Mitarbeiter/innen zum Experimentieren und Ausprobieren eingeladen waren.

DORIS BRANDT: Es sollte auf gar keinen Fall eine Fortbildung sein, in der die Mitarbeitenden mit Informationen gefüttert werden. Darauf allein kommt es nicht an. Informationen zum Sozialraumkonzept haben wir in einem Reader zusammengestellt mit interessanten Artikeln von Wolfgang Budde, Frank Früchtel, Monika Seifert und anderen. Der wurde den Teilnehmer/innen zur Verfügung gestellt und wurde vor Beginn der Fortbildung gelesen.

WOLFGANG WEIGAND: Denn es sollte genau um die Ebene der Umsetzung gehen. Im Kurs habe ich selber erst verstanden, was die Probleme der Sozialraumorientierung sind und das ist ein wichtiger Punkt. Die Wissenschaft stellt Konzepte zur Verfügung. Sie begründet und legitimiert, was die Politik plakativ vorgegeben hat. Das wurde hier schön deutlich: Es gibt die UN-Behindertenrechtskonvention, die Politik übernimmt sie, sucht sich das Horn dafür, bläst rein und dann hört es die ganze Welt und dann geht es los, und führt zu dem, was jetzt passiert. Die Wissenschaft denkt darüber nach und entwickelt Konzepte, aber dann geht es in die Tiefe und in die Praxis. Und wir wollten mit der Weiterbildung in die Tiefe und in die Praxis.

DORIS BRANDT: Das Konzept der Weiterbildung verknüpfte die Auseinandersetzung mit Texten zum Sozialraum mit der Durchführung eines sozialräumlichen Projektes und eröffnete dabei Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, auszuprobieren und das Erlebte prozessorientiert zu reflektieren. Dazu dienten die Treffen in den Weiterbildungsblöcken, aber auch die Begleitung der Projektdurchführung durch Supervision.

WOLFGANG WEIGAND: Die Weiterbildung war so angelegt, dass die Mitarbeiterinnen in Feinarbeit ein sozialräumliches Projekt durchführen und kleinteilig beschreiben mussten, was sozialraumorientiertes Arbeiten im Detail bedeutet. Und da kam eine Menge an Problemen auf zwei Ebenen zutage: Die in der Behindertenarbeit selbst gemachten und die, welche die Politik zu verantworten hat und welche dazu beitragen, dass die Umsetzung dieses vollmundigen Wortes „Inklusion“ verhindert wird. Das fand ich sehr spannend. Weil so deutlich sichtbar wurde, dass die Politik, bevor sie Inklusion zum Programm macht, die Infrastruktur so ausbauen müsste, das die Realität, die damit angezielt wird, überhaupt verwirklichbar ist.

KIRSTEN BIELEFELD: Deutlich wurde, dass wir uns in einem hochpolitischen Feld bewegen. Unser Ansatz war, die Mitarbeitenden mit diesen Widersprüchlichkeiten nicht alleine zu lassen, sondern ihnen über Reflexionsprozesse die Möglichkeit zu geben, sich mit der Thematik und mit Möglichkeiten der Umsetzung intensiv auseinanderzusetzen. Vor allem die Projekte zeigen auf, wie schnell sozialräumliches Arbeiten an Grenzen stößt, wie sehr die ungewohnten Ansätze in der Praxis irritieren. Die Weiterbildung bot dafür einen Raum und ermöglichte Diskussionen und die Überprüfung der eigenen Haltungen. Das war das Ziel. Und das scheint bei einigen Mitarbeitenden nachhaltig gelungen zu sein.

STEFAN REINDERS: Die Politik greift fachliche Forderungen auf und proklamiert Inklusion als gesellschaftliches Leitbild. Faktisch bewegen sich die Betroffenen und die unterstützenden Akteure. Dass Inklusion eine Handlungsaufforderung an die Mehrheitsgesellschaft meint, bleibt außen vor.

WOLFGANG WEIGAND: Beim Nachdenken darüber ist mir sehr deutlich geworden, wie es ganz einfach gehen könnte: Jeder Mitbürger müsste seine - jetzt sage ich etwas Idealistisches - Einstellung, sein Gefühl, sein Handeln zur eigenen Behinderung überdenken. Die eigene Behinderung müsste in den Mittelpunkt kommen. Das habe ich in meinem Beitrag „Pole Position oder Rollstuhl“ näher ausgeführt. „Pole Position“ ist das gesellschaftliche Ziel, das Übliche. Michael Schuhmacher ist der Protagonist, der beide Pole – Pole-Position und Rollstuhl - persönlich symbolisiert.
Ich habe mich auf einen Markplatz in Italien gesetzt und darauf geachtet, wer da mit Behinderungen an mir vorbei geht: körperlich Behinderte, psychisch Kranke, die man ja nur bedingt sieht… Dabei zeigt sich diese Alltäglichkeit des Behindertseins, des eigenen wie das meiner Mitmenschen. Das müsste aufgegriffen und bearbeitbar werden, dann wäre Inklusion eine gesellschaftsverändernde Kraft.

KIRSTEN BIELEFELD: Dann wäre sie ein Heilungsprozess.

WOLFGANG WEIGAND: Dann würde jeder einmal nachdenken müssen, wie er und sie mit dieser Realität umgeht. Und dann wäre ein ganz anderes Fundament da für den Umgang mit Behinderungen, die sich nur deutlicher und transparenter bei vielen sog. „Behinderten“ zeigt. Und dazu gehört übrigens auch das Gegenteil: man muss reden dürfen über die eigene Angst, wie darüber, dass ich beim Frühstück im Behindertenhotel an eine Stelle gehe - und das sage ich ganz ehrlich - wo ich in Ruhe frühstücken kann. Ich habe erlebt, dass Behinderte in dem Hotel laut waren und unangenehme Begleiterscheinungen sichtbar wurden. Darüber muss man reden dürfen. Weil es immer auch Ausdruck für einen inneren Konflikt ist, sich mit Behinderungen und Einschränkungen auseinanderzusetzen. Das kennt doch jeder. Und das würde ein weites Feld eröffnen und zum Kern dessen führen, was Inklusion heißen kann. Ich habe den Eindruck, dass man da in anderen Ländern wie zum Beispiel Holland weiter ist: Mir scheint, die haben eine andere Einstellung zu den Behinderten, warum auch immer.

STEFAN REINDERS: Barrieren bestehen also nicht nur aus hohen Bordsteinkanten und fehlender Gebärdensprache, sondern sind sehr grundlegend verankert in Mentalitäten und Ängsten bei uns allen und finden sich auch im professionellen Umgang mit behinderten Menschen. Was braucht es denn nun, um das zarte Pflänzchen Sozialraumorientierung nachhaltig als Konzept im Ambulant Betreuten Wohnen zu verankern?

WOLFGANG WEIGAND: Der konzeptionelle Ansatz muss weiter im Blickfeld bleiben. Da sind die Träger immer gefragt: Nach welchem Modell arbeitetet ihr? Geht es um schnelle Veränderung, damit man eine gute Außenpräsentation hat und gut in der Presse erscheint oder geht es wirklich darum, mühsam Stein für Stein aus dem Felsen zu klopfen?

KIRSTEN BIELEFELD: Mein Anliegen ist es, dass wir, inspiriert vom Sozialraumkonzept, herausfinden, was möglich ist und wo die Grenzen liegen. Und dass wir dabei auch die gesellschaftlichen Zusammenhänge in den Blick bekommen wie z.B. den Supermarkt, in dem es keinen barrierefreien Zugang gab. Da war ganz selbstverständlich ein Drehkreuz, durch das jeder einzelne Kunde geschleust wurde. Das Drehkreuz musste immer dann beiseite geräumt werden, wenn ein Rollstuhlfahrer oder jemand mit einem Kinderwagen kam. Nachdem die Klienten dorthin gezogen sind, dauerte es wenige Wochen, bis das Drehkreuz weg war. Es war einfach zu aufwändig für die Mitarbeiter/innen, jedes Mal das Drehkreuz zur Seite zu räumen. Sie haben verstanden, es kommen neuerdings viele Leute mit Rollstuhl also ändern wir den Eingangsbereich. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Veränderung auch gelingen kann.

STEFAN REINDERS:
Was sichert denn die Nachhaltigkeit der Sozialraumorientierung? Was braucht es, dass dieser Lernprozess, der hier begonnen hat, nachhaltig fortgesetzt wird?

WOLFGANG WEIGAND:
Selbstreflexionsprozesse! Immer darüber nachdenken, was professionelles Arbeiten unter dem Gesichtspunkt Sozialraum heißt. Warum mache ich das? Bin ich überfordert? Was macht mir Spaß? Wie kann ich mich unterstützen lassen usw. Also nicht nur Handeln, Tun und Aktivität, sondern „runter vom Gas“ und darüber nachdenken, wo man hinfährt. Für mich ist die Supervision ein Instrument, um das zu reflektieren – und in den Budgetverhandlungen zeigt sich leider immer wieder, dass es eigentlich eine Luxusveranstaltung ist.

KIRSTEN BIELEFELD: Nein, das ist vom Kostenträger in einem gewissen Rahmen finanziert.

WOLFGANG WEIGAND: Es ist eine Luxusveranstaltung, weil noch nicht klar ist, dass Selbstreflexion ein wesentlicher Bestandteil der professionellen Arbeit ist, so wie für den Chirurgen der Operationssaal. Ohne OP kann der vielleicht operieren, aber eben nicht professionell. Der Chirurg braucht den Ort und das Instrument. Supervision wird im sozialen Bereich jedoch häufig als etwas angesehen, mit dem Mitarbeitenden etwas ganz besonders Gutes getan wird. Dabei wird ein Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt, das notwendig ist, um einen Auftrag wie Inklusion professionell umzusetzen.
Dazu ein Beispiel aus der Weiterbildung, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Einem Klienten des Ambulant Betreuten Wohnens, der früher mit Begeisterung Motorrad fuhr, wird von der Pädagogin angeboten, dass sie ihn auf dem Motorrad zu einem großen Biker-Festival bringt. Immer stimmt er zu, aber als es dann so weit war, ging es nicht, weil er das oder jenes gehabt hat… Und dann haben wir den Fall im Rahmen der Weiterbildung besprochen und was kam raus? Der behinderte Motorradfahrer war gekränkt. Erstens war die Betreuerin eine Frau, die hat hinten auf dem Motorrad zu sitzen und mitzufahren, aber nicht bestimmend zu sein. Und er konnte das Motorrad nicht mehr wie früher selber steuern. Er war tief gekränkt. Und jetzt sollte er auch noch zu einer Veranstaltung, wo er ein weiteres mal gekränkt wird, weil er alle die sieht, die noch selbstverständlich Motorradfahren können. Um solche Szenen zu verstehen, braucht es Orte für Selbstreflexion wie die Supervision.

STEFAN REINDERS: Aber nochmal nachgehakt: Wie kann es im Ambulant Betreuten Wohnen weitergehen mit der Sozialraumorientierung, …oder wissen wir das vielleicht noch gar nicht?

KIRSTEN BIELEFELD: Wir haben mit verschiedenen Aktionen weitergemacht. Dazu gehört z.B. die Gründung eines Klientenbeirats. Die Klienten des ABW haben sich eine Repräsentanz gewählt, um die eigenen Interessen besser vertreten und Klienten unterstützen zu können. Das ist eine Entwicklung, von der ich mir viel erhoffe und die ich als einen guten Schritt in die richtige Richtung empfinde. Dann haben Sozialraumaktionen, stattgefunden auf Initiative von Mitarbeitenden und mit aktiver Beteiligung der Klienten in Vorbereitung und Durchführung. Also der Sozialraumansatz wirkt durchaus.

WOLFGANG WEIGAND: Ich will die Frage stützen, weil darin etwas Typisches für Organisation sichtbar wird, unabhängig von der Stiftung: Es wird in einem Projekt etwas Neues geboren und wenn es dann mit dem ersten erfolgreichen Schritt abgeschlossen ist, dann droht es im Alltag unterzugehen. Ich finde die Frage berechtigt: Wer ist der Anwalt der Sozialraumorientierung und zwar kontinuierlich. Dass Sie das wollen, dass die Geschäftsführung das will, verstehe ich, aber wie wird das strukturell gesichert?

KIRSTEN BIELEFELD: Die Veränderung zur Sozialraumausrichtung ist konzeptionell verankert und wir sind jetzt dabei, das in die Praxis umzusetzen. In der Praxis zeigen sich die vielen, kleinen Schwierigkeiten im Detail. Aber wenn wir konkrete Aktionen durchführen und die Klienten beteiligen, auch an Bürgerprozessen und damit an politischen Prozessen, dann kommt etwas in Gang. Das Besondere ist ja, dass wir uns gerade im Ambulant Betreuten Wohnen schon im Sozialraum bewegen. Es kommt dabei darauf an, mit welcher Haltung wir das tun.

WOLFGANG WEIGAND: Aber die Frage steht: Wie kann ich etwas, was ich für richtig halte, nachhaltig absichern. Und da würde ich mal sagen, das Kind ist geboren, das Kind ist bis zum zweiten Lebensjahr gut versorgt oder bis zum Dritten. Und dann fängt es an, dünn zu werden. Dann läuft es, und dann sind die Eltern irgendwie mit anderen Dingen beschäftigt, um es mal im Bild zu sagen.

KIRSTEN BIELEFELD: Aus meiner Sicht zählen die Erfahrungen, die die Mitarbeitenden machen, die in den Wohngemeinschaften und im Betreuen Einzelwohnen arbeiten.
Sie brauchen eine gewisse Freiheit im Geiste. Und die regionale Struktur bietet diese Freiheit. Natürlich gibt es auch Zurückhaltung bei Mitarbeitenden, die das nicht wollen, z.B. weil sie das Alte ehren, das, was immer da war. Aber wenn ich mich auf den Weg mache, kann ich Neues sehen. Und damit entwickelt sich etwas. Die Struktur eröffnet die Möglichkeit, dass Mitarbeitende diesen Weg gehen können. Darauf kommt es doch an. Und da sind wir mittendrin.

DORIS BRANDT: Ich sehe, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, das ist überhaupt keine Frage. Und dass das nicht allein von den Mitarbeitern kommen kann, sondern eben auch als Bewusstsein in der Stiftung verankert sein muss. Aber wir sollten auch sehen, was wir erreicht haben. Ich kenne keine andere Organisation hier in Berlin, die einen solchen Umbau durchgeführt hat. Das heißt nicht, dass alles toll ist. Aber uns ist Wesentliches gelungen.

WOLFGANG WEIGAND: Vielleicht sollte jeder Mitarbeitende in jedem Redebeitrag, einmal das Wort ‚Sozialraumorientierung‘ unterbringen. Da gibt es ein schönes Beispiel aus der römischen Geschichte, als es um die Frage ging, ob Karthago zerstört werden soll: Der römische Staatsmann Cato Censorius, so wird berichtet, habe alle seine Reden - unabhängig vom eigentlichen Gegenstand der Diskussion - mit dem Ausspruch beendet: `Ceterum censeo Carthaginem esse delendam ‘, „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“. Ob es passte oder nicht. Dies sollten wir alle mit Blick auf den Sozialraum tun, um Sozialraumorientierung als Ziel zu erinnern und dieses Bewusstsein zu erhalten.