Pole Position oder Rollstuhl?

Zur kompensatorischen Funktion von Inklusion

Ich sitze auf dem Marktplatz in einer Kleinstadt und beobachte den lebhaften Publikumsverkehr. Dabei kommt mir der Gedanke, die Menschen, die an mir vorübergehen, unter der Perspektive einer möglichen Behinderung zu betrachten. Es braucht nicht lange, die augenfälligen Einschränkungen körperlich behinderter Mitmenschen zu registrieren: die alte Frau mit einem Gehstock, der junge Mann mit zwei Krücken, um sich trotz einer Beinverletzung vorwärts bewegen zu können; ein ungewöhnlich dicker Mann, der an der Nase und am Oberarm blutete, vielleicht war er aufgrund seines Übergewichts gestürzt.

Dazwischen ein geistig Behinderter, der mal wild gestikulierend auf Passanten zuging, aber sich auch von den Einheimischen, die ihn kannten, beruhigen ließ. Alles sichtbare Einschränkungen, die sich aufgrund körperlicher oder geistiger Defizite ergaben.

Weniger augenfällig, aber bei genauem Hinsehen doch auffällig die Mutter, die das Kind an ihrer Hand, das versucht mit ihr in Kontakt und ins Gespräch zu kommen, überhaupt nicht wahrnimmt, aber sofort auf den Klingelton ihres Handys reagiert und ein lebhaftes Telefonat führt. Eine Szene, die ich in modifizierter Form öfter beobachten kann: Gewünschter, aber auch benötigter sozialer Kontakt kommt nicht zustande, weil der Empfänger den Sender - aus welchem Grund auch immer - nicht wirklich zur Kenntnis nimmt. Wie zwei Blinde, die sich begegnen und beide in die Grube fallen, so wird die soziale Behinderung biblisch beschrieben.

Ein sehr magerer, wenn nicht dürrer Mann, der mehrere ungewöhnlich voll gepackte Einkaufstüten, die er kaum tragen kann, mit einiger Anstrengung an irgendein Ziel zu bringen versucht. Braucht er das alles oder stopft er sich nur voll? Frage ich für mich vorwurfsvoll, ohne auf die Idee zu kommen, ihm zu helfen. Die durch ein mangelndes oder eingeschränktes Sozialverhalten entstehenden Behinderungen ereignen sich in Hülle und Fülle, ohne dass sie wirklich zur Kenntnis genommen werden.

Was vielleicht durch Habitus, Gestik oder Mimik erkennbare psychische Belastungen und Behinderungen sind, entzieht sich meiner Überprüfbarkeit und bleibt im Bereich der Interpretation und Spekulation. Aber sicher sind nicht alle, die an mir vorübergehen, seelisch unbelastet und psychisch gesund.

Was kann ich also nach einer längeren Zeit der Beobachtung registrieren: eine Welt voller körperlicher, geistiger, seelischer und psychischer Behinderungen. Sind also Behinderungen doch kein ungewöhnliches Phänomen und eher Normalität oder eher selten und eine Randerscheinung? Wir übersehen sie, weil wir sie nicht sehen wollen; wir können sie nicht sehen, weil sie nicht transparent und offen zur Schau getragen werden; abgesehen davon, an welcher Stelle die sog. Normalität überschritten wird und wir die Kriterien der Behinderung festlegen. Zweifellos geschieht dies sehr subjektiv und lässt vielmehr Rückschlüsse auf den Beobachter zu als auf die Normalität des Zeitgenossen.

„Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass es in der ganzen Debatte in Wahrheit weniger um die Behinderten, sondern eher um die Befindlichkeiten der Nichtbehinderten geht. Wenn Behinderung nicht mehr als solche wahrgenommen wird, muss man sich auch keine Gedanken mehr machen, welche schmerzliche Lebenseinschränkung damit verbunden sein kann.“ (Bernd Ahrbeck, Am Rande zu stehen, ist schrecklich, in: Spiegel Nr. 34/2014, S.40)

Behinderungen gehören zum menschlichen Leben wie ihr Gegenteil, die besonderen Kompetenzen und Potentiale, die ein Mensch zur Verfügung hat. Es ist ja anzunehmen, dass beides im selben Menschen vorhanden ist: Defizit und Potenz.

Wir reden also nicht über ein außergewöhnliches Phänomen, wenn wir über Behinderungen sprechen, sondern über die Normalität und die alltägliche Einschränkungen, in die wir alle eingebunden sind; nur der Grad der Sichtbarkeit und des Mitempfindens unterscheidet sich.

Woher kommen dann die Angst und die Abwehr, uns mit Behinderung zu beschäftigen?

Es ist die Angst vor unseren bewussten oder unbewussten Defiziten, Einschränkungen und Behinderungen. Wir leiden unter ihnen und bekommen sie an der Person des Behinderten in der einen oder anderen Weise vorgeführt. Dabei ist es nicht entscheidend, welcher Art die Behinderung ist, sondern nur die Vergegenwärtigung, was es heißt, behindert und damit teilweise ausgeschlossen zu sein. Die schmerzliche Erfahrung, nicht dazu zu gehören, kennen wir aus anderen Lebenszusammenhängen; nicht teilhaben zu können, bestenfalls Zuschauer zu bleiben und es den anderen überlassen zu müssen, sich an den begehrten Objekten zu erfreuen. Es ist aber generell eine Konfrontation mit der eigenen Schwäche, sei sie körperlich, psychisch oder sozial, die uns beschäftigt, ängstigt und die wir oft nicht wahrhaben wollen. Der Behinderte führt uns seine Schwächen in aller Öffentlichkeit vor und wir sehen die Reaktion der Umwelt, die ja längst nicht nur einfühlsam und hilfreich ist, sondern abgewandt, wenig einfühlsam und vielleicht sogar verleugnend. Das kleine Beispiel des alten Menschen, der in der Straßenbahn einen Platz bräuchte, aber vor den Reihen von Jugendlichen stehen muss, die sich mit ihrem Ohrstöpsel aus der gegenwärtigen Realität verabschiedet haben, zeigt eine doppelte Behinderung: der alte Mensch ist körperlich eingeschränkt, die Jungen sind sozial behindert, zumindest in ihrer Wahrnehmung. Wir denken bisher über unser individuelles, persönliches Bewusstsein in dieser Frage nach und müssen es ergänzen durch das gesellschaftliche und politische Bewusstsein, das natürlich dieses individuelle Bewusstsein prägt.

„Inklusion“ heißt die neue Zauberformel, um die grausame Realität von Behinderung aus der Welt zu schaffen. Wenn die Behinderten inkludiert sind, werden die Unterschiede nicht mehr so deutlich. Das ist die nicht eingestandene Hoffnung. In Wirklichkeit eröffnen sich neue Konflikte, wie wir beispielsweise an der Differenzierung und Inanspruchnahme von Regel- und Sonderschulen sehen. “Bislang ist die Inklusion den meisten Lehrern zwar als Schreckgespenst begegnet, aber nicht als Kind im Klassenraum“ (M.Spiewak, ZEIT Nr. 14, 2014 S. 43), mit dem sie ohne Fortbildung und Qualifizierung überfordert wären. Echte Gegner der Inklusion gibt es nicht, keiner kann sich diese Einstellung leisten. Da drehen sich plötzlich die Fronten, wenn die Eltern merken, dass ihr Kind in der Sonderschule besser aufgehoben ist und lernt als in der Regelschule, weil dort Geld, Personal und Kompetenz fehlen. Die Inklusionsbefürworter wollen inzwischen die Eltern zwingen, ihr behindertes Kind in die Regelschule zu bringen: aus dem Recht wird ein Zwang. Eine schlecht gemacht Inklusion führt dann zur Exklusion (vgl. Schnabel, ZEIT, a.a.O.)

„Familien mit behinderten Kindern werden vor allem zur Projektionsfläche für gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen“, stellt die saarländische Ministerpräsidentin fest (ZEIT Nr. 31, 2014, S. 7) und plädiert dafür, die Inklusion nicht gegen das bestehende System zu betreiben, sondern in eine komplexen inklusiven Prozess einzutreten, der viel Zeit braucht. Das würde bedeuten, in der Praxis die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Inklusion möglich ist: beispielsweise Kompetenz und Finanzen in die Schulen zu bringen, im Behindertenrecht dafür zu sorgen, dass innerhalb der Behindertenarbeit die wechselseitige Begegnung und Förderung von unterschiedlichen Gruppen von Behinderten möglich wird und nicht aufgrund von gesetzlichen Vorgaben ausgeschlossen bleibt. Die Akzeptanz der Behinderten im öffentlichen Raum zu fördern und Inklusion zu ermöglichen, wird von professionellen Pädagogen, Pflegekräften und Sozialarbeitern mit bemerkenswerter Kreativität und Intensität betrieben (vgl. die Beiträge dieser Publikation). Gerade sie können bestätigen, dass zwischen gelingender Inklusion und proklamierten, oft vollmundig vorgetragenen Konzepten aus Politik, aber auch der Wissenschaft eine große Diskrepanz besteht.

Statt die Wirklichkeit von bestehender Exklusion und Inklusion wahrzunehmen, gründlich zu betrachten und zu bewerten, sorgen ideologische Positionierungen und Interessen auf allen Seiten dafür, die anthropologische Tatsache von Einschränkung und Behinderung nicht wirklich ernst zu nehmen, das soziale Umfeld der Behinderten und die Professionellen in diesem Feld zu überfordern und damit letztendlich dem Behinderten zu schaden. Mit dem Inklusionskonzept ist das Gegenteil geplant.

Eine Illustration dazu bietet ein Bericht über einen behinderten Unternehmer, der in der Zeitschrift brandeins (10/2013, S. 113) zum Thema „Normal“ veröffentlicht wurde. Gregor Demblin verunglückt mit 18 Jahren, ist querschnittgelähmt, verlässt nach zwölf Monaten den geschützten Raum der Reha, „dieser schönen, neuen Behindertenwelt, in der alles wunderbar barrierefrei dahinrollt und man monatelang unter seinesgleichen lebt wie in einer Blase“. Mit einem Mal wurde alles bleiern. Jede Fahrt „ durch mein Wien, meine Stadt“ wurde zum Hindernislauf. Jeder Bordstein wurde zur Herausforderung, jedes Haus ohne Fahrstuhl stand mit einem mal da wie ein unbezwingbarer Achttausender. Tragikomisch wurde es, wenn ein Wildfremder ihn über die Straße schob, obwohl er gar nicht die Seite wechseln wollte. Oder ihn Passanten streichelten, offenbar um ihn zu trösten. Manche drückten ihm ein paar Schilling in die Hand, wie einem Bettler. „Da ist dein Leben schon so wahnsinnig kompliziert geworden, und dann wird es noch schlimmer: Du musst dich überall neu beweisen und zeigen, dass dir nicht nur im Kopf nichts fehlt, sondern dass Du sogar etwas leisten kannst.“

Es sind zwei unterschiedliche Dimensionen, die Demblin in seinem Bericht anführt: die strukturellen Hindernisse (Bordstein, Fahrstuhl, Straßenbenutzung) und sozio-, bzw. psychodynamische Stolpersteine: Trost oder Hilfe, die es nicht braucht, die vielleicht sogar schadet; inadäquate psychische und soziale Reaktionen, die der Behinderte in seiner Umwelt auslöst. Wenn zwischen dem Behinderten und beispielsweise dem Almosengeber nun ein Gespräch zustande käme, dann könnten die Kompliziertheit der Interaktion und die dahinter liegenden Widersprüche deutlich werden.

Es fehlt am „Wege ebnen“ auf der Straße, in der Fortbewegung, vor allem aber in der Kommunikation, Interaktion und im wirklichen Verstehen der gegenseitigen Positionen. Für die kuriose Situation, gegen den eigenen Willen über die Straße gebracht oder als Bettler behandelt zu werden, sind nämlich beide verantwortlich: der Behinderte wie der, der sich als Nichtbehinderter einschätzt, der aber aufgrund seiner eingeschränkten sozialen Wahrnehmung oder anderer innerer Konflikte – so könnte man folgern – ebenfalls seine Behinderung andeutet.
Wie mühsame Schritte gelingender Inklusion aussehen können, macht ein kleines Beispiel deutlich, das in mehrfacher Hinsicht beeindruckt.

Der bekannte Fußballtrainer Pep Guardiola suchte noch als Spieler des FC Barcelona eine geistige Autorität, mit der er sich auseinandersetzen wollte, um selbst in wichtigen Fragen seiner persönlichen Entwicklung weiter zu kommen. Er fuhr mit seiner Frau zu dem katalanischen Dichter Miquel Mari i Pol (1929-2003), der für seine Lyrik sehr bekannt, aber als an Multiple Sklerose Erkrankter an den Rollstuhl „gefesselt“ war, nicht mehr sprechen und nur noch über eine elektrische Schreibmaschine mit der Welt kommunizieren konnte. „Eine paradoxe Situation: der Athlet und der Lahme, der Reiche und der arme Schlucker, der Zungenfertige und der Stumme – was hatten sie einander zu sagen? Offenbar war der Dialog unter so erschwerten Bedingungen fruchtbar.“ (K.Corino, in NZZ 16.8.2014, S.56) Sie pflegten über lange Zeit eine poetische Freundschaft und es war bekannt, dass Pep Guardiola als Trainer von Barca mit ausgewählten Gedichten des Freundes seine Spieler anzusprechen versuchte und auch öffentlich diese Gedichte später im Gedanken an den katalanischen Dichter vorgetragen hat. Die Szene zeigt, dass auch der Schwerstbehinderte für die Gesellschaft einen wertvollen Beitrag leisten kann, wenn seine Umwelt das Angebot sieht und keine Scheu hat, sich darauf einzulassen. Es zeigt weiter, dass auch derjenige, der scheinbar im Vollbesitz seiner Kräfte und Möglichkeiten ist, eigene Defizite erkennen und sie zum Gegenstand seiner Weiterentwicklung machen kann. Schließlich entsteht zwischen dem scheinbar Starken und dem scheinbar Schwachen eine Beziehung, die genug Verbindung schafft, um die Unterschiede und Diskrepanzen zu relativieren.

Inklusion heißt im ersten Schritt also nicht Geld zur Verfügung zu stellen, Fahrstühle einzurichten und Sonderschulen abzuschaffen, sondern sich mit der menschlichen Realität von Schwäche, Einschränkung und Behinderung auseinanderzusetzen, die subjektive, persönliche Bedeutung dieser Grenze für die eigene Person zu reflektieren, darüber mit anderen in Interaktion zu kommen und gemeinsam zu überlegen, was strukturell, ökonomisch, juristisch und politisch Not tut. Sonst wird gerade in einer Gesellschaft, die „supergeil“ auf Leistung mit den Begrifflichkeiten von Mega und Premium nicht mehr auskommt, die Konkurrenz in immer neuen Rankings schürt, die Pole Position als den einzig erstrebenswerten Ort betrachtet, der Versuch der Inklusion zur Kompensation oder sogar zur Parodie wie sie Helmut Qualtinger in einem Song vor vielen Jahren sarkastisch beschrieb: „Krüppel ham so was Rührendes, Krüppel ham was Verführendes; ja wenn ich so an Krüppel seh’ wird’s mir ums alte Weener Herz so warm und weh.“

Prof. Dr.Wolfgang Weigand
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