Sozialraumorientierung - von Praxisversuchen im unwegsamen Gelände

Herausgefordert: der Umbau des Hilfesystems

Die konzeptionelle Weiterentwicklung der Behindertenhilfe beschäftigt Einrichtungen und Träger der Behindertenhilfe. "Es geht“, so Norbert Schwarte, „um nicht weniger als den Umbau eines Hilfesystems, das sich in mehr als 100 Jahren herausgebildet hat und in den rechtlichen Strukturen, in den institutionellen Vorgaben, aber auch in den Vorstellungen tief verankert ist, die sich die allermeisten Zeitgenossen hierzulande über eine angemessene Versorgung von Menschen machen, die auf kontinuierliche Unterstützung in ihren alltäglichen Lebensvollzügen angewiesen sind." (Schwarte 2007, S 1.)

Sozialraumorientierung beschreibt dabei auf der konzeptionellen Ebene eine Zielperspektive, die im Kontext der angestrebten personenzentrierten Unterstützung Teilhabechancen von Menschen mit Behinderten erhöhen hilft und deshalb als zukunftsweisend gilt.

Der "Konversionsprozess", der das stationär geprägte Hilfesystem durch flexible, offene Hilfen ersetzen soll, erfordert neben einer konsequenten Neuausrichtung von sozialrechtlicher Rahmung und sozialpolitischer Steuerung die Weiterentwicklung angemessener Finanzierungsmodi als Grundlage eines tiefgreifenden Veränderungsprozesses bei allen beteiligten Akteuren. Er braucht neben der (gesellschafts-)politischen und fachlich-konzeptionellen Auseinandersetzung das Ausloten von Veränderungsmöglichkeiten durch Träger, Einrichtungen und Professionellen im Feld. Er braucht Praxisentwicklung und damit Akteure, die ausprobieren und Neues wagen. Dies ist ein - für alle Beteiligten - riskantes Unternehmen, das mit zunehmender Komplexität in wachsende Unsicherheit und widersprüchliche Erwartungen führt.

„Die beste Praxis ist eine gute Theorie“ aber „Nur die Praxis enthält die ganze Theorie“ (Kappler 2013, S.172)

Versuche, Sozialraumorientierung als Fachkonzept in der Praxis umzusetzen, machen die Komplexität dieser Veränderungsprozesse im Fadenkreuz von persönlicher, fachlicher, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene deutlich. Die Erfahrungen, von denen Fachkräfte in der Behindertenhilfe berichten, enthalten - so könnte man zuspitzen - „die ganze Theorie“, weil sie die den Veränderungsbemühungen innewohnende Komplexität offenbaren: mehr noch, sie zeigen die „Tiefendimensionen“ eines auf sozialraumorientierter Fachlichkeit in der Behindertenhilfe zielenden Veränderungs- und Lernprozesses. Dabei werden Herausforderungen, Grenzen deutlich, sowohl bezogen auf persönliche Handlungsspielräume einzelner Mitarbeitender, wie auch bezogen auf die konzeptionell-strukturellen Bedingungen, unter denen eine berufliche Praxis neuer Prägung Raum greifen soll. Dieser Beitrag geht auf „Spurensuche“, um einige der im praktischen Tun aufscheinenden Schwierigkeiten/Phänomene aufzuzeigen und Hinweise aus der Sicht jener zu gewinnen, die in Auseinandersetzung mit der durch Komplexität, Vielfalt, Instabilität, Ungewissheit, unterschiedliche Werte und Interessenskonflikte geprägte Praxis Erfahrungen mit sozialräumlicher Praxis gewinnen.

Es geht hier nicht um eine systematisierte Darstellung/Handlungsanweisung für einen sozialraumorientierten Umbau von Einrichtungen, sondern um eine Auswertung und Bündelung von Erfahrungen, die im Kontext eines Weiterbildungsprojektes „Kompetenz im Sozialraum“ der Fürst Donnersmarck-Stiftung als Praxisentwicklungs- und Reflexionsprozess zur Sprache kamen. Es geht um die „Produktivität“ der konkreten beruflichen Praxis und der Personen, die diese Arbeit machen und um den Versuch, diese Erfahrungen in den aktuellen Theorie-Praxis-Dialog einzubringen. Dies auch mit dem Ziel, der, von Kartharina Gröning mit Blick auf Soziale Organsiationen als manisch depressiv beobachteten Spaltung „zwischen erfolgreichen Fortschrittsproduzenten und Problemlösern, die öffentlich Renommee besitzen, und den Personen, die im Verborgenen mit den Klienten arbeiten und deren Beiträge und Produktivität unbewusst bleiben“ etwas entgegenzusetzen.(Vgl. Gröning, 1998, S. 14)

Sozialraumorientierung: von der Sprengkraft eines Fachkonzeptes

„Der konsequente Bezug auf die Interessen und den Willen der Menschen kennzeichnet das Fachkonzept Sozialraumorientierung und bildet damit den ‚inneren Kern‘ des Ansatzes, dem Aspekte wie der geografische Bezug, die Ressourcenorientierung, die Suche nach Selbsthilfekräften und der über den Fall hinausreichende Feldblick logisch folgen“ (Wolfgang Hinte 2009, S.24).

Die UN-Behindertenrechtskonvention betont das grundlegende Recht auf Teilhabe und Entscheidungsfreiheit behinderter Menschen. Diese haben das Recht, ihren Aufenthaltsort selber zu wählen, zu entscheiden, wo und wie sie leben wollen und dabei durch den Zugang zu gemeindenaher Unterstützung und Dienstleistung unterstützt zu werden. Sie formuliert einen scharfen Einspruch gegen eine Entmündigung, die mit dem etablierten Hilfesystem einhergehen kann.

Dieser wird - ausgehend vom Menschenrecht auf Selbstbestimmung und Teilhabe - die Orientierung an Interessen und Willen der Betroffenen entgegengesetzt. Das Fachkonzept Sozialraumorientierung greift diese Orientierung auf und macht darauf aufmerksam, dass kein Mensch für sich alleine lebt und dass der Sozialraum allen Menschen vielfältige Ressourcen zur Verfügung stellt: öffentliche Plätze, öffentliche wie private Dienstleistungen, Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen sowie Unterstützungsangebote, auf die alle Menschen - auch behinderte - einen Anspruch haben.

Sozialraum- und Teilhabeorientierung zielen auf weniger vorgestanzte Hilfen und brechen mit einer jedem System innewohnenden Tendenz, sich selbst zu erhalten. Adressaten im Hilfesystem sind als Subjekte der Bürgergesellschaft ernst zu nehmen und sollen als solche soziale Dienstleistungen, die sie bei der Wahrnehmung sozialer Teilhabe und weitest gehender Selbstbestimmung unterstützen und begleiten, nutzen können.

Das Sozialraumkonzept operationalisiert diese Zielsetzung in fünf Prinzipien (vgl. Hinte 2006, S. 7-24):

  1. die Orientierung an Interessen und Willen Betroffener,
  2. die Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe,
  3. die Konzentration auf die Ressourcen der Menschen und den Sozialraums,
  4. die zielgruppen- und bereichsübergreifende Sichtweise, sowie
  5. die Kooperation mit und Koordination von Aktivitäten unterschiedlicher Akteure im Sozialraum.

Damit adressiert das Konzept Anforderungen sowohl an sozialpolitische Verantwortliche wie an Einrichtungen der Behindertenhilfe: sie müssen den Einfluss von Organisationsroutinen, Aufgabenteilung, juristischen Regelungen und vor allem Finanzierungsformen kritisch hinterfragen und die eigene Hilfeorganisation mit ihren Standardisierungseffekten als Teil des Problems sehen.

Die folgenden Beispiele beschreiben exemplarisch einige mit der praktischen Umsetzung des Konzeptes verbundene Herausforderungen und greifen dabei auf die Reflexionen von Teilnehmer/innen während der Weiterbildung „Kompetenz im Sozialraum“ zurück.

1. „Das Wort ‚Nein‘ scheint sie nicht zu kennen“ oder vom Wollen und Wünschen und einer „Kasuistik der Sorge“

Personenzentriertes Denken, so Stefan Doose, beschreibt eine „Grundhaltung, die eine Person mit dem, was ihr wichtig ist, ihre Stärken und Möglichkeiten, ihre Träumen und Zielen in den Blick nimmt und darauf aufbaut. Was kann eine Person, bei alledem, was ihr vielleicht schwerfällt? Was interessiert sie? Welche Möglichkeiten gibt es? Welche müssen neu geschaffen werden? Dieses personenzentrierte Denken verlangt, genau hinzuschauen, hinzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen.“ (Doose, 2011)

„Was beispielsweise hat eine Frau mit Down-Syndrom, die seit ihrer Jugend in Einrichtungen betreut wird, für Wünsche? Welche kenne ich und welche kann ich noch wie herausfinden? Die bald 50-jährige Frau, die in unserer betreuten WG lebt, ist sprachlich meistens schwer zu verstehen. Zudem traut sie sich in der Regel nicht, Bedürfnisse zu äußern, das Wort „Nein“ scheint sie nicht kennen. Wie schaffe ich es nun, sie so zu stärken und zu unterstützen, dass sie mir ihre Wünsche vermitteln kann und welche Möglichkeiten sind vorhanden, diese auch umzusetzen?“ (A.F; die folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen von Teilnehmer/innen der Fortbildung „Kompetenz im Sozialraum“.)

Sozialräumliches Handeln findet ihre Grundlage in einer solchen personenzentrierten Grundhaltung. Ohne das emphatische Anerkennen der Personenwürde des Anderen, hier also des Unterstützungs- und Hilfedürftigen - wird sozialräumliches Arbeiten auf ein weiteres - gut gemeintes -  Betreuungskonzept reduziert, dass Entmündigung und Entrechtlichung im Hilfesystem nicht zwingend aufhebt.

Die Infrage-Stellung strukturell vorgeprägter und einrichtungsbezogen ausgeprägter Handlungsroutinen als Folge eines konsequent personenzentrierten Ansatzes erfordert eine selbstreflexiv aufgeklärte Fachlichkeit und diese ermöglichende Rahmenbedingungen in der beruflichen Praxis. D.h. es braucht einen Austausch- und Erfahrungsraum, es braucht eine fachlich-methodische wie Selbstreflexion ermöglichende Unterstützung dabei, konsequent personenzentriert zu handeln, um die häufig nur angedeuteten, interpretationsbedürftigen, missverständlichen, nonverbal geäußerten Möglichkeiten aufmerksam wahr- und ernst zu nehmen.

„Ich stellte meine Idee vor. Als Antwort erhielt ich ein wortloses Achselzucken, nach vielen Gesprächen in der Gruppe erntete ich ein zögerliches Kopfnicken. Daraufhin legte ich den ersten Termin fest…“ (V.L.)

„Aktive Passivität“ wird ein Stichwort, mit dem diese Haltung beschrieben werden kann, nichts „tun“ als professionelle Haltung, die achtsame Aufmerksamkeit mit einer „expertenkritischen“ Zurückhaltung verbindet und unterstützend und begleitend handeln kann, ohne das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

„Ich habe so manches Mal bei den Sitzungen gedacht, es wird viel geredet, aber wirkliche Ergebnisse gibt es nicht. Zum Teil wurden Themen auch immer wieder besprochen, so dass ich häufig ungeduldig wurde. Das Ergebnis zeigt aber, dass es sich lohnt, die notwendige Geduld aufzubringen, genau zuzuhören, die Menschen mit Beeinträchtigung sind durchaus in der Lage, ihre Bedürfnisse zu äußern, vielleicht ist es ja meine Beeinträchtigung, dass ich es nicht gleich verstehe. (G.S.)“

Eine solche Haltung kann – das wurde in den Gesprächen und Projektberichten deutlich – zu überraschend neuen Einschätzungen bei Mitarbeiter/innen wie Klient/innen führen. Nach 20-jähriger Begleitung einer Klientin, so berichtet eine Mitarbeiterin, führt die Unterbrechung einer bisher selbstverständlichen Routine durch eine neue Aufmerksamkeit für die Handlungsmöglichkeiten einer Bewohnerin zu Überraschung und Entlastung:

„Der eigene Anspruch und die Sorge meinerseits, die Geburtstage angemessen zu gestalten und dafür die Verantwortung zu tragen, erledigten sich von allein, da sie dies selbst in die Hand genommen hat. Ich konnte erkennen, das Frau N ihre Bedürfnisse in adäquater Weise verwirklichen konnte und kann.“ (S.P.)

Personenzentriertes Arbeiten kann (beiderseitig) vorhandene Zuschreibungen in Frage stellen und damit auch Klienten ermöglichen, zu neuer Selbstwahrnehmung und Selbstzutrauen zu kommen:

„Frau X war überrascht, wie vielfältig und ereignisreich ihr Leben bisher verlaufen war und sie ist stolz und zufrieden, mit dem, was sie erreicht hat. In weiteren Gesprächen zeigte sich (ausgelöst durch das Soziogramm), dass sie mit der aktuellen Situation zufrieden ist und die Kontakte zu bestimmten Personen sehr wertschätzt. Durch die Biographiearbeit wurde nicht nur die Vergangenheit lebendig, wo sie sich an schöne Situationen erinnerte, sondern sie stellte auch fest, dass sie ihn als Mensch und Lebensbegleiter nicht missen möchte. (..)Dies löste einen Schub an Aktivitäten aus. Sie wollte sich aktiv um ein schönes Geschenk für ihn kümmern und auch die anstehenden Geburtstage und Hochzeitstag gestalten und es nicht einfach laufen lassen.“ (S.P.)

Auf Seiten der Mitarbeitenden erfordert dies eine permanente Auseinandersetzung mit den eigenen Einstellungen, Werthaltungen und damit den Grundlagen der eigenen professionalen Rollengestaltung:

„Ich persönlich habe mir vorgenommen, meinen bisherigen - doch stark pädagogisch geprägten Ansatz - zu ent-pädagogisieren und weiter vielmehr einen Gespür dafür zu entwickeln, was noch alles Unmögliche möglich ist.“ (U.H)

Die Auseinandersetzung mit dem Sozialraumkonzept verweist auf ein grundlegendes Paradigma der „klientenorientierten Beziehungsarbeit“ und löst damit im besten Fall vielfältige wahrnehmungsbezogene Prozesse aus: eine „forschende Haltung“ die für alle Beteiligten neue Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung im Alltag offenbart. Zwei Rollenmodelle zeichnen sich dabei ab: einerseits ein Modell der Assistenz, die die „Regiekompetenz“ bei den Menschen mit Behinderungen belässt und andererseits eine Unterstützung, die die Grenzen derer, die ihren Willen nicht artikulieren bzw. nicht für sich selber sprechen können, in Rechnung stellt. Es geht – um eine „Kasuistik der Sorge (Jens Bisky, 2012 in einem Bericht über Andreas Kuhlmann und seinem Buch: An den Grenzen unserer Lebensform - Texte zur Bioethik und Anthropologie), die dem behinderten Menschen Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglicht, ohne sein Angewiesensein auf Unterstützung zu ignorieren und seine Grenzen mit zu tragen. (Vgl. dazu Andreas Kuhlmann: Behinderung und die Anerkennung von Differenz. In: Andreas Kuhlmann, 2011).

„Ich habe jedenfalls durch dieses Projekt eine andere Sichtweise und ein anderes Gefühl bekommen zu den Klienten, für die ich da bin. Ich beobachte mehr und beachte ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ziele. Ich fühle mich jetzt nicht mehr nur als eine Betreuerin, sondern auch als eine Begleiterin, Unterstützerin und Koordinatorin. Es fand definitiv eine Veränderung meiner Rolle als professionelle Mitarbeiterin statt. Ich lernte dabei mir Fragen zu stellen, wie z.B.: Was ist der Person wichtig und was nicht? - anstatt von dem auszugehen, was ich selbst für wichtig empfinde. Die Weiterbildung hat mir verholfen, anders auf Dinge zu schauen und zu beachten, als ich es vorher getan habe. Es unterstützt den Menschen der Assistenz benötigt darin, aktiv sein Leben zu gestalten und dies mit mir/uns gemeinsam zu tun.“ (K.R.)

Diese Grundhaltung wiederum – das legen die Reflektionen im Rahmen der Fortbildung nahe – setzt die kollegiale Reflexion und Nachdenklichkeit fördernde Unterbrechung des beruflichen Alltags und einen Ort für Austausch und Verstehen voraus.

2. „Ich war froh, dass er wieder da war“ oder von der (Neu-)Verteilung von Verantwortung

Ein sozialräumlich angelegtes und die „Eigensinnigkeit“ der Klienten ernst nehmendes Handeln provoziert die Frage, wer wofür Verantwortung trägt.

„Wir verließen das Café und Herr I. wollte schon allein zum Haus vorfahren. Ich erklärte ihm den Weg und bat ihn vorsichtig zu fahren, da er immer noch sehr erregt über das Missverständnis wirkte. Ich schob die anderen beiden Bewohner/in zurück in den Seelbuschring, es war auch diesmal mühsam, da es schneite. Als wir im Seelbuschring eintrafen, war Herr I., der sich allein auf den Weg gemacht hat, noch nicht eingetroffen. Nachdem ich die beiden Bewohner/innen meiner Kollegin anvertraut habe, machte ich mich auf den Weg um Herrn I. zu suchen. Er stand dann auch unten am Fahrstuhl, konnte mir aber nicht sagen, wo er so lange war. Ich war natürlich froh, dass er wieder da war und seinen Weg doch noch ins Haus gefunden hat. (V.L.)

Herr F. fuhr im Seelbuschring auf der Straße entgegen der Einbahnstraßen-Fahrtrichtung mit seinem Rolli sehr, sehr schnell. Er ließ sich nicht davon abbringen. Zum Glück hatte er keinen Gegenverkehr“ (V.L.)

Die Beispiele zeigen, wie schnell im Alltag Situationen entstehen können, in denen das Risiko einer Selbst- und Fremdschädigung wächst, zumal bei Personen mit potentiell schwerwiegenden Risiken (z.B. Schluckstörungen, Hinlauftendenz, Sturzgefahr…). Person- und sozialraumorientiertes Handeln setzt Regelungen voraus, wie das entstehende Risiko verteilt wird. Konzeptionell braucht es ein professionelles Risikomanagement, das den Intrarollenkonflikt bearbeitbar macht. Beispiele dafür sind Fallkonferenzen, in denen Vorgesetzte, Mitarbeitende und Klienten das Verhältnis von Verantwortung, Risiko und Autonomie bezogen auf das eigene Handeln besprechen und Verabredungen getroffen werden. Es bleibt die Notwendigkeit, im Ernstfall die Verantwortung nicht einseitig zuzuweisen und eine Kultur geteilter und ausgehandelter Verantwortungsübernahme zu entwickeln, die Leitung/Träger, Hilfeempfänger/Klient und Mitarbeitende einbezieht. Regelungsmechanismen wie z.B. Fallkonferenzen (unter Beteiligung von Leitungskräften) sind dabei unverzichtbar, um die Ängste aller Beteiligten ernst zu nehmen und gleichzeitig ein geteiltes und fachlich begründetes Risiko einzugehen – um weder unverantwortlich noch entmündigend zu handeln. Fachlich begründetes und verantwortetes Risiko bleibt jedoch ein Risiko – die Nagelprobe entsteht im Ernstfall: hier entscheidet sich, ob eine tragfähige „Fairniskultur“ entwickelt wurde. (Vgl. dazu Wolfgang Weigand: Autonomie – Risiko – Verantwortung)

3. „Etwas Unvernünftiges zulassen“ oder: wer hat die Macht?

Dem Sozialraumkonzept liegt die gesellschaftliche Utopie gleichberechtigter Teilhabe zugrunde. Der utopische Überschuss ist produktiv, wenn er dazu beiträgt, das eigene fachliche Handeln zu inspirieren und zu überprüfen.

„Inwieweit muss und kann ich mich in meinen „alten“ pädagogischen und sicherlich auch persönlich geprägten Vorstellungen zurücknehmen und auch etwas „Unvernünftiges“ zulassen? Zum Beispiel, wenn die besagte Frau schwer übergewichtig ist, möglicherweise bei Geldauszahlung alles in Süßigkeiten und Fettes umsetzt und spätere Folgeschäden zu erwarten sind?“ (A.F.)

Es stellen sich Fragen nach der Spannung zwischen Autonomie und Anhängigkeit und damit auch die Frage, wer die Entscheidungsmacht hat. Wie sich am Willen der Klienten orientieren, wenn diese sich „selbstschädigend“ verhalten? Wie den Willen der Klienten achten, wenn er dem eigenen Wollen der Mitarbeitenden entgegensteht oder persönlichen Grenzen, Überzeugungen etc. in Frage gestellt werden?

Diese Fragen stellen sich zwar nicht neu, sie stellen sich aber mit neuer Dringlichkeit. Als Kehrseite zeigt sich nämlich, dass der Impuls, behinderte Menschen bei der Wiederentdeckung von Stärken und Neugewinnung von Eigenaktivität und Selbstzutrauen zu unterstützen und zu fördern, von der achtsamen Akzeptanz von Grenzen und das Aushalten des Leidens an das durch die Behinderung in den eigenen Aktivitäten und Teilhabemöglichkeiten eingeschränkt sein, begleitet sein muss.

Dahinter verbirgt sich eine Herausforderung für Professionelle: der Verleugnung von Macht zu widerstehen. Dies jedoch nicht allein als individuelle Aufgabe einzelner Sozialprofessioneller verstanden, sondern als Aufgabe, Einrichtungs- und Kultur bezogene Verfahren und Mechanismen zu entwickeln, in denen Macht und Fremdbestimmung als konstitutiv in asymmetrischen Beziehung vorausgesetzt und akzeptiert und damit besprechbar wird und die strukturellen Mechanismen in den Blick geraten, die die Verführung zur Macht fördern.

Die „Machtfrage“ stellt sich darüber hinaus im Kontext einer „Netzwerkarbeit“, die einen weiten Kreis von Akteuren aktiv einbezieht und berücksichtigt. Sozialraumorientiertes Arbeiten stößt schnell auf gesellschaftliche Machverhältnisse - nicht nur in den strukturellen Rahmenbedingungen, die für Einrichtungen der Eingliederungshilfe gelten, sondern auch bezogen auf „Inklusionswünsche“ von Klienten. Der eigene Wohnraum beispielsweise wird zu einem unerreichbaren Wunsch, weil subtile und manifeste Exklusionsmechanismen (wie Vorurteile und Einstellungen, fehlende Barrierefreiheit, prekäre finanziellen Möglichkeiten) dies verhindern.

Hier braucht es nachhaltig-zähe Unterstützung, die dennoch schnell an Grenzen individuellen Handelns stößt: Versuche, darüber hinausgehende Durchsetzungsmacht zu organisieren (durch „Skandalisierung“, sozialpolitische Initiativen etc.), brauchen neben einer spezifischen Fachlichkeit vor allem die Unterstützung von Träger und Netzwerken.

4. Von Überforderung und kleinen Schritten oder: zwischen konzeptionellem Anspruch und praktischer Umsetzung

Die Auseinandersetzung mit dem Fachkonzept Sozialraumorientierung löst differenzierte, auch widersprüchliche Reaktionen aus. Die „Sperrigkeit“ des Konzeptes bedarf der praktischen Annäherung.

"Als es in der Fortbildung darum ging, sich ein Projekt zu überlegen, mit dem man dass sozialräumliche Arbeiten ausprobieren – weiterentwickeln – entdecken kann, tat ich mich zunächst sehr schwer. Ich hatte dass Gefühl „sonst was präsentieren zu müssen". Nach einigem Nachdenken, abschalten und in der Supervision darüber sprechen, fiel mir dann etwas ein. Ich begleite bereits seit einigen Jahren einen jungen Mann, bei dem es gerade um dass Thema Wohnungssuche geht, hier ließe sich doch etwas draus machen oder?! (A.E.)

Es braucht eine Ermutigung zu alltagskompatiblen Versuchen, wie sie in Projekten während der Arbeitszeit möglich sind. Denn erst das eigene Handeln ermöglicht Erfahrungen und konfrontiert mit den eigenen subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen wie derer von Kolleg/innen, Klienten und anderen Beteiligten. Dabei wird etwas von der Kleinteiligkeit, der Anstrengung im Detail, der notwendigen Geduld sichtbar, die mit einer veränderten Praxis verbunden sind.

„Ich wollte mich dann später mit ihr zusammensetzen um herauszufinden, was sie sonst noch gerne alles kaufen würde. Ich hätte nie gedacht, wie schwierig es in unserem Alltagsleben im Verbund ist, für diese doch eigentlich kleine Angelegenheit Zeit und Ruhe zu finden. Irgendwann klappte es dann aber.“ (F.A.)

Hier offenbart sich der schmale Grad zwischen anregender Selbstwirksamkeit und Überforderung. Die Anstrengung aufgrund der widrigen Bedingungen eines eben nicht inklusiv sensiblen Umfeldes wird sichtbar.

Die zeitintensive Suche nach angemessener Begleitung der Klienten, der Zwang zu schnellem Handeln im beruflichen Alltag steht einer sorgsamen Gestaltung tragfähiger Beziehung entgegen: es braucht – nimmt man die Komplexität und nur begrenzte Kontrollierbarkeit des Beziehungsgeschehens zwischen Professionellen und Klienten ernst – ein hohes Maß an Einfühlung und Vertrautheit, an Beziehung. Diese lässt sich aber eben nicht einfach „optimieren“ und stößt sich an der von Mitarbeitenden in der Eingliederungshilfe geschilderten Arbeitsverdichtung. (Haubl u.a., 2013)

„Was da alles Tolles passieren kann, schafft man gar nicht, ja natürlich ein Stückweit mehr Teilhabe und Stabilisierung, aber für das Gros der Klienten mit so großen Einschränkungen eben nicht“ (V.L.)

Es braucht einen Blick für kleine, unspektakuläre Schritte, die es ernst zu nehmen gilt, und zwar als gemeinsame Haltung in Einrichtungen und Teams: eine sorgsame Unterstützung und Ermutigung durch Kolleg/innen, Vorgesetzte, Einrichtungsleitung. Und es braucht eine Auseinandersetzung mit den alltäglichen Grenzen, mit denen Klienten und Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen konfrontiert sind: „Beschäftigte“, so ein Hinweis einer Studie zu Selbstfürsorge und intrinsischer Arbeitsmotivation, „leiden darunter, wenn sie gezwungen werden, unprofessionell zu arbeiten“ (Haubl u.a., 2011, S6).

Die Methode der Projektarbeit erweist sich als eine sinnvolle und praktikable Möglichkeit, diese Komplexität und Aufmerksamkeit im Sinne eines forschenden Lernens von Mitarbeiter/innen in den Blick zu bekommen und als Lernchance für die Organisation zu nutzen. Sie ermöglicht Reflexion eigener Erfahrungen, reflektiertes Lernen ausgehend von einer Wertschätzung für das Kleine, Unscheinbare, sich im Detail Verbergende, um nicht angesichts der weitreichenden Herausforderungen zu resignieren.

5. „Wir dürfen uns nicht auf unsere Routinen verlassen“ oder wenn Fachlichkeit im Team neu ausgehandelt werden muss

Sozialraumorientierte Arbeit geht nicht individuell, sondern ist auf Rahmenbedingungen angewiesen. Individuelle Teilhabe und „Teilgabe“ von Menschen mit Behinderung bedarf eines Paradigmenwechsels in der Organisation des professionellen Handelns. Die Hinwendung in den Stadtteil/in das Wohnumfeld und seine Erschließung durch den Professionellen zielt darauf, die Umwelt im sozialen Nahraum so zu nutzen und ggf. dahingehend zu ändern, dass in diesem Kontext die Stärken von Menschen mit Beeinträchtigungen zur Geltung kommen können. Fachkräfte provozieren Gelegenheiten für Menschen und Akteure im sozialen Nahraum wie Nachbarschaft etc., weil sie „einen Riecher dafür haben“, was der Sozialraum hergibt und welche Ressourcen er zur Verfügung stellt: Dienstleistungen, öffentliche Plätze, Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen und Möglichkeiten behinderter Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten einzubringen.

Sozialraumorientierung wird damit zu einer Teamaufgabe. Dies umso mehr, als eine sozialräumlich auf Assistenz zielende Unterstützung in kleinen dezentralen Wohnangeboten zwar einerseits ein hohes Maß an eigenverantwortlichem, flexiblem, selbstständigem Handeln der Professionellen erfordert, andererseits sozialräumliche Vernetzung als fallunspezifischen Arbeit nicht individuell betrieben werden kann, sondern Team und Einrichtung als Gesamte betrifft.

„Hätte das Team inklusive Verbundleiter nicht positiv auf diese Entwicklung reagiert, wäre es mir nicht möglich gewesen, mein Projekt in der Form durchzuführen und auch weiterhin so zu arbeiten.“ (V.L.)

„Ebenso erhalte ich große Unterstützung von meinem Team, wenn ich bestimmte Fragen habe oder über anliegende Sachverhalte diskutieren möchte. Außerdem war es durch Absprachen und der Flexibilität meiner Kollegen möglich, die nötige Zeit für mein Projekt einzuplanen, wenn auch die Festlegung dieser „Extra-Stunden“ im Dienstplan nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war.“ (L.S.)

Die Ressourcen des Sozialraums kennen und nutzen zu lernen, ist eine der mit diesem Konzept verbundenen zentralen Aufgabe für Fachkräfte in der Behindertenhilfe. Es braucht nämlich Aufmerksamkeit, Zeit und die Fähigkeit zum „Netzwerkeln“; es braucht die Fachkräfte, um die bürgerschaftliche Phantasie wohlwollender Zeitgenossen anzuregen, um die Möglichkeiten von Pfarrern, Ladenbesitzern, Schulleiter/innen aufzuzeigen und gemeinsame kreative Phantasie zu entwickeln, auf die sich Fachkräfte dann in konkreten Situationen beziehen können.

Dies erfordert Freiräume für „fallunspezifische Arbeit“, eine entsprechende Dienstplangestaltung und Absprachen im Team und muss als Aufgabe neu ausgehandelt werden. Das Handlungsfeld sozialer Nachraum wird Thema bei Teambesprechung (Kurzinfos zu Angeboten, Entwicklungen etc. im Sozialraum; Austausch dazu, welche Themen in „Fallarbeit mit Klient“ auftaucht, Aufmerksamkeit für fehlende Angebote, negative Erfahrungen, Austausch über Gespräche mit anderen Professionellen; Hinweise auf Kontakte , die genutzt werden können, um nach Möglichkeiten im Sozialraum zu forschen…) und die grundlegende Frage, welche Sozialraumressourcen im konkreten nützlich sein können bzw. welche Sozialraumressourcen zukünftig gebraucht werden zur Teamfrage.

Der Blick in den Sozialraum korrespondiert mit dem Blick auf eigene Strukturen und Arbeitsabläufe. Dies erfordert Aushandlungsprozesse, führt notwendig zu Auseinandersetzungen und provoziert Konflikte. Wenn die „Normalität“ der Einrichtungskultur - ausgehend vom „Willen der Betroffenen“ und unter Berücksichtigung der Ressourcen des Sozialraums überprüft und infrage gestellt wird, werden Organisationen flexibler: sie müssen sich immer wieder neu „erfinden“ - der einzelne Klient wird die Grundlage der Organisationsentwicklung. Damit wird die eigene Organisation zum Handlungsfeld fachlich begründeter Veränderung, Organisations(weiter)entwicklung zur Aufgabe von Fachkräften.

Neben Zeiten, Unterstützung und Räumen für diese Auseinandersetzungen und Klärungen braucht es Orientierung für das Team (konzeptionelle Vorgaben), aber eben auch das Umgehen mit Skepsis, Zurückhaltung, Verweigerung (Grenzen autoritativer Anweisung). Die Frage, wie sich teambezogene Einigungsprozesse organisieren lassen, welches Wissen notwendig ist für sozialraumorientierte Fachlichkeit und wie sich der Dissens im Team aushalten lässt, rückt mit neuer Dringlichkeit auf die Tagesordnung.

6. Vom Einrichtungstyp Sozialraum oder Sisyphos als Vorbild nehme – die Konfrontation mit gesellschaftlicher Öffentlichkeit

„Im Rahmen der Recherche im Sozialraum entstanden immer wieder Kontakte mit anderen Menschen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Einige Menschen reagieren sehr interessiert und offen, andere eher zurückhaltend und verunsichert. Auch die Mitarbeitenden wissen nicht immer, wie Kontakte im Sozialraum gestaltet werden.“ (S.B.)

Sozialraum als Konzeptbaustein begreifen heiß aus den geschützten vier Wänden in die Öffentlichkeit gehen, heißt Behinderung sichtbar werden lassen. Sozialraumorientierung führt zu Sichtbarkeit, die aber kein Garant für positive Wertschätzung oder Anerkennung ist. Sozialraum ist vielmehr das Feld, in dem die soziale Welt in differenzierter Gestalt sichtbar wird, hier werden Beziehungen geknüpft, Nähe und Distanz ausgehandelt, Zugehörigkeit und Ausgrenzung realisiert, Interessen vertreten und Verteilungskämpfe ausgefochten.

Menschsein mit Behinderung, das ist lange Zeit wenig öffentlich und wenn dann häufig stereotyp (Aktion Sorgenkind) dargestellt worden. Mit seiner Zielsetzung, dass Menschen mit Behinderung als Bürgerin und Bürger aktiv und damit im Sozialraum sichtbar werden, provoziert dieses Konzept die Notwendigkeit für Fachkräfte, sich mit gesellschaftlichem Abwehrverhalten in öffentlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Behinderung ist eben auch verbunden mit „Auffälligkeit, Aufdringlichkeit, Aufsässigkeit des kranken, nicht normal funktionierenden Körpers."(Jens Bisky, 2012) „Einen Behinderten zu sehen, ist für jeden Gesunden eine seelisch – geistige Herausforderung. ‚Was täte ich, wenn ich das hätte?’ fragt man sich unwillkürlich? Und jeder spürt, wie es ihn zurückschreckt vor den Schwierigkeiten solcher existentieller Aufgabe. Die ganze Ungeheuerlichkeit, die mit der Behinderung verbunden ist, trifft den Unvorbereiteten beim Anblick des Behinderten. Im nächsten Atemzug schon spürt man: der hat kein gutes Leben. So etwas möchte ich nicht haben! Schon setzt sich das ‚Nein’ dazwischen, das in dem Umgang mit den Behinderten noch eine weitere Behinderung bringt.“ (Längle 2001, S. 55).

Menschen, die ihre Gefühle nicht beherrschen, die öffentlich weinen, schreien, den komplizierten Kodex der Ehrerbietung nicht beherrschen, können Gesten der Überlegenheit wie Abwehr, Spott, Mitleid oder auch Formen ausgrenzender Fürsorglichkeit auslösen.

Gesellschaftlich, darauf macht die Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland“ aufmerksam, ist von einem erheblichen Maß an Abwertung von Menschen auch aufgrund von körperlichen Einschränkung und Behinderungen auszugehen. Der gemeinsame Kern dieser Vorurteile lässt sich als „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ identifizieren, die sich in einer zunehmend "rohen", "entsicherten wie unkultivierten Bürgerlichkeit" äußert und zu einem ungenierten Abwerten von Schwächeren führt.

Mitarbeiter/innen berichten sowohl von ihrer Empörung angesichts der Reaktionen, die sie in der Begleitung behinderter Menschen erleben, als auch von eigener Verunsicherung und Schamgefühle, die ausgelöst werden und machen dabei auf die Notwendigkeit aufmerksam, die Reflexion dieser Erfahrungen zum Ausgangspunkt einer professionelle Betreuungskultur zu machen. (Vgl. dazu: Doris Brandt: Scham und Leidenschaft)

„Innovativ Handeln“ und „den Betrieb stören“ - Sozialraumorientierung konkret und was die Praxis nahelegt.

Sozialräumliches Handeln stellt Routinen in Frage. Es erfordert eine neue Fachlichkeit, neue Verfahren, neue Lösungen. Mitarbeitende müssen die damit verbundenen Spannungen permanent aushandeln: begrenzte Zeitressourcen, festgelegte Verfahren und für die Kooperation im Team notwendige Absprachen stehen zur Disposition, wenn der Wille der Klienten zu praktischen Konsequenzen führt. Diese sind Ergebnis von Aushandlungsprozessen, die die Handlungsmöglichkeiten von Mitarbeitenden wie von Einrichtungen und Trägern weit überschreiten. So werden Akteure in der praktischen Durchführung sozialraumorientierter Projekte mit den Widersprüchen und Fallstricken, die aus der Differenz zwischen politisch und fachlich initiierter Veränderung und den realen juristischen und finanziellen Rahmenbedingungen entstehen, konfrontiert. Mitarbeitende, die sich sozialräumlich inspiriert auf den Weg machen, erleben die Auswirkungen dieser Widersprüche permanent.

Betroffene wie Unterstützer/innen werden mir der Dialektik von Bestehendem und Veränderungsmöglichkeiten konfrontiert: Wir brauchen praktische Schritte wohlwissend, wie eng die realen Grenzen des Veränderbaren sind. Mit Blick auf die Mitarbeiter/innen braucht es eine angepasste und realistische Formulierung der auf grundlegende Änderungen zielenden Programmatik und eine Ermutigung zum Handeln. Eine ambitionierte und ansprüchliche Theorie mit visionärer Kraft muss einhergehen mit der Wertschätzung und Stärkung dessen, was in kleinen Schritten individuell und einrichtungsbezogen unternommen wird.

Die Umsetzung eines weitreichenden Konzeptes braucht Erfahrungen und Berichte, den Austausch über eben jene kleinschrittigen Vorstöße, die dazu nötig sind. Dies auch Im Widerspruch zu jenen, deren fortschrittliche Rhetorik das Signal „Wir tun was“ senden, die damit zuweil aber der Verschleierung der realen Widersprüche und Grenzen teilhabefördernder Sozialraumorientierung Vorschub leisten.

Das Sozialraumkonzept braucht Protagonisten, Akteure, die in den Einrichtungen Akzente setzen und Konzepte verändern. Es braucht den Rückhalt im Team, in Einrichtungen und in der Gesellschaft. Sozialraumorientierung braucht Zeit, zumal sie mit der Eigendynamik sozialer Beziehungen an die Grenzen der Machbarkeit stößt: Kooperation verlangt den Eigensinn der Beteiligten, ein hohes Maß an Einfühlung und gegenseitiges Vertrauen nicht zuletzt persönliche Zuwendung. Vertrauen und persönliche Zuwendung lassen sich jedoch nicht beschleunigen, lassen sich nicht herstellen, entziehen sich der Machbarkeit.

Dabei wird die Qualität der emotionalen Herausforderung deutlich, mit der Fachkräfte konfrontiert sind, die hohe Verunsicherung durch Rollenwechsel und fachliche Anforderungen sowie die Belastung im Konversionsprozess, die dadurch entstehen, dass sie „nach allen Seiten“ mit einer Infrage-Stellung ihrer bisherigen Tätigkeit rechnen müssen.
Es braucht also reflexive Fachlichkeit: bezogen auf neue Rollenvielfalt und situative Herausforderungen, aber auch bezogen auf die tendenziell angelegte Überforderung in einem Konzept (Sozialraum/Inklusion), das eben kein von Fachkräfte allein umzusetzendes Fachkonzept darstellt, damit diese nicht der Gefahr erliegen, angesichts der Konfrontation mit Widersprüchen in der beruflichen Praxis „ausbrennen“.

Und es braucht „Selbstwirksamkeitserfahrungen“, die die eigenen konzeptionellen Umsetzungsversuche als Beitrag eines breit angelegten Konversionsprozesses begreifen nicht zuletzt deswegen, weil Mitarbeiter/innen, die sich als selbstwirksam erfahren, damit weniger die Tendenz zu „riskanten Verhaltensmustern“ entwickeln (Vgl. Haubl/Fuchs 2011 und Haubl/Hausinger/Voß 2013).

Dipl.Päd. Stefan Reinders
zur Person


Literatur:

  • Bisky, Jens (2012): Wenn die eigene Physis tyrannisch wird. In Süddeutsche Zeitung 2012, Nr.34, S 14.
  • Doose, Stephan (2011): „I want my dream“ – Persönliche Zukunftsplanung. Neue Perspektiven einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit Behinderungen, Kassel.
  • Gröning, Katharina (1998): Entweihung und Scham - Grenzsituationen in der Pflege alter Menschen, Frankfurt a.M.
  • Haubl, Rolf/Fuchs, Saskia Maria (2011): Studie Arbeit und Leben in Organisationen 2011. Praktiken der Selbstfürsorge und intrinsische Arbeitsmotivation.
  • Haubl, Rolf/Hausinger, Brigitte/Voß, G. Günter (Hrsg., 2013): Riskante Arbeitswelten. Zu den Auswirkungen moderner Beschäftigungsverhältnisse auf die psychische Gesundheit und die Arbeitsqualität. Frankfurt a.M.
  • Hinte, Wolfgang (2006): Geschichte, Quellen und Prinzipien des Fachkonzeptes „Sozialraumorientierung“. In W.Budde, F.Früchtel, W.Hinte (Hrg): Sozialraumorientierung. Wege zu einer veränderten Praxis. Wiesbaden, S. 7-24.
  • Hinte, Wolfgang (2009): Eigensinn und Lebensraum – zum Stand der Diskussion um das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 78, S. 20 – 33, S.24
  • Längle, Alfried (2001): Leben als Schicksal – Bedingungen und Grenzen menschlicher Existenz. In: Rühl, Karl/Längle, Alfried: „Ich kann nicht…“ Behinderung als menschliches Phänomen. Wien S. 41-66, S.55.
  • Kappler, Ekkehart (2013): Wie wird aus ganz viel Praxis ein Fall für das Studium – und warum überhaupt? In: Cendon etal, Vom Lehren zum Lebenslangen Lernen, Münster, S. 163 -174
  • Kuhlmann, Andreas (2011): An den Grenzen unserer Lebensform. Texte zur Bioethik und Anthropologie. Frankfurt a.M.
  • Schwarte, Norbert (2007): Wohnstätten in der Krise – Den Umbruch gestalten. Konversionsprozesse in den Hilfen für Menschen Behinderungen. Probleme und Lösungsansätze, Siegen.