Sozialraum praktisch

Es kommt nicht unbedingt darauf an, etwas Neues zu tun, sondern, die Dinge neu zu tun.

Die Mitarbeitenden des Ambulant Betreuten Wohnens haben durch die Fortbildung und Reflexion zum Thema Sozialraum einen Blickwechsel vollzogen.
Neue Denkansätze und Herangehensweisen bereichern die alltägliche Arbeit und scheinbar kleine Veränderungen führen zu bemerkenswerten Resultaten für die Klienten.

 

FALLBEISPIELE

  • Sozialräumlich zu arbeiten und in Folge ein inklusives und möglichst nachhaltiges Projekt öffentlich zu präsentieren war Ziel des Aktionstages des Wohnens mit Intensivbetreuung (WmI) Alte Mälzerei Pankow. Wir wollten im Kiez sichtbar werden und mit Nachbarn in Kontaktkommen. Dabei waren die Klient/innen aktiv an der Planung und Umsetzung beteiligt. Es sollte nicht darum gehen mit erhobenem Zeigefinger auf Schwierigkeiten und mangelnde Barrierefreiheit hinzuweisen. Denn es war und ist uns wichtig, den Kontakt von Anfang an positiv zu gestalten, auf Möglichkeiten und Ressourcen für Menschen mit Behinderung im Kiez hinzuweisen und diese zu erweitern.

     
  • Die Idee einer „Sozialraumkarte WmI Pankow“, entstand vor dem Hintergrund, dass das Wohnen mit Intensivbetreuung Alte Mälzerei Pankow (WmI) kurz davor eröffnet worden war und die Klient/innen und Mitarbeitenden den Sozialraum seit dem Einzug zwar regelmäßig nutzten, eine umfassende Kenntnis der Möglichkeiten und Barrieren bis dahin jedoch fehlte. Die Angebotsvielfalt im direkten Umfeld ist groß und verändert sich ständig. Häufig besuchten Klient/innen, überwiegend in Begleitung der Mitarbeitenden, immer wieder ihnen bekannten Orte. Dort wissen sie, was sie erwartet. Allerdings lernten die Klient/innen dadurch nur bedingt neue Orte kennen und konnten nur wenig von der tatsächlich bestehenden Angebotsvielfalt profitieren. Die Sozialraumkarte sollte Klienten und Mitarbeitende unterstützen, das Umfeld besser kennen zu lernen und einen Überblick über Möglichkeiten im Sozialraum bieten. Ziel war es, bestehende Angebote zu nutzen, nachhaltige Kontakte im Umfeld zu initiieren sowie nach Möglichkeit gemeinsam Barrieren abzubauen.

     
  • Welche Möglichkeiten haben Menschen mit Behinderung, ihren Sozialraum nicht nur selbstbestimmt zu gestalten, sondern auch die Umgebung, in der sie leben möchten, frei auszuwählen? Diese Frage bezieht sich auf strukturelle Gegebenheiten im Kiez, beispielsweise die Verfügbarkeit von behindertengerechten Wohnungen. Aber auch die eingeschränkten finanziellen Mittel vieler Menschen mit Behinderung können zu sozialer Ausgrenzung aus Wohngebieten führen.

     
  • Die beiden Wohngemeinschaften der Betreuungsform „Wohnen mit Intensivbetreuung“ (WmI) sind ambulante Wohnunterstützungsangebote des Ambulant Betreuten Wohnens der Fürst Donnersmarck-Stiftung (ABW). Der WmI-Wohngemeinschaftsverbund mit 18 Appartements in Berlin-Tempelhof wurde im April 2010 bezogen, der zweite Verbund mit 16 Appartements in Berlin-Pankow besteht seit Dezember 2010. Dieses Angebot der Fürst Donnersmarck-Stiftung wurde speziell auf die Bedürfnisse von Bewohnern des stationären Dauerwohnheimes im Fürst Donnersmarck-Haus in Frohnau zugeschnitten.

     
  • In der UN-Behindertenrechtskonvention wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jeder Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hat. Zur Sozialraum-Arbeit gehört es von daher auch, die Bedürfnisse der Klienten ernst zu nehmen. Welche Wünsche hat beispielsweise eine Frau mit Down-Syndrom, die seit ihrer Jugend in Einrichtungen betreut wird? Welche kenne ich und welche kann ich noch wie herausfinden?

     
  • Herr B. ist 54 Jahre alt, hat eine arterielle Verschlusskrankheit sowie mehrere Bypässe. Seit einem Hirnschlag ist sein rechter Arm gelähmt, er hat eine Hirnschädigung mit Gangstörung sowie eine Sprachstörung. Vor seinem Hirnschlag war Hr. B. ein begeisterter und leidenschaftlicher Motorradfahrer und -kenner, der viel an seinem „Bock“ geschraubt hat. Herr B. besitzt inzwischen kein Motorrad mehr, jedoch noch alle Utensilien wie Kleidung, Werkzeug, Ersatzteile, viele Zeitschriften und Bücher. Monatlich kommen neue Zeitschriften hinzu, sodass Herr B. nach wie vor auf dem neusten Stand ist. Wichtigste Gesprächsthemen sind Motorräder und Motoradfahren. „Leidenschaftlich“ gerne würde er wieder selbst fahren.

     
  • Als mein Projekt startete, habe ich im Betreuten Einzelwohnen (BEW) im Team Südwest gearbeitet. Die Klienten werden im BEW von einem oder zwei Mitarbeiterin in der eigenen Wohnung betreut. Im Rahmen meines Projektes half ich einer Bewohnerin dabei, ihren Freundes- bzw. ehrenamtlichen Unterstützerkreis (wieder-)aufzubauen. Nach einer Hirnschädigung lebte sie in den letzten Jahren mit ihrem Mann im Süden und zog im Sommer 2011, auf eigenen Wunsch, alleine zurück nach Berlin. Sie war auf den Rollstuhl angewiesen und hatte ein verwaschenes Sprachbild. Ihre Freunde und Bekannte schien sich abgewandt zu haben - aus Berührungsängsten? Unsicherheit?

     
  • Frau P. ist Mitte 50 und wohnt im Bezirk Berlin-Spandau. Sie ist vor ca. einem Jahr in ihre erste eigene Wohnung gezogen. Vorher lebte sie bei ihrem Vater und pflegte diesen. Frau P. ist ein sehr aufgeschlossener Mensch, sie ist sehr viel unterwegs und hat viele unterschiedliche Interessen. Allerdings hat Frau P. bisher keine Kontakte in ihrem neuen Sozialraum geknüpft.

     
  • In unmittelbarer Nähe zum Wohnen mit Intensivbetreuung Alte Mälzerei (WmI)liegt das Stadtteilzentrum Pankow. Unser Team nutzt dort Räumlichkeiten für regelmäßige Teamsitzungen und es gab schon erste Überlegungen, wie Angebote auch von unseren Klienten genutzt werden können. Die Mitarbeiter des Stadtteilzentrums begreifen das Haus als ein „HAUS FÜR ALLE“, dass auch für Menschen mit Beeinträchtigung ein Ort für Begegnung, Information und Freizeitgestaltung, gemäß dem Übereinkommen der UN über die Rechte der Menschen mit Behinderung (Artikel 3 Allgemeine Grundsätze) werden soll. Die Angebote im barrierefreien Stadtteilzentrum umfassen Kurse verschiedenster Art, Veranstaltungen vom Spieletag bis zum Pankeputzen und es gibt ein von Montag bis Freitag geöffnetes Café, mit Terrasse und Spielplatz, das ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt wird.

     
  • Die sozialraumorientierte (Neu-)Ausrichtung im Ambulant Betreuten Wohnen der Fürst-Donnersmarck-Stiftung setzt an den Interessen der Bewohner/innen an. Das Projekt, die Gründung eines Klientenbeirates zu begleiten, unterstützt das Anliegen, Partizipation und Teilhabe der Klienten innerhalb der Stiftung auch strukturell zu verankern und trägt so – als im Kern „inklusives“ Projekt - dazu bei, die sozialräumliche Ausrichtung der Stiftung rückzubinden an die Interessen der Klienten.

     
  • Herr B. ist über 50 Jahre alt und lebt seit ungefähr 10 Jahren in einer Wohngemeinschaft. Nach Hirninfarkt und Hirnblutungen lebt Herr B mit einer schweren armbetonten Hemiparese, neuropsychologischen Leistungsausfällen, sowie einer Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung. Herr B. zeigt deutliche Tendenzen zur Zwanghaftigkeit, sowie zum Alkoholmissbrauch. Er zieht sich im Alltag immer wieder zurück und es fällt ihm nicht leicht, uns Mitarbeiter um Unterstützung zu bitten. Er ist Rollstuhlfahrer und nutzt einen E-Rollstuhl. Er kann sich alleine und selbstständig mit seinem Rollstuhl fortbewegen und kennt sich in seiner nahen Umgebung gut aus. Er kann den öffentlichen Nahverkehr alleine nutzen, besitzt einen Laptop mit Internetzugang und die Fertigkeiten damit umzugehen.

     
  • Im Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI) Pankow leben seit 2010 Menschen mit schweren Behinderungen in eigenen Appartements. Zuvor wurden sie im Dauerwohnheim des Fürst Donnersmarck-Hauses in Berlin-Frohnau betreut. Alle sind in ihren kognitiven bzw. körperlichen Fähigkeiten mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Die kognitiven Einschränkungen sind der Regel in den Bereichen Gedächtnis, Lernen, Kommunikation und Orientierung zu finden. Die körperlichen/motorischen Einschränkungen bewirken in der Regel Einschränkungen im Bereich der Mobilität. Örtliche Gegebenheiten (z.B. Stufen, hohe Bordsteine) erweisen sich als zusätzliche Behinderung.

     
  • Seit vielen Jahren schon laufe ich an einem denkmalgeschützten Gebäude vorbei, welches nur einige Hausnummern von einer Wohnanlage entfernt ist, indem mehrere von mir betreute Klienten wohnen. Bei dem Gebäude handelt es sich um das „Centre Bagatelle“, einem französischem Kulturhaus. Hier gibt es vielfältige Angebote für Kinder und Erwachsene: Koch -, Sport - und Sprachkurse, Ausstellungen, Vorträge und Musikveranstaltungen unterschiedlicher Richtung wie Klassik, Jazz, Folklore. Bisher hatte es nie meine besondere Beachtung gefunden. Auch von meinen Kolleg/innen hatte ich nie etwas über dieses Haus - weder über die durchaus interessanten Angebote noch über einen gemeinsam durchgeführten Besuch mit ihren Klienten, gehört.