BARRIEREFREIHEIT TESTEN

Als Mitarbeiterin des Ambulant Betreuten Wohnens betreue ich Klienten in unseren Wohngemeinschaften (WG) in Berlin-Reinickendorf. Obwohl manche Klienten teilweise schon jahrelang in ihrem Kiez leben, sind ihnen viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in ihrem Sozialraum nicht bekannt. Durch die Anregung, die Internet-Plattform www.wheelmap.org zu nutzen, ist es mir gelungen, das Interesse unseres Klienten, Herrn B., an seiner Umwelt neu zu wecken. 


Rückzugstendenzen

Herr B. ist über 50 Jahre alt und lebt seit ungefähr 10 Jahren in einer Wohngemeinschaft. Nach Hirninfarkt und Hirnblutungen lebt Herr B. mit einer schweren armbetonten Hemiparese, neuropsychologischen Leistungsausfällen, sowie einer Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung. Herr B. zeigt deutliche Tendenzen zur Zwanghaftigkeit sowie zum Alkoholmissbrauch. Er zieht sich im Alltag immer wieder zurück und es fällt ihm nicht leicht, uns Mitarbeiter um Unterstützung zu bitten. Er ist Rollstuhlfahrer und nutzt einen E-Rollstuhl. Er kann sich alleine und selbstständig mit seinem Rollstuhl fortbewegen und kennt sich in seiner nahen Umgebung gut aus. Er kann den öffentlichen Nahverkehr alleine nutzen, besitzt einen Laptop mit Internetzugang und die Fertigkeiten damit umzugehen.

Vor dem Hintergrund vermehrter Rückzugstendenzen, Verschlossenheit und Sucht-Rückfälle sowie einer sehr starken mentalen und physischen Belastung durch familiäre- und gesundheitliche Probleme entstand die Idee, Herrn B. auf neue Freizeit- und Kontaktmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Ich plante, das Interesse von Herrn B. für Aktions- und Freizeitmöglichkeiten, die im nahen Sozialraum vorhanden sind, über die Auseinandersetzung mit der Internetplattform www.wheelmap.org zu wecken.

Virtueller Stadtplan

www.wheelmap.org ist ein virtueller Stadtplan, ein Projekt des Sozialhelden e.V. Jedermann kann dort Informationen zur Rollstuhlgerechtigkeit öffentlicher Orte lesen und eintragen. Man kann die Wheelmap per Computer, I-Phone-App oder Android-App nutzen.
Dank Wheelmap kann sich jeder im Voraus informieren, ob ein Museum, ein Kino, Behörden oder das nächste Restaurant etc. rollstuhlgerecht, teilweise rollstuhlgerecht oder überhaupt nicht rollstuhlgerecht sind. Die Unterschiede sind durch Farben und Kommentare gekennzeichnet.

Für das praktische Vorgehen hatte ich folgende Schritte entwickelt:

  • Herrn B. über Wheelmap unterrichten, mit ihm die Internetseite studieren und den Sinn erschließen.
  • Überlegen, welche Möglichkeiten das nahe Umfeld bietet.
  • Orte suchen, die bei Wheelmap noch nicht markiert sind.
  • Diese Orte testen, z.B. durch Restaurantbesuch, um dabei die Barrierefreiheit des Restaurants zu untersuchen.
  • Den getesteten Ort im Internet eintragen und bewerten.
  • Dieser Vorgang kann so oft wiederholt werden, bis alle barrierefreien Orte im nahen Umfeld getestet wurden.
  • Anschließend kann der gleiche Prozess auf das weitere Umfeld übertragen werden.

Die Umsetzung dieser Idee war mit Hürden verbunden. Es bedurfte einiger Zeit sowie vieler hilfreicher Gespräche bzw. Beratung in meinem Team, um den richtigen Einstieg zu finden, um Herrn B. nicht zu überfordern, sondern ihn für eine Beteiligung zu begeistern.

Als er eines Tages davon sprach, ein Schuhgeschäft besuchen zu wollen, erzählte ich ihm von der Plattform und dass er sich dort informieren könnte. Günstig war hierbei, dass Herr B. schon von einer anderen Kollegin einen Flyer zum Thema Wheelmap erhalten hatte und ihm der Name nicht ganz unbekannt war.
Deshalb stöberte er so gleich interessiert im Internet. Bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihm von meinem Gedanken, mit ihm gemeinsam Restaurants in der Umgebung testen zu wollen und fragte ihn, ob er Lust dazu hätte.

Zunächst wirkte er nicht sonderlich begeistert von dem Vorschlag Essen zu gehen, da dies zeitliche Verschiebungen bzw. Änderungen im alltäglichen Ablauf bedeuten würden. Erst nachdem ich mit ihm alle organisatorischen Fragen geklärt hatte, konnte er sich darauf einlassen. Es gelang mir tatsächlich, mit ihm einen Termin für ein Abendessen auszumachen. Wir suchten uns ein Restaurant aus, welches noch nicht auf Wheelmap festgehalten wurde.

Die Terminfindung erwies sich als etwas mühselig und leider kam es auf Grund von vielen Arztterminen zu zeitlichen Verzögerungen. Kurz davor musste Herr B. erneut motiviert werden, doch als wir dort waren, verblüffte mich Herr B.’s Freude. Er kam mit fremden Personen ins Gespräch und ließ sich das Essen schmecken. „So einen schönen Abend hatte er schon lange nicht mehr!“ Die Bewertung im Internet lehnte er letztendlich ab, da man sich mit einigen Daten registrieren muss. Dafür registrierte ich mich und markierte das getestete Restaurant.

Ich war überrascht, dass Herr B. eines Tages einem Mitbewohner von sich aus von Wheelmap erzählte und für diesen nach Cafés in weiterer Umgebung recherchierte. D.h., selbst wenn Herr B. sich nicht registrieren wollte, nutzte er Wheelmap, um sich zu informieren und sein Umfeld kennenzulernen.

Linda Senger, Heilerziehungspflegerin