DEN NEUEN KIEZ EROBERN

Die Idee, eine Sozialraumkarte des neuen Wohnumfelds im Pankower Kiez zu gestalten, entstand vor dem Hintergrund, dass das Wohnen mit Intensivbetreuung Alte Mälzerei Pankow (WmI) als Wohnangebot für Menschen mit schweren Behinderungen kurz davor eröffnet worden war.

Die Mieter, die davor stationär im Fürst Donnersmarck-Haus in Berlin-Frohnau lebten, bewegten sich seit dem Einzug zwar regelmäßig in ihrem neuen Umfeld, es fehlte ihnen und den Mitarbeitenden aber eine umfassende Kenntnis der Möglichkeiten und Barrieren.

 
 

Unbekanntes Terrain betreten

Die Angebotsvielfalt im direkten Umfeld ist groß und verändert sich ständig. Häufig besuchten die Klienten, überwiegend in Begleitung der Mitarbeitenden, aber immer wieder ihnen bekannten Orte, das gab ihnen Sicherheit.
Allerdings lernten die Klienten dadurch nur bedingt neue Orte kennen und konnten nur wenig von der tatsächlich bestehenden Angebotsvielfalt profitieren.
Die Sozialraumkarte sollte Klienten und Mitarbeitende unterstützen, das Umfeld zu erkunden und einen Überblick über Möglichkeiten im Sozialraum bieten.
Ziel war es, bestehende Angebote zu nutzen, nachhaltige Kontakte im Umfeld zu initiieren sowie nach Möglichkeit gemeinsam Barrieren abzubauen.

Zu Beginn wurde eine Übersicht über Orte im Sozialraum erstellt. Zur Recherche wurde unter anderem die Seite www.wheelmap.org, verwendet. Auf dieser Plattform kann jedermann die Barrierefreiheit von Orten bewerten.
Die Klienten verschafften sich mittels bereits vorhandener Bewertungen einen Überblick über Lokalitäten im Kiez.
Perspektivisch sollten Änderungen bzw. Ergänzungen vorgenommen werden. So konnten wichtige Hinweise zu einzelnen Orten auch für andere Nutzer sichtbar gemacht werden.
Noch nicht bewertete Orte wurden ebenfalls ergänzt.
Zur Verdeutlichung wurde zu Beginn des Projektes der aktuelle Stand gespeichert, so dass eine Visualisierung der Veränderungen im weiteren Verlauf möglich war.
Weiterhin wurde der Kiezatlas „Pankower Lieblings-Orte" zur Recherche genutzt. Im Rahmen dieses Projekts der Lebenshilfe wurden im Bezirk Pankow von Menschen mit und ohne Behinderung für sie bedeutsame Orte identifiziert, aufgesucht und hinsichtlich ihrer Bedeutung bewertet.

Klienten und Unterstützer arbeiten zusammen

Einige Klienten äußerten ihre Interessen, Wünsche und Erfahrungen im Hinblick auf die Projektidee und bekundeten zudem Bereitschaft das Projekt zu begleiten, Orte zu testen und zu bewerten. Dazu wurde intern eine Arbeitsgruppe, die AG Sozialraum gegründet. Diese bestand aus 6 Klienten und 4 Mitarbeitenden des WmI Pankow, die sich regelmäßig trafen und in Folge auch die Teilnahme am Kiezfest Florastraße mitvorbereiteten.
Die Arbeitsgruppe wurde durch Koordinatoren begleitet und unterstützt. Zudem wurden Gespräche mit allen Mitarbeitenden und Klienten des WmI geführt.  Diese sollten einerseits eine Rückmeldung zu bereits besuchten Orten geben, aber auch Wünsche formulieren. Die Ergebnisse dieser Gespräche wurden bei der weiteren Arbeit berücksichtigt.

Damit war sichergestellt, dass die Mitarbeitenden von Beginn an dem Projekt beteiligt werden, da diese gemeinsam mit den Klienten im Sozialraum unterwegs sind. Bei den Mieterversammlungen wurden die Zwischenstände des Projektes regelmäßig vorgestellt.

Ein Radius von 1000 Metern

Als erstes wurde eine Sozialraumkarte im Format A0 erstellt. Diese gab eine umfassende und bedarfsgerechte Übersicht über die verschiedenen Angebote, Orte und Möglichkeiten im Sozialraum unter Berücksichtigung der Nutzbarkeit durch die Klienten des WmI.
Es werden nur Lokalitäten vermerkt, die maximal 1000 Meter von der Wohngemeinschaft entfernt sind.
Die geografische Eingrenzung erfolgte, um sicher zu stellen, dass die einzelnen Orte fußläufig bzw. mithilfe des Rollstuhls aufgesucht werden können.
Eine Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrdiensten oder Taxen sollte dazu nicht erforderlich sein. Vielmehr sollte im Alltag die Möglichkeit bestehen, spontane Unternehmungen mit den Klienten zu realisieren, ohne umfassende administrative Vorbereitung und ohne hohen zeitlichen und personellen Aufwand. Insbesondere wurden hier die Interessen der Klienten sowie räumliche Barrierefreiheit, Atmosphäre und Erreichbarkeit berücksichtigt.

Die Karte nimmt Gestalt an

Bilder erleichterten die Wiedererkennung der einzelnen Orte. Gemeinsam mit den Klienten wurde beraten, wo die Karte hängen sollte, damit sie für alle erreichbar und nutzbar war.
Sie wurde anschließend im Flur der Wohngemeinschaft gegenüber dem Fahrstuhl im Erdgeschoss an einer Magnettafel befestigt.
Auf der Karte wurden einzelne Orte mithilfe von farbigen Magneten aus folgenden Bereichen markiert und nummeriert:

  • Essen und Trinken
  • Einkaufen
  • Bildung und Begegnung
  • Freizeit
  • Sport
  • Kultur und
  • Dienstleistungen


Weiterführende Informationen zu den einzelnen Orten wurden auf einzelnen Informationsblättern (DIN A5) festgehalten. Diese wurden laminiert. Die Gestaltung der Info-Blätter wurde ebenfalls in der AG Sozialraum beraten.
Die Informationsblätter wurden in Kästen, welche neben der Karte angebracht wurden, sortiert.

Die einzelnen Orte wurden fortlaufend durch die Mitglieder der AG Sozialraum getestet und bewertet. Zur Bewertung der einzelnen Orte wurde im Rahmen der AG Sozialraum gemeinsam eine Checkliste erarbeitet, die die Klienten im Anschluss an den Besuch der einzelnen Orte mit Unterstützung der Mitarbeitenden ausfüllten.
So war eine einheitliche Bewertung anhand gemeinsam festgelegter Kriterien möglich. 
Wegbeschreibungen zu den Orten wurden und werden, wenn möglich, durch die Klienten erstellt.
So können diese auch bei der Bewältigung des Weges mehr Verantwortung übernehmen und außerdem auf Schwierigkeiten hinsichtlich der Beschaffenheit von Straßen, Übergängen, Ampeln etc. hinweisen.

Die Sozialraumkarte kann und soll durch die Mitarbeitenden und Klienten des WmI fortlaufend erweitert, ergänzt bzw. angepasst werden. Bisher wurden 30 Informationsblätter zu Orten im Sozialraum fertiggestellt. Eine Vielzahl weiterer Orte wurde bereits getestet.  Da es bei einigen Gewerbeflächen Mieterwechsel gab, müssen neue Bewertungen erfolgen.

Barrierefreiheit in den Herzen

Da die räumliche Barrierefreiheit in Berlin-Pankow aufgrund der alten Häuser, in denen viele Geschäfte und Restaurants eingemietet sind, begrenzt ist und nur bedingt (z.B. durch Rampen) erweitert werden kann, liegt der Fokus auch auf Haltung und Offenheit der Menschen im Kiez.
Es besteht nicht die Erwartung, dass die Orte in absehbarer Zeit räumlich barrierefrei werden. Aber wir gehen davon aus, dass Präsenz und Kontaktaufnahme zeigen, ob die Menschen bereit sind, sich zu öffnen und ggf. alternative Zugangswege zu ihren Angeboten finden (So bringt der Bäcker, welcher nur über eine Treppe zu erreichen ist, beispielsweise die Brötchen zu den Menschen, die den Verkaufsraum nicht betreten können).
Seit Beginn des Projektes sind bereits viele Kontakte in der Nachbarschaft entstanden. Wir versuchen eine Brücke zu den Geschäftsleuten und Nachbarn im Kiez zu bauen.
Wir möchten den Menschen zeigen, dass wir aktiv im Kiez unterwegs sind, dass wir Orte erprobt haben und die Ergebnisse teilen möchten.
Wir engagieren uns für Barrierefreiheit im Kiez  - für uns und andere.

Saskia Balke, Sozialarbeiterin

 
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