DER ENT-PÄDAGOGISIERTE BLICK

„…wenn ich wieder Motorradfahren könnte“

Im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens betreue ich Herrn B. in seiner eigenen Wohnung in Berlin. Er ist 54 Jahre alt, hat eine arterielle Verschlusskrankheit sowie mehrere Bypässe. Seit einem Hirnschlag ist sein rechter Arm gelähmt, er hat eine Hirnschädigung mit Gangstörung sowie eine Sprachstörung. Vor seiner Erkrankung war Herr B. ein begeisterter und leidenschaftlicher Motorradfahrer und -kenner, der viel an seinem „Bock“ geschraubt hat.

Träumen von früher

Herr B. besitzt inzwischen kein Motorrad mehr, jedoch noch alle Utensilien wie Kleidung, Werkzeug, Ersatzteile, viele Zeitschriften und Bücher. Monatlich kommen neue Zeitschriften hinzu, sodass Herr B. nach wie vor auf dem neusten Stand ist. Wichtigste Gesprächsthemen sind Motorräder und Motorradfahren. „Leidenschaftlich“ gerne würde er wieder selbst fahren. Dass dies nicht ohne weiteres – voraussichtlich nie mehr - möglich sein wird, ist ihm zeitweise bewusst. In diesen Phasen begnügt er sich damit, an Fahrradfahren (mit drei Rädern) zu denken. Fahrradfahren - dann und wann schiebt er sogar mein Fahrrad - scheint eine vorsichtige Auseinandersetzung damit zu sein, dass er nicht mehr auf dem „Bock“ wird sitzen können.

Hr. B. hört schon von Weitem, welcher Motorradtyp gleich zu sehen sein wird. Er bleibt bei fast jedem Motorrad stehen, kennt selbstverständlich das Modell und spricht gelegentlich auch die Besitzer an. Es kommt dann zu einem kurzen Gespräch, bei dem im Wesentlichen Fachtermini ausgetauscht werden, das jedoch nie zu einem weiteren Kontakt führt. Er weiß, dass Motorradfahrer in seiner näheren Umgebung wohnen. „Böcke“ stehen auch in seiner Straße. Vorsichtig angebotene Unterstützung - zur weiteren Kontaktaufnahme - lehnt Herr B. stets ab.

Unerwünschte Unterstützung?

Als ich ihm anbot, gemeinsam nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau zu halten, lehnte er jedoch nicht gleich ab. Eine gute Gelegenheit hierfür ergab sich beim gemeinsamen Besuch des einmal jährlich stattfindenden „Santa Claus On Road Treffen“ und der „Christmas Biketour“.

Die Planung - Treffpunkt, Wegbeschreibung, Fahrverbindung usw. - verlief einvernehmlich. Hr. B. entschied sich, alleine zum Treffpunkt zu kommen, um mich dort zu treffen. Während der gemeinsamen Planung hatte er schon seine Biker-Weste an. Am Tag des Biker-Treffens sagte Hr. B. jedoch, mit wenig überzeugenden Begründungen, kurzfristig den Termin ab.

Die Vereinbarung, uns direkt bei der Veranstaltung zu treffen, war offensichtlich für Herrn B. ein zu großer Schritt. Vielleicht hätte ich ihn zu Hause abholen und begleiten sollen.
Ich ging dennoch zum Biker-Treffen, machte Fotos und knüpfte Kontakt zu einem Motorradfahrer mit Beiwagen, der sich bereit erklärte, Herrn B. in seinem Beiwagen mitzunehmen. Hr. B. könne sich jederzeit per E-Mail bei ihm melden.

Herr B. war begeistert von den Fotos und auch von der ihm gebotenen Möglichkeit, in einem BMW-Beiwagen mitzufahren – nur: zurzeit habe er anderes im Kopf.

Das Agieren seitens Herrn B. - obwohl alles gut vorbereitet war und er sich auf das Treffen ja eigentlich gefreut hatte - warf viele Fragen auf. Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, beleuchtete ich meine professionelle Beziehung zu Herrn B: Ich überprüfte meine Annahmen im Hinblick auf das Wollen und Können von Herrn B.

Erkenntnisse durch Reflexion

Durch die Benennung und Reflektion meiner Gefühle im Rahmen von Supervision und Fortbildung konnte ich schließlich Herrn B. besser als „gesamten Menschen“, mit all seinen Facetten wahrnehmen. Vermutlich braucht er viel Zeit, um mit der Kränkung, nie mehr selbstständig Motorrad fahren zu können, und deren weitreichende Wirkung auf sein gesamtes Leben, umgehen zu können.

Herr B. wird seine Kränkung nicht allein dadurch beheben, dass er einmal in einem Beiwagen mitfahren kann. Dennoch bleibe ich an dem Thema dran und mache im Frühling einen neuen Anlauf.

Mein Resümee

Mein Verhältnis zu Herrn B. hat sich verändert. Sein persönliches Interesse „Motorradfahren“ hat auch mein Interesse geweckt und meinem Blick auf den Sozialraum erweitert. Herr B. hat mich neugierig gemacht, was für ihn auch zu spüren ist.

Sozialräumliches Arbeiten beinhaltet einen Paradigmenwechsel. Paradigmenwechsel bedeutet „radikale Wende“ und erfordert eine Änderung des Blickwinkels. Mit Herrn B. habe ich gelernt, ihn nicht als eine Person mit Defiziten und Widerständen, sondern vielmehr als Person mit Interessen und eigenem Willen anzuerkennen.

Ich persönlich habe mir vorgenommen, meinen bisherigen - doch stark pädagogisch geprägten Ansatz - zu „ent-pädagogisieren“ und mein Gespür dafür weiter zu entwickeln, was noch alles Unmögliche möglich ist.

Ursel Hocke, Sozialarbeiterin