JEDER IST EXPERTE SEINER SELBST

Im Rahmen meines Projektes der Sozialraum-Fortbildung half ich einer Klientin des Betreuten Einzelwohnens (BEW) dabei, ihren Freundes- bzw. ehrenamtlichen Unterstützerkreis (wieder-)aufzubauen. Ich stellte dabei fest, wie wichtig es manchmal ist, einen Schritt zurückzugehen, um vorwärts zu kommen.

Umbrüche

Nach einer Hirnschädigung lebte sie in den letzten Jahren mit ihrem Mann im Süden und zog im Sommer 2011, auf eigenen Wunsch, alleine zurück nach Berlin. Sie war auf den Rollstuhl angewiesen und hatte ein verwaschenes Sprachbild. Ihre Freunde und Bekannten schienen sich abgewandt zu haben - aus Berührungsängsten, Unsicherheit?

Frau X lebte alleine in einer für sie eher ungünstigen Wohnung. Um aus dem Haus zu kommen, benötigte sie Hilfe wegen der Treppenstufen.
Früher war Frau X, ihren Erzählungen nach, sehr aktiv und viel unter Leuten. Jetzt fiel ihr dies schwer, da sie sich unattraktiv und hilflos fühlte.

Um Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zu den früheren Bekannten zu erkunden, Treffen zu organisieren und auch Unternehmungen zu planen um neue Menschen kennen zu lernen, nutzten wir die „Zukunftsplanung“, eine Methode personenzentrierten Denkens. Damit visualisierten wir das Umfeld der Bewohnerin. 

Es fanden viele Gespräche zu diesem Thema statt und Ausflüge wurden geplant. Doch wenn es um die Umsetzung ging, sagte Frau X immer wieder ab. Auch die Kontaktaufnahme zu ihren alten Bekannten lief eher schleppend.

Selbstbestimmtes Tempo

Durch die Supervision kam ich auf die Vermutung, dass Frau X noch nicht so weit war. Sie hatte in letzter Zeit viele Veränderungen durchgemacht – Umzug, Alleinleben, Pflegedienst, Betreuung. Wahrscheinlich brauchte sie noch Zeit, mit ihrer Situation fertig zu werden, bevor sie sich neuen Themen öffnen konnte. Meine Einschätzung besprach ich mit Frau X Wir legten unsere Planung vorerst auf Eis und wollten uns zu gegebener Zeit darum kümmern. Frau X wirkte erleichtert, betonte dennoch, wie wichtig ihr die Kontakte seien.

Nach kurzer Zeit kam Frau X von selbst auf mich zu. Sie bat um Hilfe bei der Suche nach bestimmten Personen. Sie erzählte auch von Kontakten via Internet. Nach einem Friseurbesuch fühlte sie sich wieder attraktiver und war bereit, in Cafés etc. zu gehen.

Sie plante, sich mit einem alten Bekannten zu treffen und wollte ein Konzert besuchen. Außerdem hatte sie vor, ihren Vater ausfindig zu machen, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte.

Mein Fazit

Veränderungen brauchen Geduld und Zeit und zuweilen sollte man lieber einen Schritt zurückgehen, um dann wieder vorwärts zu kommen. Jeder Mensch ist anders und der Experte seiner selbst.

Sabrina Huber, Heilerziehungspflegerin