NEUE ERKUNDUNGEN IM ALTEN KIEZ

... vielleicht entwickelt sich noch etwas!

Seit vielen Jahren schon laufe ich an einem denkmalgeschützten Gebäude vorbei, welches nur einige Hausnummern von einer Wohnanlage entfernt ist, indem mehrere von mir betreute Klienten des Betreuten Einzelwohnens in Berlin-Reinickendorf zuhause sind.

Das Centre Bagatelle – ein Ort auch für unsere Klienten

Bei dem Gebäude handelt es sich um das „Centre Bagatelle“, ein französisches Kulturhaus. Hier gibt es vielfältige Angebote für Kinder und Erwachsene: Koch -, Sport - und Sprachkurse, Ausstellungen, Vorträge und Musikveranstaltungen unterschiedlicher Richtung wie Klassik, Jazz, Folklore. Bisher hatte es nie meine besondere Beachtung gefunden. Auch von meinen Kollegen hatte ich nie etwas über dieses Haus - weder über die durchaus interessanten Angebote noch über einen gemeinsam durchgeführten Besuch mit ihren Klienten - gehört.

Fr. G. ist eine nette ältere Dame, die als Alleinstehende in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer Wohnanlage in Berlin wohnt und von mir einmal wöchentlich betreut wird. Fr. G. lebt eher zurückgezogen. Sie pflegt nur wenige soziale Kontakte. Für Freizeitangebotsvorschläge ist sie jedoch dankbar und bekundet dann auch den Wunsch, diese durchführen zu wollen. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung in der räumlichen Orientierung und ihren Defiziten innerhalb ihrer Gedächtnisleistung ist sie aber immer auf eine Begleitung angewiesen.

Fr. G. ist kulturell interessiert. Insbesondere begeistert sie sich für Klassik und Opernmusik. Schon vor ihrer Erkrankung hatte Fr. G. ein Abonnement der Deutschen Oper und besuchte regelmäßig einmal wöchentlich eine Inszenierung. Im vergangenen Jahr habe ich Fr. G. schon einige Male zu einer von ihr ausgesuchten Opernaufführung begleitet. Da ihr jedoch nur ein bestimmtes Betreuungszeitkontingent zur Verfügung steht, können wir diese Besuche nicht häufiger durchführen. Ich erzählte Fr. G. von dem Centre Bagatelle, welches ja nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt ist und machte den Vorschlag, doch einmal gemeinsam dorthin zu spazieren, um Informationen einzuholen. Fr. G. fand den Vorschlag gut und bei unserem nächsten Treffen setzten wir unsere Idee in die Tat um. Zuhause besprachen wir dann, was Fr. G. gefallen könnte. Im Beisein von Fr. G. nahm ich mit dem Kulturhaus telefonischen Kontakt auf, um Karten für ein Klavierkonzert zu bestellen. Zu unserer Freude erhielten wir die Information, dass Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern, die ein „B“ im Schwerbehindertenausweis haben, freien Eintritt hätten.

Zu dem abendlichen Klavierkonzert hatte sich Fr. G. dann auch besonders „schick“ gemacht. Der Besuch hat uns beiden sehr gut gefallen: das nette Ambiente, die professionelle Darbietung in einem kleinen Kreis, das Gläschen Wein in der Pause.

Im Gespräch mit anderen Klienten, denen wir im Nachhinein davon begeistert berichteten, fragte uns dann ein Nachbar, der ebenfalls von der Fürst Donnersmarck-Stiftung betreut wird, ob er uns das nächste Mal begleiten könne.

Fr. G. und ich versuchen nun einmal monatlich zu einer Veranstaltung zu gehen; manchmal zu zweit, manchmal aber auch in Begleitung des erwähnten Nachbarn. Vielleicht entwickelt sich ja mit der Zeit zwischen ihnen eine Interessensgemeinschaft und Fr. G. könnte auch ab und zu einmal ohne meine Anwesenheit in Begleitung des Nachbarn Konzerte besuchen. Die beiden sind sich sympathisch und der Nachbar bräuchte als Begleitung den Eintrittspreis nicht zu bezahlen. Es bleibt abzuwarten, wie sich alles Weitere entwickelt.

Ich bin nach wie vor erstaunt, wie wenig meine Kollegen und ich diesen Veranstaltungsort, der sich ja wirklich in unmittelbarer Nachbarschaft unserer Klienten befindet, beachtet und wahrgenommen haben.

Es lohnt sich, den Sozialraum noch sensibler wahrzunehmen.

Carola Weinz, Erzieherin

 
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