SELBSTBESTIMMT EINKAUFEN

In der UN-Behindertenrechtskonvention wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jeder Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hat. Zur Sozialraum-Arbeit gehört es von daher auch, die Konsum-Bedürfnisse der Klienten wahr- und ernst zu nehmen.

Welche Wünsche hat beispielsweise eine Frau mit Down-Syndrom, die seit ihrer Jugend in Einrichtungen betreut wird? Welche kenne ich und welche kann ich noch wie herausfinden?

"NEIN" scheint sie nicht zu kennen

Die bald 50-jährige Frau, die in einer Wohngemeinschaft (WG) der Fürst Donnersmarck-Stiftung in Berlin lebt, ist sprachlich meistens schwer zu verstehen. Zudem traut sie sich in der Regel nicht, Bedürfnisse zu äußern, das Wort „Nein“ scheint sie nicht zu kennen. Wie schaffe ich es nun, sie so zu stärken und zu unterstützen, dass sie mir ihre Wünsche vermitteln kann und welche Möglichkeiten sind vorhanden, diese auch umzusetzen?

Als wir an einem Tag, an dem ich Frau S. in der Geschäftsstraße zur Physiotherapie begleitete, beim Drogeriehandel vorbei kamen, fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könnte, kleinere persönliche Dinge auch alleine einzukaufen. Spontan sagte sie hier schon: „Mundspülung“.

Ich wollte mich dann später mit ihr zusammensetzen, um herauszufinden, was sie sonst noch gerne alles kaufen würde, hätte jedoch nie gedacht, wie schwierig es in unserem WG-Arbeitsalltag ist, für diese doch eigentlich kleine Angelegenheit Zeit und Ruhe zu finden. Irgendwann klappte es dann aber.

3 Fragen

Ich schrieb ihr 3 Fragen auf und ließ ihr jeweils darunter Platz zum Ausfüllen:

  1. Was würde ich gerne beim Drogeriehändler einkaufen?
  2. Was würde ich gerne im Schreibwarenladen einkaufen?
  3. Was würde ich gerne beim Bäcker essen und trinken?

Um genug Zeit zum Nachdenken zu haben, sprachen wir ab, dass sie den Zettel bis zu meinem nächsten Dienst ausfüllen soll.

An besagtem Tag kam sie mir strahlend entgegen und drückte mir den Zettel in die Hand. Ich staunte nicht schlecht, als ich ihre „Antworten“ las. Sie hatte unter die erste Frage in Groß-Buchstaben ihren und darunter auch meinen Namen geschrieben. Das war´s! Da schien etwas falsch gelaufen zu sein. Ich zog den Schluss, dass sie entweder meine Handschrift nicht richtig lesen konnte oder den Sinn der Fragen gar nicht richtig verstanden hatte.

Ich setzte mich wieder mit ihr zusammen und versuchte es nun einfacher:

  1. DROGERIEHÄNDLER – (freies Feld)
  2. SCHREIBWARENLADEN – (freies Feld)

Diesmal fragte ich sie direkt nach den Antworten und bat sie diese auch aufzuschreiben. Das ging dann für mich überraschenderweise sehr schnell: SPÜLUNG, BINDEN, SHAMPOO, DUSCHGEL und TESA, ZUM GEBURTSTAG KARTEN, MALBUCH, STIFTE waren ihre Antworten.

Kontaktaufnahme im Schreibwarenladen

Wir beschlossen, als nächstes gemeinsam zum Schreibwarenladen zu gehen, um nach den gewünschten Sachen zu schauen. Ich erklärte ihr, dass es hilfreich sei, mit der Verkäuferin zu sprechen, um sie darum zu bitten, sie bei einem alleinigen Einkauf ggf. beratend zu unterstützen. Zudem schlug ich Frau S. vor, auch die WG-Telefonnummer weiterzureichen, um bei Missverständnissen – beispielsweise aufgrund der etwas schlechteren sprachlichen Verständigungsmöglichkeiten - schnell Klärung schaffen zu können. Frau S. gab mir ihre Zustimmung. Beim nächsten Dienst zeigte mir Frau S. stolz einen weiteren Zettel, auf dem sie noch mal alles abgeschrieben und ihren Namen darunter gesetzt hatte. Ich glaube, sie freute sich.

Ich selbst hatte in der Zwischenzeit Visitenkarten besorgt, um diese dann an oben erwähnte Geschäfte weiterzureichen und die Wohngemeinschaft vorzustellen.

Die Woche darauf gingen wir dann – ohne Frau S. lange motivieren zu müssen - zum Schreibwarenladen. Im Geschäft wurde mir noch einmal bewusst, wie schwer es Frau S. fällt, bei Artikeln auch wirklich zuzugreifen und nicht nur mit großen Augen vor den Ständern zu stehen. Ich ging mit Frau S. zur Verkäuferin und stellte uns vor. Sie hatte uns schon öfters gesehen, fand es schön, einmal Genaueres über uns zu erfahren. Sie fand es auch sehr bereichernd, uns Fragen stellen zu können, denn teilweise war sie unsicher, wie sie sich gegenüber unseren Klienten verhalten sollte.

Ich erzählte ihr, dass Frau S. nun wahrscheinlich öfters vorbeikommt und dass sie bei aufkommenden Fragen, falls sie beispielsweise Frau S. nicht versteht, gerne bei uns anrufen könne. Ich ging mit Frau S. dann nochmals durch den kleinen Laden und die Verkäuferin konnte beobachten, wie ich mit ihr umging. Abschließend erwähnte ich gegenüber der Verkäuferin noch, dass es Frau S. sicherlich helfen würde, sie beim Kauf zu beraten und auch unterstützend zu schauen, ob das Geld reicht. Ich sicherte ihr noch mal zu, dass Frau S. das zur Verfügung stehende Geld auch ausgeben könne. So waren die ersten Schritte getan.

Frau S. kann immer noch nicht richtig „Nein“ sagen, aber ich weiß jetzt, wie ich eine deutlichere Antwort erhalten kann: Ich gebe ihr bei Fragen meinerseits zwei Zettel in die Hand, auf dem einen steht ein dickes „JA“, auf dem anderen ein „NEIN“. Und davon lasse ich mir dann einen zurückgeben. Ich weiß nicht warum, aber das klappt!!

Andrea Fichtl, Sozialarbeiterin

 
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