TEILHABE DURCH BESCHÄFTIGUNG

Ausbau außerhäusiger Beschäftigungsmöglichkeiten für Klienten des Wohnens mit Intensivbetreuung

Die beiden Wohngemeinschaften der Betreuungsform Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI) sind ambulante Wohnunterstützungsangebote des Ambulant Betreuten Wohnens der Fürst Donnersmarck-Stiftung (ABW). Der WmI-Wohngemeinschaftsverbund mit 18 Appartements in Berlin-Tempelhof wurde im April 2010 bezogen, der zweite Verbund mit 16 Appartements in Berlin-Pankow besteht seit Dezember 2010. Dieses Angebot der Fürst Donnersmarck-Stiftung wurde speziell auf die Bedürfnisse von Bewohnern des stationären Wohnheimes im
Fürst Donnersmarck-Haus in Berlin-Frohnau zugeschnitten.

Vom Stationären ins Ambulante

Die Klienten lebten vor Einzug in das WmI zum Teil sehr lange in einer ruhigen und schönen Stadtrandlage. Aufgrund der bisherigen Unterstützungs- und Versorgungsstrukturen in Deutschland bestand für sie, als Personen mit Behinderung und einem Rund-um-die-Uhr-Unterstützungsbedarf, keine Möglichkeit, in einer ambulanten gemeindeintegrierten Wohnform zu leben. Das WmI-Projekt eröffnet ihnen die Möglichkeit, mit größerer Eigenständigkeit und zentraler am sozialen Leben in der Gemeinde und in der Gesellschaft teilzuhaben.

Die Klienten wohnen in ihren angemieteten Appartements mit Küche, barrierefreiem Duschbad, teilweise Balkon, Türklingel und Briefkasten. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, die Gemeinschaftsräume der Wohngemeinschaft zu nutzen.

Trotz der ambulanten Unterstützungsform stehen 24 Stunden täglich professionelle Unterstützer zur Verfügung. Diese Personalintensität wird ermöglicht durch eine strukturell verknüpfte Unterstützung von Leistungen im Rahmen des SGB V, SGB XI und SGB XII, hier insbesondere von Eingliederungshilfe und Hilfe zur Pflege.

Pädagogik und Pflege

Die sozialpädagogische Unterstützung wird durch das pädagogische Fachkräfteteam des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW), die Grund- und Behandlungspflege durch die Mitarbeitenden des Ambulanten Dienstes (AD) der Fürst Donnersmarck-Stiftung sichergestellt.
Die nächtlichen Pflegebedarfe der Mieter des WmI werden ebenfalls über den Ambulanten Pflegedienst sichergestellt. Durch die Kombination der beiden ambulanten Angebote bietet das „Wohnen mit Intensivbetreuung“ insgesamt 34 Klienten eine intensive sozialpädagogische Betreuung und eine umfassende Pflege. Dies ermöglicht Menschen mit Behinderung und einem sehr hohen und spezifischen Hilfe-, Förder- und Pflegebedarf sowie Menschen mit besonderen Betreuungsbedarfen das Wohnen und die Betreuung in unserer ambulanten Einrichtung der Behindertenhilfe.

Wunsch nach Beschäftigung

Die Aufgabe der Sozialarbeit im WmI bestand zunächst vorrangig darin, alle finanziellen und sozialrechtlichen Angelegenheiten und Bedarfe der Klienten zu bearbeiten und diese bei sozialhilferechtlich relevanten Anträgen, zum Teil mit Hilfe der rechtlichen Betreuer, zu unterstützen.

Neben Anträgen zur Grundsicherung, Rentenanträgen, den Anträgen und Bewilligungen für die Zahlungen der Pflege-, Betreuungs- und Wohnkosten gehört die Organisation von (möglichst externer) Tagesstruktur für die Klienten des WmI zum Aufgabenfeld der Sozialarbeit.

Von den 34 Klienten besuchten anfangs nur 14 Klienten eine Werkstatt bzw. Fördergruppe für Menschen mit Behinderung. Das entspricht einer Beschäftigungsquote von 41%. Bei einigen Klienten wurde zudem die bis dahin ausgeübte Tätigkeit auf Grund einer Erhöhung der Pflege- und Betreuungsbedarfe seitens der Werkstatt bzw. der Fördergruppe in Frage gestellt. Im stationären Dauerwohnheim der Fürst Donnersmarck-Stiftung wurde für Klienten, die behinderungsbedingt keiner außerhäusigen Tagesstruktur nachgehen konnten, eine hausinterne Tagesstruktur angeboten. Diese tagesstrukturierenden Maßnahmen beinhalteten Gesellschafts- und Gedächtnisspiele, Malen, Töpfern, DVD-Vormittage, Computerarbeiten, Ausflüge u.v.m.

Es gehört zum ambulanten Charakter einer Wohngemeinschaft, dass eine vergleichbare interne Tagesstruktur nicht vorgehalten wird. Im Wohnen mit Intensivbetreuung wurde zunächst davon ausgegangen, dass die Selbstorganisation der Klienten (Wäsche waschen, Haushalt erledigen, Mahlzeiten einkaufen und zubereiten, usw.) zu einer selbstbestimmten Tagesstruktur führt. Im Alltag zeigte sich jedoch, dass die tägliche Unterstützung der Klienten im Bereich ihrer alltäglichen Lebensführung auf Dauer nicht als zufriedenstellende Tagesbeschäftigung ausreicht. Es fehlte die Möglichkeit des alltäglichen regulären Milieuwechsels.

Viele der WmI-Klienten, auch Personen mit Antriebsstörungen oder anderen spezifischen Betreuungsbedarfen, wünschten eine externe Beschäftigung. Die Unzufriedenheit über die Versorgungslücke bei der außerhäusigen (Tages-) Beschäftigung für so genannte „nicht fördergruppenfähige“ ambulante Klienten war bei ihnen selbst, ihren Angehörigen und Freunden ebenso wie bei den Mitarbeitenden der WG zu spüren.

Das langfristige Ziel der Unterstützung war es demnach, möglichst allen interessierten Klienten, vor allem auch denjenigen, die keinen Werkstatt- oder Fördergruppenplatz aufsuchen können oder die jahrelang stationär in tagesstrukturierenden Angeboten betreut und versorgt worden sind, im Sinne des Zwei-Milieu-Prinzips Beschäftigungsangebote unterbreiten zu können.

Kontaktaufbau zu Werkstätten

Zu Beginn des Jahres 2011 wurde deshalb damit begonnen, Kontakte zu Werkstätten in der näheren Umgebung der Wohngemeinschaften zu knüpfen. Im Rahmen dieser Kontakte wurde zunächst der erneute Versuch zur Aufnahme einer Beschäftigung in einer Fördergruppe unternommen, auch für Klienten, die zuvor im stationären Setting nur die hausinternen Angebote nutzten. Dies war vor allem der ausdrückliche Wunsch der Klienten selbst.

Doch schon das Praktikums eines ersten Klienten scheiterte bereits am zweiten Tag, da dieser aufgrund seiner massiven Unruhe (stetige Rastlosigkeit, ständige Bewegung mit Hilfe des Rollstuhls) und seiner stark ausgeprägten Gedächtnisstörung nicht adäquat in der Fördergruppe beschäftigt werden konnte.
Laut Praktikumsbericht benötigte der Klient sofort und permanent eine 1:1-Betreuung. Der intensivste Betreuungsschlüssel in einer Fördergruppe beträgt jedoch 1:3, und das auch nur vorübergehend. Das machte deutlich, dass viele WmI-Klienten ein deutlich niedrigschwelligeres und dabei personalintensiveres Beschäftigungsangebot benötigen.

Eine andere Klientin hatte im stationären Rahmen des Fürst Donnersmarck-Hauses Botengänge übernommen und Post verteilt. Sie konnte so die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten, die eine große, stationäre Komplexeinrichtung bereithält, sehr intensiv für sich nutzen. Dabei besuchte sie regelmäßig die hausinternen tagesstrukturierenden Maßnahmen, half der Verwaltung, besuchte andere Wohngruppen, besuchte Therapeuten oder Klienten in der Cafeteria und in der Turnhalle.

Diese vielfältigen Möglichkeiten hatte sie in der neuen Wohngemeinschaft nicht mehr.
Außerhäusige Kontaktmöglichkeiten bestanden noch nicht, Botengänge waren kaum erforderlich, versorgt und organisiert sich eine WG doch relativ unabhängig.
Die Klientin fing an, sich zu langweilen. Sie verbrachte mehr und mehr Zeit in ihrem Appartement und wünschte, ins Bett gelegt zu werden. Pflegerische Bedarfe und Hilfestellungen nahmen in der Folge deutlich zu. Die fehlende Tagesstruktur hatte für sie viele Nachteile.

Angebot zur Beschäftigung, Förderung und Betreuung (ABFB)

Parallel zu unserer Suche nach Lösungen für die WmI-Klienten gab es in der behindertenpolitischen Debatte in Berlin neue Entwicklungen im Hinblick auf externe niedrigschwellige Beschäftigungsalternativen für Bewohner von Wohnheimen.

Mit Wirkung zum 1. Mai 2011 wurde der neue Leistungstyp „Angebot zur Beschäftigung, Förderung und Betreuung (ABFB)“ eingeführt. Gemäß der ersten Fassung der Leistungsbeschreibung bot dieser neue Leistungstyp „Menschen mit einer geistigen, körperlichen oder mehrfachen Behinderung aus ambulanten Wohnangeboten bzw. stationären Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe und aus der eigenen Häuslichkeit eine Tagesgestaltung im ‚Zwei- Milieu- Prinzip‘ im Sinne der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft (...)“ an. Weiter hieß es: „Diese Leistungsform richtet sich insbesondere an Menschen (…), die wegen der Art oder Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht, noch nicht wieder oder nicht mehr in einer WfbM oder einem FB beschäftigt werden können.“ Somit bestand die berechtige Hoffnung für die Klienten des WmI, dass dieser neue Leistungstyp die Versorgungslücke zwischen Werkstatt, Fördergruppe und einem möglichst niedrigschwelligen Betreuungsangebot schließen könne. Jedoch mussten diese ABFB-Angebote erst aufgebaut werden.
Im Sommer 2011 wurde ein Großteil der ABFB-Anbieter, die jeweils in der Nähe der beiden Standorte lagen, angeschrieben oder telefonisch kontaktiert, um herauszufinden, ob es Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt.
Meist waren diese Anbieter stationäre Wohnträger, da diese ihren (Tagesstätten-)Teilbereich in diesen neuen Leistungstyp umzuwandeln hatten. Zunächst sollte geprüft werden, ob die Angebote für einen Teil unserer Klienten überhaupt in Frage kommen.

Die Vorteile eines externen Tagesangebotes für die Klienten sind evident. Auch für die Begleitung und Unterstützung in den Wohngemeinschaft bietet die Organisation von außerhäusiger Tagesstruktur Vorteile, da es dann einfacher möglich ist, in den Nachmittagsstunden (nach Rückkehr von den externen Beschäftigungsangeboten) mehr Personal im WmI vorzuhalten und die Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit in die Nachmittags- und Abendstunden zu legen.

Insgesamt wurden 13 Träger von ABFB-Angeboten kontaktiert. Nach Austausch wurde deutlich, dass nur 6 Träger als Anbieter außerhäusiger Beschäftigung für unsere Klientel in Frage kommen. Einige der Träger hatten keine Kapazitäten für externe Interessenten, andere waren nicht auf die Bedarfe der WmI-Klienten vorbereitet.

Nach dieser Vorprüfung wurden wechselseitige Besuche vor Ort verabredet. Den beiden Teams der WmI-Standorte wurden die ABFB-Angebote in ihrem Bezirk vorgestellt, sollten sie doch von den erhofften Möglichkeiten und Vorteilen für die Klienten erfahren und das Projekt der externen Tagesstruktur unterstützen.

Im Zeitraum von August 2011 bis Ende November 2011 fanden persönliche Vor-Ort-Gespräche und Besuche der jeweiligen ABFB-T Einrichtungen statt. In einigen Fällen kamen die fallverantwortlichen Mitarbeitenden des WmI mit zu diesen Terminen. Oft fanden im Anschluss oder zeitnah nach den Treffen Gegenbesuche der ABFB-Mitarbeitenden statt, damit sie das WmI-Angebot kennenlernen konnten. Bei diesen Gegenbesuchen in den WmI-Standorten wurden neben einer ausführlichen Erläuterung des Konzepts, einem fachlichen Austausch und der Vorstellung des jeweiligen WmI-Verbundes auch interessierte Klienten in die ABFB-T-Planung intensiv einbezogen.

Ein Großteil der Klienten erschien als geeignet für den Leistungstyp ABFB. So wurden im nächsten Schritt Hospitationen bzw. in einem Fall direkt ein Praktikum verabredet.

Im Umfeld des WmI Tempelhof gab es leider nur einen ABFB-Anbieter, der ein Praktikum für eine Klientin ab November 2011 ermöglichte. Die Räumlichkeiten des Trägers waren zum damaligen Zeitpunkt nur bedingt barrierefrei, Rollstuhlfahrer konnten nicht alle Bereiche nutzen. Das hat sich mittlerweile geändert. Zunächst führte das aber dazu, dass fast alle interessierten ABFB-Klienten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind – insgesamt handelte es sich um 5 Personen - abwarten mussten, bis die erforderlichen Umbaumaßnahmen abgeschlossen waren.

In Pankow gab es 3 Einrichtungen, die Hospitationen ermöglichten. Einige der Klienten hospitierten an mehreren ABFB-Standorten. Die Hospitationstermine und die Begleitung der jeweiligen Klienten dorthin wurden in enger Zusammenarbeit mit den fallverantwortlichen Mitarbeitenden sowie der Verbundleitung der WG abgesprochen und organisiert.

Nachdem alle Beteiligten einen Einblick in die jeweiligen ABFB-Einrichtungen bekommen hatten, entschieden sich die Klienten für oder gegen einen prinzipiellen Beginn in der ABFB. Nun wurden die jeweiligen rechtlichen Betreuer sowie Angehörige informiert und um Ihre Meinungen und Einschätzung gebeten. Bei der Antragsstellung, der Organisation von Fahrdiensten sowie bei der Absprache mit den jeweiligen ABFB-Einrichtungen und zu deren Kostensätzen wurde beraten.

Probleme bei der Kostenbewilligung

Zwischen Dezember 2011 und Anfang Februar 2012 waren wir mit massiven Problemen bei der Kostenbewilligung für dieses junge Angebot konfrontiert. Grund hierfür war und ist bis heute die Art der Festsetzung des individuellen Hilfebedarfs als Grundlage für die Personalausstattung der ABFB-Einrichtung. Bis heute sieht die Bewilligungspraxis vor, dass zur Feststellung des individuellen Hilfebedarfs und damit des entsprechenden Kostensatzes pro Klient, das stationäre Hilfebedarfsfeststellungsverfahren angewendet werden muss.

Für intensiv ambulant betreute Klienten muss demnach ein fiktiver stationärer Hilfebedarf konstruiert werden. Das macht fachlich keinen Sinn und stellt alle ambulanten Träger vor eine unlösbare Aufgabe. Wie soll denn das virtuelle stationäre Heim aussehen, gibt es Ein- bzw. Zweibettzimmer? Wer wohnt dort und wie wird betreut? Diese diffuse Bewilligungspraxis erklärt sich aus der Historie des Angebotes aus einem stationären Bereich heraus. Noch gibt es nicht genügend ambulante Interessenten, als dass eine Änderung des Antragsweges möglich erscheint. Somit besteht diese Bewilligungspraxis bis heute.

Stand der Dinge aktuell

Die interessierten Klienten haben die neuen Möglichkeiten des neuen Leistungstyps „ABFB“ kennengelernt und sich dafür oder dagegen entschieden. Die fallverantwortlichen Mitarbeitenden stehen im intensiven Austausch mit ihren Bezugsklienten und den jeweiligen rechtlichen Betreuern und/oder Angehörigen. Die erforderlichen Anträge (samt Fahrdienst-Anträgen) sind gestellt.

Nachdem die Klienten die Angebote mittlerweile bereits einige Zeit wahrgenommen haben, zeigt sich, dass die Bemühungen Früchte getragen haben. Dennoch muss jeder Klient genau beobachtet werden, damit keine Überforderung eintritt. Denn auch ein externes, niedrigschwelliges Beschäftigungsangebot ist ein externes Angebot, das für Klienten körperlich und psychisch anstrengend sein kann.

Der Begriff „Inklusion in der Arbeitswelt“ ist somit gerade für unsere Klienten mehr als der Titel einer gigantischen Hochglanzbroschüre zu verstehen als die angedachte und geplante Wirklichkeit. Dennoch wurde hier sozialräumlich, durch Kooperation mit anderen wohnbezogenen stationären und ambulanten Trägern der Eingliederungshilfe und personenzentriert (was braucht Klient XY) gedacht und gehandelt.

Menschen mit hohem und spezifischem Unterstützungsbedarf benötigen häufig zunächst eine stellvertretende Kontaktaufnahme der Mitarbeitenden, um Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, Kontakte zu knüpfen und Kontakt-Erweiterung erfahren zu können.

Dies ist ganz im Sinne des Sozialraumkonzeptes. Soziale Kontakte sollen zunehmen, die Implementierung der ABFB- Angebote für die Klienten ist ein Versuch, diese Idee umzusetzen, angepasst an und zugeschnitten auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten eines jeden Einzelnen.

Der „Sozialraum“ scheint mir noch nicht bereit für Menschen mit solch einem hohen Assistenz-, Unterstützungs- und Pflegebedarf. Angebote vor Ort müssen oft erst noch entstehen. Im WmI Tempelhof zeigt sich dies sehr deutlich. Trotz massiver Bemühungen konnten nach wie vor nicht alle interessierten Klienten in eine ABFB-T-Maßnahme vermittelt werden. Es fehlt in der näheren Umgebung an adäquaten Angeboten. Dennoch zeigt sich, dass der Sozialraum von allen Seiten erschlossen werden muss: Von der Kommune selbst, von den Bürgern im Sozialraum, aber auch von den im Sozialraum tätigen Organisationen. Im Sozialraum tragen alle eine Mitverantwortung für die Implementierung von sozialräumlichen Projekten.

REFLEXION und EXKURS: Der Sozialraum ist auch Konfliktraum.

Angebote im und für den Sozialraum müssen dem Bedarf der jeweiligen Bürger des Sozialraums gerecht werden.

Mir ist bewusst, dass die von uns organisierten ABFB-Beschäftigungen und Tätigkeiten unserer Klienten keine inklusive Beschäftigungsform darstellen. Dennoch ist es im Moment utopisch, dass ein Teil unserer Klientel im WmI ein Beschäftigungsverhältnis auf dem 1. Arbeitsmarkt im Bäcker oder Blumenladen „um die Ecke“ ausführt. Im Moment wünsche ich mir auf der Seite der nicht-behinderten Bürger Bewusstseinsbildung. Das „Erleben und Mitdenken“ von Menschen mit Behinderung im Sozialraum muss spürbar und erlebbar werden. Dies kann nur geschehen, wenn die Menschen mit Behinderung „sichtbar“ sein dürfen und „erlebt“ werden können – am besten natürlich, wenn möglichst alle interessierten Menschen einen Tagesablauf mit einer Beschäftigung außer Haus und über den Tag verteilt haben können.

Für Menschen mit Behinderung ist es aufgrund der Art und Schwere der Behinderungen oft noch schwierig bzw. unmöglich, sich vorzustellen, wie und wo sie sich im Sozialraum oder im Kleinen, in der WG selbst, einbringen können.

Neue, moderne und gemeindeintegrierte Projekte sind auch in Zukunft auf die Zusammenarbeit mit den verschiedensten Akteuren im Sozialraum angewiesen. Dies ist zum einen aufgrund der Inklusionsperspektive dringend angezeigt, zum anderen aber auch aus finanzieller Sicht. Noch heißt die Eingliederungshilfe nicht „Inklusionshilfe“, „bezirkliche Sozialraumbudgets“ sind noch nicht in der Diskussion, die Loslösung der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung von der Sozialhilfe ist mit dem Stichwort „Bundesteilhabegeld“ noch in der Diskussion.

Im Wohnen mit Intensivbetreuung wird die Einbeziehung der verschiedensten Akteure im Sozialraum tagtäglich praktiziert. Hierzu zählen: die Mitarbeitenden des ambulanten Pflegedienstes, Therapeuten (Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie) und Ärzte (Hausarzt, Neurologe, Zahnarzt, HNO-Arzt, Augenarzt, etc.) in der näheren Umgebung, Mobilitätshilfedienste, Nachbarn, Angehörige und Freunde der WG-Mitglieder, Stadtteilzentren, Bezirks- und Gesundheitsämter, Pizzeria, Dönerladen, Bäckerei, Supermärkte und vieles mehr.

In der Praxis zeigt sich, dass der Sozialraum in kleinen Schritten „erobert“ werden kann. Immer wieder kommt es zu Konflikten, Abstimmungsproblemen und grundsätzlich unterschiedlichen Haltungen, auch zwischen pflegenden und pädagogisch begleitenden Mitarbeitenden.
Darf Herr XY die WG allein verlassen oder ist das zu gefährlich für ihn?
Sollte Frau XY nicht lieber die WG generell verlassen, sie ist doch zu pflegebedürftig?
Ist die Sicherheit in der Pflege oder Eingliederungshilfe wichtiger als alles andere?

Es gibt immer wieder erhebliche Abstimmungserfordernisse in Hilfeplangesprächen mit den Mitarbeitenden des Sozialamtes. Es gilt, verständlich zu machen, dass WmI-Klienten, obwohl sie pflegebedürftiger werden, ihren Anspruch auf ambulante Eingliederungshilfe behalten, auch wenn sie dem ganz großen Ziel der Verselbstständigung und der Förderfähigkeit nicht entsprechen.

Der Sozialraum ist - das zeigt sich an diesen Beispielen - Konfliktraum. Mehr Begegnung, mehr Kontakte und der erforderliche Hilfe-Bürger-Mix bedeutet, dass die Abstimmung und Organisation von Terminen, der Begegnungen und der verschiedenen nicht-, semi- und professionellen Haltungen in Einklang gebracht werden wollen. Das ist - selbstredend - nicht immer möglich. Konfliktfähigkeit im Sozialraum und das Aushalten, dass Konflikte und Probleme im Sozialraum immer wieder auftreten werden (und auch müssen), ist die schwierigste Aufgabe des Sozialraum-Konzepts.

Die Probleme zu benennen und ergebnisoffen zu bearbeiten, ist ebenso Aufgabe der im Sozialraum wohnenden und der im Sozialraum arbeitenden Menschen, damit das Konzept der Sozialraum-Orientierung auch in Zukunft weitere Unterstützer finden wird. Das ist die spannendste und wichtigste Herausforderung für alle Akteure im Sozialraum, nicht nur der Akteure der Behindertenhilfe.

Johannes Brühl, Regionalleiter
Sozialarbeiter "Wohnen mit Intensivbetreuung“ (von 2010 bis 2012)