VOM STATIONÄREN INS AMBULANTE

Einiges ist machbar – wenn Klienten ihre Interessen äußern

Im Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI) in Berlin-Pankow leben seit 2010 Menschen mit schweren Behinderungen in eigenen Appartements. Zuvor wurden sie im Dauerwohnheim des Fürst Donnersmarck-Hauses in Berlin-Frohnau betreut.

Alle sind in ihren kognitiven bzw. körperlichen Fähigkeiten mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Die kognitiven Einschränkungen sind der Regel in den Bereichen Gedächtnis, Lernen, Kommunikation und Orientierung zu finden. Die körperlichen/motorischen Einschränkungen bewirken in der Regel Einschränkungen im Bereich der Mobilität. Örtliche Gegebenheiten (z.B. Stufen, hohe Bordsteine) erweisen sich als zusätzliche Behinderung.

Am Anfang bedeutete es auch für uns Mitarbeiter eine Umstellung, die Klienten, die umfassend stationär betreut waren, in ihrer Selbstbestimmung wahrzunehmen.

Durch verschiedene Fortbildungen, z.B. zum Empowerment, zur UN-Behindertenrechtskonvention, zum persönlichen Budget, etc ... konnten wir uns gut auf den Wechsel von der stationären zur ambulanten Betreuung vorbereiten.

Erste Schritte im Ambulanten Wohnen

Für die Klienten stand anfangs die Einrichtung des eigenen Appartements im Mittelpunkt ihres Interesses. Sie mussten erstmals Einrichtungshilfe beantragen und selbst entscheiden, was von dem Geld angeschafft wird. Der Bezugsbetreuer führte dazu ein Gespräch mit dem Klienten.

Auf die Frage was er denn brauche bzw. gerne anschaffen möchte, entstand folgender Dialog:

Klient: „Nun ja..., weiß nicht so genau.“
Mitarbeiter: „Was braucht man denn, wenn man eine eigene Wohnung hat?“
Klient: „Einen Tisch...“
Mitarbeiter: „Schön, dann kann man sich an den Tisch hinstellen.“
Klient: „...Stühle wären auch nicht schlecht.“
Mitarbeiter: „...und was braucht man, wenn man schlafen möchte?“
Klient: „Ein Bett" (…)

So wurde der Klient beim Einkauf von fehlenden Einrichtungsgegenständen von Anfang an miteinbezogen. Mit unserer Hilfestellung hat er eine Liste erstellt und wo es notwendig war, hat er sein Appartement vermessen. Anschließend haben wir unter Berücksichtigung seiner finanziellen Möglichkeiten im Internet einen Preisvergleich angestellt und entsprechende Händler herausgesucht. An zwei Terminen haben wir die fehlenden Gegenstände (Bett, Teppich und Lampen) eingekauft.

Dabei wurde deutlich, dass der Klient sich beim Finden der richtigen Abteilung und beim Kaufentschluss schwer tat und Hilfestellung brauchte. Gleichzeitig zeigte sich, dass diese Aktion für den Klienten ein großes Abenteuer war und sein Selbstvertrauen gestärkt hat. Die eigene Wohnung ist der persönlichste Raum (zum Rückzug und zur Entspannung). Im Nahbereich ist dies auch der Raum für Begegnungen (gemeinsam etwas machen, z.B. Essen und Trinken, DVD schauen, Musik hören etc.).

Ein Fest zum Einzug – (Familien-)Beziehungen stützen

Die Gestaltung der Beziehung zu Familienmitgliedern ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der sozialen Teilhabe des Klienten. Nachdem der Klient sein Appartement erfolgreich eingerichtet hatte, habe ich mit ihm die Idee einer kleinen Einweihungsfeier besprochen.

Klient: „Nun ja..., warum nicht.“
Mitarbeiter: „Wen möchten Sie denn einladen?“
Klient: „...vielleicht meine Familie.“
Mitarbeiter: „Nur Ihre Familie, oder noch jemand anderen.“
Klient: „....vielleicht auch die guten Bekannten (der Familie).“
Mitarbeiter: „Könnten wir eine Liste machen, wen Sie einladen möchten?“
Klient: „....Ja.“

Fünfzehn Minuten später gab es dann eine Liste mit elf Namen. Anschließend hat der Klient alle, die auf der Liste standen, eingeladen. Als nächstes haben wir gemeinsam überlegt, was für eine Einweihungsfeier es denn werden sollte. Schnell war klar, dass es ein kleines Grillfest mit Mälzerei- und Apartment-Besichtigung sein sollte. In einem weiteren Gespräch haben wir dann den Ablauf besprochen und eine Einkaufliste erstellt.

Vor der Einweihungsfeier sind wir gemeinsam einkaufen gegangen. Im Supermarkt war der Klient anfangs angesichts der Einkaufliste und des Angebots überfordert. Als ich ihn darauf hinwies, dass wir in der Obst- und Gemüseabteilung sind und fragte, ob wir aus dieser Abteilung etwas brauchen, kam er in Schwung und bewältigte schließlich mit meiner Unterstützung den Einkauf. Anschließend bereiteten wir die ersten Sachen (z.B. den Kartoffelsalat ) vor.

Das Grillfest war für uns eine gute Gelegenheit seine Familie und enge Bekannte der Familie näher kennenzulernen. Diese wiederum zeigten Interesse, öfters etwas mit dem Klienten zu unternehmen. Mit dem Ergebnis, das er jetzt häufiger besucht wird.

Mittlerweile kennt der Klient etliche Geschäfte im Nahbereich seiner Wohnung, persönliche Bedarfsartikel wie Getränke und Snacks besorgt er selbstständig. Beim Einkauf anderer Artikel braucht er weiterhin umfassende Hilfestellung. Er hat aber auch schon alleine Kleinigkeiten für die WG einkauft, mehrere Dinge einzukaufen überfordert ihn allerdings noch.

Die Möglichkeiten des Sozialraums mit den Interessen der Klienten verbinden

Welche Möglichkeiten zur Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben außerhalb des Nahbereiches sind vorhanden. Und welche Interessen haben neue Klienten bezüglich der Freizeitgestaltung und Eigenbeschäftigung?

Mitarbeiter: „Was möchten Sie denn gern mal unternehmen?“
Klient: „Weiß nicht.“
Mitarbeiter: „Ich gebe Ihnen mal einen Zettel, überlegen Sie mal in Ruhe und schreiben es dann auf.“

Einen Tag später bekomme ich den Zettel zurück, darauf steht „Alles“.

Mitarbeiter: „Alles ist für mich etwas zu ungenau. (Pause) Gehen Sie vielleicht gern ins Kino oder spazieren?
Klient: „Ja.“

Die Aufmerksamkeit für Freizeit und Beschäftigungsinteressen der Klienten führt immer wieder zu interessanten Ideen und Möglichkeiten. Im konkreten Fall entstand die Idee, das Deutsche Technikmuseum in Berlin zu besuchen. Anfangs war der Klient sehr irritiert und hat sich auffallend verhalten (war z.B. sehr laut, wenn er etwas gefragt hat), mit der Zeit wurde er immer interessierter und vor kurzem sprach er mich darauf an, ob ich mit ihm ins Naturkundemuseum gehen würde…

Ernst Tiller, Erzieher

 
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