WOHNUNGSSUCHE BEHINDERT

Welche Möglichkeiten haben Menschen mit Behinderung, ihren Sozialraum nicht nur selbstbestimmt zu gestalten, sondern auch die Umgebung, in der sie leben möchten, frei auszuwählen?

Diese Frage bezieht sich auf strukturelle Gegebenheiten im Kiez, beispielsweise die Verfügbarkeit von behindertengerechten Wohnungen. Aber auch die eingeschränkten finanziellen Mittel vieler Menschen mit Behinderung können zu sozialer Ausgrenzung aus Wohngebieten führen.

Projekt Wohnungssuche

Der von mir im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens betreute Herr A. suchte über zwei Jahre lang eine neue Wohnung. Für ihn gestaltete sich die Kontaktaufnahme in seinem Wohnumfeld sehr schwierig.
Er ist Aphasiker und erlebte das „Miteinander“ in einem stark von Plattenbauten geprägten Bezirk im Ostteil der Stadt als anonym.
Er fühlte sich isoliert und wollte wieder in seinem alten, ihm aus der Zeit vor seiner Erkrankung vertrauten Kiez in Berlin-Friedrichshain leben. Besonders wichtig waren für ihn bessere Möglichkeiten zum Knüpfen sozialer Kontakte.
Er liebt Cafés, Menschen und das bunte Leben.

Das Sichten von Wohnungsanzeigen, Korrespondenz mit Wohnungsbaugesellschaften und wöchentliche Wohnungsbesichtigungen waren deshalb fester Bestandteil der Unterstützung im Betreuungsalltag.

Kein Wunschkandidat für Vermieter

Anfangs war die Suche leider nicht von Erfolg gekrönt. Vermieter und Wohnungsbaugesellschaften bevorzugen in der Regel „solventere“ Mieter, welche arbeiten, keine Betreuung brauchen und keine Behinderung haben.
Menschen mit Behinderung sind sehr häufig auf Grundsicherung angewiesen. Im Gegensatz zu früher stellt die Zahlung von Grundsicherung für den Vermieter aber keine Sicherheit mehr dar: die Bezirksämter können aus ihrer Sicht unangemessene Mietpreise oder Mietpreissteigerungen ablehnen und die Mieter zum Auszug auffordern.
Auf Grund der hohen Nachfrage nach Wohnraum kann sich ein Vermieter diesen potentiellen Ärger ersparen, indem er Mietinteressenten mit Grundsicherungsanspruch ablehnt. Menschen mit Behinderung finden dann keine Wohnung.

Mit der Zeit kristallisierte sich angesichts unserer vergeblichen Bemühungen heraus, dass die Wohnungssuche nochmals verfeinert gestaltet werden musste.
Gemeinsam formulierten wir deshalb ein persönliches Bewerbungsschreiben, versehen mit einem sympathischen Foto von Herrn A., in dem seine Geschichte beschrieben und die Ursache seiner Behinderung und der sich daraus ergebenden Betreuungserfordernis geschildert wurde.
Im Internet recherchierte ich mit Herrn A. Kontaktdaten von Wohnungsbaugesellschaften und anderen Vermietern, die für eine Bewerbung in Frage kamen.
Meine Kollegen und ich begleiteten Herrn A. nun dabei, Wohnungsbaugesellschaften vor Ort aufzusuchen, um durch die Transparenz der Bewerbungsmappe wie auch durch ein persönliches Gespräch Vermieter für das Thema Wohnungssuche mit Behinderung zu sensibilisieren und sie für Herrn A. einzunehmen.
Parallel zum Projekt fanden wir Unterstützung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit der Fürst Donnersmarck-Stiftung – Herr A. konnte seine Wohnungssuche als Thema im Stiftungsmagazin WIR vorstellen, was er als sehr positive Erfahrung erlebte.

Diese Strategie trug schließlich Früchte: Herr A. erhielt von einer Wohnungsbaugesellschaft ein bezahlbares Angebot in seinem Wunschkiez. Die entsprechenden Anträge zur Übernahme von Miete und Umzugskosten wurden beim zuständigen Bezirksamt eingereicht. Überraschenderweise begann nun aber ein anderer Konflikt.

Erfolgreiche Intervention des Bezirksstadtrates

Das Bezirksamt sah kein Umzugserfordernis, da Herr A. bereits eine bezahlbare Wohnung habe. Die Wahlfreiheit von Herrn A. reiche als Begründung nicht aus, um Umzugskosten zu gewähren. Von diesem Aspekt abgesehen, blieb bei der Entscheidungsfindung des Bezirksamtes auch die Tatsache unberücksichtigt, dass die Räumlichkeiten im Gegensatz zur bisherigen Wohnung barrierefrei waren.
Erst eine Eingabe der Fürst Donnersmarck-Stiftung beim zuständigen Bezirksstadtrat und dessen Intervention führte letztendlich zu einer Bewilligung der Umzugskosten und der aufgrund der Barrierefreiheit etwas erhöhten Miete.

Glücklicherweise war der Vermieter bereit, in diesen Wochen der Ungewissheit die Wohnung für Herrn A. frei zu halten.
Herr A. lebt jetzt in seinem Wunschkiez. Es geht ihm merklich besser und er plant seine Freizeit aktiv.

Julia Baumgart, Heilerziehungspflegerin