Strategieentwicklung Sozialraumorientierung

Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen

Der Entscheidung, die Angebote der Behindertenhilfe der Fürst Donnersmarck-Stiftung sozialräumlich auszurichten, lag eine Grundannahme im Verständnis lebendiger Organisation zugrunde: Die sich rasant wandelnde Umwelt muss ihre Entsprechung in einer sich schnell anpassenden und auch vorausgehenden Organisation haben, auf jeden Fall in einer Stiftung, die gut mit finanziellen Mitteln ausgestattet ist und sich als Innovationsträger versteht.

Während der ersten Jahre in meiner Zeit als Geschäftsführer ging es darum, das Ambulant Betreute Wohnen (ABW) als eigenständigen Bereich mit einem Büro und einer eigenen Bereichsleitung zu etablieren. Zuvor war der Bereich sozusagen im „stationären Schlepptau“ des großen Dampfers Fürst Donnersmarck-Haus, dem Wohnheim für Menschen mit Behinderung, gefahren.

Nächster Schritt seit 1999 war der Aufbau des Ambulanten Pflegedienstes der Stiftung mit Angeboten erst nach SGB XI und dann kurze Zeit später auch mit Behandlungspflege nach SGB V. Gleichzeitig wurde der Ausbau des Betreuten Einzelwohnens kräftig vorangetrieben.

Ambulant vor stationär

Geprägt von der politischen und fachpolitischen Debatte „ambulant vor stationär“ stand dahinter die Überzeugung, dass letztlich der Aufbau von ambulanten Versorgungssystemen die adäquate Antwort für eine moderne Ausrichtung von Wohnen und Betreuungsangeboten für Menschen mit Behinderung darstellt. Die Behindertenrechtskonvention, im Jahre 2009 ratifiziert, hat diese Sichtweise eindrucksvoll bestätigt und die Entwicklung auch in Berlin beschleunigt.
Nach diesen “Gründerjahren“ der ambulanten Versorgung und darauf aufbauend stellte sich Mitte des letzten Jahrzehnts die Frage: Was wird aus den stationären Angeboten im Fürst Donnersmarck-Haus, die auch noch in modernisierungsbedürftigen Gebäuden untergebracht waren?

Nur eine zukunftssichere Konzeption könnte die zu erwartenden umfangreichen Investitionen in Millionenhöhe rechtfertigen. Nach Marktuntersuchungen und intensiver Auseinandersetzung mit den Rehabilitationsangeboten kristallisierte sich heraus: Wir brauchen ein Angebot für die Post-Akute Neurorehabilitation zur Vermeidung einer dauerhaften stationären Betreuung.

Herausforderung hoher Hilfebedarf

Was wir nicht brauchen, sind neue stationäre Strukturen für das dauerhafte Wohnen von Menschen mit Behinderung. Gerade hier ist der Ansatzpunkt: Wie können Menschen mit hohem Hilfebedarf dennoch in einer ambulant betreuten Wohnung leben? Auch wenn eine Betreuung in der Nacht notwendig ist. Bisher war dies das K.o.-Kriterium: Ist Nachtwache erforderlich, dann geht es nur stationär.

Die Stiftung entwickelte nun das neue Konzept „Wohnen mit Intensivbetreuung“ (WmI), das bedeutet für Menschen mit hohem Hilfebedarf im Sozialraum bzw. mit Sozialraum-Bezug leben zu können. Die Stiftung leistete Überzeugungsarbeit bei Senat und Sozialämtern, diesen neuen Weg mitzugehen und zu unterstützen.

Organisatorisch wurde ein Projekt-Steuerungsgremium für die strategisch-operative Planung ins Leben gerufen, das im Dezember 2005 zum ersten Mal zusammentrat: Neben Beratern und Geschäftsführung waren Bereichsleitung und Regionalleitung des stationären Bereiches wie des Ambulant Betreuten Wohnens vertreten. Aus der gemeinsamen Entwicklung des WmI-Konzeptes, der Diskussion mit den Sozialhilfeträgern und der Immobiliensuche entstand auf ganz pragmatische, organische Weise das neue Denken. Die Wohnungen für die Menschen mit Behinderung müssen inklusiv angelegt werden, d.h., in der Mitte der Gesellschaft im normalen Wohnungsbau barrierefrei und auf den Sozialraum bezogen. Mit den beiden Projekten „Alte Mälzerei" in Pankow und „Seelbuschring“ in Tempelhof konnten diese Zielsetzungen beispielhaft verwirklicht werden. Allerdings war es nicht einfach, die Ansprüche an eine barrierefreie Umwelt für die Menschen mit Behinderung, die Verknüpfung mit hohem Betreuungs- und Pflegebedarf und die Erfordernisse einer gemeinnützigen Organisation wie der Stiftung beim Ankauf von Eigentumswohnungen unter einen Hut zu bringen und zu verwirklichen.

Kompetent durch Bildung

So wurde das sozialräumliche Denken und Arbeiten integraler Bestandteil der konzeptionellen Arbeit der Stiftungsleitung und der Bereichsleitungen und gewann zusätzliche Dynamik für die weitere Entwicklung des Bereichs. Kurzfristig wurden neue Strategien/Konzeptionen entwickelt und mit der Geschäftsleitung diskutiert. Dabei wurden zwei wesentliche Entscheidungen getroffen:

  1. Sozialräumliches Handeln und Arbeiten muss gelernt und geübt werden, das passiert nicht von alleine. Gerade das Selbstverständnis der Betreuenden muss sich wandeln. Nicht die Beziehung zur professionellen Bezugsperson ist im Zentrum der Überlegungen, sondern die Beziehung der Klienten zur Umwelt, zum Sozialraum mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und Angeboten steht im Zentrum der Arbeit. Aus dieser Wahrnehmung heraus entstand die Fortbildung „Kompetenz im Sozialraum“.
  2. Im Ambulant Betreuten Wohnen widerspricht die organisatorische Trennung von Betreutem Einzelwohnen und Wohngemeinschaftsarbeit dem Sozialraumgedanken, da zwei organisatorisch getrennte Ebenen in der gleichen Region arbeiten. Daher wurde das regional orientierte Konzept der Regional- und Bereichsleitungen entwickelt, in welchem die BEW- und die WG-Angebote einer Region zusammen organisiert und geleitet werden. Auch die Mitarbeitenden werden in beiden Bereichen zugleich eingesetzt. Das fördert die Offenheit der Systeme, den Sozialraum stärker in den Blick zu nehmen und in das Zentrum der Arbeit zu stellen.

Wir sind auf dem Weg…

Wolfgang Schrödter
Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung