Herausforderung Forschung in der Neurorehabilitation

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Wie organisiert man am besten Forschungsprozesse in neurologischen Rehabilitationszentren? Vor welchen Herausforderungen stehen Forscherinnen und Forscher bei ihren Projekten im Rahmen der Neurorehabilitation? Und wie können Ergebnisse der Versorgungs-, Begleit- und Teilhabeforschung in die praktische Arbeit eines neurologischen Rehabilitationszentrums überführt werden? Diese und viele andere Fragen versuchte das 4. Forschungssymposium der Fürst Donnersmarck-Stiftung zu beantworten.

 

Tagungsbericht zum 4. Forschungssymposium der Fürst Donnersmarck-Stiftung

Die digitale Veranstaltung fand am 11. Februar 2021 von 15.00 bis 18.30 Uhr unter dem Titel „Erfolgreich Forschen in der neurologischen Rehabilitation“ statt und war gleichzeitig das Abschiedssymposium für Prof. Dr. med. Stephan Bamborschke, der als Leitender Arzt des P.A.N. Zentrums für Post-Akute Neurorehabilitation die Forschungsaktivitäten der Fürst Donnersmarck-Stiftung maßgeblich geprägt hat. Bis zu 79 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten an diesem Tag Potentiale, Limitationen und Umsetzung von Forschungsprozessen in der neurologischen Rehabilitation.

Die Forschung in der Fürst Donnersmarck-Stiftung

Das Grußwort sprach Dr. med. Guido Graf Henckel von Donnersmarck (Fürst Donnersmarck-Stiftung). Das Kuratoriumsmitglied ist promovierter plastischer Chirurg und Intensivmediziner sowie Vorsitzender des Forschungsausschusses der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Er erläuterte, dass Forschung bereits bei der Gründung zum Satzungszweck der Fürst Donnersmarck-Stiftung bestimmt wurde und deswegen in der Organisation eine große Bedeutung hat. Dies schlägt sich in Aktivitäten wie der Durchführung eigener Forschungsvorhaben, der Verleihung des Forschungspreises der Fürst Donnersmarck-Stiftung sowie der Organisation von Fachveranstaltungen wie dem Forschungssymposium nieder.

Darüber hinaus betonte er die Leistungen von Prof. Bamborschke beim Aufbau einer eigenen Forschungsabteilung, die mit inzwischen vier Personen aktive Forschungsvorhaben konzipieren und umsetzen kann.

In dem anschließenden Hauptvortrag „Wie die Forschung in das P.A.N. Zentrum kam. Blicke zurück und nach vorn“ nahm Prof. Dr. med. Stephan Bamborschke (P.A.N. Zentrum/Fürst Donnersmarck-Stiftung) diesen Faden auf und beschrieb anhand seines persönlichen Werdegangs die zunehmenden Forschungsaktivitäten in der Stiftung. Er hob hervor, dass bereits die Aufnahme von Forschungsaktivitäten und das damit einhergehende genaue Hinschauen sowie die systematische Beschäftigung mit einem Thema zu einer Verbesserung des therapeutischen und pädagogischen Angebotes führen. Selbst wenn aus den eigenen Forschungen keine großen Publikationen in bedeutsamen Journals entstünden, hätten sie deswegen dennoch eine große Bedeutung für die Behandlungsqualität in neurologischen Rehabilitationszentren.

Für die Zukunft der Forschung im P.A.N. Zentrum führte Prof. Bamborschke wichtige Zukunftsperspektiven genauer aus: Dazu zählen Partnerschaften mit  Hochschulen und Universitäten sowie die Möglichkeit der Langzeitbeobachtung von Menschen mit Behinderung über die Reha hinaus in den Sozialraum. Ferner ist der Anspruch der Fürst Donnersmarck-Stiftung, Betroffene stärker in den Forschungsprozess einzubeziehen (Teilhabeforschung) ein wichtiger Baustein für die Zukunft.

Neurologische Forschung in der Praxis – Assessments als Schlüsselinstrumente

Im Anschluss an die Ausführungen von Prof. Bamborschke führten drei weitere Vorträge die Frage nach der konkreten Umsetzung von Forschungsaktivitäten in der Neurorehabilitation weiter aus. Ausgehend von ihren Erfahrungen als Leiterin des Swallowing Research Lab / Schlucklabors an der Universität Potsdam lenkte Dr. phil. Ulrike Frank (Universität Potsdam) in ihrem Beitrag „Von der Forschung in die Praxis - Entwicklung und Anwendung von zwei Screeningverfahren für die Dysphagiediagnostik“ die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von Assessments für die neurologische Forschung.

Assessments sind Instrumente (z.B. Fragebögen, Tests, Kriterienkataloge) zur  Beurteilung des gesundheitlichen Zustandes einer Rehabilitandin oder eines Rehabilitanden. Diese müssen einheitlich, in der Praxis einfach umzusetzen und standardisiert sein, um in der Forschung sowie der täglichen Versorgung in Rehabilitationszentren eingesetzt werden zu können. Dr. Frank veranschaulichte am Beispiel des TOMASS (Test of Masticating and Swallowing Solids) und des GUSS-P (Gugging Swallowing Screen bei M. Parkinson) die Herausforderungen bei der Entwicklung, Evaluierung und Anwendung solcher Assessments in der Praxis.

 
Screenshot der die Zoom-Konferenz und einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden über die Plattform Zoom zusammen.

 
 

Jymmin – von der Grundlagenforschung in die Praxis

Einen wiederum anderen Schwerpunkt legte Prof. Tom Fritz (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften) in seinem Vortrag „Jymmin: Konzept und forschungspraktische Herausforderungen im Umfeld der neurologischen Rehabilitation“. Ausgehend von seiner Grundlagenforschung zur Wirkung von Musik auf körperliche Müdigkeit (Fatigue) und Schmerzempfinden entwickelte er mit Jymmin ein Trainings- und Rehabilitationskonzept, das auf einem musikalischen Audiofeedback beruht.

In seinem engagierten Vortrag legte er die neurowissenschaftlichen Grundlagen von Jymmin dar, beschrieb die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten der neuen Technologie und zeigte die ersten Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation ihrer Wirksamkeit auf. Für die Zukunft ist auch eine Evaluierung von Jymmin im P.A.N. Zentrum geplant.

Forschung im Alltag der neurologischen Rehabilitation – Bedeutung, Herausforderungen und Zukunft

Den Abschluss der drei Vorträge bildete PD Dr. med. Christian Dohle (MEDIAN Klinik Berlin-Kladow). In seinem Beitrag über „Forschung in der Neurorehabilitation: Herausforderungen und Lösungsansätze“ unterstrich der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation die Bedeutung von Forschungsaktivitäten in der neurologischen Rehabilitation. Diese kann aus seiner Sicht dazu beitragen, die Probleme des demografischen Wandels zu lösen und gleichzeitig die Versorgung von Rehabilitandinnen und Rehabilitanden verbessern. 

Allerdings stehen Forscherinnen und Forscher in der Neuroreha vor einer Reihe von Herausforderungen: Auf der inhaltlichen Seite hob Dr. Dohle die große Bandbreite von Symptomen und Schweregraden hervor, die durch neurologische Schädigungen ausgelöst werden. Strukturell bemängelte er vor allem, dass in der neurologischen Rehabilitation anders als bei vielen anderen Fachbereichen der Medizin keine unmittelbare Anbindung an Universitätskliniken besteht. Dadurch ist die Einheit von Forschung, Lehre und Patientenversorgung in der neurologischen Rehabilitation stark eingeschränkt. Dies führt auch zu Schwierigkeiten bei der systematischen Umsetzung von Forschungsergebnissen in die therapeutische Praxis.

Teilhabeforschung als Zukunftsaufgabe

Den Schlusspunkt der Vorträge und die Überleitung in die Abschlussdiskussion bildete der Impulsvortrag „Patientenorientierung in der neurologischen Forschung“ von Prof. Dr. rer. pol. Karl Wegscheider (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf).

Er beschrieb die Entstehung und Hintergründe des Forschungsfeldes der Teilhabeforschung und hob aus seiner Sicht bedeutsame Forderungen betroffener Menschen mit Behinderung an Forscherinnen und Forscher hervor. Diese umfassen aus seiner Sicht erstens einen größeren Respekt der Forschenden gegenüber den Betroffenen und ihren Perspektiven. Denn die Beforschten bringen im Gegensatz zu den Forscherinnen und Forschern ihre gesamte Biografie und ihr jeweils individuelles Leben in den Forschungsprozess ein. Zweitens wünschen sich die Betroffenen insbesondere eine Beteiligung bei der Formulierung von Forschungsfragen sowie der Interpretation der Ergebnisse. Und drittens betonte Prof. Wegscheider die Bedeutung einer adressatengerechten und allgemeinverständlichen Kommunikation der Forschungsergebnisse, sodass diese auch außerhalb der akademischen Fachdisziplinen verstanden werden können. Das kann auch dazu führen, neue Kommunikations- und Vermittlungsstrategien ausprobieren zu müssen.

Verständlichkeit, Orientierung an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die Bedeutung multiprofessioneller Teams

In der Abschlussdiskussion, an der neben den Vortragenden auch Prof. Dr. phil. Theda Borde (Alice Salomon Hochschule Berlin) teilnahm, akzentuierten die Diskutanten vor allem fünf Themen, die von übergreifender Bedeutung sind und sich durch alle Vorträge des Tages zogen:

  • Die Bedeutung interprofessioneller Teams in der neurologischen Rehabilitation
  • Die zentrale Aufgabe, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Rehabilitationszentrums in die Forschungsaktivitäten und ihre systematische Umsetzung einzubeziehen
  • Die dafür notwendige adressatengerechte Kommunikation von Forschung und Forschungsergebnissen
  • Die positiven Auswirkungen von Forschungsaktivitäten auf die Versorgung und Rehabilitation betroffener Menschen
  • Die Zukunftsaufgabe, Teilhabeforschung als echte Beteiligung von Menschen mit Behinderung am Forschungsprozess, zu konzipieren und umzusetzen

Das 4. Forschungssymposium „Erfolgreich Forschen in der neurologischen Rehabilitation“ bildete einen guten Rahmen, um sich auch unter Bedingungen der Corona-Pandemie mit diesen Themen auseinanderzusetzen, eine Standortbestimmung zu ziehen und Aufgaben für die Zukunft zu formulieren.

 

Kontakt

Bei Rückfragen können Sie gerne Kontakt mit unserer Forschungsmanagerin Prof. Annette Sterr aufnehmen:

Sterr.fdh@fdst.de
Forschungsmanagerin der Fürst Donnersmarck-Stiftung
P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation
Wildkanzelweg 28
13465 Berlin

Tel: (030) 40 606 133

 
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