Hörbericht Jour Fixe APPsolut hilfreich

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Jour Fixe appsolut hilfreich - Nahaufnahme vom Publikum. Zu sehen sind drei sitzende Zuhörer. Der mitlere hat einen geöffneten Laptop auf seinen Beinen.

von Klaus Fechner - (www.reichweiten.net)

Mit Smartphones haben die meisten von uns fast immer einen kleinen leistungsfähigen Computer dabei. Viele Anwenderprogramme, kurz Apps, bieten nützliche Unterstützung etwa als Wetterbericht, für Fahrplan-Infos oder zum Mobile-Banking. Manche Apps wurden speziell für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung entwickelt. Beim Jour Fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung in Berlin-Zehlendorf wurde ein Blick auf genau diese Programme geworfen. Beispiele wurden vorgestellt und mit welchen Funktionen sie im Alltag eine Hilfe sein können.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Drei Tische mit Mikrofonen, dazwischen sitzend eine Frau und ein Mann. Vor der Frau liegt ein Blindenführhund

Mandy Wolff und Hauke Brandt

Mandy Wolff ist Jugendreferentin beim Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin ABSV. Da sie blind ist, nutzt sie zum Beispiel die Vorlesefunktion ihres Smartphones.
So klingt es, wenn die Smartphonestimme das Thema das Abends vorliest:


(Ton Reader..)


Der Umstieg vom Klapp-Handy mit Tasten, die sich erfühlen lassen, zum Smartphone mit seinem glatten Touchscreen ist ihr nicht leicht gefallen. Aber nach einer Eingewöhnungsphase nutzt sie ihr Mobilgerät jetzt intensiv und die verschiedenen Apps, die es dafür gibt. Mandy Wolff:

Da gibt es zum Beispiel die App, die mir sagt, wenn ich an der Bushaltestelle stehe, hier fährt der und der Bus. Und der fährt um diese Uhrzeit. Denn wir haben ja in Berlin immer noch das Problem, dass wir keine Außenansagen an den Fahrzeugen haben. Das stellt für uns, die wir nicht sehen können, welcher Bus ankommt, ein Problem dar. Ja, jeder junge Mensch heutzutage braucht – na was – Facebook natürlich. Das geht auch mit beiden Systemen. Dann gibt es Barcodescanner.

Aus ihrer Erfahrung sind die beiden häufigsten Betriebssysteme, Android und IOS, gleich gut geeignet. Der ABSV bietet seinen Mitgliedern inzwischen Schulungen im Umgang mit Smartphones an. Wenn die mobile Technik auch hilft die Behinderung auszugleichen, als Hilfsmittel lässt sie sich nicht abrechnen.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Ein blinder Mann hat sein Smartphone in der Hand und hört einer Stimme aus dem Telefon zu.

Hauke Brandt

 Die Kosten von ein oder zwei Euro pro App sind aus Sicht von Hauke Brandt, ebenfalls vom ABSV, kein wesentlicher Hinderungsgrund. Aber:

Kostentechnisch spielt mehr die Frage rein, was braucht man für einen Tarif. Denn die meisten Leute haben bisher eine Prepaid-Karte gehabt. Die haben bezahlt, wenn sie mal telefoniert haben oder eine SMS verschickt haben. Aber gerade bei einem Smartphone ist es unabdinglich eine permanente Internetverbindung zu haben. Sonst funktionieren zirka 80 Prozent aller Anwendungen nicht. Das sind dann die Fragen: Was kostet mich das dann im Monat? Was muss ich ausgeben, um das nutzen zu können? Diese Frage taucht häufiger auf, als danach, was eine App kostet.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Eine Frau mit Brille und dunklen Haaren sitzt vor einem Fenster

Doreen Kröber

 Inzwischen möchte er diese nützlichen Apps nicht mehr missen. Eine ganz besondere stellte Doreen Kröber vor. Die Berliner Mutter entwickelte speziell für die Bedürfnisse ihres autistischen Sohnes eine eigene App. Denn sie suchte eine praktische Unterstützung für die Kommunikation ihres Sohnes mit anderen Menschen. Und fand nichts Passendes:

Ich wollte einen Talker für die Hosentasche für meinen Sohn haben. Er war damals schon im Teenageralter. Ein Smartphone ist unauffällig, handlicher und die Jugendlichen rennen sowieso den ganzen Tag damit rum. Und so wird die Behinderung für Maximilian nicht gleich offensichtlich. Und er ist nicht gleich wieder im Fokus von anderen, wobei er es sowieso sehr schwer hatte, mit ‚normalen‘ Kindern außerhalb der Schule in Kontakt zu treten.

Das war 2012. Dann suchte sie einen Programmierer, der sie unterstützte und es begannen zwei Jahre voller Anstrengungen. Alles ehrenamtlich:

Alleine nur einen Programmierer zu finden, ist ja noch lange keine App. Es braucht auch große Netzwerke dazu. Ich habe Freunde eingespannt, Bekannte eingespannt, ein Konzept geschrieben, es mussten Grafiken gesucht werden. Die 9.000 Grafiken sind ja schon vorsortiert. Die waren vorher nicht sortiert. Das war das totale Chaos. Ich habe über Monate hinweg, zusammen mit meiner erwachsenen Tochter, diese 9.000 Grafikern in Kategorien einzuordnen. Das war eine Riesenaktion.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Ein Mann mit Mikrofon in der Hand steht neben einer Frau mit Brille und dunklen Haaren. Links neben den beiden ist eine Leinwand mit einer Abbildung vom Beamer.

Sean Bussenius und Doreen Kröber

Hinzu kamen ein Designer und viele, viele Stunden Testläufe mit ihrem Sohn. Heraus kam die App „Let me talk“ – mit ihr können Symbole in Sprache umgewandelt werden. Werden bestimmte Grafiken berührt, entsteht Sprache. Etwa:

Ich möchte…

Oder:

Essen…

Oder auch:

Ich möchte Banane…

Die App enthält Symbole für verschiedene Kategorien wie Farben, Gefühle, Kleidung oder Krankheiten. Und sie kann in 16 verschiedenen Sprachen genutzt werden. Entwickelt wurde sie für Android, inzwischen gibt es auch eine Version für IOS. Entwickelt für ihren Sohn, hilft die App auch vielen anderen Menschen, für die Kommunikation eine Herausforderung ist und das Ganze gratis:

Logopädiepraxen schreiben mich an, Ergotherapeuten zum Beispiel. Ich habe Lehrer, die sie benutzen. Gerade auch in den Willkommensklassen. Letztlich ist es auch ein kleiner Übersetzer. Und ich kenne einen Asperger-Autisten. Der ist erwachsen und spricht und geht unheimlich gerne zum Fußball. Da ist er immer so heiser, dass er die App benutzt, um sich eine Bockwurst mit Brötchen zu bestellen.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Eine Frau sitzt und hat einen Laptop auf dem Schoß. Rechts neben ihr kniet ein Mann, der gemeinsam mit ihr auf den Bildschirm schaut.

Adina Hermann mit Ehemann Timo

 Die vielleicht prominenteste App für Rollstuhlnutzer entwickelte der Verein Sozialhelden. Mit „Wheelmap“ können rollstuhlgerechte Orte wie Kinos, Cafés, Behörden oder auch Arztpraxen gefunden werden. Eingetragen werden sie von einer Community, die ihre Erfahrungen teilt. Adina Hermann, vom Sozialhelden e.V., beschreibt die einfache und übersichtliche Darstellung:

Es werden alle Orte auf einer Karte angezeigt mit einem Fähnchen. Entweder in grün für rollstuhlgerecht. In gelb für teilweise rollstuhlgerecht und in rot für nicht rollstuhlgerecht.

Inzwischen wurden weltweit mehr als 520.000 Orte markiert. Die Mehrzahl in Deutschland. Das funktioniert auch ohne App, auf wheelmap.org können Orte auch im Browser eingetragen werden, was nicht nur Rollstuhlfahrern hilft. Auch Menschen mit Kinderwagen oder Rollator können unterwegs schauen, wo sie welche Bedingungen vorfinden. Für die Zukunft sollen weitere Funktionen hinzu kommen. Etwa die Möglichkeit der Bewertung von Angaben durch die Community. Oder – und das wurde in der Villa Donnersmarck erstmals vorgestellt – eine separate Bewertung für Zugänglichkeit der Toiletten.

Das ist ein kleiner Imbiss am Kotti. Der ist zwar ebenerdig befahrbar, hat aber keine rollstuhlgerechte Toilette. Bald könnte er als rollstuhlgerecht markiert sein, weil man ja reinkommt, und die Toiletten können gesondert bewertet werden. Das macht natürlich ein viel gezielteres Suchen möglich. Will ich einen Ort, an dem ich die Toilette besuchen kann oder will ich nur was esse und die Toilette ist mir egal.

 
Jour Fixe appsolut hilfreich - Nahansicht vom Publikum. Zu sehen sind zwei Frauen und ein Mann, die konzentriert zuhören.

 Dieser „WC-Status“ ist fast fertig und wird demnächst freigeschaltet, so Adina Hermann. Alle Teilnehmer der Diskussion waren sich einig, dass die Hilfsmittel, die die digitale Welt bietet, insbesondere die vorgestellten Apps, praktische Werkzeuge für Teilhabe sein können. Sie helfen beim Vorhaben der Inklusion und erleichtern den Alltag.

 

 

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Ein Kopfhörer als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund

 

 

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