Sinnvolles Gestalten Hörbericht

Ein Hörbericht

Pro. Klaus Dörner am Rednerpult, auf dem \\\"Fürst Donnersmarck-Stiftung,Wege ebnen\\\" zu lesen ist
Zum Bild: Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner


- Transkription des Beitrages -
Die Deutschen werden immer älter. Der demografische Wandel und die damit verbundenen Folgen sind ein bedeutendes Thema in Politik und Öffentlichkeit. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung lud im Rahmen der 33. Berliner Seniorenwoche zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Sinnvolles Gestalten noch im Alter – Potenziale entdecken und fördern“. Im vollbesetzen Saal der Villa Donnersmarck sprach Prof. Klaus Dörner, einer der profiliertesten Vertreter der deutschen Sozialpsychiatrie, über Strategien für das dritte Lebenszeitalter. Zu Beginn schildert er seine eigenen Erfahrungen mit dem Eintritt in das Rentnerdasein. Eigentlich sei das kein Problem, dachte er. Aber:
 
Eine Fotomontage zeigt drei Momentaufnahmen von Prof. Klaus Dörner, der gestikulierend am Rednerpult steht


O-Ton: Das war dann ein buchstäblich schwieriges Erwachen am Montag nach der Verabschiedung, weil ich auf der einen Seite genießen konnte, dass ich im Reich der Freiheit angekommen war, wo ich tun und machen konnte, was ich wollte. Auf der anderen Seite habe ich gemerkt, es gibt jetzt niemanden mehr, der irgend etwas von mir will. Von der eigenen Familie abgesehen. Aber man braucht ja nicht nur die eigene Familie, man braucht ja auch die Bestätigung außerhalb der eigenen Familie. Und da gab es niemanden mehr, der irgend was von mir wollte.
 
Prof. Dörner reicht ein Buch ins Auditorium


Er spürte ein Bedürfnis nach Bedeutung für andere. Und so gehe es auch vielen anderen Menschen. Die seien ein Grund für das Wachsen einer – von Dörner sogenannten - „Neuen sozialen Bewegung“, die seit den 80-er Jahren vielfältig aktiv sei. Dazu zählt er Nachbarschaftshäuser und -vereine, Selbsthilfegruppen, aber auch Hospize, Bürgerstiftungen und die wiederentdeckte Familienpflege. Es handelt sich dabei um eine bunt gemischte Bewegung:

O-Ton: Wenn man nach Gemeinsamkeiten sucht, stellt man fest, das sind Leute, die spüren, dass sie sich in einem gewissen Umfang auch für andere Menschen engagieren müssen. Leute sehen sich gerade zu verurteilt dazu, sich für andere zu engagieren. Das hängt damit zusammen, dass immer mehr Menschen an zu viel freier Zeit leiden. Man kann freie Zeit nur bis zu einem Optimum genießen, wenn man mehr davon hat, dann fängt man an darunter zu leiden. Dann braucht man, um sich gewissermaßen sozial zu erden, als „Therapie“ dagegen eine bestimmte Tagesdosis an Bedeutung für andere.
 
Ein Blick ins Publikum, im Vordergrund eine Frau und ein Mann im E-Rollstuhl

Es gebe immer mehr hilfebedürftige Menschen aber auch immer mehr Menschen, die helfen wollen. Das Zusammenkommen dieser Gruppen geschehe in der Nachbarschaft. Im überschaubaren Bereich der eigenen Umgebung, im sogenannten „Wir-Raum“, dort finden Helfer und Hilfesuchende zueinander. Für Dörner ist diese Entdeckung der Nachbarschaftlichkeit ein großer Verdienst der Neuen sozialen Bewegung. Es geht darum:

O-Ton: Die wachsende Zahl der alterspflegebedürftigen Menschen nicht auch noch alle in Heimen verschwinden zu lassen, das will niemand mehr. Sondern sie unter die übrigen Menschen zu integrieren, sie unterzumischen. Und auch das Sterben aus den Institutionen herauszuholen und zu resozialisieren. Das geht alles nur in diesem Sozialrahmen von Nachbarschaft.
 
Ein Blick in die gefüllten Sitzreihen im Publikum

Das beste Beispiel für gelungenes Engagement sind ambulante Nachbarschaftswohnpflegegruppen. In ihnen organisieren sich Familien mit pflegebedürftigen
Angehörigen und teilen sich die Betreuung, teilweise rund um die Uhr. Für Dörner ist damit ein dritter Weg zwischen Familie und Heim gefunden worden:

O-Ton: Und zwar im eigenen Stadtviertel, im eigenen Kiez, im eigenen Stadtteil, im eigenen Dorf. Das ist etwas, was nicht zu toppen ist, das ist einfach das Beste, was uns bisher eingefallen ist. Deswegen leuchtet es den dort wohnenden Bürgern auch so ein. Und sie kommen in diesem Fall überwiegend von sich aus und gucken sich das an, weil sie das interessiert. Sie bewerben sich dann, ob mit oder ohne Geld, um sich bei der Abdeckung der 24-Stunden-Präsenz zu beteiligen.
 
Ein Dame im Publikum, die stehend in ein Mikrofon spricht

Mit professioneller und institutionalisierter Hilfe allein sei den Problemen der älter werdenden Gesellschaft nicht zu begegnen. Es seien die Bürger in der Breite, eben die Durchschnittsbürger, die sich engagieren müssten. Und zwar im Interesse der Pflegebedürftigen und auch der Helfenden. Der Vortrag endete mit viel Applaus und auch interessierten Fragen aus dem Publikum:

O-Ton: Das was Sie gesagt haben finde ich fantastisch und die Ideen sind einfach grandios. Ich denke, der Weg muss dahin gehen, weil es anders gar nicht machbar ist. Aber welche Erfahrungen haben Sie, wie sich Bürokratie und diese Ideen miteinander vertragen können ? ..... - Gar nicht. Man darf es aber auch nicht erwarten. Das ist jetzt scherzhaft, aber auch ein wenig ernsthaft.
 
Porf. Klaus Dörner am Rednerpult, Notizen in den Händen haltend

Dörners Erfahrungen dazu: Verwaltungen oder bestehende Hierarchien lassen sich fast nie auf neue Ideen und Initiativen ein. Also, kann es nur heißen: man sollte nicht auf Hilfe warten, sondern – so sein Tipp - mit kleinen, überschaubaren Projekten einfach beginnen.
 
Annemarie Kühnen-Hurlin, Leiterin Villa Donnersmarck, und Prof. Klaus Dörner lachend beim gemeinsamen Pressefoto

Zum Bild: Prof. Klaus Dörner und Annemarie Kühnen-Hurlin, Leiterin Villa Donnersmarck, nach gelungener Veranstaltung

 

 

Hörbericht zum Herunterladen

Für alle, die nicht in der Villa sein konnten.
 

Transkription

Der Hörbericht zum Nachlesen
 

Produktion

Autor und Moderation: Klaus Fechner, audio:link