Die Stiftung im Wandel der Zeit

Schwarz-weiß Foto von Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck

Der Gründer der Stiftung, Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck (*10. August 1830, †19. Dezember 1916), gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den führenden Großindustriellen des Deutschen Reiches. Seine Leistungen  in der Montanindustrie sowie sein Engagement als Grundstücksentwickler führten dazu, dass er um die Jahrhundertwende zu den reichsten Einwohnern des Deutschen Reiches gehörte. Zugleich war Guido von Donnersmarck politisch aktiv und pflegte beispielsweise eine intensiven Briefkontakt mit Otto von Bismarck. Nicht zuletzt war er als Mäzen aktiv: Er stiftete beispielsweise die Große Sauer-Orgel im Berliner Dom, gehörte dem ersten Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft an und rief 1898 die „Guido-Stiftung“ zur Unterstützung seiner Beamten und Arbeiter ins Leben.

Vor diesem Hintergrund und geprägt durch die dramatischen Folgen des Ersten Weltkriegsstiftete er im Jahr 1916 ca. 250 Hektar Land in Berlin-Frohnau sowie vier Millionen Goldmark für die Versorgung von Kriegsversehrten. Dieses Vermögen sollte der Einrichtung „einer Kur- und Heilanstalt für die verwundeten und Erkrankten Krieger“ und einer „Forschungsstätte für die wissenschaftliche Verarbeitung und therapeutische Verwertung“ der im Ersten Weltkrieg „gesammelten ärztlichen Erfahrungen“ dienen. Doch der Krieg und seine Folgen verzögerten die Umsetzung dieser Pläne.

Erst in den fünfziger Jahren wurde die Stiftung operativ tätig. Heute betreibt die FDST mit über 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diverse Einrichtungen zur Rehabilitation und Unterstützung von Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung sowie Orte für Freizeitgestaltung,  Begegnung und Inklusion: Das P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation in Berlin-Frohnau, einen Ambulanten Dienst und ein Ambulant Betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderung in mehreren dezentralen Wohneinheiten in Berlin, zwei barrierefreie Hotels in Rheinsberg und Bad Bevensen sowie die „Villa Donnersmarck“ als Begegnungszentrum für Menschen mit und ohne Behinderung in Berlin-Zehlendorf.

 

Ausgangspunkt Frohnau – Die ersten 50 Jahre

Die Geschichte der FDST beginnt in Frohnau. Dort erwarb Guido von Donnersmarck im Jahr 1907 einen Teil der Stolper Heide im Waldgürtel nordwestlich von Berlin, um die „Gartenstadt Frohnau“ zu errichten. In der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg entstanden die ersten Straßen und Häuser sowie der Bahnhof Frohnau. Gleich nach Ausbruch des Kriegs richtete Guido von Donnersmarck an dieser Stelle ein Lazarett für Kriegsverletzte ein. Sie sollten hier nicht nur versorgt, sondern durch Therapien, Ausbildungen und Stellenvermittlung auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben nach ihrer Entlassung vorbereitet werden.

Je länger der Krieg anhielt desto deutlicher wurde es, dass die medizinische Versorgung der Verwundeten auch nach dem Kriegsende eine drängende Aufgabe bleiben würde. Deswegen entschied sich Guido von Donnersmarck, mit einer Stiftung einen dauerhaften Beitrag zur Versorgung der Kriegsversehrten zu leisten. Hierzu wendete er sich mit Unterstützung seines Leibarztes Dr. Max Berg und dem Chef des preußischen Feldsanitätswesens, Prof. Otto von Schjerning, direkt an Kaiser Wilhelm II. Nachdem dieser die Stiftung angenommen hatte, erfolgte ihre notarielle Gründung am 8. Mai 1916.

 
Gruppenfoto aus dem Lazarett für Kriegsverletzte mit verletzten Soldaten, den Mitarbeitern des Lazaretts und der Fürst mit seiner Frau

Ein Gruppenfoto aus dem Lazarett für Kriegsverletzte - mittendrin Guido Henckel von Donnersmarck und seine Frau Katharina

 
 

Als Guido von Donnersmarck am 19. Dezember 1916 starb, übernahm Otto von Schjerning den Vorsitz des Kuratoriums der Stiftung. Doch diese blieb wegen der turbulenten Nachkriegsjahre und dem Verlust ihres Stiftungskapitals durch die Hyperinflation in den ersten Jahren nach ihrer Gründung inaktiv. Lediglich die Publikation des neunbändigen „Handbuchs der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege“, das Otto von Schjerning initiiert hatte, konnte sie in dieser Zeit unterstützen. Während des Nationalsozialismus wollte der Berliner Stadtpräsident die Stiftung auflösen, um das Frohnauer Waldgelände für die Stadt Berlin zu vereinnahmen. Nur durch eine Kooperation mit dem Reichsluftfahrtministerium, dem die FDST einen Teil ihres Geländes übereignete, konnte sie die Auflösung verhindern.

Der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg war durch organisatorische und personelle Veränderungen geprägt: Die FDST löste sich von der militärärztlichen Tradition und setzte sich in ihrer ersten Nachkriegsverfassung aus dem Jahr 1949 explizit die „Rehabilitation, Betreuung, Unterstützung und Förderung“ von Menschen mit Behinderung zum Ziel. Gleichzeitig wurde das Kuratorium im Laufe der 1950er und 1960er Jahre fast vollständig neu besetzt. Damals wurden mehrere Persönlichkeiten der evangelischen Diakonie berufen, darunter Kirchenrat Walter Schian, Gotthard Vogel und Erich Wohlfahrt. Gemeinsam mit den beiden Söhnen des Gründers, Fürst Guidotto von Donnersmarck und Graf Kraft von Donnersmark, prägten sie die weitere Entwicklung der FDST maßgeblich. Nach seiner Entnazifizierung wurde Dr. Hermann Binder 1949 zum ersten Nachkriegsgeschäftsführer ernannt.

 
Eine historische Postkarte, die den Bahnhof der Gartenstadt Frohnau um 1916 herum zeigt. Aufschrift: "Gartenstadt Frohnau - Bahnhof"

Postkarte der Gartenstadt Frohnau, um 1916.

 
 

Um den Stiftungszweck endlich mit eigenen Projekten verwirklichen zu können, begann das Kuratorium der Stiftung damit, den Grundbesitz im Frohnauer Waldgelände schrittweise zu veräußern. 1973/74 gelang es dem neuen Geschäftsführer Ekkehard Reichel schließlich, einen Großteil des Frohnauer Waldgeländes an das Land Berlin zu verkaufen. Die Einnahmen aus diesem Waldverkauf reinvestierte er weitsichtig in den Erwerb von Wohnimmobilien und gewährleistete so auf Dauer die finanzielle Unabhängigkeit der Stiftung. Heute verfügt die FDST unter ihrem derzeitigen Geschäftsführer Wolfgang Schrödter über ein stabiles Vermögen von ungefähr 150 Millionen Euro. Die aus diesem Vermögen erwirtschafteten Gelder sind Grundlage ihrer Aktivitäten in den Bereichen Freizeit, Bildung und Beratung, Rehabilitation und Touristik.

 

Freizeit, Bildung und Beratung: Ursprung von Villa, WIR-Magazin und vielem mehr

Die Titelseite der Erstausgabe der WIR aus dem Dezember 1954.

Der älteste Arbeitsbereich der FDTS ist Freizeit, Bildung und Beratung. Er geht auf die sozialpädagogische Gruppenarbeit von Paul Neukirchen zurück, die er 1954 im Auftrag der FDST in mehreren Berliner Nachbarschaftsheimen aufnahm. Im selben Jahr erschien erstmals die Zeitschrift WIR, die bis heute von einer ehrenamtlichen Redaktion aus Menschen mit Behinderung sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung gestaltet wird.. Die große Nachfrage nach den gruppenpädagogischen Angeboten der FDST ließ das Kuratorium sehr bald nach einer geeigneten Immobilie suchen, in denen die Gruppen regelmäßig stattfinden konnten. Im Sommer 1960 wurde die später so genannte Villa Donnersmarck im Berliner Stadtteil Zehlendorf erworben und barrierefrei umgebaut. Seit ihrer offiziellen Eröffnung im Jahr 1962 hat hier der Arbeitsbereich Freizeit, Bildung, Beratung seinen Mittelpunkt. Heute ist die Villa Donnersmarck ein inklusives Freizeit-, Bildungs- und Beratungszentrum für Menschen mit und ohne Behinderung.

Einen weiteren Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft ging die FDST Anfang der 1980er Jahre mit der Eröffnung des ersten vollständig barrierefreien Cafés in Berlin, der „blisse 14“. An dieses angegliedert war das  Sozialtherapeutisches Zentrum, in dem künstlerische und therapeutische Kurse für Menschen mit und ohne Behinderung angeboten wurden. Um das gewinnorientierte Café zu betreiben gründete die FDST die FDS Gewerbebetriebsgesellschaft, die das Café bis zum Jahr 2000 bewirtschaftete. Daneben entwickelte sich die Gesellschaft mit den Jahren zu einer vollwertigen Hausverwaltung, die heute alle Immobilien der FDST betreut. Die „blisse 14“ wird inzwischen unter dem Namen „Kunstwerk blisse“ vom FSD Lwerk Berlin Brandenburg gGmbH betrieben.

 

Touristik: Von der „Fahrt des guten Willens“ zu barrierefreien Hotels

Bereits 1955 nahm die FDST ihre Arbeit im Bereich Touristik auf. Paul Neukirchen organisierte damals die erste „Fahrt des guten Willens“, eine Erholungsreise nach Oerlinghausen bei Bielefeld. Dies war ein besonderes Angebot, wurden Reisen für Menschen mit Mobilitätseinschränkung damals kaum durchgeführt. Dementsprechend hatten die Organisatoren auf den immerhin sechs bis 1966 stattfindenden Ausfahrten neben der Finanzierung vor allem mit Problemen beim barrierefreien Transport und der Unterbringung der Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu kämpfen. Ausgehend von diesen Erfahrungen bemühte sich das Kuratorium der FDST darum, ein eigenes barrierefreies Gästehaus zu schaffen. 1967 erwarb die Stiftung ein Grundstück in Bad Bevensen in der Lüneburger Heide. Seit 1972 existiert dort das heutige Heidehotel Bad Bevensen. Neben dem Heidehotel betreibt die FDST seit 2001 das Seehotel Rheinsberg. Die Idee für diese Einrichtung geht auf einen Workshop zurück, in dem die Gründung einer „internationalen Tagungsstäte“ in den neuen Bundesländern angeregt wurde. Heute ist Seehotel Rheinsberg mit über 100 Zimmern das größte barrierefreie Vier-Sterne-Hotel Deutschlands.

 
Eine Gruppe Rollstuhlfahrer überquert eine Straße - die 8th Avenue in New York - im Hintergrund ein Schild mit der Aufschrift: "Central Park West".

Eine Reisegruppe überquert die 8th Avenue in Manhattan, New York - Central Park West.

 
 

Parallel zu diesen Entwicklungen veranstaltete die FDST seit den 1960er Jahren mehrere Fernreisen für Menschen mit Behinderung. Die erste Auslandsreise führte 1963 eine Jugendgruppe aus der Villa Donnersmarck nach Griechenland, später folgten weitere Fernreisen etwa in die USA oder nach Thailand. Diese Aktionen erhöhten an den Reisezielen und in Deutschland die Aufmerksamkeit für die Belange von Menschen mit Behinderung. Inzwischen führt die FDST jedoch keine Fernreisen mehr durch; stattdessen organisiert seit dem Jahr 2000 das Reisebüro der Stiftung Kurz- und Tagesreisen. Darüber hinaus ist es ein Kompetenz- und Dienstleistungszentrum rund um das Thema barrierefreies Reisen.

 

Rehabilitation: Möglichst selbstbestimmt leben

Die Gründung des Bereiches Rehabilitation, dessen Keimzelle das Fürst Donnersmarck-Haus (FDH) in Frohnau ist, ging nicht auf die FDST, sondern auf den „Verein zur Förderung evangelischer Heime für körperbehinderte Menschen“ zurück. Anfang der 1960er Jahre errichtete dieser auf dem Stiftungsgrundstück ein Heim für polioerkrankte Kinder, welches 1964 aufgrund wirtschaftlicher Probleme von der FDST übernommen wurde. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Wohnplätzen erweiterte die Stiftung dieses Kinderheim im Jahr 1979 um das Jugend- und Erwachsenenheim. Das FDH  entwickelte sich in den 1980er und 1990er Jahren schrittweise zu einer spezialisierten Einrichtung für Menschen mit neurologischem Rehabilitationsbedarf. Diese Expertise baute die Stiftung in den folgenden Jahren systematisch aus und entwickelte das FDH seit 2005 zum P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation weiter. Seit der Eröffnung im Jahr 2015 stellt die FDST in einem der modernsten Rehabilitationszentren Deutschlands die Verbindung zwischen der medizinischen Akutversorgung nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems und einer teilhabeorientierten Langzeitrehabilitation her. Daneben verwirklicht das P.A.N. Zentrum eines der ursprünglichen Ziele der FDST, indem hier Therapie und rehabilitationsorientierte Forschung Hand in Hand gehen.

 
Außenansicht des P.A.N. Zentrums - Schrift an Gebäude: "P.A.N. Zentrum - Fürst Donnersmarck Haus"

Das 2015 eröffnete P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation in Berlin-Frohnau

 
 

Parallel zur inhaltlichen Konzentration auf die Rehabilitation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung verlief der Prozess der Ambulantisierung der stationären Wohnangebote der FDST. Schon 1977 zogen die ersten Bewohner des FDH in eine Heimaußenwohngruppe, die sich aber noch auf dem Stiftungsgelände in Frohnau befand. Schon zwei Jahre später eröffnete die FDST in der Blissestraße 12 ihre erste Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung mitten in Berlin. Von da an entwickelten sich die ambulanten Angebote der Stiftung schnell weiter: 1982 eröffnete die FDST die Wohngemeinschaft in der Zeltinger Straße, 1990 rief sie das Betreute Einzelwohnen ins Leben. 1998 wurde schließlich das Ambulant Betreute Wohnen (ABW) und 1999 der Ambulante Dienst (AD) der Fürst Donnersmarck-Stiftung gegründet. Gemeinsam betreiben sie das Angebot Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI) in Berlin-Tempelhof und Berlin-Pankow mit insgesamt 34 Plätzen, das sich an Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf richtet. In jüngster Vergangenheit startete der Ambulante Dienst zudem das Angebot „Unterstützung bei der Entwöhnung von Beatmung“ (UEvB). Hier trainieren Menschen, die nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung auf Beatmungsgeräte oder eine Trachealkanüle angewiesen sind, erneut das selbständige Atmen.

 
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