Alltag im ÖPNV - Ein Hörbericht

Transkription

Eine Frau im Publikum stellt eine Frage
 

Defekte Aufzüge, große Abstände zwischen Haltestelle und Einstieg sowie wenig hilfsbereites Personal – so sehen die Erfahrungen von Menschen mit Behinderung im öffentlichen Nahverkehr aus. Um zu diskutieren, wie eine barrierefreie Nutzung von Bussen und Bahnen erreicht werden kann, lud die Fürst Donnersmarck-Stiftung zum Jour Fixe mit dem Thema „Alltag im öffentlichen Nahverkehr“ in die Villa Donnersmarck.

Irmgard Königstorfer von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales macht sich dafür stark, dass alle U- und S-Bahnhöfe in Berlin behindertengerecht sein sollten. Sie fordert ein Umdenken bei den Verantwortlichen:

Dass es in allen Köpfen reinkommt, wenn wir Stufenlosigkeit erreichen würden und die Fahrzeuge den Haltestellen anpassen und umgekehrt, dass wir alle stufenlos in jedes Fahrzeug reinkommen. Denn auch der Nahverkehrsplan, der gerade erarbeitet wird, der will ja, dass Busse und Straßenbahnen beschleunigt fahren können. Das wäre erreichbar, wenn alle Haltestellen stufenlos zum Fahrzeug wären. Wir fliegen zum Mond und ich sehe nicht ein, warum die Fahrzeuge acht Zentimeter höher sein müssen als die Haltestellen.

Christine Albrecht ist Beauftragte der BVG für Fahrgäste mit Behinderungen. Für sie ist schon vieles umgesetzt, immerhin sind bereits 74 U-Bahnhöfe stufenlos erreichbar und mehr als 150 Bahnhöfe besitzen ein Blindenleitsystem. Auch die Schulung der Mitarbeiter werde sehr wichtig genommen:

Dazu gehört unter anderem ein Selbstversuch im Rollstuhl und auch ein Selbstversuch als „Blinder“. Dem Kollegen werden die Augen verbunden, er steht auf dem Betriebshof und hört, wie ein Bus heranfährt. Wir achten immer darauf, dass der Bus auch nicht genau vor ihm hält, so dass er wirklich erst einmal suchen muss, wie komme ich rein in die Tür.

Gerade für Sehbehinderte werde mehr getan, meint Christine Albrecht, so werden die elektronischen Anzeigen an Bushaltestellen ergänzt.

Die elektronischen Anzeigetafeln im Straßenland sollen eine Sprachausgabe bekommen. Derjenige, der es möchte, muss drücken und bekommt vorgelesen, was oben steht. Da hören Sie dann, welcher Bus als nächstes kommt.

In der Diskussion wurden ganz konkrete und praktische Probleme angesprochen. Dazu gehört auch der schwierige Zugang zu U- und S-Bahnwagen. Häufig sind die Abstände zwischen dem Bahnsteig und dem Einstieg zu groß für Rollstuhlfahrer. Die Benutzung der Rampen durch die Zugfahrer sei oft sehr umständlich und geschehe nur widerwillig. Bettina Jeschek, sie ist bei der S-Bahn Berlin für die Instandhaltung der Stationen zuständig, kennt das Problem. Sie weist darauf hin,
dass jeder Triebfahrzeugführer, wenn der Wunsch besteht, verpflichtet ist, die Rampe anzulegen. Wir haben an jedem Bahnsteigende eine Rampe, für jede Fahrtrichtung eine. Dadurch dass unterschiedliche Zuglängen verkehren, wir aber nicht nur einen Halteplatz anbieten können, ist es im Moment noch so, dass die Treibfahrzeugführer manchmal längere Wege in Kauf zu nehmen haben. Wir haben jetzt überlegt, ob wir zusätzliche Rampen aufbauen. Unser Wunsch ist aber, wenn neue Fahrzeuge beschafft werden, dass diese dann die Rampen an Bord haben und dadurch unabhängig sind.

Auch das Internet werde von den Verkehrsbetrieben stärker genutzt, um Informationen für Menschen mit Behinderungen zu verbreiten. So gebe es Umgebungspläne von U-Bahn-Stationen, die den besten Weg zum Aufzug zeigen oder auch eine Angabe zu den nicht funktionstüchtigen Aufzügen.
Doch die Barrierefreiheit des öffentlichen Nahverkehrs ist nur eine Seite. Genau so wichtig sei das Umfeld, der Weg von der Wohnung zur Haltestelle oder zum Bahnhof, betont Jens-Holger Kirchner. Er ist Stadtrat des Berliner Bezirkes Pankow. Sein Wunsch lautet „vernetztes Denken“:

Der beste barrierefreie ÖPNV, das beste Netz nutzt ja nichts, wenn Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nicht selbstständig in ihre Wohnungen kommen oder vom Seniorenwohnheim in den Park oder zum ÖPNV kommen. Da ist meine Vision, dass wir Stück für Stück, wir werden es nicht von heute auf morgen schaffen, nicht bloß den ÖPNV und die Vernetzung der verschiedenen Arten des ÖPNV barrierefrei bekommen. Sondern auch noch so etwas wie barrierefreie Routen in den Wohngebieten, so dass die Erschwernisse sich Stück für Stück reduzieren.

Der weitere behindertengerechte Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Umfeldes ist die Voraussetzung dafür, dass die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Darüber waren sich alle Beteiligten beim Jour Fixe in der Villa Donnersmarck einig.
Klaus Fechner
 
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