Wann kommt das E-Taxi nach Berlin?

Jour Fixe „Beförderungssysteme im Städtevergleich“ - Nachbericht

Mann sitzt vor Publikum und hält einen Vortrag
 

Die Ergebnisse eines Städtevergleichs über die jeweiligen Beförderungssysteme für Menschen mit Behinderungen und die in Zusammenarbeit mit führenden Autoherstellern konzipierten Prototypen eines „Enthinderungstaxi“ (E-Taxi) stellte Martin Maubach am 1. April 2009 in der Villa Donnersmarck auf einem Jour Fixe öffentlich vor. 

Beauftragt von der Berliner Senatsverwaltung untersuchte der Diplom-Psychologe weiterhin die „Behindertenbeförderung“ u.a. in Frankfurt a. M., Köln, München, Bremen, Leipzig in Vergleich zu Berlin und die entsprechenden Vor- und Nachteile für die Nutzer.
 
Berlin hat die teuersten Fahrten
Berlin verfügt über ein Gesamtbudget von 7 Mio. € und liegt über dem Bundesdurchschnitt. Zurückzuführen lässt sich dieser Umstand auf den teuren Sonderfahrdienst (SFD), der nur in Berlin existiert und auf die im Verhältnis gesehene hohe Anzahl an schwerbehinderten und außergewöhnlich gehbehinderten Fahrdienstnutzer zurückzuführen ist. Maubach beurteilte den Berliner SFD als „zu unflexibel und kundenunfreundlich“. „Die Leitstellen können bei den Anfragen nicht zwischen dringenden oder aufschiebbaren Fahrten unterscheiden“, kritisierte der Innenexperte, der 2005 auch den City-Funk bei der Beantragung der Leiststellenfunktion beriet. „Für Nutzer, die nur selten den SFD in Anspruch nehmen und das Budget kaum belasten, kann das eine Fahrtenablehnung nach sich ziehen“, so Maubach weiter. Bei den Vergleichsstädten liegt die Entscheidung über eine Fahrt tatsächlich beim Nutzer, ein zentrales Leitstellensystem gibt es außerhalb Berlin nicht. Maubach plädierte dafür, dass in Berlin die an der Beförderung von behinderten Menschen beteiligten Fuhrunternehmen selbst die Fahraufträge vermitteln, die Anzahl an Sonderfahrzeugen sollte die tatsächliche Nachfrage regeln.
 
 
Mann mit Headset sitzt neben Moderatorin
 


Mobilitätsbudget und E-Taxis

Die Nutzer in den anderen Städten verfügen über ein eigenes Mobilitätsbudget, in dessen Rahmen sie keine oder nur geringfügige Zuzahlungen leisten müssen. Auch ist in anderen Städten die Verzahnung zwischen der Beförderung von schwerbehinderten Personen und einem z.B. in Bremen weitestgehend barrierefreien ÖPNV besser gelungen als in Berlin. Taxis als Teil des ÖPNV sind kostengünstiger als der SFD, wenn ein entsprechender Taxitarif mit der Stadt ausgehandelt werden kann. Menschen mit Behinderungen in anderen Städten legen im Vergleich zu Berlin einen Großteil ihrer Fahrten tatsächlich mit dem Taxi zurück. Das nützt hingegen den schwer umsetzbaren Nutzern auch von E-Rollis nur wenig. Hier kommt für Maubach seine Konzeption des E-Taxis in Spiel. Mit der Dokumentation „Taxi für alle“ legte Maubach Anfang der 90er Jahre eine Designstudie zu behindertengerechten Taxifahrzeugen der deutschen Fahrzeugindustrie vor. Seit dem forscht Maubach über Behindertenbeförderung im Taxisystem und wurde vom Bundesministerium für Forschung und Technologie und verschiedenen Autoherstellern unterstützt. Das Interesse der Fahrzeugindustrie, mit einem speziell konzipierten barrierefreien Großraumtaxi sich einen Markt zu erschließen, ist vorhanden. Auch für Fuhrunternehmen könnten finanzielle Anreize geschaffen werden, in den ca. 10.000 € teuren Umbau einer Großraumlimousine zu investieren. Dazu schlägt Maubach vor, dass Taxikontofahrten von berechtigten Menschen mit Behinderungen gezielt an die Unternehmen, die in berollbare Taxis investiert haben, vermittelt werden.
 
 
Menschen im Rollstuhl hören einem Vortrag zu
 
Moderiert von Eileen Moritz entspann sich im Anschluss des Vortrages eine lebhafte Diskussion. Besonders kritisierten einige Diskussionsteilnehmer, dass der Berliner Senat eine Vergleichsstudie in Auftrag gegeben hat und diese sowie auch die positiven Erfahrungen, die andere Städte beispielsweise mit dem Mobilitätsbudget gemacht haben, nicht für Berlin anwendet. Auch wurde großes Bedauern ausgesprochen, dass sich für die Entwicklung eines taxigestützten Beförderungssystems mit Hilfe von E-Taxis keine Realisierung abzeichnet. Besonders für Berlin würde eine Verlagerung von Sonderfahrzeugen hin zu E-Taxis nicht nur kostentechnisch interessant sein, sondern einen Beitrag zur selbstbestimmten Partizipation von Menschen mit besonderem Mobilitätsbedarf leisten. So bleibt der abschließende Wunsch eines Gastes am Jour Fixe in der Villa Donnersmarck bislang noch Utopie: „Mein Traum ist es, trotz E-Rolli auf der Straße einfach ein passendes Taxi anhalten zu können, wenn mir danach ist“.
 
Ursula Rebenstorf
 
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