Jour Fixe "barrierefreie Arztpraxen?"

Barrierefreier Arztbesuch?

Jeder Bundesbürger kann seinen Arzt frei auswählen, seine Praxis betreten und dort als mündiger Patient behandelt werden! Was für viele Menschen als selbstverständlich gilt, trifft selten reale Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen. Diese Diskrepanz wurde am 30. September 2009 auf dem Jour Fixe in der Villa Donnersmarck zum Thema „Barrierefreier Arztbesuch“ bedrückend deutlich.

 
drei Menschen sitzen auf einem Podium

v.l.n.r. Angelika Mendel-Hennies, Martin Marquard, Eileen Moritz

 

Zwar sind rund 10 Prozent der Berliner Arztpraxen barrierefrei und laut Podiumsgast Dr. Uwe Kraffel von der Kassenärztlichen Vereinigung vergleichbar mit der allgemeinen ärztlichen Versorgung gemessen pro Einwohner, doch zeigten Berichte anwesender Betroffener, dass es mit der Barrierefreiheit oft bereits vor der Haustür aufhört. Viele Arztpraxen gerade in Berlin befinden sich in denkmalgeschützten Altbauten aus der Gründerzeit, mit Stufen vor dem Hauseingang, fehlenden Geländern und Schwellen im Innenbereich. Auch in barrierefrei ausgewiesenen Praxen erwartet den Besucher im Rollstuhl manch böse Überraschung: So entpuppen sich ausgewiesene rollstuhlgerechte Toiletten als unzugänglich oder medizinisch erforderliche Untersuchungen scheitern an fehlenden Umsetzungsmöglichkeiten für den Patienten im Rollstuhl.

 
zwei Menschen auf dem Podium unterhalten sich

Martin Marquard im Gespräch mit Eileen Moritz

 

Der Berliner Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen Martin Marquard verlas eine Reihe von Barrieren, die einem Menschen mit Behinderungen den Arztbesuch unzumutbar werden lassen: Fehlende barrierefreie Umzugskabinen und Untersuchungsliegen, die nicht höhenverstellbar sind, erschweren die Behandlungen. Stimmen aus dem Publikum bestätigten, dass sie vielerorts nur unzureichend im Rollstuhl untersucht worden sind, in manchen Fällen verzichtete der behandelnde Arzt auf eine genaue Diagnose. Zudem sehen sich Menschen mit Sinnesbehinderungen mit massiven Kommunikationsproblemen konfrontiert. Ein Praxisbesuch ist nur mit Assistenz möglich. Es zeigte sich, dass viele Menschen über ihr Recht, z.B. von einem Gebärdendolmetscher sich die Diagnosen übersetzen zu lassen, nur unzureichend informiert sind.

 
 
drei Menschen im Gespräch

Ein Gast spricht mit Dr. Uwe Kraffel

 

Es fehlt der wirtschaftliche Anreiz, eine Praxis barrierefrei umbauen zu lassen, und das von den Krankenkassen zur Verfügung gestellte Budget reicht nicht aus, um kostenintensive chronische Erkrankungen angemessen zu behandeln. „Wer seine Praxis behindertengerecht ausstattet, erhält keinen Vergütungsaufschlag für die Betreuung für Patienten mit Behinderung, wir sollten über finanzielle Anreize nachdenken“, räumt Dr. Uwe Kraffel ein und richtete seinen Appell an die Gesundheitspolitik, die gesetzlichen Rahmenbedingungen in diesem Punkt zu verbessern. Positiv wurde auch die Anregung Martin Marquards aufgenommen, ein Signet für barrierefreie Praxen einzuführen, mit Hilfe dessen Ärzte dazu motiviert werden, ihre Praxen barrierefrei zu gestalten und Menschen mit Behinderungen als Patienten willkommen zu heißen.

 
eine Frau spricht ins Mikrofon

Angelika Mindel-Hennies

 

 Zusammen mit Angelika Mindel-Hennies berichtete Marquard von der gemeinsamen Arbeit in dem Kreis „Barrierefreies Gesundheitswesen“, der mit dem „Berliner Papier“ erste Ergebnisse und Forderungen formuliert hat. Darin wird detailliert aufgelistet, was Patienten mit Behinderungen im Umgang mit dem Gesundheitswesen benötigen. Angelika Mendel-Hennies ermutigte die zahlreichen Publikumsgäste mit Behinderungen als Experten in eigener Sache die Krankenhäuser und Arztpraxen über ihre Bedürfnisse zu informieren. „Ärzte sind oft zu wenig sensibilisiert, wir müssen das Wissen über den Umgang mit behinderten Patienten bereits in der Ausbildung zum Facharzt berücksichtigen und entsprechende Fortbildungen anbieten“, kritisiert Angelika Mendel-Hennies.

 
 
eine Frau spricht am Mikrofon

Sybill Schulz

 

Das Familienplanungszentrum „Balance“ zählt zu den Ausnahmen im Berliner Gesundheitswesen. Sybill Schulz, Geschäftsführerin von „Balance“, ergänzt den Forderungskatalog um weitere Punkte: Patienten mit Behinderungen benötigen viel Zeit bei der Behandlung, Zeit, die einem niedergelassenen Arzt im Alltag fehlt. Viele Frauen mit sog. geistiger Behinderung kommen gerne zu „Balance“, hier erhalten sie Verständnis für ihre spezielle Lebenssituation. Die Ärztinnen kennen den besonderen Kommunikationsbedarf und erklären ihre Diagnosen in leicht verständlicher Sprache.

 
Es gilt, bestehende Orientierungshilfen für Patienten mit Behinderungen zu evaluieren und behinderte Patienten an den notwendigen Verbesserungen im Gesundheitswesen zu beteiligen. Mit diesem Konsens endete die äußerst lebhafte und spannende Diskussion.
 
Ursula Rebenstorf
 
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