Barrierefreie Arztpraxen der Hörbericht

drei Menschen sitzen auf einem Podium

v.l.n.r. Angelika Mendel-Hennies, Martin Marquard, Eileen Moritz

Von Klaus Fechner
Irgendwann ist jeder einmal krank, dann geht es zum Arzt. Und zwar zu einem Arzt der freien Wahl. Anders sieht es oftmals für Menschen mit Behinderung aus. Denn viele Arztpraxen sind nicht barrierefrei und überhaupt nicht auf den Besuch von Rollstuhlfahrern und -fahrerinnen, auf blinde Menschen oder geistig Behinderte eingestellt. Nur 10 Prozent der Arztpraxen in Berlin gelten als barrierefrei. Daher beschäftigte sich die Fürst-Donnersmarck-Stiftung bei der Veranstaltungsreihe Jour Fix mit diesem Thema. Der Berliner Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Martin Marquard, beschreibt die Situation:
Wenn eine Praxis, die barrierefrei zugänglich ist, schließlich gefunden ist, fehlen in den Praxisräumen meistens eine barrierefreie Toilette, eine barrierefreie Umkleidekabine oder ein anderer Raum, in dem man sich ungestört aus- oder umziehen kann. Es mangelt fast immer an höhenverstellbaren Untersuchungsliegen oder Personaln, das bei einem notwendigen Transfer aus dem Rollstuhl auf die Untersuchungsliege helfen kann. Und behinderte Frauen beklagen, dass es kaum eine gynäkologische Praxis mit verstellbarem Untersuchungsstuhl in Berlin gibt.


Das führe dazu, dass notwendige Untersuchungen nur teilweise oder gar nicht durchgeführt werden, so Marquard. Doch es mangelt nicht nur an den Räumlichkeiten. Außerdem hielte sich bei vielen Ärzten, meint Marquard, die Bereitschaft Menschen mit Behinderungen zu behandeln in Grenzen, da der zusätzliche Aufwand nicht extra vergütet werde.
Angelika Mindel-Hennies von der Berliner Ärztekammer erkennt auch innere Barrieren bei vielen Ärzten. Am eigenen Beispiel ihrer Arbeit im Krankenhaus ist ihr aufgefallen:
Mir ist niemals bewusst geworden, dass wir nirgendwo Informationsmaterialien hatten zum Beispiel in Blindenschrift. Oder für hörbehinderte Menschen. Das heißt, wenn man im Alltag über und über voll ist mit Aufgaben, verliert man gewisse Punkte aus den Augen. Und ist weniger offen für die Probleme von einzelnen Gruppen, selbst wenn es große Gruppen sind wie die Menschen mit Behinderungen.

Als Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin war Dr. Uwe Kraffel beim Jour Fix anwesend. Für ihn hängt das Problem der nicht-behindertengerechten Zugänge zu Arztpraxen auch mit der Berliner Baukultur zusammen:
Um die Jahrhundertwende hat man in Berlin mit Stufen vor der Tür gebaut. Und diese Eingänge stehen heute unter Denkmalschutz. Und sie können, wenn sie in einem Altbau sitzen, zum Teil gar keinen behinderten-, rollstuhlgerechten Zugang schaffen, weil es nicht möglich ist Rampen anzubauen, weil es Denkmalschutz gibt.

Allerdings sieht auch er ein großes Problem im fehlenden wirtschaftlichen Anreiz für Ärzte: Wer seinen Bäckerladen behindertengerecht umbaut, macht mehr Umsatz. Wer seine Praxis behindertengerecht ausstattet, darf nicht mehr Umsatz machen. Es gibt keinen Vergütungsaufschlag für die Betreuung für Patienten mit Behinderung.

Er fordert deshalb von der Politik, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert werden sollten. Eine Forderung, die Angelika Mindel-Hennies von der Berliner Ärztekammer unterstützt. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Barrierefreies Gesundheitswesen“ hat die Ärztekammer das „Berliner Papier“ entworfen:
Eines der Grundthemen, das wir aufgebracht haben und auch als Forderung formuliert haben, ist eine Sensibilisierung in die Ärzteschaft zu tragen und die Fort- und Ausbildungen von Ärzten und Krankenschwestern zu verbessern.

Im Laufe der sehr angeregten Diskussion wurden weitere Vorschläge eingebracht. So könnte ein spezielles Signet barrierefreie Arztpraxen kennzeichnen und im Gegenzug sollten die so ausgezeichneten Ärzte ein höheres Budget erhalten. Sybill Schulz, Geschäftsführerin vom Familienplanungszentrum BALANCE, fordert mehr Zeit für die Betroffenen:

Wir haben Beratungszeiträume an bestimmten Tagen nur für behinderte Menschen. In der gynäkologischen Sprechstunde aber auch in der allgemeinen Beratung. Und das wünsche ich mir für andere Praxen auch, dass genau solche Zeiträume, nämlich mehr Zeit für die Behandlung, vorgesehen werden. Und das an mehreren Tagen.

Es wurde während der Diskussion auch vorgeschlagen, in jedem Bezirk eine behindertengerechte Bereitschaftspraxis einzurichten, die rund um die Uhr geöffnet sein müsste. Und vorhandene Datenbanken zur Arztsuche müssten auf den neuesten Stand gebracht werden, um aktuelle Informationen bereit zu halten.

An diesem Abend wurde in der Fürst Donnersmarck-Stiftung deutlich, dass die Bereitschaft von Menschen mit Behinderung, sich aktiv zu beteiligen groß ist. Doch müssen auch die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die Situation in Arztpraxen und Krankenhäusern zu verbessern.

 

 

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Zum Herunterladen und Hören

Podcast vom Jour Fixe "Barrierefreie Arztpraxen", 30.09.2009

Autor: Klaus Fechner

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