Hörbericht zum Jour Fixe "Selbstbestimmt bis zum Schluss"

Transkription

Unabhängig und selbstbestimmt, so sollen Menschen mit Behinderung über ihr Leben bestimmen können. Doch im Alltag stößt dieses Konzept an Grenzen. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung lud zu einem Jour Fixe, um über Konflikte zu reden, die zwischen Pflegedienstleistern und deren Klienten entstehen.
Martina Jost ist seit 2008 Assistenznehmerin. Zuvor hatte sie verschiedene ambulante Pflegedienste mit ihrer Betreuung beauftragt. Doch damit war sie unzufrieden, denn oft waren es die Dinge des Alltags, die freie Entscheidungen erschwerten:

Der Ausschlag war gewesen, dass ich nicht immer selbst bestimmen konnte, wann und wo ich zu welcher Uhrzeit was machen konnte. Also sei es abends ins Kino zu gehen und zum Beispiel nachts unterwegs zu sein. Oder ein Frühstück einzunehmen, das nicht gerade auf dem Pflegeplan steht, sondern das Frühstück zu einer anderen Zeit einzunehmen. Also das war für mich wichtig.

Hinzu kamen der häufige Wechsel des Personals, unfreundliche Mitarbeiter und der ständige Zeitdruck während der Hausbesuche. Gerade der Zeitdruck bewirkt auch bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der ambulanten Pflegedienste Dauerstress und Frustration.
Jetzt, mit ihrer persönlichen Assistenz, geht es Martina Jost sehr viel besser – nun werden ihre individuellen Wünsche berücksichtigt:

Es geht zum Beispiel um spezielle Behandlungspflegesachen wie Kompressionsstrümpfe. Dass die Sachen so angezogen werden, wie ich sie gerade brauche, nicht typisch wie es gelernt ist. Bei einer Pflegefirma ist das so gelaufen: „Schreiben Sie mir nicht vor, wie ich das zu machen habe. Ich bin ja nicht umsonst examiniert. Und wenn Sie ein Problem haben, dann rufen Sie bei der Firma an“.

Es kostet allerdings sehr viel Zeit und Kraft, die persönliche Assistenz zu organisieren. Immerhin hat sie nun alle Rechte und Pflichten einer Arbeitgeberin. Doch die gewonnene Freiheit, selbst bestimmen zu können, möchte sie nicht mehr missen.
Auch in stationären Einrichtungen wie Wohnheimen gibt es Reibungspunkte zwischen den individuellen Bedürfnissen der Bewohner und der Fürsorgepflicht der Anbieter. Renate Brück ist Leiterin der Wohnstätte Ahornallee des Vereins Zukunftssicherung Berlin. Sie schildert den Fall eines Mannes, der den Weg vom Wohnheim zum Arbeitsplatz alleine gehen will, obwohl er nur bedingt verkehrssicher ist:

Er findet zwar den Weg, aber er schaut nicht nach rechts und links. Dann kamen wir in einem Gespräch überein, dass der Bewohner so viel wert auf seine Freiheit legt, dass wir das Risiko eingehen. Wir lassen ihn laufen, wir wissen es könnte auch mal schiefgehen. Aber es ist so eine Beeinträchtigung für sein persönliches Glück, die Freiheit selbst zu gehen, zu verlieren, dass wir gesagt haben, wir riskieren das.

Für Renate Brück ist entscheidend, Möglichkeiten anzubieten. So würden Optionen entstehen zwischen denen der oder die Betroffene selbstbestimmt entscheiden könnte. Das gilt auch für Menschen mit geistiger Behinderung:

Das ist oft unser Problem, unsere Bewohner essen bis sie so dick sind, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Manche tun das. Dann ist die Frage, was macht man. Gibt man ihnen so viel sie wollen oder verhandelt man? Und sagt: pass auf, du verbrauchst so und so viel Kalorien, wenn du 20 Minuten auf dem Fahrrad strampelst, dann ist das ein Stück Kuchen. Für mich ist der entscheidende Punkt, habe ich die Möglichkeit zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Oder wird mir gar kein Spielraum geboten zwischen dem ich entscheiden kann.

Übereinstimmung herrschte während der Diskussion, dass häufig ganz individuelle Lösungen notwendig sind, um das Recht auf Selbstbestimmung zu gewährleisten.
Rechtsanwalt Dr. Martin Theben sieht ein generelles Problem in den gesetzlichen Rahmenbedingungen:

Wenn wir uns alleine im Sozialrecht bewegen, dann haben wir es mit 12 verschiedenen Sozialgesetzbüchern zu tun, die sich alle aufeinander beziehen oder sich teilweise widersprechen und verschiedenste Anspruchsvoraussetzungen haben. Man muss also schauen, ist es jetzt Behandlungspflege oder ist es ein Hilfsmittel, dann ist es die Krankenkasse. Wenn nicht, dann ist es Eingliederung, die ist aber einkommensabhängig und so weiter. Der Rahmen ist also der, dass unsere Sozialgesetzgebung, und die ist meist entscheidend für behinderte Menschen, viel zu kompliziert ist.

Hier tue eine Vereinfachung gut, so Theben. Ein weiteres entscheidendes Problem sei der Finanzierungsvorbehalt in den meisten Gesetzen. Das Wunsch- und Wahlrecht sei zu oft abhängig von wirtschaftlichen Erwägungen. Als Beispiel beschreibt er die Schulgesetze:

Wenn von inklusiver Bildung gesprochen wird, dann müssen die Schulgesetze aufgeräumt werden. In den Schulgesetzen haben wir, da wo es um die gemeinsame Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Schülern geht, immer Finanzvorbehalte. Da steht also immer drin, kurz gesagt: Integration nur dann, wenn es nichts kostet. Also wenn die personellen und sachlichen Mittel vorhanden sind. Es steht eben nicht umgekehrt drin, die Mittel müssen bereit stehen. Das müsste natürlich geändert werden.

Selbst in der UN-Behindertenrechtskonvention sei dieser Finanzierungsvorbehalt enthalten.

Die Diskussion machte deutlich, dass Handlungsbedarf besteht, damit klarer abgegrenzt wird, wo die Fürsorgepflicht gesetzlicher Betreuer oder des Pflegepersonals endet. Nur so lässt sich ein möglichst großes Maß an Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung verwirklichen.

Autor: Klaus Fechner

 
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