Hörbericht Mission Inklusion

Transkription

Berlin hat seit Februar 2010 einen neuen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung. Dr. Jürgen Schneider übernahm das Amt von seinem Vorgänger Martin Marquard. Grund genug für die Fürst Donnersmarck-Stiftung, Jürgen Schneider zu einem Jour Fixe in die Villa Donnersmarck einzuladen und über seine Vorhaben zu reden. Für den Landesbehindertenbeirat ist die Entscheidung für Jürgen Schneider eine optimale Lösung, meint Dr. Manfred Schmidt. Er ist Ehrenvorsitzender der Vereinigung Selbsthilfe Berlin:

Wir haben sehr lange überlegt, wen könnten wir denn dem Senat vorschlagen als Landesbeauftragten und sind nach reiflicher Überlegung zu Dr. Schneider gekommen. Wir fanden keinen Besseren. Er ist so erfahren in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, in der Ausarbeitung gesetzlicher Regelungen und hat den Verwaltungshintergrund. Er ist der Beste, den wir finden konnten.

Der so Gelobte hat sein Amt in Zeiten klammer Haushaltskassen übernommen. Nach den ersten Monaten seiner Arbeit zieht er eine gemischte Zwischenbilanz. Er erkennt gute Grundlagen, aber:

Es ist einiges nicht so in der Praxis angekommen. Es gibt Vollzugsdefizite, es gibt eine immer noch relativ günstige Gesetzeslage in Berlin. Aber die werden nicht immer eingehalten. Und das bedeutet, man muss zunächst das Erreichte sichern und fortschreiben. Von da aus muss man dann den Schritt machen, neue Ziele zu definieren und versuchen, diese zu erreichen.

Ein Beispiel für ein Vollzugsdefizit sei der Neubau der Grimm-Bibliothek der Humboldt-Universität in Berlin. Erst Ende 2009 fertig gestellt, enthalte sie viele Barrieren für Menschen mit Behinderung.
Schneiders wichtigstes Ziel ist die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Landesgesetze. Diese UN-Konvention enthält die Verpflichtung zu geeigneten Maßnahmen des Staates, um Menschen mit Behinderung einen angemessenen Lebensstandard zu sichern.

Ein Artikelgesetz zur Umsetzung der UN-Konvention in Landesrecht bedeutet, dass all das was in der Konvention drinsteht, sich auch im Landesrecht niederschlagen muss. Das ist ein ganz mühsamer Prozess, der den jeweils zuständigen Verwaltungen abgerungen werden muss.

Über all dem steht der Begriff der Inklusion. Inklusion bedeutet mehr als Integration. Nämlich die vollständige Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen.
Volkhard Schwarz, von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, unterstützt diese Bemühungen. Allerdings, so betont er, benötige dieser Weg viel Zeit. Denn eine gemeinsame Linie mit vielen verschiedenen Verwaltungen zu finden, sei schwierig. Schwarz setzt zusätzlich auf den Aspekt Bewusstseinsbildung:

Es muss uns gelingen, andere Menschen zu erreichen, die noch nicht selbst von Behinderung betroffen sind, die vielleicht keine Angehörigen mit Behinderung haben. Das bei denen im Kopf der Gedanke reift, von Behinderung kann ich auch relativ schnell betroffen sein. Dann interessiere ich mich auch mehr dafür. Da müssen wir mehr überlegen, wie erreichen wir Arbeitgeber oder Mitarbeiter in Verwaltungen? Wie können wir die mehr sensibilisieren für Themen rund um Behinderung?

Viel zu theoretisch, viel zu weit weg von der Praxis – sagt Raul Krauthausen vom Verein Sozialhelden. Er hat das Internetportal wheelmap.org aufgebaut. Eine Art Stadtplan, der rollstuhlgerechte Orte ausweist. Ein Portal zum Mitmachen. Krauthausen erklärt die Idee:

Eigentlich wäre es doch clever, wenn man den Betroffenen selbst die Möglichkeit gibt zu sagen, ob der Ort den sie kennen, ihr Lieblingscafé, ihr Lieblingsarzt, ihr Lieblingskino, ob der barrierefrei ist oder nicht. Und dann geht es nicht um Wendekreise im Bad, sondern darum, komme ich als Rollstuhlfahrer rein? Also, kann ich die Kernfunktionalität dieses Ortes, zum Beispiel bei einem Café einen Kaffee trinken, kann ich die nutzen? Und wenn nicht, dann ist das einfach nicht barrierefrei.

Ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement.
Dr. Jürgen Schneider ist jetzt seit mehreren Monaten im Amt. Bei seiner täglichen Arbeit ist er oft hin- und hergerissen. Auf der einen Seite der intensive Austausch mit Menschen mit Behinderung und konkrete Hilfe im Einzelfall – auf der anderen Seite die mühselige Arbeit an Gesetzesvorlagen und mit Verwaltungen. Doch für ihn steht dabei der gesetzliche Ansatz im Mittelpunkt, denn:

Das hat damit zu tun, dass gesetzliche Regelungen neue Realitäten schaffen.

Und diese Realitäten führten zu einem Bewusstseinswandel, so Schneider, und dadurch zu besseren Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung.

 

 

Hörbericht

Podcast

Ein Bericht zum Hören vom Jour fixe Mission Inklusion 2010 mit Dr. Jürgen Schneider

 

Daten zum Beitrag

Länge: 5 min 12
Datum: 14.07.2010
Autor: Klaus Fechner

 

Fotos

Portrait Dr. Jürgen Schneider

Weitere Fotos vom Jour fixe Mission Inklusion

 

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