Geräuschvoll und rasant

Deutsche Meisterschaft im Tischball 2011

Reinhard Winkelgrund stoppt einen Ball mit dem Schläger, im Vordergrund die Website-Adresse www.showdown-germany.de
 

Am letzten Wochenende im März errang Antje Samoray vom Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein (BBSV) die Deutsche Meistermeisterschaft und wurde so im HausRheinsberg zur ersten Deutschen Meisterin in der aufstrebenden Sportart Tischball  /Showdown. Mit Jürgen Beer und Thomas Giese gingen beiden weiteren Podiumsplätze bei dem Turnier mit Teilnehmern aus elf Bundesländern an Sportler aus Berlin.

 

Frau Meisterin des Showdown

Das Knallen, wenn der Schläger den Ball trifft und ihn wie ein kleines Geschoss über die Platte sausen lässt, ruft von der Dezibelzahl einen Schalldruck, vergleichbar der Explosion eines mittleren Feuerwerkskörpers oder einem Peitschenknall hervor. Ob „Blindentischtennis“ oder Tischball daher seinen an Filme wie Spiel mir das Lied vom Tod erinnernden englischen Namen Showdown hat, ließ sich nicht recherchieren.

Auf jeden Fall ist Tischball ein sehr dynamisches Spiel,. Der gut hörbare, rasselnde Ball muss mit einem Schläger unter einer Barriere hindurch in das Tor des Gegners befördert werden. Die 3,60 Meter lange Platte sieht mit ihren Banden und dem eingezeichneten Torraum wie eine Miniatureishockey-Anlage aus.

Am letzten Wochenende im März errang Antje Samoray vom Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein (BBSV) die Deutsche Meistermeisterschaft und wurde so im HausRheinsberg zur ersten Deutschen Meisterin in einer aufstrebenden Sportart. Die Studentin der Literatur- und Erziehungswissenschaften aus Schwanebeck, die für den Berliner Verein startet und in Potsdam studiert, bezwang vor allem mit ihrer schnellen Rückhand und ihrer Ruhe alle Gegner. Selbst ein Rückstand von mehreren Punkten ließ sie in keinem der vielen Spiele bis zum Sieg nervös werden.

Mit Jürgen Beer und Thomas Giese gingen beiden weiteren Podiumsplätze ebenfalls an den dominierenden BBSV. Den vierten Platz belegte der Cottbuser Reinhard Winkelmann. Ihm folgten Andrea Vulprecht und Thorsten Wolf, ebenfalls Berlin, auf den Plätzen fünf und sechs.

 

Berlin-Brandenburg ganz weit vorn

Dieses Ergebnis spiegelt eine ganz starke Dominanz der Region, aus der bei dem Turnier der 32 besten Spieler aus elf Bundesländern die ersten sechs Positionen besetzt werden konnten. Woher kommt das? Eine Erklärung lieferte ein Teilnehmer am Rande des Turniers.

Den ersten Schritt machte der blinde Erfinder, Joe Lewis, aus Kanada, Der zweite Schritt fand in Barcelona statt: Bei den Paralympics 1992 in Barcelona erlebte Gerd Franzka während einer Präsentation diesen Sport. Der blinde ehemalige Leichtathlet, Leistungsschwimmer und Paralympics-Teilnehmer, spielte dort aus Spaß selbst Tischball.

Der dritte Schritt wurde durch eine Freundschaft ausgelöst. Ein paar Jahre nach den Paralympics im Norden Spaniens wollte Franzka 2001 seinem blinden Sportkameraden Reinhard Winkelgrund aus Cottbus eine Überraschung zum 40. Geburtstag bereiten. Er baute die erste Tischball-Platte in Deutschland.

Das in Barcelona entstandene Video wurde für den Nachbau in Standbilder zerlegt. Denn Gerd Franzka hatte den Kontakt zu Joe Lewis verloren und einen internationalen Verband gab es noch nicht. Mit Hilfe seiner bekannten Körpergröße wurden die Maße der Platte abgeleitet.

Der Urvater des Tischball in Deutschland reiste ebenfalls zu dem Turnier nach Rheinsberg und erlebte die Wirkung seiner Tat. Die Saat war aufgegangen. Denn die Region hat sich zu einer Hochburg des Tischballs in Deutschland entwickelt. Nach der Hälfte des Turniers erzählte der Physiotherapeut aus Lübben mit Begeisterung, dass sein Körper sich wieder an die Bewegungen erinnere. Dieses gute Körpergefühl hatte schon bei der Rekonstruktion der Platte geholfen, denn die Maße wichen nur um ein paar Zentimeter von den heute gültigen Standardmaßen ab.

 

Tischball: Ein inklusiver Sport

Tischball ist in mehrfacher Hinsicht inklusiv:

  • Auch Sehende können zu gleichen Bedingungen mitspielen, wenn sie eine Augenbinde tragen, wie man sie als Schlaf unterstützendes Accessoires aus dem Flugzeug kennt.
  • Frauen spielen so gut wie Männer, da nicht Kraft allein entscheidet, sondern ein gutes Gehör und eine gute Reaktion mindestens ebenso wichtig sind.
  • Es können ältere genauso gut gegen jüngere Spieler antreten.
  • Das Regelwerk dieses Sports ist relativ leicht zu verstehen und seine Schnelligkeit, seine Dynamik schlägt auch den sehenden Zuschauer in den Bann.
  • Der blinde Spieler benötigt keine Assistenz wie bei anderen Sportarten. Er spielt völlig allein.
 

Momentan rasante Entwicklung in Deutschland

Der Sport steckt in Deutschland in seinen Kinderschuhen. Torsten Resa vom Deutschen Blinden und Sehbehindertenverband (DBSV) leitet ein Projekt zur Förderung dieser Sportart. Der DBSV bietet seit Februar 2010 in ganz Deutschland Schnuppertrainings an – mit durchschlagendem Erfolg. Tischball, international „Showdown“ genannt, hat sich unter den blinden Menschen in Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu einem regelrechten Trendsport entwickelt.

„Ich finde es fantastisch, dass bereits jetzt an zehn Standorten regelmäßig gespielt wird“, freut sich DBSV-Präsidentin Renate Reymann. Ziel des Projekts ist die Einrichtung von 20 Spielorten in ganz Deutschland. Dazu stellt der Verband die Mittel zur Verfügung. Denn die handgefertigten Platten kann man nicht einfach im Sportartikelhandel kaufen. Die Platten sind Einzelstücke und mit rund 1500,- bis 2500,- EUR kostspielig. Dennoch sollen bis zum Sommer 2011 die Platten im ganzen Land zur Verfügung stehen, das wünscht sich nicht nur Torsten Resa.

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