Selbstorganisierte Isolation aufbrechen

Dr. Henning Scherf - Das Leben im Alter

Transkription eines Hörberichts

Ich will den Leuten ihr selbstorganisiertes Isoliertsein aufbrechen.“ Der Abend des 15. Dezembers 2011, wir befinden uns in einem Haus der Fürst Donnersmarck Stiftung, dem Gästehaus in Bad Bevensen. Viele Gäste warten gespannt auf Herrn Dr. Henning Scherf, ein sehr großer und sehr sympathisch aussehender Mann. Nicht nur bekannt als Autor. Er ist seit sechs Jahren im Ruhestand, im Ruhestand von dem Posten als Bremens Bürgermeister.

Doch damit nicht genug, Herr Dr. Scherf macht auch noch ganz andere Sachen, wie Susanne Schiering, Referentin für Gäste- und Öffentlichkeitsarbeit des Gästehauses Bad Bevensen berichtete... „Zum Beispiel ist er Vorsitzender des Vereins Panem et Artes Brot und Kunst. Das ist ein Verein, der Entwicklungshilfeprojekte in Nicaragua unterstützt. Herr Scherf nimmt auch für diesen Abend kein Honorar für sich selbst, sondern nur eine Spende für diesen Verein. Das finde ich richtig klasse, wenn Menschen, grad auch im Ruhestand die Zeit haben ihre Zeit und ihre Kraft und Prominenz in diesem Fall auch, für gute Dinge einzusetzen.

Mit den Worten... „Schönen guten Abend.“ ...begann Herr Dr. Scherf den Abend. Er gab sich sehr offen und nah den Gästen gegenüber. Begrüßte sogar jeden per Handschlag mit einem netten Spruch... „Ich stell mir das so vor, ich erzähle ihnen, wie ich mit meinem Altwerden klarkomme.“ Das tut er sehr gut. Sein Tipp an andere Leute... „ Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in einem erstaunlichen Maße geht, wenn man etwas zu tun hat. Also wenn man nicht nur wartet bis man bedient wird, sondern wenn man etwas zu tun hat. Auch wenn man nicht mehr ganz toll laufen kann, aber man kann zum Beispiel Kartoffeln schälen, man kann Gemüse putzen, man kann mit dafür sorgen, dass das Essen irgendwie schmeckt. Das ist wunderbar.

Zudem hat sich Scherf aber noch weitere Aufgaben gesucht. Mit seinen 120 Chorkollegen füllt er beim Singen ganze Hallen. Wenn das Wetter draußen schön ist malt er gerne Ölgemälde in einem Park und natürlich schreibt er auch leidenschaftlich gerne seine Bücher. Diese liest er dann zum Beispiel an Grundschulen vor. Dazu erzählte er... „Die Lehrerinnen sitzen dabei und staunen Bauklötze, wie ihre Kinder auf so einen Opa reagieren. Die sind alle interessiert.

Fit bleiben im Alter. Nur wie das? Man ist noch nicht mal 50, die Kinder sind gerade eben aus dem Haus und studieren weit weg im Ausland und kommen wohl so schnell auch nicht wieder zurück nach Hause. Da dachte sich Scherf... „Wir versuchen etwas Neues.“ Er trommelte viele Freunde zusammen, jung und alt, Paare und Singles. Zusammen kam die Idee auf, wir gründen eine Wohngemeinschaft. Einige Leute verkauften ihr Häuschen, es gab ein Grundkapital und ein altes Haus von 1829 wurde alten- und behindertengerecht umgebaut. Dieses ist jetzt 24 Jahre her und die Wohngemeinschaft gibt es immer noch. Dr. Scherf berichtete... „Wir Männer kochen übrigens auch. Ich habe Kochen gelernt, auch eine schöne Erfahrung. Seitdem ich in Rente bin habe ich Kochen gelernt und das ist wunderbar. Ich freue mich wie ein Schneekönig, wenn ich mal dran gewesen bin und alles ist aufgegessen, keiner hat gemeckert, dann habe ich das Gefühl, ich habe es gut gemacht.

Es gab aber nicht nur rosige Zeiten rund um die 10 Bewohner der Wohngemeinschaft... „Die Nageprobe unseres Projektes war, als die erste von uns todkrank wurde.“ Aber auch in dieser Situation zeigte sich, keine Pflegekraft der Welt ist so gut wie 9 andere Mitbewohner und Freunde. Es wurde sich abgewechselt, Schichtpläne entworfen. Wer kocht das Essen, wer passt auf, wer ist immer bei ihr. Doch am Ende zeigte sich... „Keine Tabletten oder sonstiges halfen. Nein, nur die Gegenwart, dass einer da ist den ich anfassen kann, wo ich weiß der ist da, er ist erreichbar, ich bin nicht allein.

Im Alter sollte man für einander da sein, sich helfen, vielleicht sogar pflegen. Am besten geht das natürlich in solch einer Wohngemeinschaft. Hört sich alles sehr einfach an. Ein Herr aus dem Publikum fragte dann aber... „Reicht das jetzt aus, der Wunsch so zu leben? Mit Menschen zusammen? Oder muss man, ich sag mal finanziell ein bisschen besser situiert sein um jetzt so ein Leben führen zu können?“ Dr. Scherf erklärte anhand von vielen praktischen Beispielen, die er alle selber miterlebt hat, dass es für Menschen mit viel oder auch sehr wenig Geld immer eine Möglichkeit gäbe, eine solche Wohngemeinschaft zu gründen.

Eine Dame aus dem Publikum sprach folgendes an... „Wie gehen sie mit Konflikten um? Das wäre für mich ein großes Problem. In so einer Nähe zu leben und es kann ja durchaus sein, dass man ein Gesicht mal nicht mehr sehen kann.“ Dr. Scherf entgegnete... „Also wir haben richtig schrittweise gelernt, dass Kräche und Spannungen aufgearbeitet werden können und dass man daraus etwas lernen kann über sich selber und dass man auch so etwas wie einen neuen Anlauf machen kann, dass das Verdrängen und das Schwamm drüber machen eigentlich eher etwas Schlechtes ist. Das Benennen können, das drüber reden können, dass ist eigentlich die Form in der ich mich dann auch weiter entwickeln kann. Erst dieses macht ein langes und vor allen Dingen ehrliches Zusammenleben in einer solchen Wohngemeinschaft möglich, obwohl zu Beginn notariell beglaubigte Regeln festgesetzt wurden. Es ist alles überflüssig gewesen. Niemand hat in diesem 24 Jahren je nach diesen Regeln gefragt, je nachgeguckt was haben wir damals eigentlich aufgeschrieben. Es funktioniert, weil es informell funktioniert.“ Sich gegenseitig respektieren, Probleme offen ansprechen und auch in der Runde ausdiskutieren, das ist schon mal ein guter Anfang.

Nur wie sieht es mit den Räumlichkeiten aus? Ist das Ganze behindertengerecht, fragt eine Dame aus dem Publikum nach... „Diese Wohngemeinschaft, ist die barrierefrei?“ Herr Dr. Scherf antwortete... „Also wir haben von Anfang an gedacht wir müssen es weitgehend barrierefrei machen. Wir haben uns einen Fahrstuhlschacht gleich am Anfang gebaut mit Türen, aber noch keinen Motor. Den haben wir erst eingesetzt und den Korb, als es dann nötig war.“

Eben optimistisch und auf alles vorbereitet sein. Was man im Alter nur schwer alleine schaffen kann, geht meist in der Gruppe spielend einfach. Der Antrieb von Dr. Henning Scherf ist es nie aufzugeben und anderen Leuten Mut zu machen. Dieses ist ihm zumindest an dem Abend gelungen. Zum Schluss hat er sogar noch sein Spezialrezept preisgegeben... „Also ich hab immer so die Faustregel je bunter umso besser. Die Gleichförmigkeit ist eher anstrengend, die Unterschiedlichkeit ist anregend. So ist meine Erfahrung.

 

 
Ein Kopfhörer als als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund, darum gruppiert drei Pfeile
 

Audiobericht

Akustische Eindrücke vom 15.12.2011

Länge: 6 min 14 sec.

 

Die Meldung

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