Hörbericht Jour Fixe Ehrenamt mit Behinderung

 

O-Ton, Atmosphäre Lesepate im Einsatz

Hartmuth Keller bei seiner Tätigkeit als Lesepate in einer Grundschule im Berliner Bezirk Neukölln. Seit dem Frühjahr 2011 ist er dort einmal pro Woche und übt mit Erst- und Zweitklässlern lesen. Ehrenamtlich und freiwillig. Das besondere dabei: Hartmuth Keller ist Rollstuhlfahrer. Und damit ist er eine große Ausnahme. Denn Menschen mit Behinderung gelten eher als Hilfeempfänger denn als Helfer für andere. Mit dieser Problematik beschäftigte sich der Jour Fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung Mitte September 2011. Keller ist einer der Teilnehmer in der Villa Donnersmarck. Für ihn ist die Aufgabe als Lesepate eine sinnvolle Tätigkeit und einfach nur schön:

Ich bin jetzt schon über zehn Mal dort gewesen. Ich freue mich jedesmal, wenn ich mich aufmache dort hinzufahren und meine Kids dann begrüßen kann und die begrüßen mich. Das ist Grund genug, ein Ehrenamt zu machen. Die Freude in den Gesichtern der Kinder zu sehen. Das ist mehr als 50 oder 100 Euro wert. Das ist schön.

2011 ist das „Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit“. Bürgerschaftliches Engagement gilt als Kitt der Gesellschaft. Doch wo liegen die Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung aktiv mitzugestalten?
Claudia Hofbauer ist Koordinatorin für das Ehrenamt beim Mittelhof e.V., einem großen Nachbarschaftsheim in Berlin-Zehlendorf. Sie gibt selbstkritisch zu, bisher das Thema Ehrenamt und Behinderung kaum beachtet zu haben.

Es hat noch keiner angefragt, das ist so. Da ist natürlich die Frage, woran liegt das: sind wir nicht einladend genug oder sind wir nicht offen genug oder was gibt es für Hürden? Ich habe tatsächlich bisher nicht an Menschen mit Behinderungen explizit gedacht bei uns im Ehrenamt. Das muss ich ehrlich zugeben.

Damit ist sie sicherlich keine Ausnahme. Darum fordert Marion Reuschel, Ehrenamtskoordinatorin der Fürst Donnersmarck-Stiftung, ein Umdenken:

Wie denn eigentlich Freiwilligenagenturen suchen, auch Interessierte? Und da steht oft ein Kreuzchen, wollen sie mit Kindern oder mit Jugendlichen, mit Älteren oder wollen sie in der Behindertenhilfe arbeiten? Und das stößt mir sofort auf, weil ich denke, vielleicht geht es darum, anders drauf zu gucken. Menschen mit Behinderung brauchen ja nicht nur immer Hilfe, sondern die können auch ganz viel geben und ganz viel sich an dieser Gesellschaft beteiligen.

Es müsse mehr geschehen, um Menschen mit Behinderung gezielt anzusprechen und für das Ehrenamt zu gewinnen. Das meint auch Carola Schaaf-Derichs, die Geschäftsführerin der Landesfreiwilligenagentur, der zentralen Anlaufstelle in Berlin:

So wie wir zum Beispiel eine christliche Freiwilligenagentur haben oder eine interkulturelle Freiwilligenagentur, so könnte man auch den Aspekt Angebote für Menschen mit Behinderungen speziell zum Thema machen. Und ich bin mir sicher, dass wir wahrscheinlich eine ganze Menge an Angeboten hätten. Umgekehrt müsste man auch einfach fragen. Was würden sie denn gerne tun? Was würde ihnen denn Spaß und Freude machen?

Das Thema sollte auf die Tagesordnung in der Gesellschaft und auch bei der Politik, so Schaaf-Derichs. Dort ist es schon angekommen, erklärt Manja Wanke. Sie arbeitet als Fachreferentin für Bürgerschaftliches Engagement bei der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.
Es gebe zum Beispiel große öffentliche Veranstaltungen, bei denen ehrenamtlich Tätige geehrt werden. Die Medien berichten darüber – so entstehe eine weit verbreitete Anerkennungs-Kultur. Aber auch in der Verwaltung werde das Thema beachtet, so Manja Wanke:

Wir haben einen extra Behindertenbereich, der sich gerade mit den Leitlinien für die Behindertenpolitik beschäftigt hat und dort auch zehn Leitlinien für die zukünftige Politik entworfen hat. Das schließt natürlich auch die Möglichkeit zum sozialen Engagement ein. Das geht im Kleinen los mit der barrierefreien Gestaltung von Flyern, der barrierefreie Zugang zum Internet, barrierefreie Räumlichkeiten. Das sind Sachen des täglichen Lebens, die im Engagement zum Tragen kommen wir im Alltag auch. Also, es ist ein großes Thema was sich durchzieht, wo wir wirklich dran sind diese Sachen zu bedenken. Im Engagement genau so wie im Alltag.

Die Diskussion in der Villa Donnersmarck machte deutlich, dass es Menschen mit Behinderung ermöglicht werden muss, sich am Bürgerschaftlichen Engagement zu beteiligen. Ein Thema, dem bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Der Abend brachte viele Denkanstöße und förderte das Zusammenkommen der Beteiligten. Dazu wurden neue Ideen auf dem Weg gebracht.




Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net

 

 
Ein Kopfhörer als als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund, darum gruppiert drei Pfeile
 

Audiobericht

Eindrücke und Statements vom 14.09.2011.

Länge: 5 min 4 sec.