Podcast Alltag lernen im Trainingswohnhaus

- Audiotranskription -

Weitwinkelansicht eines modrnen weißen Mehrfamilienhauses

Beitrag: Alltag lernen - Trainingswohnhaus für Menschem mit Hirnschäden - Bericht aus dem P.A.N. Zentrum im Fürst Donnersmarck-Haus

Datum:30.01.2012

Länge: 06 min 11 sec

Autorin: Anna Corves, Deutschlandradio Kultur-  www.dradio.de/dkultur/

 

 

 
Ja, Computer, Fernseher alles ist da, Couch, Bett…

Juliane Kiesling manövriert ihren Rollstuhl durch ihr kleines Reich, ein Wohnraum mit rotem Linoleumboden und großem Fenster, Küche und Bad.
 
Wir können uns auch in die Küche begeben und da einen Kaffee trinken wenn Sie möchten.
 
Eine normale Wohnung wären da nicht Notfallknopf, Krankenhausbett und ein Tisch mit einem selbstgezimmerten Holzaufsatz zuoberst ein Schminkspiegel.
 
Also hier habe ich meinen Schminktisch, der wurde in der Ergo gebaut. Dadurch kann ich natürlich meine Hände besser auflegen, meine Ellenbogen und alles.
 
Wimpern tuschen, Haare frisieren all das ist wichtig für sie erzählt die 27jährige während sie mit der Kaffeemaschine hantiert. Am Ausschnitt ihres Sweatshirts schaut ein Tattoo hervor, im schwarzen Haar sitzt ein pinkfarbener Reif.
 
Das hab ich früher auch so gemacht, und nur weil ich jetzt krank bin...
 
Sie legt Kaffeepads ein, füllt den Tank mit Wasser. Etwas eckig sehen ihre Bewegungen aus. Früher damit meint Juliane ihr altes Leben, gesund, unbeschwert, mit einem Job und vielen Freunden. Bis zu diesem Freitag vor zweieinhalb Jahren.
 
Das war ziemlich gruselig. An diesem Tag war mir ziemlich schwindlig und es war ein heißer Juli-Tag und ich bin dann noch erst nach Hause gefahren mit Auto und hab mich ein bisschen hingelegt. Und dann am Montag hat mich mein damaliger Lebensgefährte ins Krankenhaus gebracht. Innerhalb von zwei bis drei Tagen war ich ein Pflegefall.
 
Diagnose: Gehirnstammentzündung ausgelöst durch einen Virus unbekannter Herkunft. Seither verarbeitet Julianes Gehirn die Bewegungsbefehle nicht mehr richtig. Ihre Beine gehorchen nicht und sie spricht undeutlich, obwohl ihr Sprachzentrum nicht geschädigt wurde. Sie nippt an ihrem Kaffee, spült ein paar Teller für das Mittagessen ab.
 
Es geht halt bei mir alles ein bisschen langsamer, aber es geht. Also man lernt diese Langsamkeit und auch diese Geduld zu haben.
 
Auch das Abspülen hat sie neu lernen müssen, hier im Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation der Fürst Donnersmarck-Stiftung am Rande Berlins. Dass sie sich seit drei Monaten in der Trainingswohnung behaupten kann, ist das Ergebnis langer und harter Arbeit und ein Training für den Ernstfall "Alltag".
 
Juliane greift zu ihrer Jacke.
 
Ich würde dann auch gerne mal kochen gehen.
 
Ein Fahrstuhl bringt sie ein Stockwerk tiefer ins Erdgeschoss. Hier befindet sich eine betreute Wohngemeinschaft, geeignet für Neuro-Patienten, die noch mehr Unterstützung brauchen oder wollen als Juliane. Ab und an schaut sie in der WG-Küche vorbei, aber in Maßen betontBetreuerin Miriam Pfeffer, die gerade beginnt den Tisch für das Mittagessen zu decken.
 
Sie sollen da oben alleine an ihre Sachen denken, sie sollen alleine für ihr Frühstück und für ihr Abendessen einkaufen und wenn es Probleme gibt, oder wenn sie irgendwas möchten, dann können sie natürlich jederzeit zu uns kommen, aber wir sind jetzt hier nicht so andauernd so ein Ansprechpartner so ich komme runter und hallo also das soll schon wie es dann ist, wenn man alleine zu Hause ist und man hat nicht ständig jemanden und das ist eine Umstellung.
 
Ein Mann kommt mit strahlendem Lächeln auf Juliane zu, er geht am Stock.
 
Das ist Timmi Tobbi, er war früher in der Reha mit mir. Herr Tapp ist doller Aphasiker, also kann nicht mehr sprechen.
 
Tim Tapp ist 45 Jahre alt, gelernter Drucker. Ein Schlaganfall hat ihn aus seinem alten Leben gerissen. Juliane will mit ihm eine rauchen gehen, aber:
 
...nee, eins, zwei, drei, vier, fünf
 
Du warst schon fünf rauchen heute?
 
Nee, eins, zwei, drei…
 
Ach, du rauchst seit fünf Tagen nicht mehr. Hast du aufgehört?
 
Ja.
 
Inzwischen trudeln die anderen fünf WG-Bewohner ein. Es gibt Mittagessen. Das wird geliefert, um Frühstück und Abendessen müssen sich die Bewohner selbst kümmern, auch um die Küchenordnung sagt Heilpädagogin Uta Martens und deutet zum Putzplan an der Wand. Ein großer Schritt für Patienten, die aus der Intensivreha ins Trainingswohnhaus kommen.
 
Vorher wurde ja alles stationär von den Mitarbeitern übernommen mal schnell und das wird alles wieder hier gelernt.
 
Ein Test für die Alternativen danach: Ambulant-betreute Wohngemeinschaft, alleine Wohnen, das Pflegeheim soll ihnen erspart bleiben.
 
Am frühen Nachmittag rollt Juliane über das weitläufige Gelände des Rehabilitationszentrums zu einem Nachbargebäude. Logopädie, Neupsychologie, Physio- und Psychotherapie, die 27jährige kämpft an vielen Fronten gegen die Langzeitschäden der Hirnstammentzündung an. Ergotherapie steht jetzt auf dem Plan. Heute ist Schreiben dran. Ergotherapeutin Evelin Müller schiebt einen u-förmig ausgeschnittenen Tisch vor Juliane, darauf Schulblätter mit extra breiten Linien, in die sie eine Reihe kleiner d schreiben soll.
 
Wenn Sie merken, dass es zu schwierig wird, machen wir eine Pause.
 
Ihre Finger umklammern den Stift, der Kopf ist starr auf das Blatt gerichtet, sie gibt nicht auf.
 
Juliane Kiesling: Meine Motivation ist einfach in mir drin. Das erste Jahr war schon schwierig. Jetzt langsam überlegt man, okay, man will für sein Leben leben und man will wieder vorankommen.
 
In diesem Sommer will sie ausziehen aus dem Trainingshaus, richtig alleine wohnen und sie will studieren, Sozialpädagogik. Ihr Leben geht weiter.
 
 
  
 
 
 
 
 

 

 
Ein Kopfhörer als als schwarze Strichzeichnung vor weißem Hintergrund, darum gruppiert drei Pfeile
 

Audiobericht

Reportage im Deutschlandfunk vom 30.01.2012

Länge: 6 min 11 sec.

 

Die Meldung

Die Eröffnungsfeier vom 29.7.2011

Nachbericht, Fotostrecke, Hörbericht